Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis (ab 09.04.2021)

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  • Aufzeichnungen von Payer diesbezüglich lesen ob man dort näheres erfährt.

    ... was mich aber sehr wundern würde.

    Er gibt Klotz Schweigegeld und schreibt es dann öffentlich nieder? Das passt nicht. Abgesehen davon, dass Homosexualität strafbar war.


    Der Satz findet sich zu Beginn des Kapitels. Dort wird erzählt, was Klotz alles mitnimmt auf seine Wanderung ins Eis, u. a. "Papiergeld".

    ich hoffe, du kannst die Stelle nun leichter finden.

    :study: Barack Obama, Ein verheißenes Land.

    :musik: Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Sprecher: Wolfram Berger.

    :study: Kazuo Ishiguro, Damals in Nagasaki. (MLR)

    :study: Helen McDonald, Abendflüge.

  • Danke jetzt erinnere ich mich auch wieder, habe wohl zuwenig darauf geachtet.

    Er gibt Klotz Schweigegeld und schreibt es dann öffentlich nieder? Das passt nicht. Abgesehen davon, dass Homosexualität strafbar war.

    Zitat

    das Papiergeld, das Payer ihm zugesteckt hat, wenn er dem Herrn Oberlieutenanten besonders dienstbar gewesen ist

    Hast mir gerade etwas zum Denken gegeben :-k


    Allerdings und da hat mir Google geholfen - Jean Malaurie schreibt in seinem Buch "Mythos Nordpol"

    Zitat

    Über den Alltag der Forschungsreisenden ist noch lange nicht alles gesagt. Die Bordtagebücher berichten von Theateraufführungen, von Unterricht für die Analphabeten unter den Seeleuten und von Sonntagsgebeten. Doch über ein wesentliches Thema schweigen sie sich aus: die Sexualität.

    Da waren zunächst einmal die homosexuellen Beziehungen an Bord durchaus üblich.


    Julius Payer beschreibt diese Szene mit Klotz -

    Zitat

    Bei einer solchen Excursion, die ich am 7. October mit den beiden Tyrolern nach dem Lande hin unternahm, beging ich die Unvorsichtigkeit, ihnen in Anbetracht der tiefen Temperatur etwas zu viel Rum zu geben, und bemerkte diesen Fehler erst dann, als Haller von der deutschen Orthographie zu sprechen anfing. Nichts beschäftigte ihn so sehr, als die Frage, warum das Wort »und« nicht mit einem t geschrieben werde. Klotz allein, der seit einiger Zeit schwermüthig geworden, behielt die unwandelbare Fassung des Philosophen; erst als wir zum Schiffe zurückgekehrt waren, erregte sein erhabener Gedankenaustausch mit Haller die Bewunderung und das Befremden der Zurückgebliebenen. Dann nahm er händedrückend Abschied von seinen Genossen, gleich Themistokles, Sokrates und Burnet, bevor sie in die Verbannung zogen, und verschwand mit dem Gewehr innerhalb der Trümmerreihen des Eises. Erst nach zwei Stunden hörten wir in der Cajüte davon; sofort beeilten wir uns, ihn aufzusuchen. In einzelne Trupps vertheilt, durchsuchten wir nun auf einige Entfernung hin den Umkreis des Schiffes, beständig gewärtig, ihn verwundet oder erfroren hinter einem der Eishügel anzutreffen; wir glaubten, daß Heimweh und der Gegensatz des jahrelangen thatenlosen Stilllebens an Bord des »Tegetthoff« mit dem beschwerlichen, aber in seiner Art genußreichen Gebirgsleben, woran er von Jugend auf gewöhnt war, ihn zu einer Handlung geistiger Störung geführt haben möchten. Zum Glück fanden wir ihn endlich, aber nicht so, wie wir besorgt hatten, sondern würdevoll wie immer, schweigsam sich dem Schiffe nähernd. Ohne Zweifel wäre es die schönste Zerstreuung für Klotz gewesen, mit einer Heerde eingefangener Moschusochsen täglich auf die Weide hinauszuziehen.


