Kurt Vonnegut Jr. - Galgenvogel / Jailbird

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  • Der Autor (Quelle: Rowohlt): Kurt Vonnegut jr., geboren am 11. November 1922 in Indianapolis, ehemaliger Public Relation-Manager bei General Electric, schrieb Dramen, Kurzgeschichten und Romane. „Die Sirenen des Titan“ begründeten seinen Ruhm und machten Vonnegut inzwischen zu einer Kultfigur der Jugend. [...] Graham Greene rühmte ihn als einen der besten lebenden Autoren Amerikas. Vonnegut hatte sechs Kinder und lebte als freier Schriftsteller ab 1973 hauptsächlich in Manhattan. Er starb 2007 in New York.


    Klappentext (Quelle: Rowohlt): „Er ist komisch und traurig zugleich, sein schmerzlicher Ernst ist niemals feierlich – deshalb ist Vonnegut einzigartig unter uns“, schrieb Doris Lessing über Kurt Vonnegut. [...] „Galgenvogel“ ist eine makabre Satire, eine „Chaplinade um Watergate“, eine „Mixtur aus Zeitgeschichte und beißender Ironie“ (Der Tagesspiegel). „Keiner weiß wirklich was in diesem Irrenhaus Erde, aber alle gebärden sich, als hätten sie den großen Durchblick… Ein bitterer Roman, durch Ironie heiter… Dieser Galgenvogel stolpert durch die Zeitgeschichte, wird, reiner Tor, wegen der Bergpredigt Mitglied der Kommunistischen Partei, steigt unter Nixon zum Beamten auf und fällt schließlich unschuldig der Watergate-Verstrickung zum Opfer. Das Märchen, das den Satansreigen auflöst, geht so: alle, die dem Galgenvogel nach seiner Haftentlassung Gutes getan haben, ja, sogar jene, die nur freundliche gewesen sind, werden mit Vizedirektorenposten in einem Weltkonzern entlohnt“ (Nürnberger Nachrichten).


    Englische, deutsche, schwedische, französische und italienische Ausgaben:

    • Die amerikanische Originalausgabe erschien 1979 als „Jailbird“ bei Delacorte Press/Seymour Lawrence in New York (246 Seiten) und bei Jonathan Cape in London, wiederaufgelegt u.a. 1992 bei Vintage Books in London, 2011 bei Delta Trade Paperbacks in New York (310 Seiten) und 2020 bei Vintage Classics in London (246 Seiten).
    • Die deutsche Übersetzung von Klaus Hoffer erschien 1980 als „Galgenvogel“ im R. Piper Verlag, München & Zürich (291 Seiten). Neuaufgelegt 1984 als rororo-Taschenbuch Nr. 5423 im Rowohlt Taschenbuch Verlag in Reinbek bei Hamburg (217 Seiten).
    • Die schwedische Übersetzung von Olov Jonason erschien 1980 als „Burfågel“ bei Norstedt & Söners, Stockholm (245 Seiten).
    • Die französische Übersetzung von Robert Pépin erschien 1981 unter dem Titel „Gibier de potence“ als Nr. 43 der Reihe „Fiction et Cie“ im Verlag Éditions du Seuil, Paris (267 Seiten).
    • Die italienische Übersetzung von Pier Francesco Paolini erschien 1981 als „Un pezzo da galera“ in der Reihe „La Scala“ bei Rizzoli in Mailand, wiederaufgelegt u.a. 2004 in der Reihe „I Narratori“ bei Feltrinelli, Mailand (229 Seiten).

