Joachim Ehlers - Heinrich der Löwe

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  • Joachim Ehlers, 1936 in Leipzig geboren, war Ordinarius für Geschichte des Mittelalters in Frankfurt, Braunschweig und Berlin. Sein Forschungsansatz gilt als Paradigmenwechsel und als rationalistischster in der Nationenforschung, indem er den Begriff " Volk" nicht länger als Voraussetzung, sondern als Ergebnis einer Nationenbildung definierte.

    Ehlers gilt seit seiner Braunschweiger Vorlesungen als der angesehenste weltweite Experte für die Welfen und " Heinrich den Löwen".



    Heinrich, aus dem Geschlecht der Welfen, macht es seinen Biografen schon zu Beginn nicht leicht, verschieden zu datierende Urkunden zeigen seine Geburt für 1130 oder 1133/1135 an. Sicher ist das Todesjahr 1195, er starb in seiner Residenz Braunschweig.

    Das Leben der wohl umstrittensten Herrschergestalt des Mittelalters war wechselvoll, wie die Geschichte des zwölften Jahrhunderts allgemein ,er war ganz Kind und Prototyp seiner Zeit.

    Ehlers erzählt das Leben eines Fürsten der autark, stolz und mutig war, ebenso wie unbeherrscht, unmässig und eitel.

    Mit seinem militärischen Genie und fast kaufmännischem Geschick häufte er Reichtum und Macht auf seine Person, wie kein anderer Reichsfürst, war aber ebenso beherrscht von Gier und Ehrgeiz, wie kein zweiter. Noch sein Sohn Otto (IV.) , vom englischen König Richard Löwenherz erzogen, wird die Kaiserkrone den Staufern entwinden - und scheitern.

    Heinrich hatte als geburtsmässiger Herzog von Sachsen hohen Anteil an der Krönung seines Vetters Friedrich Barbarossa zum Kaiser (1152) . Danach erhielt er im Jahre 1156 auch noch das bayerische Herzogtum, was ihn automatisch in Auseinandersetzungen mit den übrigen Reichsfürsten brachte,die keinen primus inter pares dulden wollten. In Norddeutschland setzte sich Heinrich gegen den örtlichen Adel und die reichen Salzstädte durch mit Hilfe Barbarossas, dem er diese durch seinen militärisch brillianten Einsatz im Italienfeldzug entgalt. In Norddeutschland und Teilen Bayerns wurde Heinrich zur absoluten Macht, gründete selbst viele Städte ( z.B.Lüneburg, Lübeck, aber auch München) und schuf die Grundlagen für die spätere Hanse.

    Östlich der Elbe verzichtete er zunächst auf Vorstöße in slawisches Gebiet, da er seine Macht nicht verzetteln wollte, ein kluger Schachzug ,er wartete ab auf seine Gelegenheit.

    1176 kommt es zum Bruch mit Barbarossa, als Heinrich für die Gefolgschaft zum Lombardenfeldzug die reiche Stadt Goslar fordert.

    Der Kaiser kehnt ab und begibt sich auf den Feldzug, kehrt erfolglos zurück und verbündet sich nun mit Heinrichs Gegnern unter den Reichsfürsten.

    Auf drei Reichstagen erhebt Heinrich Klage dagegen, aber er scheitert, der Bruch ist nicht zu beheben.

    1147 schliesslich beteiligt er sich am Wendenfeldzug gegen die Slaven, den Bernhard von Clairveaux und Papst Eugen III. ausriefen, um seine Machtsphäre zu erweitern und schlicht Beute zu machen, religiöse Gründe spielten für Heinrich eine untergeordnete Rolle. Der Feldzug war auch ein Schachzug, denn so müssen seine Ritter dem Kaiser nicht ins heilige Land folgen.

    1177 gelingt es Barbarossa sich mit den mächtigsten Reichsfürsten zu verbünden und Heinrich zu stürzen. Dieser wurde aller Reichtümer, Lehen und Besitzungen enthoben und gezwungen, in verwandschaftliches englisches Exil zu gehen, als Herzog hatte er 1168 die Tochter des englischen Königs, Mathilde, geheiratet.

    Obwohl sich Heinrich 1182 in allen Punkten dem Willen des Kaisers unterwarf, dauerte es bis 1189, bis Heinrich nach dem Tod seiner Gattin ins Reich zurückkehren durfte als Herr seiner norddeutschen Ländereien aber ohne Herzogskrone.


    Fazit:

    Die mittelalterlichen Chroniken von Corvey und Speyer sahen in Heinrich den " Bezwinger der Heiden und Gründer von Bistümern", sie waren klerikal geprägt.

    Die Hennegauer Chronik bezeichnet Heinrich als den ," grausamsten und arrogantesten aller Fürsten",sie waren staufisch geprägt.


    Im 16.Jhdt.wurde Heinrich der Löwe in die religiöse " Propaganda" hineingezogen als "protestantischer Widerpart" zum katholischen Süden des Reiches.


    Hitler hob nach 1935 auf die "Ostkolonialisation" und Unterwerfung der slawischen Völker ab, indem er den Löwen mit einem völkischen Bezug ausstattet zum " Kristallisationskern der Osterweiterung des Reiches"

    Hitler lobte die "völkischen Leistungen" Heinrichs, liess die Gräber des Herzogpaares öffnen und die Überreste in den Braunschweiger Dom schaffen, den er zum "Staatsdom" erklärte und zur " Weihestätte nationaler Andacht".

    Worauf das hinauslief, war klar: Die geschichtslosen Nationalsozialisten ,bar jeder Historizität ( Chr.Clark ), versuchten sich wieder einmal ein historisches " Image" und Rechtsgrundlagen zu verschaffen.

    1942 kritisierte Hitler Heinrich den Löwen dann für dessen Disziplinlosigkeit, die Zeiten hatten sich geändert.

    Dem Herzog wird dies egal gewesen sein, er hatte sich längst aller kleinlichen Beurteilung entzogen ins Reich der Legende, was die biografische Arbeit der Historiker bis heute nicht einfacher macht.

    Die Lebenszeit Heinrich steht für den historischen Gipfel und Wendepunkt des staufisch - welfischen Konflikts und den Beginn der nationalen Interessenbildung deutscher Teilstaaten im Gegensatz zum transalpinen staufischen Konzept.

    Sicher hat der Konflikt das Gestaltunsinteresse deutscher Kaiser für die Zukunft mehr auf den protonationalen Raum fokussiert als auf einen ultramontanen Lösungsansatz. Das hat die Fürstenmacht letztlich gestärkt und die zukünftige Kleinstaaterei und das Ausbleiben einer zentralistisch - absolutistischen Regierungsform behindert. Damit werden auch die Auswirkungen auf das Aussehen des heutigen Mitteleuropas evident.

    Allerdings hatte diese Entwicklung auch eine höhere, heute wieder sehr erwünschte Vorstufe der Subsidiarität und der Partizipation der Reichsteile zur Folge.

    Die Europäische Bedeutung Heinrichs des Löwen hat zumindest die ihm angedichtete " völkische" überlebt und wird damit dem Gegenstand gerechter.

    Eine nicht nur historische, sondern such politikwissenschaftlich brilliante Analyse.

    Für die Leistung der Historikers Ehlers, alldas auch noch verständlich, spannend und unprätentiös zu erzählen, vergebe ich gerne fünf Sterne. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:










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