Lindsay Harrel - Alles, was noch vor uns liegt / The Joy of Falling

  • Kurzmeinung

    claudi-1963
    Unterhaltsame Geschichte über Trauer und Trauerbewältigung, bei der mir ein wenig die christliche Note gefehlt hat.
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  • "Mit den Flügeln der Zeit fliegt die Traurigkeit davon." (Jean de la Fontaine)

    Durch einen tragischen Tauchunfall haben die Schwägerinnen Eva und Angela ihre Ehemänner verloren. Seitdem treibt Floristin Eva ruhe- und antriebslos durchs Leben, während Angela sich zwischen diversen Jobs und der Erziehung ihrer drei Kinder mehr als aufreibt und dabei kaum noch Luft zum Atmen hat. Um die Trauer endlich zu durchbrechen und hinter sich zu lassen, schlägt Eva Angela, anstelle ihrer verstorbenen Ehemänner beim Ultramarathon in Neuseeland zu starten und ihr Andenken so hochzuhalten. Angela, die das alles erst für eine Schnapsidee hält, lässt sich dann doch auf das Abenteuer ein. Gemeinsam mit ihren Kindern und Schwiegermutter Sherry mieten Angela und Eva sich in einem Haus am Wanaka-See ein, um dort drei Monate nicht nur zu trainieren und am Ende den Marathon zu bestreiten, sondern auch ihrer Gedanken- und Gefühlswelt freien Lauf zu lassen und neu zu sortieren. Unterstützung erhalten die beiden Frauen dabei durch Laufkamerad Marc sowie Journalist Simon...


    Lindsey Harrel hat mit „Alles, was noch vor uns liegt“ einen berührenden Roman vorgelegt, der vor der atemberaubenden Kulisse Neuseelands die Trauerverarbeitung zweier Witwen sehr real und intensiv in Szene setzt. Der flüssige, bildgewaltige und gefühlvolle Erzählstil schubst den Leser regelrecht hinein ins Geschehen, wo er schnell Zeuge der überwältigenden Trauer von Eva, Angela sowie deren Kinder wird. Die beiden Frauen könnten vom Lebensstil und ihrer Wesensart nicht unterschiedlicher sein, ebenso differenziert gehen sie mit dem Tod ihres Ehemanns um. Während Eva den Verlust ihrer großen Liebe Brent kaum ertragen kann, als kreativer Mensch jegliche Farbe und Fantasie verloren hat und wie eine Schiffbrüchige umhertreibt, ist Angela in all ihrem Handeln und Tun die Wut auf ihren Mann Wes anzumerken, fühlt sie sich mit den Kinder doch durch seine Risikobereitschaft im Stich gelassen. Die Hintergrundkulisse Neuseelands ebenso wie die täglichen Trainingsvorbereitungen für den Marathon fordern mehr und mehr die Gefühle der beiden Frauen heraus, denen sie sich stellen müssen, um endlich wieder nach vorne sehen zu können. Obwohl sie vorher eher selten etwas miteinander zu tun hatten, schafft die Autorin hier eine interessante Ausnahmesituation, in der die Frauen sich immer mehr annähern, sich gegenseitig Vertrauen entgegenbringen und sich Sachen auf den Kopf zusagen. Wenn diese Tatsachen auch wehtun und nicht wahrgenommen werden wollen, so müssen beide doch bewusst erkennen, wie recht die jeweils andere mit ihren Aussagen hat. Auch die Trauer der Kinder ist gut in die Geschichte miteingebunden, die auf einmal nicht nur ihren Vater verloren haben, sondern anscheinend auch die Mutter, die seitdem kaum noch lacht oder wirklich Zeit hat für sie. Der christliche Aspekt wurde sehr unaufdringlich in die Handlung integriert und bietet ein breites Spektrum von Schuld, Vergebung, Trauerverarbeitung, Selbstliebe, Vertrauen und Zuversicht.


    Die Charaktere glänzen mit Lebendigkeit und Facettenreichtum, wirken wie reale Personen mit Ecken und Kanten, sodass der Leser sich gut mit ihnen identifizieren und mitfiebern kann. Eva ist eine Künstlerseele, offen und eher unbeschwert, doch die Trauer hat sie in ein Loch gezogen, wo es keine Farben mehr gibt. Aber sie ist eine Kämpfernatur, die sich auch unter widrigsten Umständen durchbeißt. Angela wirkt konstant unterkühlt, unwirsch und wütend, selbst ihren Kindern gegenüber. Innerlich hadert sie nicht nur mit sich selbst, sondern hat vor allem Angst. Sherry ist eine wunderbare Schwiegermutter mit viel Wärme und Weisheit, ebenso Joanne. Marc ist ein liebenswerter Kerl, auf den man sich immer verlassen kann. Simon hat das Herz am rechten Fleck und erfasst die Lage immer auf den Punkt. Kylie ist ein Teenager, der einiges verkraften muss, allerdings manchmal mehr bemerkt, als ihre Mutter wahrhaben will.


    „Alles, was noch vor uns liegt“ nimmt den Leser mit ins atemberaubende Neuseeland, vor dessen Kulisse ihm die Seelen- und Gefühlswelt zweier Witwen offenbart wird, die ihn durch eine Achterbahn der Gefühle jagen. Verdiente Leseempfehlung für eine einfühlsame und empathische Erzählung.


