James Clavell - Gai Jin

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  • Inhalt:


    Japan 1862:

    Zweihundert Jahre ist es nun her, seit der Warlord Torranaga das Land unter seiner Herrschaft vereinigt und ein allmächtiges Shogunat errichtet hat. Doch die Allmacht bröckelt allmählich, unterminiert durch korrupte Beamte, mächtige Warlords, reiche Händler und nicht zuletzt die Ausländer, die eine wirtschaftliche Öffnung Japans erzwingen wollen. Auch der Kaiser, im Grunde nicht mehr als eine Marionette des Shoguns, trachtet nach weltlichen Befugnissen. Unterstützt wird er dabei durch eine Gruppe mächtiger Rebellen und Warlords, die den jüngsten Spross des Torranga Shogunats, aus dem Untergrund stürzen möchte.

    Sein Vormund und Onkel Torranaga Yoshi, überzeugt um den Titel betrogen worden zu sein, versucht ebenfalls die Macht an sich zu reißen und gleichzeitig die alte Ordnung aufrecht zu erhalten.

    Und inmitten all dieser Wirren reift Malcolm Struan - der angehende Tai Pan von Noble House - zum Mann.

    Er versucht auch in Japan eine Vormachtstellung für sein Haus zu erreichen und die Frau zu heiraten die er liebt. Gegen den Willen seiner Mutter und alle Konfessionen.

    Doch er ist, nach einer Samurai Attacke schwer verwundet und schlittert zusehends in eine internationale Intrige, an der auch seine Angebetete beteiligt ist.

    Denn auch die Franzosen, Preußen, Russen und Schweizer versuchen mit allen Mitteln, ein Stück des neuen Marktes zu ergattern und scheuen vor nichts zurück.


    Meine Meinung:


    James Clavell mochte offensichtlich sehr umfangreiche Bücher und so walzt er auch "Gai Jin" auf über 1300 Seiten aus.

    Mich stört das prinzipiell nicht, bei den Vorgängern kam nie das Gefühl von Arbeit auf, was sich hier leider ein wenig anders verhält.

    Schon während des Lesens, etwa nach der Hälfte des Romans, hatte ich das Gefühl, die ersten fünfhundert Seiten waren im Grunde nur Vorgeplänkel.

    Welches zwar niemals wirklich langweilig ist, aber irgendwann keimt schon die Frage auf, ob ich den Tagesablauf jeder Nebenfigur, achtzig Seiten lang begleiten muss oder inwieweit dies zum Plot beiträgt.

    Das wiegt umso schwerer, weil man hier eigentlich (mindestens) zwei Bücher liest und es einige hundert Seiten dauert, bis alle diese Geschichten wirklich zusammenlaufen.


    Natürlich haben all diese Figuren Liebesaffären, Eigeninteressen, Schicksale und familiären Background und das Militär gibt es ja auch noch, welches sich in verschiedene Einheiten unterteilt, Gesandte, Diplomaten, Spione etc.

    Jeder Gruppe wird ausgiebig beleuchtet und bringt Charaktere hervor, deren Schicksale irgendwie zum Hauptplot beitragen. Manchmal auch erst vierhundert Seiten später.

    Obwohl ich eigentlich kein Problem habe, mir in Büchern Namen zu merken, musste ich doch das ein oder andere Mal nachschlagen, weil ich nicht mehr wusste, wer Hauptmann XY ist und zu welcher Gattung er nun gehört.

    Dazu kommt noch, dass viele Protagonisten überhaupt nicht sind was sie zu sein vorgeben und für ganz andere Gruppen oder Familien arbeiten, was besonders bei den Japanern, irgendwann etwas undurchsichtig ist. Vor allem wenn sie dann auch noch vier oder fünf Decknamen benutzen und andere Familiengeschichten zum Besten geben.

    Allerdings muss ich zu Clavell`s Ehrenrettung sagen, dass es niemals richtig wirr wurde und erstaunlicherweise auch niemals wirklich langatmig. So seltsam es auch klingen mag.

    Manchmal war es eben anstrengend, vor allem weil mich anfangs vorwiegend die japanische Seite - mit ihren Machtkämpfen, Intrigen und Traditionen - gefesselt hat. Aber dann muss man sich eben erstmal durch zweihundert Seiten internationale Delegation arbeiten.

    Trotzdem hat es der Autor immer geschafft, mich auch in diese Teile der Geschichte zu ziehen und den roten Faden im Blick zu behalten. Eine beachtliche Leistung!


    Das liegt zum einen an seinen erzählerischen Qualitäten, aber auch am großen Reiz der asiatischen Kultur, die gegenüber den Gai Jin (Ausländer) Gepflogenheiten rückständig wirkt, auf anderen Gebieten aber wiederum viel moderner und teilweise überlegen.

    Wie bei den Vorgängern spinnt Clavell ein sehr feines Netz aus Intrigen und verschiedener Interessenlagen, aus Liebe, Hass, Rache, Macht, Reichtum und Mord.

    Fast jede seiner zahlreichen Figuren verfolgt ganz eigene oder nationale Interessen und sie alle versuchen sich gegenseitig auszubooten. Freunde werden zu Feinden und erbitterte Gegner schließen unheilvolle Allianzen, schon mit dem Hintergedanken, sich später gegenseitig zu vernichten.

    Das alles macht einfach Spaß und übte einen derart großen Reiz auf mich aus, dass ich nie mit dem Abbruch gehadert habe.


    Was dem Buch ein wenig fehlt sind klare Identifikationsfiguren. Denn obwohl es so kleinteilig erzählt, bevor sich alles zusammenfügt, bleibt es dennoch seltsam distanziert. Eben, weil alles auf das große Ganze fokussiert ist.

    Es gibt keinen John Blackthorne oder Dirk Struan als klare Bezugspersonen, die auf sich allein gestellt agieren und mit denen ich mich als LeserIn identifizieren kann. Dadurch wirken auch die Liebesgeschichten, die für mich immer einen großen Reiz ausgemacht haben und der allgegenwärtigen Brutalität etwas Süße verliehen haben, etwas weniger charmant. Ich habe lange gebraucht, um das zuzuordnen und mich damit zu arrangieren.

    Insgesamt tut dies der Geschichte aber keinen Abbruch, obwohl es merkwürdig anmutet, bei der Fülle an Charakteren.


    Fazit:


    "Gai Jin" liest sich fast wie ein Best-Of der Vorgänger Romane "Shogun" und "Tai Pan".

    James Clavell ist hier allerdings, nach meinem Empfinden, etwas über das Ziel hinausgeschossen.

    Retrospektiv habe ich den Eindruck das hier alles hineingepackt werden sollte, was die Vorgänger ausgemacht hat und dies den Roman etwas verwässerte.

    Trotzdem funktionierte das Konzept aus kulturellem Charme, Clash of Cultures, Liebe Intrigen und vor allem das Spiel um Throne, bei mir auch ein drittes Mal.

    Alle großartigen Zutaten sind wieder enthalten und die Intrigen sind noch undurchsichtiger. Der Preis dafür war offensichtlich, diese Geschichte auf über 1300 Seiten auswalzen zu müssen und den Aufbau der Geschichte nicht immer ganz stringent zu gestalten.

    Das hätte leicht schiefgehen können, ist es aber am Ende nicht.

    Ich hatte wieder großen Spaß und erneut das Gefühl, ein tolles Abenteuer erlebt zu haben.

    Vier Sterne. :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Ich bin eitel, hochmütig, tyrannisch, blasphemisch, stolz, undankbar, herablassend - bewahre aber das Aussehen einer Rose.

    Pita Amor

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