    Meine Einschätzung:
    Die Hauptfigur Walter F. Starbuck ist ein absoluter Jedermann. Kein gewitztes Stehaufmännchen, wie es der schlecht gewählte deutsche Titel „Galgenvogel“ nahelegt, sondern ein ambitionsloser, genügsamer Opportunist, ein Versager, abgeschnitten von jeder Teilnahme an der Macht, obwohl er – durch überraschende Protektion – an der Elite-Universität Harvard studierte und obwohl er als Beamter im Weißen Haus in den Dunstkreis der Nixon-Administration geriet: als Beauftragter für Jugendfragen, dessen Expertise niemals gefragt war, der in ein fensterloses Büro im Keller verbannt wurde, um ihm zu signalisieren, dass seine Dienste nicht gefragt sind. Im Grunde hätte er die ganzen Jahre zu Hause bleiben können! Stattdessen ruinierte er die Karriere eines befreundeten, aufstrebenden Politikers, über dessen Werdegang er wahrheitsgemäß äußerte, er habe mit dem Kommunismus geliebäugelt: eine richtige und im Grunde harmlose Zeugenaussage, aus der in der McCarthy-Zeit aber schnell ein Strick gedreht werden konnte. In der Folge bekommt Walter den ganzen Hass als „Kollegenschwein“ zu spüren: ein Niemand, der es wagt, den guten Kopf eines anderen auf den Richtblock zu legen. Später wird Walter, in dessen Kellerbüro ohne sein Wissen belastendes Watergate-Material zwischengelagert wurde, zu zwei Jahren Gefängnis wegen seiner "Beteiligung" am Watergate-Skandal verurteilt. Kein Galgenvogel, sondern ein Knastvogel: Hauptfigur Starbuck wird stets vom Sog der Mächtigen mitgerissen und unwissentlich in Mitleidenschaft gezogen: mal rein, dann wieder raus, dann wieder rein und wieder raus aus den Sphären der politischen und wirtschaftlichen Macht!


    Der Roman erzählt aus Walter Starbucks Sicht in der Rückschau Schlaglichter seines Lebens, seiner Karriere und Geschichten über die vier Frauen, die er in seinem Leben geliebt hat, bis zu dem Moment, als seine Haftstrafe endet und er auf die Entlassung wartet, vollständig ohne Rückhalt und ohne Freunde in der Außenwelt, abgeschnitten von allen Chancen und Hoffnungen. Bis er zufällig auf den Straßen New Yorks den Mann trifft, den er einst ins Gefängnis brachte, Leland Clewes, was jener in der Rückschau für das Beste hält, das ihm passieren konnte, da das Leben ja eine Prüfung sein sollte! Ansonsten hätte er ohne jedes Problem eine nur auf das Funktionieren ausgerichtete Existenz gehabt, was aber kein „Leben“ gewesen wäre. Aber noch wichtiger ist die Begegnung mit einer heruntergekommenen, obdachlosen Plastiktüten-Lady, die sich als Mary Kathleen O’Looney herausstellt, eine der vier Frauen, die Starbuck geliebt hat. Was er noch nicht weiß ist, dass es sich bei Mary Kathleen in Wirklichkeit um die legendäre Mrs. Jack Graham handelt, die einflussreiche Vorsitzende eines Weltkonzerns, die ohne in Erscheinung zu treten aus dem Hintergrund, nur über ihre Fingerabdrücke identifiziert, per Brief die Geschicke des Konzerns lenkt, die sich aber - aus Angst vor Raub und Mord - eine Tarnidentität als obdachloses, zahnloses, stinkendes Wrack zugelegt hat: enttäuscht von der Schlechtigkeit des Menschen, die ihr im Wirtschaftsleben jeden Tag vor Augen stand. Als sie von Starbuck erfährt, wie er nach seiner Haftentlassung, ohne es selbst zu bemerken, lauter Momente der Freundlichkeit und Höflichkeit von teilweise wildfremden Menschen erlebte, ernennt sie nicht nur Starbuck, sondern auch alle diese höflichen, „guten“ Menschen zu Vizepräsidenten ihrer Firma. Die Ambitionslosen, die nichts Böses angestrebt haben, werden durch diese aus freien Stücken an den Rand der Gesellschaft getretene Menschenfreundin belohnt. Hier liegt gewissermaßen die schwache glimmende Hoffnung, dass die Menschen in dem absurden Chaos des Daseins zu einem anständigen, humanen Miteinander finden können. Auch wenn es so märchenhaft anmutet, dass es eigentlich nur ein Traum sein kann.


    „Galgenvogel“ ist ein für Vonnegut-Verhältnisse erstaunlich konventionell erzählter Roman über Ambitionen und Karriere im Kapitalismus, wie man das Gute anstrebt, ohne Böses zu tun. Ein Blick in die Schrecken der Arbeitswelt mit besonderer Betonung von (gewerkschaftlichen) Kämpfen um die Rechte von Arbeitern und dem Augenmerk auf die Entfremdung der kapitalistischen Bosse von den Produkten, die sie herstellen lassen, den Herstellungsprozessen, die dafür nötig sind, und den Arbeitern, die für sie arbeiten. Arbeiter, die im Grunde die Chefs sein sollten, weil sie besser als diese über die Arbeit Bescheid. Dies illustrieren historische Abschweifungen zu dem Prozess gegen Sacco und Vanzetti, der ein düsteres Licht auf die Beschwernisse wirft, die der Arbeiterbewegung in den Weg gelegt wurden, sowie über die "Radium Girls", jene Arbeiterinnen, die sich bei der Arbeit in einer Uhrenfabrik mit radioaktiven Stoffen den schleichenden Tod holten, weil kein Bewusstsein dafür vorhanden war, wie gefährlich ihre Arbeit war.


