Natsuo Kirino - Grotesk / グロテスク / Gurotesuku

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  • Klappentext/Verlagstext

    Vier Frauen auf dem Weg nach oben. Der Abstieg in die Hölle beginnt.

    Die 15-jährige Yuriko Hirata ist schön – überwältigend schön. An der Tokioter Eliteschule, die sie besucht, ist sie eine Berühmtheit, und kein Mann kann ihr widerstehen. Schon früh lernt sie, aus ihrem Aussehen Kapital zu schlagen und sich so auch dem unbarmherzigen Drill des Schulalltags zu verweigern. Sie lässt sich von dem Sohn eines Lehrers an Mitschüler verkaufen und ist schon bald bereit, jedes Tabu zu brechen, um ihre Macht über Männer auszuspielen, die sie im Grunde ihres Herzens hasst. Nach einer trügerischen Zeit des Erfolgs kommt jedoch der Tag, an dem sie sich eingestehen muss, nur mehr ein groteskes Monster zu sein, ein teuflisches Zerrbild ihrer selbst, das ein Leben im Elend führt. Als sie schließlich dem chinesischen Ganoven Zhang begegnet, erfüllt sich ihr Schicksal auf finstere Weise … Wie Yuriko versuchen auch drei andere Frauen, sich den Spielregeln der japanischen Gesellschaft zu widersetzen. Doch nichts wird so unnachsichtig bestraft wie eine Frau, die sich nicht fügt.


    Die Autorin

    Natsuo Kirino wurde 1951 als Mariko Hashioka in Kanazawa/Japan geboren. Sie hat in Japan 13 Romane und 3 Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht. Kirino schreibt seit 1989 auch unter dem Pseudonym Noemi Nobara. Für die Umarmung des Todes (engl. Out) erhielt die Autorin 1997 den Mystery Writers of Japan Award. OUT wurde in der Kategorie „Best Novel“ als erster Roman einer japanischen Autorin für den amerikanischen Edgar Allan Poe Award nominiert.


    Inhalt

    In Tokio sind kurz nacheinander die Leichen von zwei älteren Prostituierten gefunden worden. Aus Tagebüchern und Erinnerungen blättert die Ich-Erzählerin des Romans die Schicksale der beiden Frauen und des der Tat verdächtigen Mannes auf.


    Die Erzählerin in Natsuo Krinos Roman ist Tochter einer japanischen Mutter und eines Vaters, der aus der Schweiz stammt. Seit ihrer Kindheit hat die Ältere, die zum Zeitpunkt der Morde ihre besten Jahre hinter sich hat, stets im Schatten ihrer gutaussehenden jüngeren Schwester gestanden. Wie besessen ist die Frau mit ihrem Aussehen beschäftigt und verliert sich in Tagträumen darin, wie ihre eigenen Kinder einmal aussehen könnten. In ihrer Obsession geht sie soweit sich zu einzubilden, der Mann ihrer Mutter sei gar nicht ihr Vater. Ihr starres Beharren darauf, dass sie als berufstätige unverheiratete Frau ein freies Leben führt, sich der Masse der japanischen Frauen weit überlegen fühlt, kann nicht über ihre Verbitterung hinwegtäuschen. Die Erzählerin müsste sich eingestehen, dass sie trotz ihres Abschlusses an einer Elite-Schule einer wenig befriedigenden Berufstätigkeit nachgeht. In Rückblenden erfahren wir, dass Juriko Hirata, eine der Ermordeten, die jüngere Schwester der Erzählerin ist. Die andere Tote ist Kazue, mit der die Schwestern gemeinsam zur Schule gegangen sind. Ein illegaler Einwanderer aus China steht wegen der Morde vor Gericht. Wie sein Weg den der beiden Frauen kreuzte, hofft man aus den Tagebuchaufzeichnungen Jurikos und Kazues, aus dem schriftlichen Geständnis des Verdächtigungen oder von der Erzählerin zu erfahren.


    Obwohl ihr Vater, dessen Geschäfte in Japan wenig erfolgreich waren, seinen Töchtern keine kostspielige Ausbildung finanzieren kann, erringt die Ich-Erzählerin durch erstklassige Leistungen einen Platz an einer Elite-Schule. Im gnadenlosen Rolltreppen-System des japanischen Schulsystems (vom Elite-Kindergarten direkt in die kostspielige private Grundschule und von dort weiter zum Elite-Gymnasium) sind alle Schüler ständigem Anpassungs- und Leistungs-Druck ausgesetzt. Selbst Kinderfreundschaften werden von den Eltern nach gesellschaftlicher Nützlichkeit bewertet und gesteuert. An der Schule gibt eine Elite von Schülerinnen aus besseren Kreisen den Ton an. Nicht Leistung wird zum Erfolg führen, sondern Beziehungen, die in bestimmten Zirkeln geknüpft werden, zum Beispiel unter den Cheerleaders. Der Zugang zu diesen Zirkeln ist aufgrund der hohen Kosten nur ausgewählten Schülerinnen möglich. Die Stipendiatinnen, die aus einfachen Verhältnissen stammen, sind hier unerwünscht und werden an der Schule nach Kräften gemobbt. Eine besondere Rolle im sorgfältig austarierten Machtgefüge nimmt Kazue ein. Die Tochter eines Fischers, der sich zum erfolgreichen Geschäftsmann hocharbeitete, ist in der elitären Kaderschmiede nicht vorgesehen, obwohl die Familie sich längst als wohlhabend betrachtet. Kazue lässt sich bewusst von den Mitschülerinnen ausbeuten, um auf diesem Weg ihre Karriere-Ziele erreichen.


