Anja Jonuleit - Das letzte Bild

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  • Dieses Buch hat mich direkt vom Cover und vom Titel her angesprochen, so dass ich es auf jeden Fall in die Hand nehmen und mit dem Lesen beginnen musste. Und ich darf sagen, das es sich auf jeden Fall gelohnt hat.

    Inhaltlich geht es um eine mittelalte Frau, die durch Zufall auf ein Familiengeheimnis stößt und dabei einiges über die Vergangenheit erfährt. Dabei muss sie einige Irrungen und Wirrungen erleben, bis sie am Ende zu erschreckenden Erkenntnissen kommt.

    Das Buch bewegt sich von der Schreibweise her zwischen einem Roman und einem Sachbuch. Der Autorin Anja Jonuleit gelingt es auf besondere Art und Weise beide Genres perfekt miteinander zu verknüpfen und so die Grenzen durchlässig zu machen.

    Dieses Bucht verknüpft Trauer, Abenteuer, die Suche nach der Herkunft, die Zeit des Nationalsozialismus und die wunderbare Landschaftskulisse Norwegens so miteinander, dass bestimmt für jede_n was dabei ist. Dabei lässt es die jeweiligen Zeiten vor den Augen der Leser_innen intensiv lebendig werden und verfügt über eine Tiefe, die ich anfangs nicht erwartet hätte.

  • Die ebook-Ausgabe erscheint am 1.8., die Printausgabe am 20.8.2021


    Klappentext/Verlagstext

    Ein altes Phantombild – eine düstere Familiengeschichte
    Als die Schriftstellerin Eva zufällig auf ein Phantombild in einer Zeitung stößt, gerät ihr Leben plötzlich aus den Fugen. Es ist das Bild einer Frau, die im November 1970 im norwegischen Bergen gewaltsam zu Tode gekommen ist und deren Identität nie aufgedeckt wurde. Doch warum sieht diese Frau ihrer Mutter zum Verwechseln ähnlich? Als Eva die Mutter mit ihrer Entdeckung konfrontiert, weiß sie sofort, dass sie auf ein dunkles Familiengeheimnis gestoßen ist, dem sie auf den Grund gehen muss. Eine Reise nach Norwegen führt Eva Schritt für Schritt in die Vergangenheit einer Fremden voller Rätsel ...


    Die Autorin
    Anja Jonuleit wurde in Bonn geboren, lebte einige Jahre im Ausland und studierte Italienisch und Englisch. Sie arbeitete als Übersetzerin und Dolmetscherin, bis sie anfing, Romane und Geschichten zu schreiben. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Friedrichshafen.


    Inhalt

    1944 läuft ein kleines Mädchen weg, voller Wut bestraft worden zu sein, und wird dadurch in den Kriegswirren von Mutter und Schwester getrennt. Nach einer unglücklichen Jugend in einer Pflegefamilie zieht die junge Frau 25 Jahre später auf der Suche nach ihren Wurzeln rastlos durch mehrere europäische Länder. Erstaunlich, wie sie sich auf ihrem Weg immer wieder hilfsbereite Menschen zunutze macht. In der Gegenwart verschlägt der deutschen Journalistin Eva eine Zeitungsmeldung die Sprache, in der mithilfe eines Phantombilds Informationen zu einer Toten gesucht werden, deren Fall in Norwegen seit 50 Jahren ungeklärt ist. Eine Zahnschmelzanalyse hat inzwischen ergeben, dass die Unbekannte mit der Fellmütze als Kind bei Nürnberg gelebt haben muss und später in Frankreich.

    Parallel zu Evas Recherche ist auch der norwegische Historiker Laurin mit der Vergangenheit seiner Familie konfrontiert, dem das Schicksal der in Norwegen diskriminierten Lebensborn-Kinder und "Deutschenliebchen" ein besonderes Anliegen ist. Ohne seine Recherche hätte es vermutlich noch immer keine offizielle Entschuldigung bei den Betroffenen gegeben. Schließlich sind es wieder Fotos, die Eva und ihre Informanten auf die richtige Spur führen.


    Ein sehr ausführlicher Anhang zur Entstehungsgeschichte des Romans listet Quellen und Ermittlungsergebnisse zum realen Fall der Frau von Isdal auf.


