Kurt Vonnegut Jr. - Hokus Pokus oder Wohin so eilig? / Hocus Pocus

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  • Der Autor (Quelle: Goldmann): Kurt Vonnegut wurde 1922 in Indianapolis geboren. Im 2. Weltkrieg erlebt er als Kriegsgefangener die Zerstörung Dresdens. Nach dem Krieg studierte er Anthropologie und begann zu schreiben. Vonnegut gilt als einer der größten amerikanischen Schriftsteller der Gegenwart. Er starb 2007 in New York.


    Klappentext (Quelle: Goldmann): Eugene Debs Hartke ist einer unter vielen. Einer unter vielen, die Zeugen, aber auch Opfer der politischen und sozialen Turbulenzen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts werden. Er verlebt eine durchschnittliche, fast idyllische Kindheit und Jugend, bis sein Vater arbeitslos wird, weil seine Firma von einem Konzern aufgekauft wird. Von diesem Moment an ist sein Leben eine Anhäufung kleinerer und mittlerer Katastrophen, in die er meist mehr oder weniger ungewollt hineinschliddert. Seine Eltern kommen „bei einem albernen Unfall“ ums Leben, als in einem Andenkenladen auf der kanadischen Seite der Niagarafälle über ihnen das Dach einstürzt. Eine Wende zum Besseren nimmt sein Leben erst, nachdem ihm eine Stelle als Lehrer an einer Provinzuniversität für „Problemkinder“ reicher Eltern, aus denen doch noch etwas werden soll, angeboten wird. Noch weiß Hartke nicht, dass seine Frau – wie schon seine Schwiegermutter – mit zunehmendem Alter immer mehr in Schwachsinn verfallen wird und sein Techtelmechtel mit der Frau des Universitätspräsidenten ungeahnte Folgen hat. Doch einmal meht hat Hartke Glück im Unglück ...


    Englische, italienische, französische und deutsche Ausgaben:

    • Die amerikanische Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel „Hocus Pocus“ bei G.P. Putnam's Sons in New York (302 Seiten) und bei Jonathan Cape in London, wiederaufgelegt u.a. 1991 bei Vintage in London (268 Seiten), 1997 bei Berkley Books in New York (322 Seiten) und 2020 als Vintage Classic bei Vintage in London.
    • Die italienische Übersetzung von Pier Francesco Paolini erschien 1991 als „Hocus Pocus“ in der Reihe „Le finestre“ bei Bompiani in Mailand (269 Seiten).
    • Die französische Übersetzung von Robert Pépin erschien im März 1992 als „Abracadabra“ im Verlag Éditions de L'Olivier in Paris (354 Seiten).
    • Die deutsche Übersetzung von Lutz-W. Wolff erschien im November 1992 unter dem Titel „Hokus Pokus oder Wohin so eilig?“ als Goldmann-Taschenbuch Nr. 41155 im Wilhelm Goldmann Verlag in München (311 Seiten).


    Motto:

    Der fiktive Roman ist mit folgendem Zitat dem Andenken des sozialistischen Politikers und Aktivisten der Arbeiterbewegung Eugene Victor Debs (1855 – 1926) gewidmet:


    Meine Einschätzung:
    Dieser späte Roman von Kurt Vonnegut macht auf mich einen recht grimmigen, unleidlichen Eindruck. Ein wenig kommt er mir auch wie ein Konglomerat aus Vonnegut'ismen über die Dürftigkeit des Menschen und der Gesellschaft und der Schlechtigkeit der Mächtigen vor, die unseren Planeten zugrunde richten. So als wollte da eben jemand einen typischen Vonnegut-Roman schreiben, nur dass es der Meister selber ist :wink: : die konzentrierte Steigerung eines Vonnegut-Romans, aber leider ohne die Beiläufigkeit des Spotts.