    Glaube übrigens mich zu erinnern wir haben wir das Thema Homosexualität in ähnlicher Form schon einmal kurz gestreift, ich etwas aus den Aufzeichnungen von Payer zitiert habe.

    Deshalb nochmals, aus den Aufzeichnungen des ersten Winters - wobei Julius Payer die Situation meiner Meinung nach diskret umschreibt.

    Zitat

    Da jedes Bild der uns umgebenden Schöpfung in unserem Innern eine verwandte Stimmung hervorruft, so ist es natürlich, daß der Eindruck einer dürftigen Natur, die selbst des Lichtes entbehrt, besonders für Jene beschwerlich ist, die ihre Gegenwart nicht zu vergessen wissen. Aber selbst die geistige Thätigkeit und der Wunsch nach Thaten steht in einem traurigen Gegensatz zu der trostlosen Gleichmäßigkeit, welche das jahrelange Hinwarten auf Thauen und Gefrieren auferlegt. Höchst einförmig ist das Leben in der langen Winternacht; nirgends auf der Erde kann ein Exil so vollständig sein wie hier, unter dem furchtbaren Triumvirat: Finsterniß, Kälte und Einsamkeit. Selbst Engel müßte das Verlangen des Wechsels befallen; wie sehr muß diese Sehnsucht Menschen ergreifen, welche Allem entrissen sind, was ihre Wünsche reizt und durch die Phantasie verschönert wird. Wahr ist endlich der Ausspruch Lessing's: »Wir sind zu sehr an den Verkehr mit dem andern Geschlechte gewöhnt, als daß wir bei gänzlicher Vermissung des Reizenden nicht eine entsetzliche Leere empfinden sollten«.Die Cabinen des »Tegetthoff« boten der gemeinsamen Cajüte auf der »Germania« gegenüber den Vortheil, sich bei besonderen Arbeiten dahin zurückziehen und jeder Störung entrinnen zu können.

    1. (Ø)

      Verlag: National Geographic Deutschland


    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • Meiner Erinnerung nach waren sie zu zweit? Er hätte also ausharren können.

    Mit dem einschnürenden Riemen um den Oberkörper, das Gewicht ziehend an ihm, ihm die Luft ab- oder den Bauch einschnürend? Nein, tatsächlich kann ich mir das nicht vorstellen. Ausnahmsweise bin ich hier tatsächlich auf Payers Seite.

    Ich sehe ihn eher als gemischten Charakter, und das sind wir schließlich alle, jedenfalls fast alle.

    Ich sehe ihn schon auch gemischt - hier in diesem Kapitel wurde er mir sehr unsympathisch, aber seine Leistungen und Qualifikationen will ich ihm gar nicht absprechen. Er war sicherlich sehr fähig in dem was er tat :wink:

    Sie wird bei der Vorstellung der Mannschaft bereits erwähnt, und da fand ich es schon befremdlich. Er war aber nicht der einzige mit "Schwindsucht" (bin grad zu faul zum Nachschlagen).

    Vielleicht liegt es auch daran, dass TB damals so weit verbreitet war und niemand ihre genaue Ursache kannte, der Erreger wurde erst später entdeckt. Wir urteilen aus unserer Sicht :-k

    Eines erreicht der Erzähler/Autor jedenfalls bei mir: im Unterschied zu anderen Expeditionsberichten und -erzählungen kann ich mich hier erheblich besser in die Gemütslage der Menschen versetzen.

    Ich hab zwar noch keine anderen Expeditionsberichte gelesen, aber ich geb Dr recht was das Sich-hineinversetzen angeht. Ransmayr schafft es hervorragend, den Leser hier mit hineinzuziehen.

    Das ganze Elend welches bei der Geschichte wie sie Ransmmayr schildert, spürt man einfach nicht bei den Aufzeichnungen von Payer. Ich weiss nicht ob er bewusst alles nüchtern beschreibt, er keine Schwäche durchsickern lassen möchte.

    Vermutlich eine Mischung aus beidem: Payer schrieb im Tagebuch sehr sachlich und Ransmayr stellt auch die Emotionen der Männer heraus. So ergibt sich der Eindruck sehr unterschiedlicher Beschreibungen. :wink:

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Christopher McDougall - Das Glück ist grau


  • Nicht nur hatte er da nicht das Sagen, aber er war auch eher untätig.

