Wladimir Gelfand - Deutschland-Tagebuch 1945-1946 / Dnevnik 1941-1946

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  • Der Autor (Q: Aufbau): Wladimir Natanowitsch Gelfand (Влади́мир Ната́нович Ге́льфанд), geboren am 1. März 1923 in Nowo-Archangelsk, Ukraine. Er war Jude, meldete sich im Frühjahr 1941 zur Roten Armee, nach der Entlassung im September 1946 Abitur und Studium der russischen Sprache und Literatur. Von 1953 bis zu seinem Tod am 25. November 1983 arbeitete Gelfand als Berufsschullehrer in Perm und Dnepropetrowsk (heute Dnipro).


    Die Herausgeberin (Q: Aufbau): Elke Scherstjanoi, geboren 1956, Historikerin, 1980 bis 1991 an der AdW der DDR, seit 1994 wissenschaftliche Miterarbeiterin des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, Forschungen zur ostdeutschen Nachkriegsgeschichte und zum deutsch-sowjetischen Verhältnis.


    Klappentext (Q: Aufbau): Das erste private Tagebuch eines Offiziers der Roten Armee, das in deutscher Sprache vorliegt. Wladimir Gelfand schildert die schweren Kämpfe beim Vormarsch auf Berlin und seine Erlebnisse als Besatzer. Der junge attraktive Mann will Land und Leute kennenlernen, macht Geschäfte auf dem Schwarzen Markt, verliebt sich …
    Als aufrichtiger Chronist blendet Gelfand Racheakte unter Kameraden, den Kasernenalltag, Beutenahmen und Verbrechen an Zivilisten nicht aus. "Ein unverfälschter Blick von der anderen Seite der Front." (ARD)


    Deutsche, schwedische und russische Ausgaben:
    Das Buch erschien unter dem Titel „Deutschland-Tagebuch 1945 – 1946: Aufzeichnungen eines Rotarmisten“, ausgewählt und kommentiert von Elke Scherstjanoi. Die Übersetzung aus dem Russischen besorgten Anja Lutter und Hartmut Schröder. Sie erschien 2005 beim Aufbau-Verlag Berlin und 2008 als Aufbau-Taschenbuch, mit 32 Fotos und Faksimiles aus dem Nachlass von Wladimir Gelfand. 357 Seiten.

    Im Juni 2006 folgte eine schwedische Übersetzung des Deutschland-Tagebuches von Vladimir Gelfand (schwedische Schreibweise) als „Tysk dagbok 1945-46: En sovjetisk officers anteckningar“, übersetzt von Lars Wiklund und Ola Wallin, erschienen beim Verlag Ersatz, 399 Seiten.

    In Russland findet sich 2015 eine umfassendere Veröffentlichung der Tagebücher von Vladimir N. Gel’fands (aus dem Kyrillischen transliterierte Schreibweise): „Dnevnik 1941-1946“ mit einem Umfang von 751 Seiten in kyrillischer Schrift beim Verlag Rosspén in Moskau.


    Das Buch stellt eine postume Zusammenstellung von Tagebucheintragungen, Briefen und Dokumenten aus der Zeit von Januar 1945 bis September 1946 dar. Etwa 80 Prozent des Textkorpus entsprechen dem fortlaufenden Tagebuch von Wladimir Gelfand einschließlich aller verständlichen Randnotizen. Die Texte des Tagebuches wurden nachträglich nicht verändert oder umgeschrieben, liegen also gewissermaßen im zeitgetreuen Zustand vor.


