Amanda Gorman - Den Hügel hinauf / The Hill We Climb

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  • Verlagstext:


    Mit dem Gedicht »The Hill We Climb – Den Hügel hinauf«, das Amanda Gorman am 20. Januar 2021 bei der Inauguration des 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Joe Biden, vortrug, schenkte eine junge Lyrikerin den Menschen auf der ganzen Welt eine einzigartige Botschaft der Hoffnung und Zuversicht. [...] »The Hill We Climb – Den Hügel hinauf« ist jetzt in der autorisierten zweisprachigen Fassung als kommentierte Sonderausgabe erhältlich.

    Quelle: amazon.de; aufgrund von Doppelungen gekürzt



    Meine Meinung:


    Schon beim Anschauen der Inauguration von Joe Biden und Kamala Harris, als die junge Dichterin Amanda Gorman ans Mikrofon trat und ihr flammendes Werk vortrug, dachte ich: Alles richtig gemacht! Ich glaube nicht, dass es dabei nur um Proporz ging (alter weißer Mann, der als Gegengewicht auf der Bühne eine junge Schwarze Frau braucht; davon abgesehen saß da ja auch schon Kamala Harris), sondern dass Biden / Harris wirklich dafür stehen, Diversität repräsentieren zu wollen, und zwar über den Tag der Feierlichkeiten hinaus.


    "Alles richtig gemacht" dachte ich dann auch, als ich Gormans Gedicht (damals eher als Rede empfunden) lauschte, denn sie verstand es meisterhaft, historische und aktuelle Missstände anzusprechen, aber dann die Menschen miteinander zu vereinen und einen Weg zur Versöhnung zu weisen. Das wurde mir nun beim Lesen des englischen und deutschen Textes noch einmal besonders deutlich. Gorman verbindet Geschichte mit Zukunftsvisionen und bedient sich dabei einer Sprache, die selbst ich, ohne Englisch studiert zu haben, in ihrer besonderen Schönheit wahrnehmen und genießen konnte.


    Zuletzt gilt "alles richtig gemacht", oder zumindest fast alles, dem Verlag, der sich mit dem Übersetzerinnentrio für einen ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Weg entschieden hat - und das, bevor die Debatte um geeignete oder ungeeignete Übersetzer*innen des Werkes ausbrach. Ein Text, in dem so viel persönliche Geschichte und Politisierung steckt, muss von Menschen übersetzt werden, die diese Ebene sehr genau und differenziert verstehen. (Womit ich nicht sagen will, dass sie diese zwangsläufig selbst erlebt haben müssen; dann könnte kaum jemand ein Werk übersetzen oder auch nur schreiben, das über den eigenen Erlebenshorizont hinausgeht.) Den Übersetzerinnen waren sowohl die besonderen Hintergründe und Anklänge des Werkes als auch die möglichen Fallstricke bei der Übertragung derselben ins Deutsche bewusst; sie haben sie vermieden und in einem aufschlussreichen Anhang mit Anmerkungen erläutert. Hier wurden auch die Bezüge, die Gorman zu anderen Texten (z.B. Werken von Maya Angelou oder früheren Inaugurationsgedichten) herstellt und die mir als Leserin so nur teilweise aufgefallen wären, aufgeschlüsselt. Das hat mir sehr gut gefallen und weckt Lust darauf, auch in diesen Werken noch einmal zu stöbern und mich lesend darin zu bewegen.

    Ob es möglich gewesen wäre, den Duktus und die sinnreiche Wortwahl von Amanda Gorman im Deutschen noch besser wiederzugeben, kann ich nur schwer beurteilen. Vielleicht hätte eine Dichterin als Vierte im Bunde der Übertragung gutgetan? Ich finde den Text auf Englisch viel schöner, sehe aber auch, dass die Wortspiele, die sich dort immer wieder finden, im Deutschen nicht funktionieren würden. Daher gilt meine Begeisterung im Blick auf die Sprache dem englischen Original.


    Einziger Wermutstropfen ist der stattliche Preis von 10 Euro für ein so schmales Bändchen.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:  :bewertungHalb:

    Lg Sarange :cat:


    :study: Maja Lunde - Die Letzten ihrer Art

    :study: Miki Sakamoto - Zen und das Glück, im Garten zu arbeiten

    :musik: Nadia Murad - Ich bin eure Stimme



  • Danke für die schöne Rezension. Im Kulturplatz des Schweizer Fernsehen sind die Autorinnen ausführlich zu Wort gekommen und haben erklärt wie sie die Übersetzung erlebten.

    Danke für den Link, die Sendung schaue ich mir gern mal an.