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    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    gelesene Bücher 2020: 432 / 169960 Seiten

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Lindsey Harrel - Alles, was noch vor uns liegt“ zu „Lindsay Harrel - Alles, was noch vor uns liegt / The Joy of Falling“ geändert.
  • "Gott pflanzt Träume in uns hinein, und wenn er die Zeit für gekommen hält, wird er diese Träume wachsen lassen." (Buchauszug)

    Die Schwägerinnen Eva und Angela können nicht unterschiedlicher sein. Floristin Eva ist eine wahre Künstlerin in Sachen Blumen und für Abenteuer so offen wie ihr Mann Brent. Angela dagegen ist eher die Sachliche, Ängstliche, die zuvor alles hinterfragt. Doch eines verbindet die beiden miteinander, sie haben ihre Ehemänner, zwei Brüder, bei einem Tauchunfall verloren. Selbst nach über eineinhalb Jahren kämpft jeder mit seiner ganz eigenen Trauerbewältigung. Angela versucht sich und ihre drei Kinder über Wasser zu halten, dabei ist noch immer wütend auf Wes. Eva dagegen scheint keinen richtigen Sinn mehr in ihrem Leben zusehen. Bis sie erfährt, das Brent sich seinen Bruder Wes und Marc als Team für den Ultramarathon in Neuseeland angemeldet hat. Da kommt ihr die Idee, das sie als Andenken an ihre verstorbenen Männer dort antreten könnten. Gemeinsam mit Sherry und den Kindern reisen sie Monate zuvor nach Neuseeland, um sich vorzubereiten. Dabei lernt Angela den Journalisten Simon kennenlernt, der ebenfalls seine Frau verloren hat. Gleichzeitig kommen sich Marc und Eva immer näher. Doch sind die Frauen schon so weit für eine neue Liebe


    Meine Meinung:

    Das traumhafte Cover stimmt mich auf diesen Roman an. Der lockere, flüssige Schreibstil und die kurzen Kapitel machen das Lesen recht angenehm. Nach dem Klappentext erwartete ich einen emotionalen, christlichen Roman, werde jedoch ein klein wenig enttäuscht. Zwar ist er emotional, da es um den Verlust der beiden Brüder und Ehemänner geht und zudem um Trauer und Trauerbewältigung. Doch leider bleibt er, was die christlichen Aspekte betrifft, ein wenig mager. Selbst wenn Schwiegermutter Sherry eine recht gläubige Frau zu sein scheint, deutet es die Autorin hier lediglich an. Viel zu selten wird ihr starker Glaube in dem Buch erwähnt. Lediglich unterschwellig gibt sie ihren Schwiegertöchtern Ratschläge, wo es um den Glauben geht. Sie unterstützt zwar die beiden Frauen, wo sie kann und erzählt ihnen von ihrer eigenen Trauerbewältigung nach dem frühen Tod ihres Mannes. Doch irgendwie war mir das alles etwas zu flach. Ich finde, da hätte die Autorin ruhig deutlicher werden können, was den Glauben anbelangt. Zum Ganzen kommen dann noch die Probleme, die Angela mit ihrer pubertierenden Tochter Kylee hat. Schön dagegen fand ich, wie unterschiedlich die beiden Frauen ihre Trauer verarbeiten. Während Eva Brent so sehr nachtrauert, dass er schon fast zum Heiligen wird, trauert Angela viel zu wenig. Für sie steht die Wut auf ihren Mann im Vordergrund. Weil Wes die Familie so oft alleine gelassen hat und stattdessen lieber mit seinem Bruder das Abenteuer und Vergnügen gesucht hat. Dass er dabei sein Leben riskiert und deshalb nun seine Familie alleine dasteht, verärgert sie noch mehr. Dadurch kann sie selbst nicht richtig trauern und verkriecht sich stattdessen in Arbeit. Darum fand ich die Idee mit dem Ultramarathon in Neuseeland, bei dem sie über sieben Tage 250 Kilometer bewältigen müssen, sehr interessant. Dieser Marathon nimmt recht viel Raum ein im Buch, sodass die Liebe ebenfalls etwas zu kurz kommt und außerdem noch verkompliziert wird. Zudem störte mich das Ende etwas, das noch einmal bei den Frauen infrage stellt, bevor es für sie dann doch noch eine neue Zukunft gibt. Dagegen haben mich Sätze wie diese begeistert: "Du wirst nie echte Freude erleben, wenn du dich mit der Traurigkeit, der Wut und der Trauer nicht ehrlich auseinandersetzt" oder "Du wirst deinen Kindern niemals helfen können, ihre Trauer zu verarbeiten, bis du ihnen zeigst, wie das geht.", sie haben die Geschichte zusätzlich aufgewertet. Hier spürt man, dass die Autorin während dem Schreiben des Buchs selbst Trauerfälle miterlebt hat. Was Trauer, Trauerbewältigung und diesen Marathon anbelangt, hätte die Autorin die volle Punktzahl verdient. Jedoch, da mir der Glaube zu wenig, das Ende nicht ganz glaubhaft und zudem etwas zu sehr verkompliziert wurde, bekommt es von mir 4 von 5 Sterne. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :thumleft:

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