William Kotzwinkle - Jack in the Box / Book of Love

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  • Der Autor (Quelle: Knaur): William Kotzwinkle, Jahrgang 1943, gehört in den USA seit vielen Jahren zu den Bestseller-Autoren. Er erhielt zweimal den National Magazine Award for Fiction und für sein Buch „E.T.“ den World Fantasy Award [falsch: für „Doctor Rat“]. Bevor er sich ganz dem Schreiben von Romanen, Kriminalromanen und Jugendbüchern zuwandte, war er u.a. als Koch, Chauffeur, Holzfäller und als Santa Claus in einem Kaufhaus tätig.


    Klappentext (Quelle: Knaur): Jack Twiller, vollgestopft mit den Idolen und Identitätsbildern der Jugend in den vierziger Jahren, ist auf der stetigen Suche nach den ersten verheißungsvollen Erlebnissen. Und noch bevor er mit einschlägigen Erfahrungen aufwarten kann, prophezeit ihm der Pfarrer ein böses Erwachen beim Jüngsten Gericht: mit einem bestimmten Organ, das ihm aus den Ohren sprießen würde … [Da kann ich mich überhaupt nicht daran erinnern, wenn es vorkommt, dann ist es nebensächlich!] „Jack in the Box“ – das Buch, in dem William Kotzwinkle der Frage nachgeht, ob ein junger Mann aus der Kleinstadt überhaupt zu einer vollwertigen Persönlichkeit heranwachsen und als „ganzer Mann“ sein Glück finden kann. [Interessant, wie der Klappentextschreiber auf die Idee kommt, dass Kotzwinkle ausgerechnet dieser doofen Frage nachgehen wolle!]


    Englische, deutsche und französische Ausgaben:

    • Die amerikanische Originalausgabe erschien 1980 als „Jack in the Box“ bei G.P. Putnam's Sons in New York (273 Seiten), neu aufgelegt u.a. 1981 bei der Washington Square Press in New York (268 Seiten), bei Pocket Books in New York und bei Abacus/Sphere in London (218 Seiten). 1990 erschien der Roman auch unter dem Titel der Romanverfilmung „Book of Love“ bei Mariner Books und 1991 bei Houghton Mifflin/Seymour Lawrence in Boston (272 Seiten).
    • Die deutsche Übersetzung von Harry Rowohlt erschien 1984 unter dem Titel „Jack in the Box“ als Knaur-Taschenbuch Nr. 1198 bei der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. in München (285 Seiten).
    • Die französische Übersetzung von Jean-Paul Gratias erschien 1999 als „Book of Love“ als Nr. 332 der Reihe „Rivages/Noir“ bei Payot et Rivages in Paris (330 Seiten).

    Verfilmung:
    1990 verfilmte Regisseur Robert Shaye den Roman für New Line Cinema nach einem Drehbuch von William Kotzwinkle unter dem Titel „Book of Love“ mit Chris Young als Jack Twiller, Keith Coogan als Krücke, Tricia Leigh Fisher als Gina Gabooch, Danny Nucci als Spider Bomboni und John Cameron Mitchell als Floyd. Die deutsche Synchronfassung kam im August 1991 unter dem dürftigen Titel „Nachhilfe in Sachen Liebe“ in die Kinos.


    Meine Einschätzung:
    William Kotzwinkle erzählt von dem Aufwachsen eines Jungen und Jugendlichen in einer US-amerikanischen Kleinstadt in den 1940er- und 1950er-Jahren, vom Kindesalter bis zum Ende der High School. Und er tut das auf eine so lebendige Weise, das sein Roman äußerst frisch wirkt, nicht wie die x-te Variante häufig bedienter Klischees, sondern als läse man hier die Rollenprosa, die die Vorlage späterer Klischees darstellt. Vor allem den Teil mit dem noch kindlichen, vorpubertären Jungen Jack Twiller finde ich famos: Mit welch genauer Beobachtungsgabe Kotzwinkle eine Situation in einem Nebensatz, mit einem Blick, der ein bestimmtes Ausstattungsdetail einfängt, vom konkreten Handlungselement in ein überzeitliches, fast allgemeingültiges Déja-vu eines Lebensgefühls verwandelt! Das verschämt Sehnsüchtige, das traurige Pathos des Heranwachsenden mit allem Überschwang. Die Kinderbücher im Regal, auf die der Blick über die Schulter des Mädchens beim ersten Kuss fällt. Was einem einst so viel bedeutete, und was jetzt in die zweite Reihe tritt. Die pampige Ermahnung der Nachbarin, man solle doch etwas Ruhe geben, man sei doch schon ein großer Junge, was jede Freude, jedes lebendig verspielte Aufbrausen, jedes innere Wohlgefühl abrupt beendet.


    Kotzwinkle schafft es tatsächlich ständig, alle Gefühle gleichzeitig aufzurufen: das jugendliche Gefühlschaos bzw. den Zweifel an den eigenen Gefühlen, die verschämte Selbstbetrachtung eines Pre-Teens in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Dadurch, dass Kotzwinkle das Voranschreiten der Zeit nicht klar benennt, so dass man als Leser nicht genau darüber Bescheid weiß, ob Jack Twiller jetzt erst 10, 11, 12, 13 oder schon 14 Jahre alt ist, erschafft er einen großen allgemeingültigen Raum des Aufwachsens innerhalb einer Peer Group aus Gleichaltrigen, für den für jedes Alter im Grunde die gleichen Regeln gelten, ist man nun erst neun oder schon 15 Jahre alt. Nur der Tonfall verändert sich mit dem Älterwerden.