    Fazit

    Mein Einstieg in Anja Jonuleits Roman, dem ein realer Fall zugrundeliegt, war zunächst steinig. Gleich zu Beginn ließen mich mehrere Figuren bei ihrem ersten Auftritt über ihr sonderbares Verhalten grübeln, das mir keinen Raum ließ, mir selbst ein Bild von ihnen zu machen. Zum Glück fand die befürchtete triviale Schwarz-Weiß-Malerei nicht statt und der Roman entwickelte sich zu einer komplexen Spurensuche mit - vielen - glaubwürdigen Figuren aus drei Generationen. Besonders ans Herz gewachsen sind mir die pfiffige Moen, der einheimische Polizeikommissar – und natürlich hat mich die Rolle der Fotografie bei der Aufklärung des Falls begeistert. Das Schicksal der Schwestern und die Nähe einiger Figuren zu realen Personen sind mir sehr nahegegangen. Anja Jonuleit thematisiert mit ihrer Spurensuche bewusstes und unbewusstes Erinnern, das Schicksal von Kriegskindern, den Umgang mit Kriegsschuld, Gründe für Verdrängung, sowie die Rolle von Sensations-Journalismus.

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    :study: -- Ryan - Green Island

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    :musik: -- Grant - Hof der Wunder


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Die Wunden der Kinder


    „Cold Cases“ wieder aufzunehmen lohnt sich wegen der modernen Analyseverfahren, allen voran die der DNA. Oftmals können dann kriminelle Taten noch nach Jahrzehnten aufgeklärt werden.


    Aus diesem Grund rollte die norwegische Polizei im Jahr 2016 noch einmal den Fall der rätselhaften Isdal-Frau auf, die 1970 im gleichnamigen Tal nahe Bergen vergiftet und verbrannt gefunden worden war. Deutlich kann ich mich noch daran erinnern, welche Woge der Fall in der Presse schlug, besonders ausführlich und detailliert zum Beispiel in der ZEIT, sensationsheischend in den deutschen und norwegischen Boulevardmedien, die hier bei ungenierter Namensnennung zu Recht ihr Fett wegbekommen. Eindrücklich bleiben die Verfolgungsszenen der aufgewühlten Nichte durch skrupellose Reporter eines Revolverblatts im Gedächtnis der Leser haften.


    Diese Berichterstattung hat Jonuleit dazu inspiriert, der Toten ein Gesicht und einen Lebenslauf zu verleihen. Das geschieht mit einer derartigen Stringenz und Plausibilität, dass es mich auf der Stelle begeistert hat: genauso hätte es sein können. Der Wikipedia-Artikel bestätigt das aber keineswegs, die durchaus vorhandene Quellensammlung habe ich nicht Punkt für Punkt überprüft, also lasse ich mich auf das Buch mehr im Hinblick auf seinen literarischen Gehalt ein.


    Trotz einer insgesamt sachlichen Schreibweise gelingt es der Autorin, die handelnden Personen glaubwürdig zu charakterisieren. Die drei Handlungsstränge mit Margarete, Eva und Laurin im Mittelpunkt verflicht sie ohne unnötige Kapriolen, als Leser behält man den Überblick und kann dem Spannungsbogen folgen. Am Ende maßt sie sich keine letztgültige Aufklärung an, sondern lässt offene Fragen, besonders bezüglich des Fotografen, im Raum stehen.


    Wieder einmal liegen die Wurzeln allen Übels in den Zeiten des Nationalsozialismus, der im Zweiten Weltkrieg ganz Europa mit seinen Tentakeln zerstörerisch überzog und dabei Mittel verschiedenster Art verwendete. In diesem Fall erhascht die getötete Frau das Thema Lebensborn als Ariadnefaden, entlang dessen sie versucht, ihre verlorene Familie zu finden, und verfängt sich gerade dadurch in den alten Seilschaften, die eine völlige Entnazifizierung auch Jahre nach dem Krieg verhinderten.


    Man weiß nicht, ob es wirklich so war, aber es könnte so gewesen sein. Eine gut durchdachte logische Fiktion ist im Kern so wahr wie eine Dokumentation mit Lücken. Jonuleit hat aus einem mysteriösen Sachverhalt einen aufrüttelnden Roman mit einem interessanten Ermittlungsverlauf und einem Mehrwert an historischen Informationen geschaffen. Sie setzt sich dabei auch mit den sich aus den Indizien ergebenden Verdachtsmomenten Spionage und Prostitution auseinander. Ihr Hauptverdienst ist die Art und Weise, wie sie der Geschändeten eine Geschichte zuerkennt und damit ihre Würde wieder gibt – auch wenn es sich vielleicht ganz anders zugetragen hat.