    Lg Sarange :cat:


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    :musik: Nadia Murad - Ich bin eure Stimme



  • Mario

    Hat den Titel des Themas von „Amanda Gorman - The Hill We Climb / Den Hügel hinauf“ zu „Amanda Gorman - Den Hügel hinauf / The Hill We Climb“ geändert.
  • Amanda Gorman hat mich bei der Amtseinführung auch unfassbar beeindruckt. Tolle Frau, großartiges Gedicht und auch ein klasse Outfit, das ja jetzt schon zur Ikone geworden ist.


    Die zweisprachige Fassung ist eine schöne Idee und scheint auch gut umgesetzt zu sein. Danke für die Eindrücke!

  • Vielen Dank, Sarange . Ich hatte ihren Wahnsinnsvortrag auch "in direkt" miterleben dürfen und war - trotz einiger Verständnisschwierigkeiten hier und da - sofort schwer beeindruckt. Was Du den Duktus nennst, die Melodie, die Vortragsweise, erinnerte mich - man verzeihe mir eine eventuelle Ignoranz in diesen Dingen - an einen nahezu "slam-poetry-Vortrag". Das kam mit einer solchen Unterstreichung durch, wurde so toll betont - ich war hin und weg angesichts der Sprachschönheit. Wahrscheinlich war diese Anlehnung an den Alltag nicht rein zufällig. Ich hatte mir die Rede neulich nochmals irgendwo im net durchgelesen. Für mich ging beim Lesen dann fast die Hälfte der Durchschlagskraft verloren.

  • Mario Ich habe beim Titel die Reihenfolge aufgenommen, die das Cover bietet. Auch Buchhandlungen wie amazon, Thalia oder Hugendubel nennen erst den englischen und dann den deutschen Titel, allerdings mit Bindestrich dazwischen. Ich denke, dadurch soll der Originaltext stärker gewürdigt werden, da die Übertragung ja keine vollständige Wiedergabe des Textes leisten kann.


    EDIT:

    Was Du den Duktus nennst, die Melodie, die Vortragsweise, erinnerte mich - man verzeihe mir eine eventuelle Ignoranz in diesen Dingen - an einen nahezu "slam-poetry-Vortrag". Das kam mit einer solchen Unterstreichung durch, wurde so toll betont - ich war hin und weg angesichts der Sprachschönheit. Wahrscheinlich war diese Anlehnung an den Alltag nicht rein zufällig. Ich hatte mir die Rede neulich nochmals irgendwo im net durchgelesen. Für mich ging beim Lesen dann fast die Hälfte der Durchschlagskraft verloren.

    Ich finde sehr interessant, was du hier geschrieben hast, denn ich habe mit "Duktus" vorhin tatsächlich zunächst an den Duktus des Geschriebenen gedacht, nicht an Gormans konkreten Vortrag. Der war für meinen persönlichen Geschmack sogar etwas zuviel des Guten an Betonung und Gestikulation. Ich bin kein besonderer Fan von Slam Poetry, das kommt mir oft zu gehetzt und überbetont daher. Aber es ist ja schön, wenn andere Menschen das anders wahrnehmen. :D Mit dem Werk von Gorman kam ich als Text sehr gut zurecht und konnte ihm in der schriftlichen Form sogar mehr abgewinnen als ihrem Vortrag.

    Lg Sarange :cat:


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    :musik: Nadia Murad - Ich bin eure Stimme



  • h hatte ihren Wahnsinnsvortrag auch "in direkt" miterleben dürfen und war - trotz einiger Verständnisschwierigkeiten hier und da - sofort schwer beeindruckt. Was Du den Duktus nennst, die Melodie, die Vortragsweise, erinnerte mich - man verzeihe mir eine eventuelle Ignoranz in diesen Dingen - an einen nahezu "slam-poetry-Vortrag".

    Das ist genau die richtige Beschreibung, denn Amanda Gorman bezeichnet sich selbst als "Spoken Word" Poetin.

    :study: Zeitenlos / R.A. Salvatore

    :study: In 80 Zügen um die Welt / Monisha Rajesh





  • Noch ein Nachtrag: Je länger ich den Text nachhallen lasse, umso unzufriedener werde ich mit dem deutschen Titel. Weder das kräftig-aktive Element des Ersteigens (auch gegen Widerstände) noch das programmatische "Wir" wurden aufgegriffen. "Den Hügel hinauf" finde ich schwach und nichtssagend.

    Da die Autorin dafür nichts kann und ich mich oben hinsichtlich der Sprache ja ausdrücklich auf den Originaltext bezogen habe, ziehe ich dafür jetzt keine Sterne ab, finde es aber schade und dem Werk nicht angemessen.

    Lg Sarange :cat:


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