Kazuo Ishiguro - Damals in Nagasaki (ab 01.07.2021)

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  • Ich fand das ganze Gespräch der Frauen eigentlich sehr beklemmend. Unter welchem Druck stehen die japanischen Kinder? Privatlehrer in Mathematik und Naturwissenschaften, Leistungsdruck - und auf der anderen Seite sehe ich auch den großen Druck auf die Mütter, die dafür verantwortlich gemacht werden. Schon vor der Geburt beginnt der Bildungszirkus!

    Ich habe erst neulich wieder eine Doku über Japan gesehen und da wurde auch ein Hikikomori begleitet, der dem Druck einfach nicht mehr standhalten konnte und jetzt in einer Einrichtung lebt, wo er wieder in den Alltag zurückgeführt werden soll. Die Dame, die dort gearbeitet hat, meinte, es würde sich langsam etwas bewegen, was die Arbeitswelt in Japan betrifft - aber für viele zu langsam.


    Kann es sein, dass Mariko - traumatisiert durch den Kindsmord und die Sache mit den Kätzchen - kann es sein, dass Mariko für die Morde an den Kindern verantwortlich ist?

    Einerseits denke ich mir: Ja, könnte passen. Denn sie wirft ja auch mit Steinen nach den Kindern, die ihre Mutter beleidigen und die töten dann eins ihrer Kätzchen. Also Rache? Andererseits: Wie soll ein Kind in dem Alter ein anderes an einem Baum aufhängen? Sonst vielleicht doch Sachiko, die ihr Kind beschützt? Oder doch Frank? Oder soll das nur dafür sorgen, zu beschreiben, wie die Stimmung im Nachkriegs-Nagasaki ist? (Auch wenn ich sie selbst eingeworfen habe, an Etsuko glaube ich eigentlich am wenigsten.)


    Ist das nur gekränkte Eitelkeit und Übertreibung - oder ist das ein Hinweis für den Leser?

    Ich hätte es als ersteres gelesen, aber wer weiß..... ich befürchte nur, wir werden nicht auf alles eine Antwort bekommen.


    drawe Mit der Theorie, dass Etsuko und Sachiko eine Person sind, wie liest Du da Kapitel wie das mit dem Ausflug? Passiert das alles nur in Etsukos Phantasie und sie ist alleine dort? Deswegen habe ich so ein wenig Probleme mit der Theorie, weil ich mich frage, ob Etsuko das alles wirklich aus dem Nichts erschaffen kann. Denn dann hätten ja alle Gespräche mit Sachiko und Mariko nie stattgefunden... :-k

    :study: Kazuo Ishiguro / Damals in Nagasaki

    :study: Robin Wall Kimmerer / Geflochtenes Süßgras


  • Die Mutter im Fluß wollte ihr Kind auch nicht töten. Darum hat sie sich später wahrscheinlich das Leben genommen.


    Akira: Habe ich nicht verstanden, warum er so übertreibt. Das wäre auch ein Gedanke. Mariko ist 10 Jahre alt. Ich weiß nicht, ob es zeitlich hinkommt, das Mariko von Frank sein könnte. :scratch:


    Eins dürfen wir nicht vergessen, es spielt in einer Zeit kurz nach 1945. Die Frauen hatten manchmal keine Wahl. Selbst wenn ein Mädchen in Deutschland auf dem Bauernhof geboren wurde, war es kein Stammhalter. Das war innerhalb der Familie.


    Warum aber eine fremde Frau auf Mariko stiert, ist mir ein Rätsel. Da fällt mir noch die Szene mit den anderen Kindern ein, die Mariko gedisst haben.


    Rätsel um Rätsel. :-k

  • der dem Druck einfach nicht mehr standhalten konnte

    Vor einigen Jahren wurde immer wieder über Schülerselbstmorde berichtet - aber stehen Erwachsene nicht unter demselben Druck? Wie hier Akiras Mutter?

    Oder doch Frank? Oder soll das nur dafür sorgen, zu beschreiben, wie die Stimmung im Nachkriegs-Nagasaki ist?

    :scratch: Alles möglich.

    Ich dachte an Mariko, weil sie so oft unbeaufsichtigt ist, herumstreunt und immer wieder ins Dunkle entwischt und niemand weiß, wo sie steckt..