    Dazu werde ich mich nicht äusseren, es würde einfach zu weit führen. Allerdings keiner auf dem Schiff, weder Mannschaft noch Offiziere auch während der langen Wartezeiten waren untätig.

    Das ist für mich ein absolutes Versagen. Schon die Teilung der Gruppe auf der zweite Fahrt war hoch riskant, denn damit war keine der beiden Gruppen gut gerüstet. Aber dann schickt er ein einzelnen, fußkranken Mann allein zurück, wohl wissend, dass die Männer kaum die Richtung halten können? Nein, das macht ihn für mich untragbar und sein weiteres Verhalten als der Schlitten abstürzt macht es nicht besser.

    Payer ist für mich damit menschlich unten durch. [-(

    Dazu habe ich im Beitrag #457 Payers Aufzeichnungen zitiert.


    Bin eigentlich sehr froh dass ich nebenbei die Aufzeichnungen lese, denn ich merke in dieser Leserunde besteht die Gefahr dass beim Lesen der Geschichte von Ransmayr, Julius Payer als Dämon, eine Person ohne Achtung seiner Mannschaft gegenüber, nur aus seinen eigenen Erfolg bedacht, betrachtet wird.

    Somit kann ich für mich wieder ein gewisses Gleichgewicht herstellen.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • Wir urteilen aus unserer Sicht

    In diesem Fall nicht ganz. In dem Buch "Erebus" von Michael Palin wird das Thema auch kurz gestreift, wenn er berichtet, dass ein Mannschaftsmitglied mit TB sofort an Land gesetzt wurde. Und zwar bei einer der Antarktis-Expeditionen ca. 1830, also rund 50 Jahre vor der Tegetthoff-Expedition. Dass die Tuberkulose eine Infektionskrankheit ist, war damals noch nicht bekannt, das stimmt - meines Wissens bekam Robert Koch dafür den Nobelpreis (also für die Erforschung des Tuberkelbakteriums).

    Ich vermute, dass das einfach nur Erfahrungswerte waren, weil die Schwindsucht fast immer tödlich verlief. Und befallene Mannschaftsmitglieder nicht so belastbar waren und auf lange Sicht gesehen irgendwann ausfielen.


    Wobei die Schwindsucht - zumindest zu Lande - sehr romantisiert wurde, die Krankheit der Elegischen, der Künstlernaturen, der Romantiker, der Vergeistigten.

    besteht die Gefahr dass beim Lesen der Geschichte von Ransmayr, Julius Payer als Dämon, eine Person ohne Achtung seiner Mannschaft gegenüber, nur aus seinen eigenen Erfolg bedacht, betrachtet wird.

    Er scheint mir ein wirklich SEHR gemischter Charakter zu sein! Seine wunderbaren Zeichnungen und seine Beschreibungen werden von Ransmayr bestimmt nicht ohne Absicht in dieser Ausführlichkeit beigefügt.

    Allerdings und da hat mir Google geholfen - Jean Malaurie schreibt in seinem Buch "Mythos Nordpol"

    Zum Thema Homosexualität: In den Bordtagebüchern zu den Erebus-Expeditionen wird das Thema sehr wohl angesprochen als "Geschlechtsverirrung". Dort wird auch von mehrmaligen und öffentlichen Auspeitschungen im Ort berichtet; offenbar wurde da ein Exempel statuiert.

    Wohl auch eine Form der Projektion...

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  • Dieses Parallellesen ist ja für uns alle eine Bereicherung. Für meinen Teil bleibe ich derzeit ohne diese anderen Quellen eher "Ransmayrgeschädigt". Er nimmt da doch Position, oder? Vielleicht einseitig.


    Jedoch ist es es genauso klar, dass Payer sich nicht eine schlechte Rolle zuschreiben wird, oder?


    In diesem Kapitel hätte ich mir demnach etwas mehr Präsenz von Weyprecht gewünscht in Form von seinen Kommentaren... Ich traute ihm zu, da ein Plus beisteuern zu können.