    Meine Einschätzung:
    Das Tagebuch eines jungen Offiziers der Roten Armee beschreibt seine Tage in Deutschland, vom Kampf um Berlin, den er als Stabsoffizier einer Division der 3. Stoßarmee der 1. Weißrussischen Front nicht im vorderen Frontbereich erlebte, und aus der direkten Nachkriegszeit. Ein historischer Glücksfund, doch mir ging der latent selbstmitleidige Tonfall auf die Dauer auf die Nerven. Der intellektuelle, literaturbegeisterte Schöngeist Gelfand schreibt viel über Schikanen und Mobbing innerhalb der Armee, die er entweder aus antisemitischen oder antiintellektuellen Gründen ständig erleiden musste. Was sonst passiert: Abwarten, fehlende Zuständigkeiten, Dinge von A nach B transportieren, Sachen auf dem Schwarzmarkt kaufen und nach Hause schicken, mit deutschen Mädchen anbändeln, mit Tripper ins Krankenhaus. Man kann also quasi schön miterleben, wie ein kulturell durchgeistigter Sowjetbürger vom Dienst in der Roten Armee wegen organisatorischer Leerstellen des Soldatenalltags und anwachsender Schwierigkeiten mit Kameraden und Vorgesetzten seine Illusionen verliert. Seinen Stolz als Frontkämpfer schmälern diese Anfeindungen und Misslichkeiten allerdings kaum.
    Als unverfälschtes Selbstzeugnis der sowjetischen Kriegsgeneration ist das Buch ein wirklicher Knüller. Aber der oft umständliche, pathetisch-verschwurbelte Schreibtstil nimmt dem Lesevergnügen einigen Wind aus den Segeln. Vor allem daher rührt meine moderate Sterne-Bewertung.

    Roberta Ann McAvoy "Raphael" (207/252)

    Tove Jansson "Eine drollige Gesellschaft" (140/194)


    Jahresbeste: Drury (2021), Jansson (2020), Lieberman (2019), Ferris (2018), Cather (2017), Tomine (2016), Raymond (2015), Agee (2014), Kesey (2013), Nisbet & Ford (2012) :king:

    Gelesen: 61 (2021), 161 (2020), 127 (2019), 145 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Grady Hendrix "Paperbacks from Hell" (24.4.)

  • Das Deutschland-Tagebuch ist eine deutsche Erstausgabe. Eine direkte russische Originalausgabe gibt es also nicht. Allerdings wurde 2015 beim Verlag Rosspén in Moskau. eine umfassendere Veröffentlichung der Tagebücher von Vladimir N. Gel’fand vorgenommen, die die Zeit von 1941 bis 1946 umfasst: „Dnevnik 1941-1946“. Umfang: 751 Seiten.

    Roberta Ann McAvoy "Raphael" (207/252)

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  • Im Juni 2006 wurde die schwedische Übersetzung des Deutschland-Tagebuches als „Tysk dagbok 1945-46: En sovjetisk officers anteckningar“ von Lars Wiklund und Ola Wallin beim Verlag Ersatz veröffentlicht. Umfang: 399 Seiten.

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  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Wladimir Gelfand - Deutschland-Tagebuch 1945-1946“ zu „Wladimir Gelfand - Deutschland-Tagebuch 1945-1946 / Dnevnik 1941-1946“ geändert.
  • K.-G. Beck-Ewe : So wirklich korrekt ist die Titeländerung aber nicht. :scratch:

    Das Deutschland-Tagebuch von Gelfand ist eine deutsche Erstausgabe. Eine direkte russische Originalausgabe gibt es nicht (wenn man von den alten Manuskripten und Briefen im Gelfand-Nachlass absieht). Erst zehn Jahre später erschien 2015 in Moskau diese andere Ausgabe der Tagebücher von ganz anderen Herausgebern (Titel: "Dnevnik 1941-1946"), die einen größeren Zeitrahmen abdeckt als das deutsche Buch (nicht erst 1945 und 1946, sondern schon ab 1941), also mit anderem Fokus und mehr als doppelt so lang. Für mich sprechen die unterschiedliche Herausgeberschaft und die spätere VÖ der russischen Ausgabe dagegen, sie als Originalausgabe im Titel zu führen. :-k

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  • Jean van der Vlugt Das ging auch aus Deiner Besprechung hervor. Aber bei dieser verkürzten Ausgabe im Deutschen handelt es sich nichtsdestotrotz um die Übersetzung eine ursprünglich russischen Texts. Deswegen halten ich die Erwähnung des russischen Ausgangstexts in der Titelzeile für durchaus angemessen.

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