    Je stärker sich Jack in den Fängen der Pubertät befindet, desto ruppiger und vulgärer wird der Roman. Und gerade hier heraus erwächst nach meiner Ansicht seine Stärke: Er blendet keine Obszönität hinter den Schleiern der Erinnerung aus! Wenn es ums Wichsen geht, dann wird das auch so bezeichnet. Wenn jüngere Pfadfinder im Ferienlager von älteren Schülern erniedrigt und sexuell missbraucht werden, dann beschreibt Kotzwinkle das genauso eindeutig und unschön, wie es dem Vorgang entspricht. Der Roman ist hier wie das mühsam verdrängte Bild der Vergangenheit, das hinter der beschönigenden Erinnerung lauert. Deswegen fühlt sich der Roman auch wie die Blaupause einer Erinnerung an, nicht wie das ausgenudelte Klischee, das im Sinne des Mainstreams (bzw. im Sinne der Überwindung eines Traumas) auf Drastik verzichtet und die Schrecken des Heranwachsens unter Gleichaltrigen zu einem nostalgischen Geplänkel verniedlicht. Hier gibt es kein: Was uns nicht umbringt, macht uns härter. Sondern eher ein: Meine Seele und meine Person wurde nachhaltig erniedrigt und verletzt, doch die Momente des Gemeinschaftsgefühls mit meinen Freunden bleiben dennoch unvergessen.


    Was den Roman aber endgültig in den Coming-of-Age-Himmel hebt, ist die Schlussepisode, als Jack Twiller mit der vielleicht ein Jahr älteren Gina, einem Früchtchen, einem von Gefahr umwaberten Danger Girl, die obendrein die Schwester eines asozialen Rüpels ist, zum Abschlussball geht. Wie die Annäherung inszeniert wird, wie in dieser Zweisamkeit die Masken der Coolness fallen können, finde ich ganz wunderbar. Die beiden sitzen in Jacks fast auseinanderfallender Klapperkiste und fahren durch die frühen, noch dunklen Morgenstunden. Wie die Lichtanlage des Wagens streikt und Gina mit einer Taschenlampe den Weg leuchtet. Und wie Jack den Fehler macht, mit Hängen und Würgen zuhause angekommen, den Wagen zu wechseln (und den seines Vaters zu nehmen), was die wohlwollende, verbindende Stimmung aus gegenseitiger Anerkennung infolge des gemeinsamen Erlebens und Überstehens einer außergewöhnlichen Erfahrung, völlig verpuffen lässt. Die Erkenntnis, dass auch im Unperfekten und Kaputten, wenn man also selbst genau in diese Situation hineinpasst, eine Vollkommenheit liegt, die man nicht erzwingen kann. Als wäre das Erwachsensein nicht das Erreichen eines perfekten Zustandes, sondern das Erkennen des richtigen Moments. Und Jack hat ihn leider verpasst. Und so endet der Abend für ihn morgens nicht im Clinch mit der schönen Gina, sondern herumdödelnd zusammen mit seinen anderen Loser-Freunden.


    Der Roman hat mir mit seinem konfrontativen Witz, seinen Peinlichkeiten und den Überwindungen, bei denen immer gleich alles auf dem Spiel zu stehen scheint, verdammt viel Vergnügen bereitet. Es ist kein lautstarker Schenkelklopf-Humor, der sich über Schwächen lustig macht, sondern ein sehr sarkastischer, lakonisch kommentierender Humor. Tatsächlich entwickelt Kotzwinkle großes Mitgefühl mit dem Leiden und Scheitern seiner Figuren, die mit drastischen Momenten konfrontiert werden, die in direkten Worten und vulgären Kraftausdrücken geschildert werden. Der Roman ist schnell, ruppig, stellenweise sehr komisch und doch sensibel! :applause: Mit Blick für Tragik und Traurigkeit. Und dem nötigen Spott! :thumleft:


    Kotzwinkle scheint es in seinem Coming-of-Age-Roman darum zu gehen, wie das Heranwachsen durch das Aufsetzen von Masken der Coolness geprägt ist, um in der Gruppe bestehen zu können. Diese Coolness ersetzt das Rollenspiel der frühen Jugend als Kind, als man so tat als wäre man Cowboy, ein Superheld, eine Comicfigur, ein Detektiv - eingewoben in Geschichten und Fantasien. Als Kind schlüpfte man in fremde Rollen, um mit ihnen spielen zu können. Als Teenager versucht man dagegen alles Spielerische hinter Masken der Abgeklärtheit zu verbergen, und hält sich schon für extrem erwachsen. Aber im Grunde verbirgt sich dahinter nur die Unsicherheit, sich in einer fremden Welt mit anderen Rüpeln, Reizen und Verboten würdig zu bewegen. Erwachsen ist dagegen der, der nicht mehr so tun muss als ob. Der nicht jede Etikettierung der eigenen Person durch andere kritiklos übernimmt.

    Tolkien "Der Ring wandert" (111/260)

    Jiménez "Platero und ich" (40/415)


    Jahresbeste: Lorenzen (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 167 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Strömquist "Ich fühl's nicht" (17.10.)

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