  • Die nächsten Abschnitte werde ich einigen Fragen und Anmerkungen widmen welche mir beim lesen, auch eurer Beiträge aufgefallen sind.

    Meiner Erinnerung nach waren sie zu zweit? Er hätte also ausharren können.

    DIe Situation war folgendermassen. Payer hatte Klotz zurück geschickt. Orel blieb zurück, Ist aus den Aufzeichnungen nicht ganz klar warum. Somit waren nur er und Zaninovich in dieser unglücklichen Situation. Dass er hier etwas kopflos gehandelt hat, bin ich einverstanden das lässt sich auch gut aus seinen Aufzeichnungen heraus lesen.


    Ich hatte mich zu Beginn der MLR schon gewundert, wieso Krisch mitgenommen wird. Er hat Tuberkulose, damals ein Todesurteil, und zudem hoch infektiös. Dann kommt noch Skorbut dazu...

    Ich habe versucht nachzulesen wo das zu Beginn der MLR steht, allerdings nichts gefunden.

    In den Aufzeichnungen von Payer kann man nachlesen -November 1872

    Zitat

    Beim Maschinisten Krisch begannen in jener Zeit die ersten Symptome des Lungenleidens, das er sich wahrscheinlich durch Verkühlung zugezogen hatte. Er saß von da an mit Vorliebe beim Ofen und klagte stets über Kälte.

    Die letzten Tage vom Maschinisten Krisch beschreibt er in seinen Aufzeichnungen -

    Zitat

    Seit Beginn des Februar hatte seine Krankheit auflösende Fortschritte gemacht, sein Leib war mit Scorbutflecken bedeckt und der Bewegung unfähig geworden; aber noch immer belebte die Hoffnung baldiger Genesung unsern unglücklichen Genossen, dessen frühere Thätigkeit ein rühmliches Beispiel von Pflichterfüllung war. Im vergangenen Sommer bereits tödtlich erkrankt, hatte er nicht gesäumt, die beschwerliche Arbeit der Herstellung neuer Eissägen und Bohrer zu verrichten, um mit seinen abnehmenden Kräften noch zur Befreiung des Schiffes beizutragen.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • In diesem Kapitel hätte ich mir demnach etwas mehr Präsenz von Weyprecht gewünscht in Form von seinen Kommentaren... Ich traute ihm zu, da ein Plus beisteuern zu können.

    Das Kapitel behandelt im grossen und ganzen eigentlich nur die Exkursionen von Payer und somit wird Weyprecht welcher auf dem Schiff ist in den Hintergrund gestellt.

    Einzige Erwähnung welche sich in den Aufzeichnungen findet

    Zitat

    Die vorangegangene Schlittenreise hatte mich in den Stand gesetzt, den Plan der großen Reise nach Norden zu entwerfen; es war nicht nur ein Lieblingsproject von mir selbst, sondern beherrschte auch sonst das Interesse an Bord, wenn gleich die übrigen wissenschaftlichen Untersuchungen unbeirrt ihren ungestörten Verlauf nahmen. Schiffslieutenant Weyprecht und Schiffslieutenant Brosch setzten mit bewunderungswürdiger Ausdauer die mühselige Beobachtung der magnetischen Constanten fort, maßen auf dem Eise nächst dem Schiffe eine Basis von 2170,8 Meter Länge, die dem trigonometrischen Verfahren der Aufnahme während meiner Reise als Grundlage diente; auch die meteorologischen Ablesungen nahmen nach wie vor ihren regelmäßigen Fortgang.

    Das kann man auch in vorhergehenden Abschnitten lesen, wie wichtig diese Beobachtungen für Weyprecht waren und wie sorgfältig diese durchgeführt wurden.

    Was interessant zu vermerken ist, dieser gemeinsame Beschluss

    24.Februar 1874

    Zitat

    Noch an demselben Tage hatten Schiffslieutenant Weyprecht und ich den Beschluß gefaßt, das Schiff nach der Beendigung der projectirten Entdeckungsreisen zu verlassen und die Rückkehr nach Europa mittelst unserer Boote und Schlitten zu versuchen

    Leider sind im Gutenberg Projekt nur die Aufzeichnungen von Julius Payer vorhanden, ich hätte gerne ebenfalls die Tagebüchern usw. der andern Teilnehmer in ihrer Gesamtheit gelesen. Das hätte eine tolle Ergänzung ergeben.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • Ich habe versucht nachzulesen wo das zu Beginn der MLR steht, allerdings nichts gefunden.

