Jasmin Schreiber - Der Mauersegler

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  • Mauersegler befinden sich ihr ganzes Leben in der Luft. Einmal am Boden, fällt es ihnen schwer, wieder zu starten; in den Lüften hingegen sind sie grandiose Flieger, die sich im freien Fall hinabstürzen, um dann im letzten Moment wieder aufzusteigen. Im freien Fall befindet sich auch Prometheus, Arzt auf der Onkologie. Was ihm geschehen ist, wissen wir zu Beginn nicht – nur, dass es etwas mit dem Tod seines besten Freundes Jakob zu tun hat und er daher auf der Flucht nach Dänemark ist. Wird es auch ihm, wie dem Mauersegler, gelingen, seinen Fall zu bremsen, um sich wieder in den Himmel zu erheben?

    „Der Mauersegler“ ist nach „Marianengraben“ der zweite Roman aus der Feder von Jasmin Schreiber. Die Handlung wird aus Prometheus‘ Perspektive in der Er-Form erzählt; dabei nimmt er uns auch immer wieder mit in die Vergangenheit und schildert Erlebnisse mit Jakob. Der Autorin gelingt es dabei sehr gut, einzufangen, was diese Freundschaft seit Kindertagen ausmacht und wie sehr Trauer und Schuld den Protagonisten zu Boden drücken. Im Text finden sich auch Bezugspunkte zu Schreibers vorherigen Büchern: Paula, die Protagonistin aus „Marianengraben“ hat kurz vor Prometheus am selben Ort Zuflucht gefunden, einige Szenen und Dialoge greifen wiederum Themen aus „Abschied von Hermine“, dem Sachbuch der Autorin auf.

    Die Flucht des Protagonisten endet zunächst am Strand von Dänemark, wo er von Helle und Aslaug
    gefunden und auf deren Hof gebracht wird. Die beiden helfen ihm nicht nur dabei, seine Angst vor Pferden zu kurieren, sondern geben ihm auch die nötige Zeit, die er braucht, um sich dem Schmerz über Jakobs Verlust zu stellen. Vor allem Aslaug hatte es selbst nicht immer leicht im Leben und hilft Prometheus, einen neuen Blickwinkel auf die Geschehnisse zu finden. Die namensgebenden Mauersegler begleiten ihn dabei immer wieder durch die unterschiedlichen Phasen seines Lebens und bieten dabei die perfekte Metapher für seinen Erfolg und sein Scheitern – und im Grunde für den Menschen an sich.

    Fazit: Jasmin Schreiber ist erneut ein zarter, emotionaler Roman gelungen, der gerne noch viel mehr Seiten umfassen könnte. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :love:



    PS: Der Roman erscheint eigentlich erst am 27. August, aber da ich ihn bei Vorablesen gewonnen habe, darf die Rezension schon jetzt veröffentlicht werden.

  • Prometheus, der eigentlich mit ersten Namen Marvin heißt, ist auf der Flucht vor der Polizei. Seit der Kindheit war er mit Jakob befreundet. Doch dann macht Prometheus einen schlimmen Fehler. Nun ist der Freund plötzlich tot und der Arzt versteckt sich in Dänemark.


    „Der Mauersegler“ ist der zweite Roman von Jasmin Schreiber.


    Meine Meinung:

    Der Roman besteht aus 13 Kapiteln, die wiederum in nummerierte Abschnitte unterteilt sind. Erzählt wird aus der Perspektive von Prometheus. Zum einen gibt es das aktuelle Geschehen, zum anderen immer wieder Rückblenden. Dieser Aufbau funktioniert prima.


    Der Schreibstil ist eine der Stärken. Er ist poetisch, voller starker, frischer Bilder und eindringlich. Die Metapher des Mauerseglers wird mehrfach aufgegriffen.


    Der Protagonist ist kein einfacher, durchweg liebenswerter Charakter, aber interessant ausgestaltet. Durch die inneren Widersprüche und seine Schwächen wirkt er authentisch und hat in psychologischer Sicht viel Tiefgang. Auch die übrigen Figuren werden reizvoll dargestellt.


