Julian Barnes - Der Mann im roten Rock / The Man in the Red Coat

  • Buchdetails

    Titel: Der Mann im roten Rock


    Verlag: Kiepenheuer&Witsch

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 304

    ISBN: 9783462054767

    Termin: Neuerscheinung Januar 2021

  • Bewertung

    3.9 von 5 Sternen bei 7 Bewertungen

    78,6% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Der Mann im roten Rock"

    Julian Barnes lässt uns teilhaben am Leben von Dr. Samuel Pozzi (1846–1918), dem damals bekannten Arzt, Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie und Freigeist, ein intellektueller Wissenschaftler, der seiner Zeit weit voraus war: So führte er Hygienevorschriften vor Operationen in Frankreich ein und übersetzte Darwin ins Französische. Julian Barnes zeichnet das Bild einer ganzen Epoche am Beispiel dieses charismatischen Mannes. Man kann Julian Barnes nur bewundern: Kenntnisreich, elegant und akribisch recherchiert, beschreibt er das privat turbulente Leben Dr. Pozzis und erzählt Kulturgeschichten über den Fin de Siècle und seine Protagonistinnen und Protagonisten: Maler, Politiker, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller. Dr. Pozzi reiste, um Erkenntnisse zu gewinnen, und stand für einen engen Austausch zwischen England und dem Kontinent. Julian Barnes beleuchtet diese fruchtbaren Beziehungen und schreibt zugleich ein spannendes Plädoyer, an der Idee Europas festzuhalten.
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    Lavendel
    Man braucht schon viel Hintergrundwissen, um das Buch voll auskosten zu können, trotzdem gut zu lesen.

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  • Klappentext (amazon):

    Julian Barnes nimmt uns mit auf eine Reise durch das Paris der Belle Époque.

    Julian Barnes lässt uns teilhaben am Leben von Dr. Samuel Pozzi (1846–1918), dem damals bekannten Arzt, Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie und Freigeist, ein intellektueller Wissenschaftler, der seiner Zeit weit voraus war: So führte er Hygienevorschriften vor Operationen in Frankreich ein und übersetzte Darwin ins Französische. Julian Barnes zeichnet das Bild einer ganzen Epoche am Beispiel dieses charismatischen Mannes. Man kann Julian Barnes nur bewundern: Kenntnisreich, elegant und akribisch recherchiert, beschreibt er das privat turbulente Leben Dr. Pozzis und erzählt Kulturgeschichten über den Fin de Siècle und seine Protagonistinnen und Protagonisten: Maler, Politiker, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller. Dr. Pozzi reiste, um Erkenntnisse zu gewinnen, und stand für einen engen Austausch zwischen England und dem Kontinent. Julian Barnes beleuchtet diese fruchtbaren Beziehungen und schreibt zugleich ein spannendes Plädoyer, an der Idee Europas festzuhalten.


    Mein Lese-Eindruck:

    Dieses Buch passt wie die Faust aufs Auge in die Zeit, in der sich die Engländer mit dem Brexit aus Europa verabschieden. Barnes erzählt hier von der weltoffenen Epoche der Belle Epoque, als deren typischen Repräsentanten er den Pariser Modearzt Dr. Pozzi erkennt.


    Ausgangspunkt für sein Interesse an Dr. Pozzi ist das große Ölgemälde Dr. Pozzi at Home, das John Sargent malte und das heute in Los Angeles hängt. Die Farbigkeit des Bildes und auch der Dargestellte fesselten Barnes: die üppige Farbe seines eleganten Hausrockes, die schweren Portieren im Hintergrund, die Pose, der elegante, mondäne Hausschuh und die gesamte Theatralik des Auftritts. Vor allem aber sind es die Hände, die ihn fesseln: sensible, zartgliedrige Hände, die daher auch das Cover des Buches bilden.