    Ich habe im Text herumgedäumelt und erst zu Beginn des Kapitels TERRA NUOVA dazu etwas gefunden: da wird TB bei Klotz und Krisch erwähnt.

    Mag sein, dass beide die TB erst entwickelt haben so wie Skorbut und Rheuma. Dafür spricht die Notiz Payers, die Du zitierst.

    :scratch: Aber wieso erinnere ich mich dann daran, dass es mich gewundert hatte..?

    :study: Barack Obama, Ein verheißenes Land.

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  • Ich habe im Text herumgedäumelt und erst zu Beginn des Kapitels TERRA NUOVA dazu etwas gefunden: da wird TB bei Klotz und Krisch erwähnt.

    Mag sein, dass beide die TB erst entwickelt haben so wie Skorbut und Rheuma. Dafür spricht die Notiz Payers, die Du zitierst.

    :scratch: Aber wieso erinnere ich mich dann daran, dass es mich gewundert hatte..?

    Danke, "manchmal sieht man vor lauter Bäumen den Wald nicht" :uups: Wenn man den Text weiter liest in Terra Nova

    Zitat

    ...auf die erlösende Wiederkehr der Sonne nicht grösser sein als in diesem Jänner 1873

    Somit deckt sich das mit den Aufzeichnungen von Payer November 1972

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • Um auf diese Anmerkung zurück zu kommen. Kapitel 14


    Und später mit Abstand betrachtet, zuhause legt er keinen Wert mehr auf die Entdeckungen.


    Hier würden mich weitere Ausschnitte aus Payers Aufzeichnungen sehr interessieren

    Zitat

    Wir empfanden (nach unserer Rückkehr aus dem Norden, Anm.), daß wir weit über unser Verdienst gewürdigt, das höchste erreicht hatten, was die Erde zu bieten vermag: die Anerkennung unserer Mitbürger … Was die Entdeckung eines bisher unbekannten Landes anbelangt, so lege ich persönlich heute keinen Werth mehr darauf.

    Julius Payer

    Neunzehntes Jahrhundert

    Musste tatsächlich ziemlich vorgreifen, habe festgestellt das es der letzte Satz seiner Aufzeichnung ist. Es folgt noch ...

    Zitat

    Und nun sei noch eine Frage berührt, deren Beantwortung für die objective Beurtheilung eines Polarwerkes unerläßlich ist. Unwillkürlich mag sich dem Leser die Frage aufdrängen, welcher Art die wissenschaftlichen Resultate der Expedition waren und ob sie in geziemendem Verhältnisse zu so vielen Anstrengungen standen.

    ...

    Möchte ich jedoch in der Gesamtheit erst am Schluss der MLR posten.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • Er nimmt da doch Position, oder? Vielleicht einseitig.

    Ich hab schon diesen Eindruck :wink:

    Dass er hier etwas kopflos gehandelt hat, bin ich einverstanden das lässt sich auch gut aus seinen Aufzeichnungen heraus lesen.

    Ich finde es wie gesagt gar nicht kopflos, sondern aus der Situation heraus notwendig. Sonst wären sie alle gestorben, denn er allein konnte nichts tun. Und eingeschnürt auf dem Eis liegend hätte er auch nicht so lange überlebt.

    Das Kapitel behandelt im grossen und ganzen eigentlich nur die Exkursionen von Payer und somit wird Weyprecht welcher auf dem Schiff ist in den Hintergrund gestellt.

    Was ich auch in Ordnung finde. Weyprecht konnte ja nur indirekt zu den Geschehnissen Stellung nehmen, er war nicht dabei. Sicherlich fand er die wissenschaftliche Herangehensweise sehr gut, so wie Payer das Gestein untersucht etc. Der Rest entzieht sich seinem Erleben und so vermisse ich hier Weyprechts Gedanken nicht. Das Kapitel ist eindeutig Payer gewidmet.