    Inhaltlich ist der Roman keine leichte Kost. Es geht um Tod und Trauer, Schuld und die Suche nach Vergebung, Krankheit und Verlust, Freundschaft und Familie. Das macht die Geschichte bewegend, ohne ins Kitschige abzudriften. Der Roman hat es außerdem geschafft, mich immer wieder zum Nachdenken anzuregen.


    Auf nur etwas mehr als 230 Seiten entfaltet sich eine Geschichte, die vorwiegend auf Erinnerungen fußt und weniger von der Handlung in der Gegenwart vorangetrieben wird. Das Erzähltempo ist unaufgeregt. Dennoch kommt beim Lesen keinerlei Langeweile auf.


    Besonders gut gefällt mir auch, dass das Cover von der Autorin selbst gezeichnet wurde. Es passt hervorragend zum prägnanten Titel.


    Mein Fazit:

    Auch mit ihrem zweiten Roman konnte mich Jasmin Schreiber überzeugen. „Der Mauersegler“ ist eine empfehlenswerte Lektüre, die mich in mehrfacher Hinsicht begeistert hat und wohl noch eine Weile nachwirken wird.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Worum geht es?

    Prometheus fährt ziellos umher, landet irgendwann an der Küste Dänemarks. Ohne Gepäck, ohne Plan, aber mit Wut und Trauer und Schuld beladen. Er findet Unterschlupf bei zwei Frauen, die ihm einfach seine Zeit geben, alles zu verarbeiten.


    Worum geht es wirklich?

    Schuld, Verlust und Vergebung.


    Lesenswert?

    Ja! Absolut! Oh, dieses Buch. Lange nicht mehr so ein emotionales Leseerlebnis gehabt. Prometheus strandet in Dänemark und wird von zwei Frauen mit zu ihrem Pferdehof genommen. Immer wieder denkt er an die Vergangenheit, an das was war. An seinen Freund. An das, was zerstört wurde. Er kämpft mit Schuld und Trauer und erst nach und nach erfährt man, was vorgefallen ist.

    Und während diese Vergangenheit sehr emotional und voller Sorge hinter ihm liegt, ist das Leben auf dem Hof eine Momentaufnahme. Die Natur, die Tiere, die beiden Frauen. Die Zeit scheint still zu stehen und Prometheus’ Gedanken nähern sich von der weit entfernten Vergangenheit immer mehr an den Punkt an, an dem er sich schuldig gemacht hat.

    Diese beiden unterschiedlichen Erzählgeschwindigkeiten sind so gegensätzlich und ziehen den*die Leser*in in die Geschichte. Die Zeit auf dem Hof ist alltäglich, voller Eindrücke des Lebens und voller Ruhe.

    Die Personen, die in Schreibers Geschichte im Mittelpunkt stehen, sind so real, so authentisch und so herzzerreißend. Trotz all der Traurigkeit, die in diesem Buch mitschwingt, all der Schwere, all den Tränen, die man möglicherweise beim Lesen vergießen wird, schafft sie es, auch Leichtigkeit und Humor in die Geschichte einzubringen. Es gab Szenen, bei denen ich gelacht und zugleich geweint habe. Wirklich berührend.

    Schreibers Umgang mit Trauer und deren Beschreibung sind packend und tiefgründig, so menschlich und echt. Ihre Darstellung davon fasziniert mich sehr - ging mir bei ihren anderen Büchern ähnlich.

    Ihre Sprache steht nicht so sehr im Mittelpunkt, eher wie sie Situationen und Gefühle in Worte fassen und hervorrufen kann. Ich liebe die kurzen melancholischen und poetischen Ausschweifungen zur Natur, die biologischen Erklärungen und wie sie ganz nebenbei Wissenschaft und Ethik in diese Geschichte einbaut.

    Dieser Roman ist keine leichte Lektüre, nicht leicht zu verarbeiten. Ich glaube, er hallt etwas nach. Wer aber etwas mit Tiefgang und Trauer als Thema sucht oder „erträgt“, für den ist dieses Buch genau richtig.

    Ich möchte bitte mehr von Jasmin Schreiber lesen!

