Norbert Ohler - Pilgerstab und Jakobsmuschel

Anzeige

  • Pilger ( von lat. Peregrinus, engl. Pilgrim, frz. Pelerin) zu sein, heißt auf der Wanderung in Richtung eines Zieles, auf der Suche zu sein.


    Die Blüte des Pilgerwesens lag im Mittelalter und hat maßgeblich zur Verbreitung von Ideen, Schrifttum, Glaubens - und Lebensformen beigetragen.


    Das Phänomen der Pilgerfahrt ist dabei allen Weltreligionen gemein, es ist in vielfacher Spielart weltweit immer wieder aufgetreten.


    Der Name Jakobsmuschel im Titel zeigt, worum es Ohlert vor allem geht: Das Pilgerwesen im europäischen Mittelalter.

    Ohlert ist Spezialist für das Reisewesen des Mittelalters, sein Buch " Reisen im Mittelalter" ist ein Standardwerk der Geschichtswissenschaft.( vgl.Rezension)

    Es geht dem Autor in diesem Buch vor allem darum, die Bedeutung des Pilgerwesens für die Ideen und Kulturgeschichte aufzuzeigen.


    Nichts hat den Austausch von Schriften, politischen und religiösen Nachrichten, neuen Gedankenströmen , die Meldungen über Gefahren, Krisen und Kriege so befeuert und beschleunigt, wie der Pilgerzug von Herberge zu Kloster, von Ort zu Ort.

    Ein Netz von klösterlichen Herbergen, städtischen Hospizen, Xenodochien und Hospitälern begann die europäischen Länder zu durchziehen, immer dichter und engmaschiger. Das führte zur Gründung vieler Städte und Gemeinden.

    So verdankt die Stadt München etwa ihre Existenz einem Kloster ( Mönchen) an der Isar, das als Pilgerherberge fungierte. Erst der Streit Heinrichs des Löwen (1129 - 1195) mit dem Bischof von Freising um den Isarzoll machte aus dieser Pilgerzuflucht eine Stadtgründung des Welfenherzogs. (1158 )


    Die bis heute bekannten modernen Verkehrswege, die schnelle Ausbreitung des Geldverkehrs, die Fortbewegungsmittel, die Verbreitung der Sprache und der Schrift sind kaum vorstellbar, ohne den europaweit ständig fließenden Strom von Wallfahrern und Pilgern.

    Unser aller Leben sähe anders aus, ohne die Grundbedingungen, die das mittelalterliche Pilgerwesen geschaffen hat.

    Ohlert arbeitet wie immer äußerst gründlich:

    Von der Nahrung bis zur Kleidung, den ersten Pilgerführern ( Vorläufer des Baedecker) bis zur Sprache und soziologischen Zusammensetzung der Pilgergruppen,untersucht er alles Relevante und auch vieles Spezifische in Teilaspekten.

    So gab es auch falsche Pilger, Diebe und Scharlatane. Pilgerwesen wurde vorgetäuscht für Kriege und Raubzüge. So wurde die gesamte Bewegung der Kreuzzüge auch oft als Pilgerbewegung bezeichnet.

    Hier zu differenzieren bemüht sich der Autor in einem speziellen Abschnitt.


    Von Norbert Ohler ist man akribische Quellendokumentation gewohnt und er enttäuscht auch diesmal nicht. Dennoch ist das vorliegende Buch keine Fachliteratur im engeren Sinn, dazu ist es zu breit angelegt.

    Es ist beste Unterhaltung mit einem seriösen Wissenstransfer, aber vor allem mit Lesespaß. Für alle Freunde des Mittelalters, von denen es so erfreulich viele gibt.


    Norbert Ohler ( geb.1935) war Fachbereichsleiter für Geschichte des Mittelalters an der Universität Freiburg und erwarb hohes Ansehen für seine Erkundung mittelalterlicher Quellen und Quellen des nachbiblischen Judentums. Auch sein Buch " Sterben und Tod" im Mittelalter war ein bahnbrechendes Kompendium zu dieser Fragestellung, entstanden aus seiner Hauptseminarreihe.. Norbert Ohler ist emeritiert und lebt in Freiburg.

Anzeige