Natalia Ginzburg - Die Stimmen des Abends / Le voci della sera

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  • Autor: Natalia Ginzburg
    Titel: Die Stimmen des Abends, aus dem Italienischen übersetzt von Alice Vollenweider
    Original: Le voci della sera, erschien erstmals 1961
    Seiten: 136 Seiten
    Verlag: Fischer Tb
    ISBN: 9783596150458


    Die Autorin:
    Natalia Ginzburg, 1916 in Palermo als Natalia Levi geboren und 1991 in Rom verstorben, war eine italienische Schriftstellerin und Übersetzerin. Ihre Texte thematisieren überwiegend die Unfähigkeit der Menschen, miteinander zu kommunizieren und die daraus entstehende Einsamkeit im Zusammenleben. Sie war in erster Ehe mit Leone Ginzburg verheiratet, einem Dozenten der russischen Literatur und Widerstandskämpfer, der im Februar 1944 von der Gestapo getötet wurde. Ihre zweite Ehe führte sie mit Gabriele Baldini, einem Dozenten für englischsprachige Literatur.


    Inhalt:
    Elsa ist 27 Jahre alt und noch immer unverheiratet; eine Situation, die für ihre Mutter offenbar unerträglich ist. Ständig liegt sie ihrer Tochter in den Ohren, Kinder der Nachbarn haben längst eine Familie gegründet, etc Was Elsa nicht sagt: sie trifft sich heimlich mit Tommasino, dem Sohn aus einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie. Und wie nebenbei erfahren wir die Lebensgeschichte dieser Familie, gehen zurück in die Zeit des Faschismus, sehen Gewinner und Verlierer,…


    Meinung:
    Vordergründig mag es hier um eine Liebesgeschichte gehen. Um Gefühle, für die man keine Worte findet. Die Worte und Dialoge, nicht nur die des Liebespaares, sondern alle in diesem Buch, sind «Kulisse». Es ist schwierig zu beschrieben, aber der Inhalt der Dialoge ist minimalistisch / oberflächlich. Es werden keine Gefühle ausgedrückt, es gibt keine so rechte Handlung. Man macht sich Sorgen, weshalb man nicht zu einer Party eingeladen wird, was man vom Einkaufen mitbringen soll, oder welcher ledige junge Mann noch eine gute Partie wäre, usw. Die Personen hingegen leben nebeneinander her, haben ihre eigenen Ziele, Vorstellungen, Erwartungen. In einem melancholischen Tonfall, anhand oberflächlicher Dialoge, spürt der Leser, dass diese Stagnation des Alltagslebens keine Erfüllung und Zufriedenheit bieten kann.


    Eine Erzählung, mit der ich wegen der ruhigen Erzählart meine Mühe hatte. Einerseits fand ich die Entwicklung der Industriellenfamilie sehr interessant: mit wenigen Worten werden Jahrzehnte umrissen, wichtige Personen skizziert – das hat mich sogar an «Die Familie Hardelot» von Irène Némirovsky erinnert. Dann hingegen ist der Schreibstil völlig anders. Nicht so lebendig wie bei Némirovsky, sondern distanziert, mit lakonischem Humor. Wäre die Geschichte länger gewesen, hätte ich vermutlich abgebrochen. Ich denke nicht, dass ich es nochmals mit einem anderen Buch der Autorin versuchen werde.

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