    Ich habe im Text herumgedäumelt und erst zu Beginn des Kapitels TERRA NUOVA dazu etwas gefunden: da wird TB bei Klotz und Krisch erwähnt.

    Okay, dann wurde es also doch erst so spät erwähnt.


    Zum Stichwort Homosexualität: die war damals eine Straftat und wenn auch viele Menschen wohl insgeheim davon ausgingen, dass es auf langen Schiffsreisen dazu kam, so kann ich mir nicht vorstellen, dass es offen gehandhabt wurde.

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Christopher McDougall - Das Glück ist grau


  • Ich finde es wie gesagt gar nicht kopflos, sondern aus der Situation heraus notwendig. Sonst wären sie alle gestorben, denn er allein konnte nichts tun. Und eingeschnürt auf dem Eis liegend hätte er auch nicht so lange überlebt.

    Jetzt hast du mich gezwungen nochmals die Situation exakt nachzulesen - und siehe, hier unterschlägt Ransmayr einen wichtigen Aspekt - der mir erst beim nochmaligen Lesen auffiel

    Zitat

    Orel, vordem zurückgeblieben, war herangekommen, und obgleich er niemals vorher einen Gletscher betreten, so schritt der tapfere Officier doch unerschrocken bis an den Rand des Spalts, legte sich auf den Bauch, sah in den Abgrund hinab und berichtete: »Zaninovich ist auf einem Schneeabsatz des Spalts, umringt von finsteren Klüften, die Hunde hängen noch in den Zuggurten des festgeklemmten Schlittens.« Darauf warf er mir auf meine Bitte sein Messer, und zwar mit solcher Geschicklichkeit herüber, daß ich es leicht zu erlangen und damit das einzige Rettungsmittel zu ergreifen vermochte, daß ich nämlich die Zuggurte auf meiner Brust durchschnitt.

    Also es wäre klüger gewesen Orel zurück zu schicken um Hilfe zu holen, denn er konnte sicher, nicht sicher sein dass beim durchschneiden der Gurte Zaninovich doch noch, mitsamt Hunden und Schlitten in den Tod stürzen würde.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


  • nicht sicher sein dass beim durchschneiden der Gurte Zaninovich doch noch, mitsamt Hunden und Schlitten in den Tod stürzen würde.

    Ja genau. Davon musste er ausgehen, und das hatte mich geschockt.

    :study: Barack Obama, Ein verheißenes Land.

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    :study: Helen McDonald, Abendflüge.

  • Kapitel 16 Die Zeit der leeren Seiten


    Ganz regelmäßig wechselt der Erzähler das Personal: jetzt sind wir wieder bei Mazzini im September 1981.


    Seine Geschichte verschwindet wie im Nebel. Er beendet sein Reisetagebuch. "Wer seinen Ort gefunden hat, der führt keine Reisetagebücher mehr" (S. 312). Longyearbyen ist also seine neue Heimat, er sucht sogar Arbeit, findet aber keine. Vermutlich war der Kohlebergbau damals schon im Rückgang.


    Hundeschlitten - das ist 1981 nicht mehr üblich.. Die Menschen bewegen sich mit Scootern, und die Fahrt mit Hundeschlitten hat etwas Nostalgisches. Der Einsiedler am Kap Tabor benutzt sie noch als einziger und braucht sie, aber der ist ja auch aus der Zeit gefallen - aber bei den anderen scheint es mir eher ein Hobby zu sein, und man trifft sich im lockeren Club, um sich auszutauschen.


    Mazzini will also stilecht unterwegs sein.


    Und dann ist er weg, mit ihm die Hunde des Ozeanographen. Bei seiner Wirtin in Wien ist er ein Gesprächsthema (der Erzähler beteiligt sich nicht an den Spekulationen - sagt er...) und auch in Longyearbyen wird er zum Gesprächsthema. Er verschwindet einfach. Mehrere Suchen starten, ohne Erfolg.

    Hätte er nicht Bescheid sagen müssen?