    Mit fünf Sternen spreche ich eine Leseempfehlung aus.

  • Geheimnisvolle Isdal-Frau

    Die Schriftstellerin Eva glaubt ihren Augen nicht trauen zu können, als sie eines Morgens in der Zeitung mit den großen Buchstaben das Foto einer Frau entdeckt, die ihr und ihrer Mutter verblüffend ähnlich sieht. Wie sich herausstellt, handelt es sich um das Bild einer in den 1970er Jahren in Norwegen ermordeten Frau, deren Identität nie geklärt wurde. Neue wissenschaftliche Methoden machten es nun möglich festzustellen, dass diese Frau ihre Kindheit in der Nähe von Nürnberg verbracht haben muss, eine Gegend, in der Evas Urgroßeltern wohnten.


    Als Eva ihrer Mutter das Bild zeigt, reagiert diese äußerst abweisend, doch es ist klar, dass sie etwas verheimlicht.


    Eva beschließt, der Sache auf den Grund zu gehen und fährt nach Norwegen. Ein DNA Test bringt Klarheit: Eva ist tatsächlich mit der Isdal-Frau verwandt. Vor Ort erhält sie die alten Ermittlungsunterlagen, die eine Menge Rätsel aufgeben.


    Den Fall der Isdal-Frau gab es wirklich. Damals berichtete „die Zeit“ darüber. Ausschnitte aus dem Artikel sind den einzelnen Kapiteln vorangestellt.


    Das Buch basiert also auf einem wahren Fall, den Anja Jonuleit ausgeschmückt und eine Geschichte darum konstruiert hat, wie es sich damals hätte zutragen können. In ihrem Buch wurde die Tote, Marguerite, als 6-Jährige in den Wirren der letzten Kriegstage von Mutter und Zwillingsschwester getrennt und versuchte Zeit ihres Lebens, ihre Familie wiederzufinden. Im Zuge ihrer Recherchen findet sie heraus, dass die Mutter als Ärztin in den „Lebensborn“-Heimen des Dritten Reichs tätig war. Marguerite lässt nichts unversucht, Zeitzeugen zu finden, die ihre Mutter gekannt haben und ihr den entscheidenden Hinweis darauf geben können, die Familie endlich wiederzufinden.


    Das Buch spielt auf zwei Zeitebenen: in der Jetztzeit, in der Eva versucht, das Geheimnis der Isdal-Frau zu lüften, und in den 1970-er Jahren, als Marguerite auf der Suche nach ihrer Familie ist. Das Buch beginnt zunächst sehr spannend, doch dann fand ich die vielen Sackgassen und Erzählstränge etwas ermüdend und in die Länge gezogen. Dazu kommt, dass ich nicht wirklich Empathie mit den Personen empfinden konnte und mir manches nicht nachvollziehbar erschien. Warum hat nur Marguerite nach ihrer Familie gesucht, weshalb hat die Mutter nicht alle Hebel in Bewegung gesetzt, die verlorene Tochter zu finden? Weshalb reagiert die Zwillingsschwester zunächst so abweisend? Dass Marguerite ihr Leben als Prostituierte und in Begleitung des unsympathischen Damiano finanziert, macht sie auch nicht wirklich sympathisch. Die Auflösung des Falls und die Enttarnung eines Nationalhelden erscheinen mir wenig glaubhaft. Alles in allem kein schlechtes Buch, aber nicht so spannend wie erwartet. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

  • Auf den Spuren der Toten von Isdal

    2018. Als Schriftstellerin Eva in der BILD-Zeitung das Foto einer seit 47 Jahren vermissten Frau entdeckt, die damals als verkohlter Leichnam ohne bekannte Identität im norwegischen Isdal gefunden wurde, ist der Schock groß, denn die Frau sieht aus wie ihre eigene Mutter. Ein Gespräch mit ihrer Mutter bringt nicht viel, denn diese blockt das Thema gleich ab. Erst durch Nachbohren gibt sie zu, eine Zwillingsschwester gehabt zu haben, die während des Zweiten Weltkrieges verschwunden sei. Eva lässt das Foto nicht los und ahnt, dass sich dahinter ein Geheimnis verbirgt. Sie beginnt, auf eigene Faust zu recherchieren und erfährt bald durch einen DNA-Test, dass sie mit der unbekannten Toten verwandt ist. Eva reist nach Norwegen, um vor Ort in Bergen mehr herauszufinden und die Identität der Frau offenzulegen…