  • Davor und Danach

    In diese beiden Phasen teilt der Arzt Prometheus sein Leben ein. Die Grenze dazwischen wird gesetzt durch den Tod seines besten Freundes Jakob. Das 'Davor' ist voll schöner Momente, an die er sich gern erinnert, während das 'Danach' ihn fallen lässt, seine Schuld ihn zermürbt und er keinen Sinn mehr im Leben sieht. Er befindet sich im freien Fall wie die Mauersegler, die er so gern beobachtet. Findet Prometheus die Kraft, sich wieder hoch zu bewegen, seine Schuld zu verarbeiten und einen Neustart zu wagen?

    Der junge Arzt Prometheus hat sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet und führt eine Studie durch, die beweisen soll, dass eine Immuntherapie eine sanfte Variante zur Chemotherapie darstellt, um z.B. Blasenkrebs zu heilen. Unglücklicherweise erkrankt Jakob daran, und Prometheus wird geradezu bedrängt, seinen Freund in seine Studie aufzunehmen, obwohl die Teilnehmer schon feststehen. Da noch keine Ergebnisse vorliegen, hätte Prometheus seinem Freund eher zur Chemotherapie geraten. Aber der Erwartungsdruck auf ihn ist so groß, dass er Jakob trotz Bedenken noch in der Studie unterbringt.....Als Jakob stirbt, bricht für Prometheus die Welt zusammen, er sieht sich von Schuld erdrückt, empfindet Verzweiflung, Angst und Schockstarre. Er flieht ziellos nach Norden, ans Meer, wo er von zwei älteren Frauen aufgenommen wird, die einen Reiterhof betreiben.

    Das Buch hat mich durch das schöne Cover sofort angesprochen, da ich Mauersegler sehr gern beobachte und ihr Flugverhalten bewundere. Voller Neugier habe ich das Buch gelesen und wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil hat mich das Buch gefesselt, des öfteren zum Weinen gebracht (was ich aber als wohltuend empfand) und mich überzeugt. Obwohl nicht wirklich viel passiert, habe ich stets eine gewisse Spannung empfunden, ob Prometheus sich nach dem Absturz wieder in die 'Lüfte heben kann' wie die Mauersegler es bisweilen schaffen, wenn sie kräftig genug sind.

    Die Geschichte ist sehr emotional, was durch den ausdrucksstarken Schreibstil unterstützt wird. Was ich sehr ansprechend fand, ist die Naturverbundenheit. Die Autorin lässt immer wieder einfließen, wie andere Lebewesen wohl den 'Menschling' einschätzen und beurteilen mit all seinen Fehlern und Merkwürdigkeiten. Das hat mich so sehr berührt, dass meine Gedankenwelt sich in dieser Richtung geöffnet hat, was mir gut gefällt.

    Auch der Humor kommt ab und zu zum Zuge trotz aller Schwermut, z.B. als der kleine Prometheus die Telefonnummer seiner Schwester überall verteilt, um ihr einen neuen Freund zu beschaffen, weil sie so traurig ist nach einer Trennungsgeschichte.

    Ich kenne den Vorgänger 'Marianengraben' nicht, werde mir das Buch aber nun besorgen, denn Jasmin Schreiber hat mich mit diesem empfehlenswerten Werk überzeugt. Es hat bei mir bleibende Spuren hinterlassen.

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  • Wir alle treffen im Leben permanent Entscheidungen: Große und kleine, leichte und schwierige. Und auch manchmal welche, die das bisher gekannte Leben aus allen Fugen reißen und ein Gefühl von Schuld und "Was wäre wenn?" zurücklassen. Genau eine solche Entscheidung hat der der Arzt Prometheus in diesem Buch gestroffen, indem er sich überreden ließ seinen besten Freund zu einer Krebsstudie zuzulassen, bei der noch nicht klar war, wie die neue Therapie wirken würde. Als dieser die Studie nicht überlebt flieht Prometheus nach Dänemark und findet Unterschlupf bei zwei älteren Frauen, die noch mit spirituellen Traditionen der Vergangenheit verbunden sind und zum Beispiel das alte Ahnenfest Samhain begehen. Hier kann er nach und nach ankommen und sich seinen Schuldgefühlen stellen.

    Die Geschichte wird von der Autorin Jasmin Schreiber sehr lebendig und spannend erzählt und kann die Leser_innen tief im Herzen berühren. Auch die Anknüpfungen an das Verhalten von Mauerseglern passen gut und ermöglichen ein Gesamtbild.

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