Manfred Dierks - Adolf Muschg

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  • Autor: Manfred Dierks
    Titel: Adolf Musch: Lebensrettende Phantasie, erschien erstmals 2014
    Seiten: 312 Seiten
    Verlag: C. H. Beck
    ISBN: 9783406659621


    Der Autor: (Klappentext)
    Manfred Dierks, geboren 1936, ist Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft i. R. und Schriftsteller. Er war Vizepräsident der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft und Juror zweier Literaturpreise. Bücher u. a. zu Thomas Mann, Walter Kempowski und dem Okkultisten Albert von Schrenck-Notzing; drei Romane, darunter „Revecca“ (Kitab 2007) über seine Seefahrtszeit.


    Inhalt: (Klappentext)
    Adolf Muschg, 1934 geboren, ist in einer kleinen Lehrerwohnung an der Zürcher Goldküste aufgewachsen, unter reichen Leuten. Der Vater, strenger Pietist, kennt nur eine Autorität, unter die er seine gesamte Familie zwingt: die reformierte Bibel. Nach seinem Tod lebt die sehr viel jüngere, depressive Mutter mit ihrem Sohn in enger Symbiose. Der Junge hat eine Rettungsfantasie, die ihm hilft, durchzustehen: Schriftsteller werden. Zunächst aber wird er Lehrer am Gymnasium in Zürich, dann Lektor in Japan, später Professor an der ETH in Zürich. Da ist aber, nach Kritiken und Essays, auch sein Debütroman erschienen: „Im Sommer des Hasen“.


    Heute ist Muschg einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller und ein europäischer Intellektueller, Büchnerpreisträger („Der rote Ritter“) und mit seinem erzählerischen und essayistischen Werk immer präsent. Das biografische Porträt von Manfred Dierks charakterisiert Muschgs Werk und beschreibt wichtige Stationen seines Lebens. Im Hintergrund steht immer die Zeitgeschichte und wie Muschg sie deutet.


    Meinung:
    Adolf Muschg ist seit Jahrzehnten ein häufiger Gast in Talkshows, ein zu allen möglichen Themen befragter Intellektueller, der zudem in seinem langen Leben zahlreiche spannende Stationen verbracht hat: Jahre in Japan und den USA, Professor für deutsche Sprache an der ETH Zürich, er war Präsident der Akademie der Künste in Berlin, …
    Kurz: ich höre ihm gerne zu und freue mich seine Meinung zu aktuellen gesellschaftlichen Themen zu hören.


    Manfred Dierks, selbst Professor für deutsche Literatur, nahezu gleich alt, ein Weggefährte sozusagen, hat eine Biographie zu seinem noch lebenden Zeitgenossen geschrieben. Vermutlich ist es hier schwierig objektiv zu bleiben, Kritik zu üben, Fehlentscheidungen aufzuzeigen, etc – vermutlich sind die Beiden nicht nur persönlich bekannt, sondern gar befreundet, was dann Loyalitätskonflikte mit sich bringt. Das ganze Buch ist somit recht informativ, aber irgendwie zu linear, einseitig. Entscheide sind stets gut erklärt, andererseits werden ein paar zeitliche Sprünge gemacht. Das Verhältnis zu Adolf Muschgs in der Literaturwissenschaft berühmten Bruder Walter und zu deren Vater wird ausgiebig thematisiert. Inwieweit der dreimal verheiratete Adolf Muschg als Ehemann ist, ob er selbst ein besserer Vater ist, das ist kaum ein Thema. Wie geht Muschg mit Kritik um, was treibt ihn an Bücher zu schreiben? Es wurden starke Akzente im Buch gesetzt (Vater und Halbbruder, seine Hypochondrie, bspw), aber ich fand die Beschreibungen weniger interessant als die Person im Fernsehen.


    Ein Grund ist sicherlich, dass Muschg gerne die Ambivalenz als Grundstimmung des Lebens betrachtet: Menschen verhalten sich anders als sie behaupten, bspw möchte «jeder» alternative Energien ausbauen, stimmt aber gegen Windräder in der Nachbarschaft. Er weist immer wieder auf Widersprüche im gesellschaftlichen Alltag hin, und dieses spannende Hauptthema sehe ich in dieser Biographie nicht. Hier ist es – und darauf weist Dierks im Text auch hin – eher ein Umriss des Schweizer Literaturbetriebs, dem Muschg angehört. Die Entwicklung zum Professor, die Forschung, Publikationen mit dem zeitlichen Bezug zur damaligen gesellschaftlichen Situation, das ist auch spannend zu lesen, aber doch trockener und theoretischer als erwartet. Zudem hat sich dadurch auch noch mein Eindruck verfestigt, dass Muschgs Bücher nicht unbedingt zeitlos sind. Einige Texte und Romane scheinen als Beitrag so sehr mit der damaligen Situation verankert, dass sie heute "aus der Zeit gefallen scheinen". Und andere erschienen mir dann doch zu «künstlerisch». Wenn es bspw heißt, den Vampirroman «Das Licht und der Schlüssel» solle man nicht auf Homogenität hin lesen, sondern "das metaphorisierte, poetologische Potential erkennen" und den Bezug der Hauptfigur zu früheren Protagonisten in Muschgs Büchern (insbesondere «Im Sommer des Hasen»), dann weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Diesen Vampirroman habe ich jedenfalls erst mal zurück in mein SUB-Regal gestellt.


    Schade, dass die Biographie mich eher abgeschreckt hat, weitere Romane von Muschg zu lesen. Über den Portraitierten habe ich freilich mehr erfahren, aber ich habe auch schon spannendere Schriftstellerportaits gelesen (Mein Tipp ist diese Bio zu Laxness)

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