    In Vonneguts neuntem Roman halten sich Absurditäten und Abschweifungen in Grenzen. Er ist von hohem Tempo, mildem Humor und angenehm klassenkämpferisch mit anarchistischem Zweifel an Autoritäten. Die satirische Analyse des Establishments ist recht milde und legt ihr Hauptaugenmerk darauf, Wirtschaft und Politik lächerlich zu machen: Das riesige RAMJAC-Unternehmen, das ein Fünftel des US-Bruttoinlandsproduktes stemmt, wird von einer paranoiden Obdachlosen geleitet, die über Briefe Weisungen an ihre Anwälte erteilt. :loool: Als von ihr einmal fast zwei Jahre lang keine Nachricht eintrudelte, handelten die Abteilungsleiter einfach nach ihrer letzten Direktive: „Kaufen, kaufen, kaufen!“ :wink: Die kapitalistische Wirtschaftsform erscheint als eine völlig entkoppelte, selbstlaufende Maschine, die einfach weiter jeden gesunden Menschenverstand niederwalzt.

    Dazu passen all die politischen Schlaglichter, die der Roman platziert: blutig niedergeschlagene Arbeiterproteste in den 1890er-Jahren, die Massenverfolgung linker, sozialistischer und anarchistischer Protestler und Gewerkschaftler, die in dem Schauprozess gegen Sacco und Vanzetti gipfelte, die Angst vor der „roten Gefahr“ nach dem Zweiten Weltkrieg in der McCarthy-Ära, die Nürnberger Prozesse, an denen Starbuck als Beobachter teilnahm, nordkoreanische Spione, Kriegsgefangene, die im "Feindesland" bleiben und der Watergate-Skandal, gleichzeitig aber auch die industriell aufgezogenen Völkermorde an den Armeniern durch die Türkei und an Juden, Sinti und Roma in Nazideutschland.


    Was dem Roman am Herzen liegt, ist die Abscheu über das blinde Einverständnis der Bürger in die Taten ihrer Anführer: Was die Wirtschaftsbosse und Politiker treiben, wird schon seine Richtigkeit haben. Sie wären doch nicht an die Macht gekommen, wenn sie es nicht wert wären, uns zu führen, oder?! :wink: Und im Grunde will der Durchschnittsbürger die Wellen der Gegenwart doch einfach über sich hinwegrollen lassen, sich in die Strömung legen, sich nicht kümmern. Die Schuld des reichen Mannes ist es, zu viel zu wollen, die Schuld des armen Mannes ist es, zu wenig zu wollen. „Galgenvogel“ ist somit eine Komödie der menschlichen Irrwege: die Enttäuschung über das Wegbröseln von Bedeutungen und Bedeutsamkeit. Eine freidrehende Wirtschaft, die die Menschlichkeit mit Füßen tritt. Und dann zahlt jemand, der anderen nichts Böses will, die Zeche. Jede Belohnung ist reiner Zufall. :geek:

    Johnson "In der Hölle" (97/186)

    Glavin "Warten auf die Aras" (241/358)

    Jansson "Mumins wundersame Inselabenteuer" (70/243)


    Jahresbeste: Johnson (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 112 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Williams "Sommer" (4.7.)

  • Die amerikanische Originalausgabe erschien 1979 als „Jailbird“ bei Delacorte Press/Seymour Lawrence in New York (246 Seiten) und bei Jonathan Cape in London, wiederaufgelegt u.a. 1992 bei Vintage Books in London, 2011 bei Delta Trade Paperbacks in New York (310 Seiten) und 2020 bei Vintage Classics in London (246 Seiten).

    Johnson "In der Hölle" (97/186)

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  • Ich lese ja schon den nächsten Vonnegut-Roman und da ist mir beim Schreiben dieser Rezension prompt ein Fehler unterlaufen: Der Genozid an den Armeniern wird in "Blaubart" erwähnt, nicht in "Galgenvogel". :uups:

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