Joann Sfar - Rentrez chez vous !

  • Kurzmeinung

    tom leo
    Umständlicher, aber wenn politisch verstanden, eventuell sehr aussagekräftig?!

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  • Zehnter Band der "Katze des Rabbiners"


    Original : Französisch, 2020


    INHALT :

    Zlabya und ihr Vater, der Rabbiner, aber auch der Rabbiner des Rabbiners, natürlich unterbrochen von der Katze, erzählen jeweils von ihren Reisen im Nahen Orient zwischen 1870 und 1973. Immer auf der Suche nach einem « verheißenem Land », wo man nicht in Gefahr wäre. Sie erzählen ein Schicksal zwischen Geschichte, Rassismus und dem Wunsch, seinen Platz zu finden, zwischen Alger und Nizza, und Jerusalem und Galiläa durchziehend. (Behelfsübersetzung aus dem Französischen)


    BEMERKUNGEN :

    Eingerahmt wird die Geschichte dieses Mal mit zwei ganz ähnlichen Szenerien : einmal in den 20iger Jahren im uns schon bekannten kleinen jüdischen Gemeindekreis in Alger, einmal, über 50 Jahre später mit der alt gewordenen Zlabya, ihrem Mann und ihren Nachkommen als auch der immer noch lebenden Katze (O Wunder!) in Nizza. Beide Male befinden sie sich an den jeweiligen Stränden der Städte, leben eine Gebetszeremonie und… erfahren Ausgrenzung und Beschimpfung durch Einheimische ! « Dreckige Juden ! » Als ob sich das Schicksal der Juden darauf reduzierte, wie oft, neu aufzubrechen, neue Heimat und Sicherheit zu finden. Und in Alger die Frage : Sollen wir ins Heilige Land gehen ?


    Aber welche Erfahrungen gab und gibt es damit ? Der Rabbiner des Rabbiners erzählt von seinem Touristenführerdasein, das ihn in den 1870iger Jahren als Zehnjähriger und Begleiter eines christlichen Ehepaares nach Israel brachte. Was für ein Durcheinander unter den sich streitenden Christen ! Sehr unschön… Und wer schaut durch durch die unterschiedlichsten Generationen und Herkunftsländer jüdischer Einwanderer ? Wie viele Tradtionen und Schulen…


    Und was war die Lösung für den jungen Algerierjuden um wieder heimkehren zu können ? Sie befand sich nicht bei den Mitjuden, noch bei den Türken, sondern bei den Franzosen ! Durch das https://de.wikipedia.org/wiki/D%C3%A9cret_Cr%C3%A9mieux wurden die Juden zu französischen Staatsbürgern. Aber war dies die Lösung ? Den Arabern wurde diese vorenthalten und es entstand nur neuer Streit und Neid…


    Auch eine andere Erzähleinheit hat ein Politikum als Hintergrund : Als Zlabya in ihren revoltierenden Mädchenjahren unterwegs war landete sie verliebt auch in einem Kibbutz im Heiligen Land. Die Engländer hatten mit einer Zweistaatenlösung gespielt, doch sie nie durchgezogen. Und wieder Streit… Gibt es Frieden auf Erden ? Ein Leben ohne Antisemitismus ?


    Als inzwischen alte Menschen kommen Zlabya und ihr Mann mit Kindern und Enkeln dann doch noch nach Israel…, und werden als « dreckige Araber » bezeichnet…


    Sfar spielt hier auf einer politischeren Ebene, und umfaßt tatsächlich ein Jahrhundert Geschehen. Insofern ist die Perspektive weiter. Leider gibt es einige Passagen, die m.E. zu lange ausgefallen sind, zu umständlich? Insbesondere im Zlabya-Erzählteil gibt es eine Jagdgeschichte, die m.E. nur verständlich wird, wenn man im gehetzten, gemarterten, und dennoch blind treuen Hund das Symbol des nicht revoltierenden Juden nimmt ? Was meint ihr ???


    Auf der letzten Seite kündigt Sfar schon eine weitere Fortsetzung an...


