Roswitha Geppert - Die Last, die du nicht trägst

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  • Da ist ein Ehepaar, der Mann macht von zu Hause aus ein Fernstudium, sie arbeitet als Regieassistentin am Theater. Sie bekommen ein Baby. Die Geschichte beginnt in den 1960er Jahren. Mit der Frau als Ich-Erzählerin. Nach einem halben Jahr will sie unbedingt wieder arbeiten, bekommt aber keinen Krippenplatz, da sie ja verheiratet ist. Der Chef erlaubt ihr, das Baby mit ins Theater zu bringen.


    Ganz schleichend kommen ihr Gedanken, weil ihr Baby sich nicht weiterentwickelt. Bei der Mütterberatung zu der sie regelmäßig geht, wird abgewunken. Er ist halt ein kleiner Spätzünder. Und sie lässt sich beruhigen. Doch dann macht auch ihre Mutter sie darauf aufmerksam und eine Freundin fragt nach. Aber immer noch macht sie sich keine ernsthaften Sorgen. Bis - der Junge ist mittlerweile über ein Jahr alt und sie ohne Arbeit - ihr ein Arzt klipp und klar sagt, ihr Kind sei ein Idiot. Er wird sich überhaupt nicht weiter entwickeln. Er ist geistig behindert und ihr bliebe nichts anderes übrig, als ihn in ein Heim zu geben.


    Sie grübelt und grübelt. Das Kind weggeben? Kommt überhaupt nicht in Frage. Aber wie lange wird sie die Kraft haben und dann muss sie ihn trotzdem weggeben. Und dann bekommt er die Liebe, die sie ihm all die Jahre gegeben hat, nicht mehr. Also dürfe sie ihn nicht mehr lieben, müsse ihm ihre Liebe vorenthalten.


    Sie weiß nicht ein noch aus und nimmt Schlaftabletten. Der Selbstmord geht schief, sie schläft nur tief und fest. Sie ist noch gar nicht ganz bei sich, da redet ihr Mann davon, sie müssen den Jungen weggeben. Das wäre kein Leben. Sie wollen doch noch etwas voneinander haben.


    Es ist ein wunderbares Buch, bei aller Tragik. Ich weiß nicht, ob es die Sprache macht, die mich an früher erinnert. Das Buch ist in Tagebuchform geschrieben. Wir bekommen also nicht nur mit, was dieses Paar, besonders die Mutter erlebt, nein, wir schauen in ihr Innerstes. Wir erleben ihren inneren Kampf, den sie oft mit sich selbst austrägt. Ihren alten Eltern kann sie mit den Problemen nicht mehr kommen. Ihre Mutter hat einen Herzanfall erlitten, ihr Vater baut seit Bekanntwerden der Krankheit des Enkels körperlich und nervlich ab.


    Wir erleben auch zu Beginn schon ihren Kampf als Mutter, Ehefrau und arbeiten wollende Person. Als verheiratetes Paar bekommen sie für den Jungen keinen Krippenplatz. So weit war es dann mit der viel gepriesenen Gleichberechtigung der Frau auch nicht her. War sie verheiratet, konnte sie ihrem Wunsch nach Arbeit und Karriere nicht nachkommen, war sie alleinerziehend, musste sie arbeiten, weil sie einen Krippenplatz bekam.


    Ich wäre damals gerne die ersten drei Jahre mit meinem Sohn zu Hause gewesen. Doch ich habe viele Entwicklungen seinerseits nicht mitbekommen, weil es in der Krippe passierte, dass er das erste Mal saß oder die ersten Schritte machte.


    Das Buch ist zwar als Roman geschrieben, es ist aber autobiografisch. Ich habe das Gefühl, es ist sehr ehrlich geschrieben. Schonungslos und berührend schreibt die Autorin über ihre Gefühle, die Probleme, die sie auch als Ehepaar haben. Der Mann schafft sein Studium nicht, weil er zu Hause keine ruhige Minute findet. Er will den Jungen unbedingt in ein Heim geben, sich sogar an ihm vergreifen, erleidet einen Nervenzusammenbruch. All dies schreibt sie auf eine Art und Weise, dass man ihn nicht mal dafür verurteilen mag.


    Es wird definitiv ein Buch, das ich in Zukunft immer mal wieder in die Hand nehmen werde.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Roswitha Geppert: Die Last, die du nicht trägst“ zu „Roswitha Geppert - Die Last, die du nicht trägst“ geändert.
  • Vielen Dank für diese Rezension. Ich hatte schon darüber nachgedacht, selbst eine zu schreiben, aber es ist so lange her, dass ich das Buch gelesen habe. Und so habe ich nicht mehr genug Details parat gehabt und es hätte erstmal ein Re-read hergemusst - den es jetzt aber wahrscheinlich sowieso geben wird.

    Es wird definitiv ein Buch, das ich in Zukunft immer mal wieder in die Hand nehmen werde.

    Mich hat das Buch damals auch sehr beeindruckt. Ich weiß noch, dass ich mit der Mutter gelitten hab, verzweifelt und wütend war, nicht zuletzt auf die gesellschaftlichen Umstände, die das Leben von Mutter und Kind nicht leichter machten. Und das titelgebende Sprichwort habe ich für die Todesanzeige meiner Oma ausgewählt, weil auch sie ein ziemlich schweres Leben hatte, anderen aber nie etwas von ihrem Kummer zeigen wollte. Ohne dieses Buch hätte sich das Sprichwort nicht so bei mir eingeprägt.

    Und vielen Dank auch für den Hinweis auf die Erzählungen - die werde ich mir schnellstens besorgen.

    Gelesen in 2022: 25 - Gehört in 2022: 14 - SUB: 551


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

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