    Vieles scheint bekannt, doch der konkrete Anlass oder das bestimmte Thema des Romans fand ich lange schwierig zu ermitteln. Ganz am Ende ging mir auf, dass es Vonnegut wohl vor allem um das Thema der Zeugenschaft ging: Menschen, die – oft im Umfeld einer Katastrophe – eine Beobachtung über die Verfasstheit der Welt gemacht haben, die sie einerseits extrem erschüttert hat, und die sie andererseits nicht mehr mit ihrer Erkenntnis der Wahrheit hinter dem Berg halten lässt. :wuetend: Jemand der beispielweise das Gräuel des Krieges erlebt hat, wie Hauptfigur Eugene Debs Hartke im Vietnamkrieg, kann danach seine Zweifel an der Integrität der Machthaber im Staate nicht mehr einfach wegwischen und unausgesprochen lassen. Und so wird Hartke, der Physik unterrichtet, seinen Dozentenposten an der Uni für minderbegabte Reichensprösslinge deswegen verlieren, dass er sich fern seines Unterichtsstoffes auch vor Studenten über gesellschaftliche und soziale Probleme auslässt. Er will sie zum eigenen Denken anstiften, ihre Eltern finden allerdings, man müsste ihnen nicht zusätzlich zu ihren ganz eigenen Problemen noch mit weiteren „schlechten Nachrichten“ jeden Lebensmut verhageln. Was, wenn Hartke diesem Ansinnen der Einflussreichen nachkäme, im Grunde bedeutete, darauf zu verzichten, ein menschliches Wesen zu sein.


    Ansonsten geht es vor allem um die Schlechtigkeit der Reichen und Mächtigen, deren Ignoranz dafür verantwortlich ist, dass sie ohne mit der Wimper zu zucken die Natur zerstören; die ihre Wirtschaftskraft nicht für die Besserung der Welt und die Hebung des allgemeinen Wohlstandes der Gesellschaft einsetzen; und die sich obendrein offensichtlich von der Bedürftigkeit ihrer armen Mitbürgern bedroht fühlen: der Feind des Reichen ist der Arme. Der klischeehafte Amerikaner, der stolz auf seine Unkenntnis anderer Länder und anderer Sitten ist. Andere Aspekte der US-amerikanischen Gesellschaft werden behandelt: der Umgang mit Kriegsveteranen, der Ausverkauf ganzer Industriezweige an japanische Unternehmen und der alltägliche Rassismus. Ansonsten geht es viel um Wahnsinn, Selbstmord, Schürzenjägerei und mal wieder um Kinder, die sich rigoros von ihren Eltern abwenden. Vonnegut hat in diesem Roman ganz besonders wenig Mitleid mit den Bösen. Wo Leben ist, ist Hoffnung? Dass ich nicht höllisch loslache! :twisted:


    Dieser Roman in Form einer Lebensbeichte (oder eines Geständnisses) eines Mannes, der immer wieder böse reinrattert, dem Freundlichkeit und Empathie, die er selbst den Häftlingen angedeihen lässt, die in Massen aus dem outgesourcten Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen sind, umgehend als Kumpanei mit den Verbrechern ausgelegt wird, was ihm eine Anklage als Rädelsführer einbringt, ist eine sarkastische, erbarmungslose Bestandsaufnahme über die zynische Ignoranz der Macht, über Heuchelei und Täuschung, über Scheitern, Charisma, die Unfreiheit in der Freiheit (und andersherum) und über die „magische“ Kraft der Worte, die manche besser als andere beherrschen. Wie man sich herausredet.

    Ich fand "Hokus Pokus" etwas schwergängig, auch schien er mir wenig Neues aus dem Vonnegut-Weltuntergangs-Schreckenskabinett zu berichten. Aber vor allem fehlen ihm für meinen Geschmack originelle, umwerfende Figuren.


    Dreieinhalb :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb: Sterne.

    Klay "Wir erschossen auch Hunde" (217/293)


    Jahresbeste: Johnson (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 117 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Franklin "Krumme Type, krumme Type" (13.7.)

  • Die amerikanische Originalausgabe erschien 1990 unter dem Titel „Hocus Pocus“ bei G.P. Putnam's Sons in New York (302 Seiten) und bei Jonathan Cape in London, wiederaufgelegt u.a. 1991 bei Vintage in London (268 Seiten), 1997 bei Berkley Books in New York (322 Seiten) und 2020 als Vintage Classic bei Vintage in London.

    Klay "Wir erschossen auch Hunde" (217/293)


    Jahresbeste: Johnson (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

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    Letzter Buchkauf: Franklin "Krumme Type, krumme Type" (13.7.)

  • Die französische Übersetzung von Robert Pépin erschien im März 1992 als „Abracadabra“ im Verlag Éditions de L'Olivier in Paris (354 Seiten).

    Klay "Wir erschossen auch Hunde" (217/293)


    Jahresbeste: Johnson (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

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