Richard Jefferies - Der Wald kehrt zurück / After London, Or: Wild England

  • Kurzmeinung

    Jean van der Vlugt
    Recht tranig, unausgewogen, reaktionär: ein Post-Doomsday-Mittelalter ohne erhellende Erkenntnisse oder spannende Story!

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  • Der Autor (Quelle: Bastei-Lübbe): Richard Jefferies (1848-1887), der große englische Naturdichter des 19. Jahrhunderts, ist bisher bei uns wenig bekannt. Sein Roman „Der Wald kehrt zurück“ gilt neben Mary W. Shelleys „Verney – Der letzte Mensch“ (Bastei-Lübbe 72021) und M.P. Sheils „Die purpurne Wolke“ als der bedeutendste Weltuntergangsroman der frühen Phantastik. Seine ökologischen Vorstellungen muten dabei erstaunlich modern an.


    :vielefehler: In der Bastei-Ausgabe der deutschen Übersetzung wird Richard Jefferies durchweg falsch als Richard Jeffries geführt.


    Klappentext (Quelle: Bastei-Lübbe): Eine großartige Version vom Untergang der großen Städte, die vom Wald überwuchert werden, nachdem die technische Zivilisation zusammenbricht und die Menschheit zu mittelalterlichen Lebensformen zurückkehrt. Sir Felix, ein Mensch des 19. Jahrhunderts, wird in dieses neue Mittelalter der Zukunft versetzt und muss lernen, sich in einer barbarischen Umgebung zu behaupten.


    Englische, deutsche, italienische, französische und schwedische Ausgaben:

    • Die englische Originalausgabe erschien zuerst 1885 als „After London, Or: Wild England“ bei Cassell & Company in London (442 Seiten), wiederaufgelegt u.a. 1905 bei Duckworth in London (311 Seiten), 1980 mit einer Einleitung von John Fowles in der Reihe „World's classics“ im Verlag Oxford University Press in Oxford und New York (248 Seiten) und 2017 mit einer Einleitung von Mark Frost im Verlag Edinburgh University Press in Edinburgh (201 Seiten).
    • Die deutsche Übersetzung stammt von Annette von Charpentier. Sie erschien 1983 unter dem Titel „Der Wald kehrt zurück“ als Bastei-Lübbe-Taschenbuch 72026 in der Reihe „Phantastische Literatur“ im Bastei-Verlag Gustav H. Lübbe in Bergisch Gladbach (255 Seiten). Der Autor wird bei dieser Ausgabe durchweg als Richard Jeffries bezeichnet.
    • Die italienische Übersetzung stammt von Roberto Birindelli. Sie erschien 1983 unter dem Titel „Dove un tempo era Londra: Inghilterra selvaggia“ mit einem Vorwort von Attilio Brilli als Band 42 der Reihe „Biblioteca del Minotauro“ im Verlag Serra e Riva in Mailand (230 Seiten).
    • Die französische Übersetzung stammt von Évelyne Châtelain. Sie erschien 1992 unter dem Titel „Londres engloutie“ Im Verlag Miroirs éd. in Lille (283 Seiten).
    • Die schwedische Übersetzung stammt von Gunnar Welin. Sie erschien 2019 unter dem Titel „Efter London eller Det vilda England“ in der Reihe „Fantastika“ im Gidlunds förlag in Hedemora (292 Seiten).


    Inhalt:
    Teil 1: Der Rückfall in die Barbarei (OT: The Relapse Into Barbarism, 5 Kapitel, 44 Seiten)
    Teil 2: Wildes England (OT: Wild England, 28 Kapitel, 200 Seiten)


    Meine Einschätzung:
    Recht tranig, unausgewogen und reaktionär: ein Post-Doomsday-Mittelalter ohne erhellende Erkenntnisse oder spannende Story! Man erfährt nicht, wie das Industriezeitalter endete, nur dass die Menschen danach den Feudalismus in seiner schlimmsten Ausprägung wieder aufleben lassen. Recht unsympathische Hauptfigur obendrein: Die Lösung für den geschmähten Adelsspross Felix scheint dann doch wieder nur zu sein, über Charisma und Untertanenhörigkeit Macht und Einfluss zu erlangen. :roll: Etwas unergiebig! :sleep:

    Im Grunde ist der erste Teil des Romans, der auktorial von oben herab gewissermaßen aus der Sichtweise eines Historikers der Zukunft und ohne handelnde Figuren erzählt, wie sich die Landschaft, der Wald und die menschlichen Siedlungen änderten, nachdem die „Felder sich selbst überlassen wurden“, welche wilden Tiere sich ausbreiteten und wie die Menschen, die nicht aus England fliehen konnten, begannen in den Wäldern zu leben, bedroht von Buschmenschen und Zigeunern, schon das Beste des Buches.

    Ein unerklärliches und kaum ausgestaltetes Ereignis trat ein, das die Häfen verschlammte, die Wasserspiegel verschob und den Fernhandel zum Erliegen brachte, was die Nahrungskette unterbrach, was die Menschen in England in die Barbarei des Mittelalters zurückfallen ließ. Und in so einem Pseudo-Mittelalter, in dem der Mensch gegen Mitmensch und Natur gleichermaßen kämpft, findet die Abenteuerreise und Selbstbehauptung eines Adligen statt, die aber von den postapokalyptischen Umständen so weit entfernt ist, dass die Geschichte vielleicht besser gleich in einem mittelalterlichen Setting angesiedelt worden wäre.

    Wenn Hauptfigur Felix zum Ende hin (das obendrein erschreckend unabgeschlossen wirkt, wenn sich Felix aufmacht, nachdem er in der Fremde seine Leitwolf-Fähigkeiten unter Beweis gestellt hat, in der Heimat seinen Ruf wiederherzustellen - und man denkt, jetzt geht der Rabatz los - aber Pustekuchen; als wäre noch eine Fortsetzung geplant gewesen, die es nicht gibt) durch das verödete, zerstörte London tigert, spürt man vielleicht die Abneigung des Naturschriftstellers Jefferies gegen die urbane Welt der Großstädte, nur hat seine agrarische, feudale Gesellschaft, die er in "After London" in aller Langeweile in die Welt setzt, in meinen Augen keinerlei Attraktivität zu bieten, die als ökologisches, humanes Utopia dienen könnte. Die Fokussierung auf die Fragilität des ökologischen Gleichgewichts auf der Erde, die möglicherweise als Warnung vor Umweltverschmutzung und Raubbau an der Natur gedacht war, verpufft in meinen Augen in der Beliebigkeit einer traditionell viktorianischen Abenteuergeschichte voller fader zwischenmenschlicher Konflikte und recht behäbigen Fortgangs. Wer an "viktorianischen" Weltuntergangsszenarien der frühen phantastischen Literatur (ganz ohne atomare Verseuchung!) Interesse hat, muss natürlich einen Blick riskieren, wer aber spannende, naturnahe Abenteuerliteratur sucht, muss sich auf Langeweile einstellen! :sleep:

    William Kotzwinkle "Jack in the Box" (113/285)

    Andre Dubus II "Tanz zu später Stunde" (134/315)

    Tove Jansson "Winter im Mumintal" (116/142)


    Jahresbeste: Vonnegut (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 85 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: William Kotzwinkle "Nachtgeschichten" (15.6.)

  • Die englische Originalausgabe erschien zuerst 1885 als „After London, Or: Wild England“ bei Cassell & Company in London (442 Seiten), wiederaufgelegt u.a. 2017 mit einer Einleitung von Mark Frost im Verlag Edinburgh University Press in Edinburgh (201 Seiten).

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    Letzter Buchkauf: William Kotzwinkle "Nachtgeschichten" (15.6.)

  • Die französische Übersetzung stammt von Évelyne Châtelain. Sie erschien 1992 unter dem Titel „Londres engloutie“ Im Verlag Miroirs éd. in Lille (283 Seiten).

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