    Die jüngere Juriko hat einige Zeit mit den Eltern in der Schweiz gelebt, während die Ältere in Japan beim Großvater blieb. Als auch Juriko mit einem Bonus für Auslands-Schülerinnen an der Schule ihrer Schwester zugelassen wird, bricht die erbitterte Eifersucht auf die gutaussehende Schwester erneut auf, die die Ältere seit Kindertagen zermürbt. Das Leben an der Schule wird noch erheblich komplizierter, als Juriko sich in ihren Lehrer Kijima verliebt, Kazue in Takashi, den Sohn Kijimas.


    Als Erwachsene wird Kazue trotz ihres Universitäts-Abschlusses keinen Erfolg im Beruf haben und im Büro täglich der Verachtung durch ihre männlichen Kollegen ausgesetzt sein. Inzwischen fast 40 Jahre alt, muss Kazue sich eingestehen, dass in der Arbeitswelt Japans nicht Leistung zählt, sondern Herkunft. Kazue erträgt ihr Leben nur, indem sie am Abend in ihre Rolle als Call-Girl schlüpft. Allein die Vorstellung, dass sie nun bald genug Geld haben wird, um nicht mehr arbeiten zu müssen, treibt Kazue voran.


    Mein Eindruck

    Die Erzählerin, die formal im Hintergrund bleibt, hat mich in Grotesk am stärksten fasziniert. In keinem Moment lässt sie durchblicken, dass sie sich nach dem Tod ihrer Schwester mit der gemeinsamen Kindheit ausgesöhnt hat, sie zeigt keine Reue oder Trauer. Die Ältere hat als Erzählerin alle Fäden in der Hand, sie entscheidet, welches Bild von Kazue, Juriko und dem der Tat verdächtigten Zhang sie dem Leser vermitteln will. Aufzeichnungen und eigene Erinnerungen der Erzählerin überschneiden sich, widersprechen sich auch in einigen Punkten. Dass sie das Tagebuch ihrer Schwester sorgfältig kopiert hat, könnte ein Hinweis darauf sein, dass die einzige Überlebende der drei ehemaligen Eliteschülerinnen ihre Leser zu manipulieren versucht und ihr sehr persönliches Bild der beiden Ermordeten zeichnet.


    Für Juriko, Kazue und die Erzählerin hat sich Leistung nicht gelohnt, es gibt keinen Platz für sie in der Welt der Salaryman. Kirino verarbeitet in ihren Büchern vermutlich eigene negative Erfahrungen, die sie in der noch immer von Männern dominierten Berufswelt Japans gemacht hat. Am Beispiel der drei Schülerinnen seziert Kirino schonungslos wie bereits in "Die Umarmung des Todes" das japanische Gesellschaft-System. Aus der Sicht von Aussenseitern, die in der streng hierarchischen japanischen Gesellschaft keinen Platz finden, betreibt die Autorin auch in Grotesk kompromissloses Japan-Bashing. Die Schicksale der Beteiligten werden in allen bedrückenden Einzelheiten schonungslos geschildert. Gegenüber der Rückschau auf die Verletzungen der Vergangenheit spielt die Aufklärung der Todesfälle eine Nebenrolle, obwohl die Lösung so nahe zu liegen scheint. Grotesk ist m. A. kein Kriminalroman, auch wenn Kirino als Ausgangspunkt für ihr sozialkritisches Buch zwei Todesfälle wählt. Obwohl das Buch mit einige Längen keine einfache Lektüre ist, hat es mich lange beschäftigt.

    °°°°
    Zitat einer Rezensentin auf amazon.com

    I attended a Natsuo Kirino reading and was disappointed to learn that in the American translation of this book, the ending had been altered. There is no indication of this in the book; there is no way to know this without comparing it to the Japanese edition. … and I hope that future works by this author are released uncut by a more courageous publisher.”


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:


    (8.6.2013)

    :study:-- Martin Michaud – In die Fluten der Dunkelheit (Band 5)

    :musik: --


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Buchdoktor

    Hat den Titel des Themas von „Natsuo Kirino - Grotesk /“ zu „Natsuo Kirino - Grotesk / グロテスク / Gurotesuku“ geändert.
  • Das Original


    Published June 27th 2003 by 文藝春秋 (first published 2003)

    Original Title: グロテスク [Gurotesuku]
    ISBN 4163219501 (ISBN13: 9784163219509)
    Edition Language: Japanese

    :study:-- Martin Michaud – In die Fluten der Dunkelheit (Band 5)

    :musik: --


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

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