    Pozzi, Samuel - Par Sargent - Dr. Pozzi at Home - Wikipedia


    Barnes entscheidet sich für einen, wie ich finde, genialen Einstieg. Er stellt uns eine Reise des Dr. Pozzi nach London vor, zusammen mit dem Prinzen Polignac und dem Grafen Montesquiou-Fezensac. Graf Montesquiou bezeichnet die Reise später als „intellektuelle und dekorative Einkaufstour“. Und in diesem Beginn steckt schon alles drin: die Weltoffenheit, die Freundschaft mit britischen „Kollegen“, die Lebensfreude, die Extravaganz und auch ein gewisser Snobismus der Drei.


    Barnes entfaltet ein üppiges und irrisierendes Bild dieser Zeit. Was tummelt sich hier nicht… Sarah Bernhardt, Marcel Proust, Oscar Wilde, die Brüder Goncourt, Maler, Musiker, Literaten, und mitten drin Dr. Pozzi: Darwinist, erklärter Anti-Antisemit, begnadeter Chirurg, Forscher, Menschenfreund, Frauenheld, Senator und Bürgermeister seiner Heimatgemeinde im Bergerac, Freidenker, Kosmopolit, wissbegierig und vorurteilsfrei, taktvoll und mitleidend seinen Patienten gegenüber, charismatisch,


    Zitat

    „der jeden neuen Tag mit Begeisterung und Neugier begrüßte; der sein Leben mit Medizin, Kunst, Büchern, Reisen, Gesellschaft, Politik und so viel Sex wie nur möglich verbrachte (auch wenn wir nicht alles wissen). Er war, zum Glück, nicht ohne Fehler. Aber ich würde sagen, er war so etwas wie ein Held“ (S. 295)


    Graf Montesquiou avanciert zum zweiten Protagonisten dieses Buches: ein Dandy, wie man ihn sich vorstellt, der seine Homosexualität offen auslebt, ein Narziss und Exzentriker, exzessiv, zynisch, verschwenderisch, feierlustig, versnobt bis hin zur Karikatur, aber auch großzügig, taktvoll und einfach herrlich glamourös – und insofern Vorbild einiger literarischer Figuren (z. B. für Oscar Wilde und Marcel Proust).


    Natürlich gibt es auch etwas zu meckern: Barnes verliert gelegentlich den roten Faden und macht Umwege, und für meinen Geschmack zitiert er zu häufig aus den Tagebüchern der Tochter Catherine, die ich als überspannte Wichtigtuerin empfunden habe. Aber Barnes‘ Begeisterung für die Zeit und seine beiden Hauptfiguren springt auf den Leser über. Er vermittelt eine sehr persönliche Sicht dieser Zeit, bezieht Stellung und vergleicht gelegentlich mit heute – das kann er sich als erklärter Europäer einfach nicht verkneifen.


    Was mir besonders gut gefällt, ist nicht nur Barnes akribisch genaue Recherche-Arbeit, sondern vor allem sein leichter Plauderton, der das Lesen zum Vergnügen macht. Er schöpft aus seinen Quellen und ist sich dabei nicht zu schade, auch ein bisschen Klatsch und Tratsch zu erzählen. Die leichte Art des Buches wird weiter betont durch vielfältige Illustrationen: Abbildungen von Gemälden, die uns die Menschen nahebringen, und vor allem viele kleine Portraits aus den Schokolade-Tafeln eines gewissen Felix Potin, die Barnes gesammelt hatte.


    Fazit: ein kurzweiliges Buch über eine untergegangene Zeit voller Glanz und Glamour, aber offen für Neues.

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    :study:Ha Jin, Nanking Requiem. MLR.

    :study:Callan Wink, Der letzte beste Ort.

    :study:Matthew Sweeney, Der Schatten der Eule. MLR.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Julian Barnes - Der Mann im roten Rock“ zu „Julian Barnes - Der Mann im roten Rock / The Man in the Red Coat“ geändert.
  • Ich bin mittendrin, und der Stil, die Handlungsstränge, die gefühlten 101 Figuren, die Tableaus, die Barnes entwirft, erinnern mich ganz stark an verschiedene Werke von Umberto Eco. Vor allem das profunde Wissen und die Recherchearbeit in diversen Kulturwissenschaften und Geschichte zeigen Parallelen zu dem genialen Eco.

    Dennoch kein Plagiat oder ein Imitat, sondern etwas ganz eigenes.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



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