    Einmal wird sie von Sachiko und Etsuko schlammverschmiert und mit einer kleineren Wunde am Bein im Dunkel am Fluss gefunden - was war da los? Das erfahren wir nicht. Vielleicht steht es in Zusammenhang mit diesen Kindsmorden?

    wie liest Du da Kapitel wie das mit dem Ausflug? Passiert das alles nur in Etsukos Phantasie und sie ist alleine dort? Deswegen habe ich so ein wenig Probleme mit der Theorie, weil ich mich frage, ob Etsuko das alles wirklich aus dem Nichts erschaffen kann. Denn dann hätten ja alle Gespräche mit Sachiko und Mariko nie

    Das ist eine gute Frage! Ich stehe mir momentan selber im Weg, weil ich mich nicht festlegen will.


    Nein, Etsuko erschafft das alles nicht aus dem Nichts. "Sachiko" und Etsuko liegen als zwei Seiten einer Person miteinander im Streit. Die eine will Verantwortung gegenüber der Tochter zeigen, die andere vernachlässigt sie, die eine macht Vorhaltungen, die andere bagatellisiert sie. Die eine redet Englisch mit der Amerikanerin, die andere wird von Akiras Mutter unter Druck gesetzt. Die eine findet es in Ordnung, das Kind alleine zu lassen, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen - die andere findet das nicht in Ordnung. Sie ist hin- und hergerissen.


    Was mir eher Gedanken macht, weil es sich nicht in die Theorie einfügen will, ist die Schwangerschaft Etsukos. Warum ist sie so unglücklich damit? Warum sagt sie sich, dass man nach vorne schauen muss? Wie Frau Fujiwara, die vier ihrer fünf Kinder verloren hat? Schrecklich... Aber wieder das Motiv des Kindstodes.

    Wie passt das zusammen?

    Ist Mariko die junge Keiko, und das Kind, das Etsuko erwartet - ist das Niki? Das Kind ihres Liebhabers? Dem sie dann in sein Heimatland folgt? Ist sie wegen der außerehelichen Schwangerschaft so unglücklich und muss sich zum Glauben an die Zukunft zwingen?


    Die Mutter im Fluß wollte ihr Kind auch nicht töten. Darum hat sie sich später wahrscheinlich das Leben genommen.

    Das denke ich auch, dass ihre Selbsttötung mit dem Tod des Kindes zusammenhängt, eine Art erweiterter Selbstmord.

    Du meinst, es sind einfach die schrecklichen Zeitumstände (Krieg, Zerstörung, fehlende Perspektiven etc.), die die junge Frau zum Kindsmord getrieben haben?


    Puuhhh... was sind das für Dramen, die sich in dem Buch auftun - so nebenher, mit einem kurzen Satz nur angedeutet.

    :study: Barack Obama, Ein verheißenes Land.

    :musik: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Sprecher: Wolfram Berger.

    :study: Kazuo Ishiguro, Damals in Nagasaki. (MLR)

    :study: Helen McDonald, Abendflüge.

  • Puuhhh... was sind das für Dramen, die sich in dem Buch auftun - so nebenher, mit einem kurzen Satz nur angedeutet.

    Es regt auch zu Nachforschungen an. Nagasaki stand z. B. nicht auf der Liste. Habe ich bei Wikipedia gelesen.


    Ishiguro deutet viel an und lässt den Leser erstmal hängen. Was wir aufdecken, ist spannend.

    Und was davon stimmt. :lol:

  • Vor einigen Jahren wurde immer wieder über Schülerselbstmorde berichtet - aber stehen Erwachsene nicht unter demselben Druck? Wie hier Akiras Mutter?

    Ja, sicherlich! In derselben Doku war übrigens auch eine Mutter, die morgens um 5 Uhr aufsteht, um ihren Kindern Charakter-Bentoboxen zu machen und dann, wenn die in der Schule sind, selbst zur Arbeit geht.


    Einmal wird sie von Sachiko und Etsuko schlammverschmiert und mit einer kleineren Wunde am Bein im Dunkel am Fluss gefunden - was war da los? Das erfahren wir nicht. Vielleicht steht es in Zusammenhang mit diesen Kindsmorden?

    Das könnte auch vom Streit mit den anderen Kindern kommen. :-k


    Nein, Etsuko erschafft das alles nicht aus dem Nichts. "Sachiko" und Etsuko liegen als zwei Seiten einer Person miteinander im Streit. Die eine will Verantwortung gegenüber der Tochter zeigen, die andere vernachlässigt sie, die eine macht Vorhaltungen, die andere bagatellisiert sie. Die eine redet Englisch mit der Amerikanerin, die andere wird von Akiras Mutter unter Druck gesetzt. Die eine findet es in Ordnung, das Kind alleine zu lassen, um sich mit ihrem Liebhaber zu treffen - die andere findet das nicht in Ordnung. Sie ist hin- und hergerissen.

