Joseph Roth, Stefan Zweig - 'Jede Freundschaft mit mir ist verderblich'

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  • Autoren: Joseph Roth und Stefan Zweig
    Titel: 'Jede Freundschaft mit mir ist verderblich'
    Seiten: 624 Seiten
    Verlag: Wallstein
    ISBN: 9783835308428


    Die Autoren:
    Joseph Roth, 1894 in Brody (Ost-Galizien) geboren, entstammt einem bürgerlichen Elternhaus galizischer Juden, studierte Literaturwissenschaften in Wien und Lemberg und nahm am Ersten Weltkrieg als Soldat teil. Ab 1918 arbeitete er als Journalist in Wien, dann Berlin, 1923-1932 war er Korrespondent der renommierten Frankfurter Zeitung. Am 30. Jan 1933, dem Tag von Hitlers Machtergreifung, verliess Roth Deutschland und emigrierte nach Paris. Dort starb er im Mai 1939 im Alter von nur 45 Jahren.
    In seinen beiden wohl bekanntesten Werken "Radetzkymarsch" und "Kapuzinergruft" schildert Roth den Untergang der österreichischen k.u.k. Monarchie als Sinnbild für eine verloren gegangene Heimat.


    Stefan Zweig, 1881 in Wien geboren, entstammt einer wohlhabenden Familie, der Vater war Textilunternehmer, und bezeichnete sich als «Jude aus Zufall». Er studierte in Wien Philosophie, promovierte und schrieb schon früh erste Gedichte, die auch veröffentlicht wurden. Im Ersten Weltkrieg arbeitete er im Kriegsarchiv, danach als Journalist zunächst in Zürich für die Wiener Neue Freie Presse, später in Salzburg. Als Intellektueller korrespondierte er mit zahlreichen Künstlern und konnte als erfolgreicher Schriftsteller auch viele seiner Kollegen finanziell unterstützen. Er floh später als Roth aus Österreich (im Zuge einer Hausdurchsuchung) zog nach London und nahm die britische Staatsbürgerschaft an. Er blieb nicht lange dort, zog weiter bis nach Brasilien, wo er sich im Februar 1942 gemeinsam mit seiner zweiten Frau das Leben nahm. Neben seinen romanhaften Biographien (bspw Marie Antoinette) werden auch seine zahlreichen Novellen heute noch gelesen (z.B. Schachnovelle, Amok, Angst)


    Inhalt und Meinung:
    Die in diesem Band enthaltene Korrespondenz beinhaltet 184 Briefe und Postkarten Roths an Zweig, sowie 45 Schreiben von Zweig an Roth. Da Joseph Roth einen unsteten Lebensstil hatte, quasi Zeit seines Lebens in Hotels lebte und kaum einen eigenen Hausstand besass, gingen sicherlich viele Schreiben an ihn verloren. Es sind daher deutlich mehr Briefe von Roth als von Zweig erhalten geblieben, aber dennoch ist die Freundschaft der beiden unverkennbar, und die «Lücken» / fehlende Antwortschreiben sind im weiteren Verlauf leicht erklärbar. Hinzu kommen noch Schreiben Roths an Friderike Zweig, Telegramme etc, sodass hier 268 Texte zusammengetragen wurde.


    Zudem gibt es einen 150-seitigen Kommentarteil, der zu jedem dieser Schreiben Auskunft gibt: (Wissens)-Lücken werden geklärt, was bedeutet die eine oder andere Abkürzung, aber auch, welche Bedeutung hat jenes Hotel, wie lange blieb XY in Ostende, London oder sonstwo? Auf welche Zeitungskritik wird Bezug genommen, an welchem Buch schrieb wer gerade und wann wurde es veröffentlicht, wieviele Bücher verkauft,etc? Was ist das für ein Verlag, der erwähnt wird, wieso trafen sich die Beiden doch nicht am vereinbarten Zeitpunkt, übertreibt Roth mit seinen Angaben hinsichtlich Militär, Finanzen, usw usw usw. Ich habe stets ein paar Briefe gelesen und dann in den Anhang geblättert, um dort die Hintergrundinfos zu studieren, die teilweise länger waren als der eigentliche Brief selbst.


    Thematisch dreht sich in den rund 12 Jahren Korrespondenz sehr viel um die Texte selbst: Schreibstil, Roth macht Zweig mehrmals Anpassungsvorschläge zu dessen Formulierungen es geht darum einen Verleger finden (insbesondere im Exil nachdem in Deutschland die Bücher verboten wurden), Übersetzungsrechte, Zahlungen von Verlagen, das Schreiben von Reportagen, etc. Später geht es verstärkt um Politik, das Leben im Exil, die finanziellen Sorgen bei Roth nehmen zu, Zweig ist noch vermögend, hängt auch deswegen länger an seinem Haus in Österreich und geht später erst ins Exil. Das Familienleben bei beiden Schriftstellern wird thematisiert, ebenso das Judentum und verschiedene Ausprägungen. Kurz, ich habe nichts vermisst und hatte eine intensive Zeit mit der Lektüre der Korrespondenz, sodass ich das Gefühl habe, die Beiden besser kennengelernt zu haben. Auch die jeweiligen Romane, Reportagen, etc von ihnen im Lichte ihrer Briefe zu jener Zeit und den geschichtlichen Vorkommnissen sind für mich nun anders verständlich.


    Abgerundet wird der Band mit weiteren hilfreichen Quellen: es gibt Auszüge aus Briefen Dritter mit Stefan Zweig (bspw Verleger, befreundete Künstler, …) in denen auf Joseph Roth Bezug genommen wird, aber bspw auch Stefan Zweigs Nachruf auf Joseph Roth in der Sunday Times vom 28. Mai 1939


    Eine ausführliche Quellenangabe, Nachwort, Danksagung, Register und Herausgeberbericht runden dieses eigentlich schon wissenschaftliche Werk ab. Der geneigte Leser kann noch nachlesen, wo sich die einzelnen Schreiben befinden (bspw im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, bei Verlagsarchiven, bei Erben, etc), ob die Editoren Gelegenheit hatten das Originalmanuskript zu untersuchen oder auf Faksimile zurückgreifen mussten – man sieht, es bleiben keine Fragen offen.


    Daher ist es unerlässlich auch die drei Herausgeber wenigstens zu erwähnen:


    Madeleine Rietra studierte Germanistik und editierte bereits Roths Briefwechsel mit den Verlagen De Gemeenschap, Allert de Lange und Querido


    Rainer-Joachim Siegel ist Verfasser der massgeblichen Joseph-Roth-Bibliographie und Herausgeber anderer Textsammlungen Roths (Unter dem Bürlowbogen)


    Heinz Lunzer ist Literaturhistoriker veröffentlichte zur österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts.


    Zusammenfassend kann ich sagen, wer Interesse hat sich eingehend mit Joseph Roth und Stefan Zweig zu beschäftigen, dann kann man entsprechende Biographien lesen, aber dieser Briefwechsel bietet zusätzliche Eindrücke zu deren Freundschaft und einem Leben als Exilschriftsteller mit ihren eigenen Worten. Für mich ein Lesehighlight der letzten Jahre!

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