    Anja Jonuleit hat mit „Das letzte Bild“ einen unterhaltsamen Roman vorgelegt, in dem sie einen tatsächlichen Kriminalfall aus dem Jahr 1970 spannend mit ihrer fiktiven Handlung verwoben hat. Der flüssige und bildhafte Erzählstil stellt den Leser an Evas Seite, wo er mit ihr gemeinsam nach und nach deren Familiengeschichte ausgräbt, die Eva bis dahin unbekannt war. Über zwei Zeitebenen und wechselnde Perspektiven lädt die Autorin den Leser ein, mal die Gegenwart an der Seite von Eva zu erleben, mal in der Vergangenheit von Margaret/Marguerite, die als kleines Mädchen 1944 nach einem Streit in die Wälder flüchtet, ihre Familie nie wieder sieht, im Waisenhaus landet und erst als junge Frau 1970 in der Lage ist, nach ihrer Familie zu suchen. Durch die wechselnden Einblicke in das Leben der Protagonisten steigert Jonuleit die Spannung ihrer Geschichte immer weiter, zumal sie auch zwischendrin mit Geschichtsprofessor Laurin noch einen dritten geheimnisvollen Protagonisten ins Spiel bringt. Nach akribischer Recherche gibt die Autorin den im Zweiten Weltkrieg bekannt gewordenen Lebensborn-Einrichtungen eine ausschlaggebende Rolle in ihrem Roman, denn deren Auswirkungen haben bewusst und unbewusst Einfluss auf das Leben der diversen Charaktere. Die ZEIT-Artikel über den auf Tatsachen basierenden Mordfall der Isdal-Frau geben der Geschichte als Einleitung zu jedem Kapitel die nötige Authentizität, obwohl die Haupthandlung fiktiv ist. In einem informativen Nachwort erfährt der Leser Genaueres über die Hintergründe und die Beweggründe der Autorin. Insgesamt fehlen diesem Roman aber die Emotionen und menschlich natürlichen Reaktionen, die man bei einer solchen Handlung normalerweise erwartet.


    Die Charaktere sind zwar lebendig erschaffen, jedoch schaffen sie es nicht, den Leser auf ihre Seite zu ziehen. Es stellt sich keine Nähe ein, so dass der Leser immer nur stiller Beobachter bleibt und der Geschichte zwar interessiert folgt, der Abstand zu den Protagonisten jedoch konstant bestehen bleibt. Eva ist eine pragmatische und eher nüchterne Frau, oftmals unnahbar und eher unterkühlt. Margaret/Marguerite steht als junge Frau vor der Herkulesaufgabe, ihre Familie finden zu wollen, wobei sie oftmals naiv und ohne Plan agiert. Professor Laurin ist ein undurchschaubarer und egoistischer Unsympath, der einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt.


    „Das letzte Bild“ ist eine unterhaltsame und spannende Geschichte über zwei Zeitebenen, bei der nach und nach eine tragische Vergangenheit zutage befördert wird, die auch das Leben der nachfolgenden Generationen betrifft. Der Mix aus tatsächlicher Kriminalgeschichte und fiktiver Handlung hat durchaus ihren Reiz und lässt sich gut lesen, doch die persönliche Ebene zu den Protagonisten fehlt. Wem das nicht wichtig ist, der wird das Buch zu schätzen wissen. Verdiente Leseempfehlung!


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    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    gelesene Bücher 2020: 432 / 169960 Seiten

  • Super spannender Roman

    Der spannende Roman von Anja Jonuleit erzählt die aufwühlende Geschichte einer Frau, die tatsächlich gelebt hat und 1970 im Isdal ermordet wurde. Dieser Mord wurde (noch) nicht geklärt und es gibt mehrere Thesen über diese Frau und die Gründe der Ermordung. Die Autorin hält sich in ihrem fiktiven Roman vor allem an die Informationen des Sachbuchautors Dennis Zacher Aske, der ebenfalls über die Isdal-Tote geschrieben hat.

    Anja Jonuleit schafft es den Leser geschickt (mit den Zeitsprüngen) in die Geschichte zu entführen und ich habe das Buch innerhalb weniger Tage gelesen. Mir gefällt der Schreibstil von Anja Jonuleit sehr. Eine klare Kauf- und Leseempfehlung für Krimifans und Leser, die sich für Zeitgeschichte interessieren. Ich kann mir vorstellen, dass das Buch ein Bestseller wird.

    Das Buchcover hat mir auch sehr gut gefallen.

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