    Ah, verstehe. Ich habe tatsächlich Schwierigkeiten, mir die gesamte Handlung vorzustellen, wenn Sachiko und Mariko gar nicht existieren. (Was nicht heißen soll, dass es nicht stimmen kann.)


    Was mir eher Gedanken macht, weil es sich nicht in die Theorie einfügen will, ist die Schwangerschaft Etsukos. Warum ist sie so unglücklich damit?

    Vielleicht, weil sie schon merkt, dass Jiro nicht der richtige Vater ist? (Und vielleicht der Mann, den sie im Krieg verloren hat, eher der Richtige gewesen wäre?)


    Ist Mariko die junge Keiko, und das Kind, das Etsuko erwartet - ist das Niki? Das Kind ihres Liebhabers? Dem sie dann in sein Heimatland folgt? Ist sie wegen der außerehelichen Schwangerschaft so unglücklich und muss sich zum Glauben an die Zukunft zwingen?

    Hm, gute Frage. Kommt das denn zeitlich hin? Keiko war, glaube ich, sieben Jahre alt, als Etsuko aus Japan wegging. Das käme ja hin. Allerdings war Nikis Vater ja britischer Journalist und nicht amerikanischer Soldat. Mit der Theorie, dass Etsuko und Sachiko eine Person sind, weiß man irgendwie nie, was man jetzt glauben soll, was eine Anspielung sein soll und was nicht.

    :study: Kazuo Ishiguro / Damals in Nagasaki

    :study: Robin Wall Kimmerer / Geflochtenes Süßgras


  • Kapitel 8

    Rückblende. Der Besuch von Ogata bei Jiro und Etsuko. Ogata versucht immer wieder mit seinem Sohn Jiro ins Gespräch zu kommen. Ogata ahnt, das Jiro die Sache mit dem Zeitungsartikel unter den Tisch kehren möchte. Was solls? Ogata versucht es mit dem Schachspiel. Er erklärt Jiro, daß er noch drei Möglichkeiten hat, aus seiner Situation rauszukommen. Ich glaube, es sind auch Anspielungen auf Jiro. So durch die Blume gesagt. Jiro verhält sich wie ein Kind. Schmollt. Ist eingeschnappt und ignoriert seinen Vater. Als Ogata nicht locker lässt, flippt Jiro richtig aus und anstatt das Schachbrett zu treffen, wirft er die Teekanne um. Das Verhalten erinnert mich an Akira. :lol:


    Ogata und Etsuko kümmern sich umeinander. Die Azaleen. Da habe ich rausgehört, das Ogata gerne wollte, das Etsuko seinen Sohn heiratet. Bei der Sache mit der Teekanne habe ich so gedacht, daß Ogata sich für seinen Sohn bei Etsuko entschuldigt. Bereut er die arrangierte Verbindung Jiro mit Etsuko?


    Ogata und Etsuko gehen spazieren. Sie wollen Frau Fujiwara besuchen. Der Zeitungsartikel lässt Ogata nicht in Ruhe. Er lotst Etsuko zu Shigeo Matsuda. Ogata schickt Etsuko zum Nudelrestaurant von Frau Fujiwara. Lässt Ogata jetzt den alten Krieger raus? :lol:

  • Hm, gute Frage. Kommt das denn zeitlich hin? Keiko war, glaube ich, sieben Jahre alt, als Etsuko aus Japan wegging. Das käme ja hin. Allerdings war Nikis Vater ja britischer Journalist und nicht amerikanischer Soldat. Mit der Theorie, dass Etsuko und Sachiko eine Person sind, weiß man irgendwie nie, was man jetzt glauben soll, was eine Anspielung sein soll und was nicht.

    Etsuko erzählt ja ihrer Tochter Niki die Geschichte von einer Frau Sachiko. Was ist, wenn Etsuko die Geschichte von Sachiko alias Etsuko erzählt? Die Gespräche zwischen Etsuko und Sachiko könnten Selbstgespräche oder Gedanken sein? Um ihr Gesicht zu wahren, erzählt Etsuko ihrer Tochter Niki die Geschichte entfremdet.

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