    AUTOR :

    Joann Sfar (* 28. August 1971 in Nizza) ist ein französischer Comicautor, Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller. Er studierte Philosophie an der Universität Nizza und erlangte darin einen Magisterabschluss, bevor er an der École nationale supérieure des beaux-arts de Paris Kunst studierte. Er arbeitet mit anderen Comiczeichnern wie Tronchet und Emmanuel Guibert in einem gemeinsamen Atelier und ist Zeichner und Comicszenarist einer Vielzahl von Serien für Kinder und erwachsenes Publikum.


    In « Die Katze des Rabbiners » thematisiert Sfar, selbst Jude, das Judentum im Maghreb. Er bezeichnet sich selbst als nicht religiös. Das Judentum ist für ihn in erster Linie Kultur, nicht Religion. Als Zeichner wird Sfar wegen seines fast skizzenhaft nervösen, virtuosen Strichs geschätzt.


    Am Festival International de la Bande Dessinée d’Angoulême wurde er 1998 mit dem Prix René Goscinny für das Album La Fille du professeur ausgezeichnet. Ebenfalls in Angoulême gewann er 2002 für sein Lebenswerk den Grand Prix de la Ville d’Angoulême. 2001 bekam er den Prix international de la Ville de Genève pour la bande dessinée für L'Académie des Beaux-Arts (erster Band der Serie Le Minuscule Mousquetaire).


    2010 gab er mit « Gainsbourg – Der Mann, der die Frauen liebte » sein Spielfilmdebüt als Regisseur und Drehbuchautor. Danach verfilmte Sfar gemeinsam mit Antoine Delesvaux mehrere Teile seiner Comic-Reihe « Die Katze des Rabbiners » zu einem animierten Spielfilm. Le Chat du rabbin wurde Anfang Juni 2011 in Frankreich veröffentlicht und brachte ihm den Preis für den besten Langfilm des Festival d’Animation Annecy sowie einen César ein.


    Sehr produktiver Zeichner : mehr als hundert Bände !


    Éditeur : DARGAUD (16 octobre 2020)

    Langue : Français

    Broché : 96 pages

    ISBN-10 : 2205080032

    ISBN-13 : 978-2205080032

    Poids de l'article : 640 g

    Dimensions : 22.3 x 1.4 x 29.8 cm

  • Ich wollte deine Rezi erst nach dem Ende meiner eigenen Lektüre dieses Bandes lesen, lieber tom leo , und kann alles, was du geschrieben hast, nur unterstreichen.


    Die Grundidee mit den verschiedenen (echten oder fiktiven) und zeitlich sowie von den Umständen her ganz unterschiedlichenen Reisen ins Gelobte Land, das sich dann immer wieder als recht unfreundlich oder zumindest widerspenstig erweist, hat mir sehr gut gefallen. "Teile und herrsche" funktioniert(e) zu allen Zeiten, die Erfahrungen von Ablehnung und Ausgrenzung ähneln sich, wenn man nicht als "dreckiger Jude" beschimpft wird, dann eben (als algerischer Jude in Israel) als "dreckiger Araber"... :( Ob das in Frankreich dann besser sein wird?


    Die von dir angesprochene Hetzjagd war mir auch zu breit ausgewalzt, aber ich danke dir für den Deutungsansatz, der mir vor lauter Abscheu vorm Geschehen gar nicht gekommen wäre. 8-[ Das hätte man in der Tat straffen können!


    Sfar greift in diesem Band gekonnt und auf oft schmerzende Weise die verschiedenen Zwangslagen von jüdischen Menschen auf, aber gleichzeitig sind diese - wie immer in dieser Reihe - auch nicht sicher vor seinem oft beißenden Humor, mit dem er so manche jüdische Gepflogenheit aufs Korn nimmt...


    Da ich mir nicht sicher bin, ob ich immer alles richtig verstanden habe, vergebe ich 3,5 Sterne, die sich aber nach der hoffentlich im Herbst folgenden Lektüre der deutschen Übersetzung noch nach oben oder unten verändern könnten. Vielleicht kann ich dann sogar noch ein paar sinnvolle Gedanken ergänzen.


    Und jetzt schaue ich mir direkt nochmal den Film an! :cat:

    Lg Sarange :cat:


    :study: Karin Kalisa - Bergsalz

    :study: Ann Baer - Die Farben des Jahres

    :montag: Meister Eckhart - Mystische Schriften

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