    Ist er ein solcher Egomane, dass er nur an sich denkt?


    Übrig bleiben weiße leere Seiten, und er selber ist auch im Eis irgendwo unterwegs oder selber zu Eis geworden - diese Farbsymbolik hat mir gefallen.

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  • Er ist schon eine traurige Gestalt dieser Mazzini. Sogar die Hunde nehmen ihn nicht wirklich ernst, sondern Fyrand versucht "[...] seinen Hunden nun auch noch beizubringen, daß sie immer noch ihm gehorchten, wenn sie die Kommandos seines Schützlings befolgten[...]"


    In seiner Wahlheimat Longyearbyen geht sein schrittweise Verschwinden sehr eindrücklich weiter, er fällt zum Schluss quasi gar nicht mehr auf, niemand nimmt ihn noch als Gast, Tourist oder sonstigen Eindringling wahr und erst, als er komplett verschwindet, ist er wieder Thema.

    Aber so oder ähnlich hatte ich mir sein Verschwinden auch vorgestellt.

    Interessanterweise hatte ich am Anfang der Geschichte mehr den Eindruck, dass er versucht auf Weyprechts Spuren zu wandeln und diesen Charakter quasi vergöttert, während ich gegen Ende mehr das Gefühl hatte, dass Payer sein grosses nachahmendswertes Idol ist. Aber vielleicht täuscht das nur und beide füllen diese Rolle aus. Wobei es in umgekehrte Richtung nicht funktioniert, Mazzini hat nicht die Präsenz, die Überzeugungskraft, das Profil oder die Akzeptanz weder eines Weyprecht noch eines Payers.


    Es gibt vielleicht zwei Parallelen zu letzterem: Erstens die verbissene Zielstrebigkeit und Hartnäckigkeit ein Ziel zu erreichen, auch auf Kosten anderer (Payer der Expeditionsmitglieder, Mazzini "klaut" einfach das Hundegespann Fyrands).


    Die andere Parallele erfährt man erst im letzten Kapitel, daher spoilere ich hier mal:

    "Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie." - Terry Pratchett


    :study:

    Dörte Hansen - Altes Land

    Umberto Eco - Die Geschichte der legendären Länder und Städte

    :bewertung1von5: 2021: 21:bewertung1von5:

  • Es gibt einerseits "keine Aufzeichnungen und keine Zeugenaussagen" über dieses und jenes der letzten Zeit. Dann wiederum stellt der Erzähler doch zusammen, was zB die metereologischen Journale hergeben, was "er weiss", was "fest steht". So doch ein Hin und Her zwischen den vermeintlichen Tatsachen und eben Vermutungen. Vermutungen um so mehr als die Zeit voranschreitet und... Mazzini verschwindet. Wohin?


    Die Beschreibung der "Logik, der Funktionsweise" von Schlitten(-hunden) ist spannend, und mag eventuell uns noch etwas verbergen. Auf ca der dritten Seite des Kapitels heisst es "Schlittenhunde hatten immer ein Ziel - rannten sie über eine Ebene, dann war es die nächstgelegene Erhebung (...)". Als ob es eine Eigendynamik gäbe, und wenn da keiner die Zügel ergreift geht es immer geradeaus, ohne Sinn und Zweck. Mazzini ist auch auf seine Weise "besessen". Bricht er mit dem Gespann auf, und kann nicht seinen Willen aufzwingen, sondern wird quasi fortgeführt???

  • Sogar die Hunde nehmen ihn nicht wirklich ernst, sondern Fyrand versucht "[...] seinen Hunden nun auch noch beizubringen, daß sie immer noch ihm gehorchten, wenn sie die Kommandos seines Schützlings befolgten[...]"

    ... und wir als Leser können uns vorstellen, was das für ein Ende nimmt.

    Da braucht es nicht viel Fantasie.

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  • Kapitel 16 Die Zeit der leeren Seiten

    Ein passendes Kapitel für Mazzinis Verschwinden - er verschwindet erst aus der Wahrnehmung der Leute und dann unbemerkt ganz. Niemand sieht ihn während er da ist und niemand sieht ihn gehen. Leere weiße Blätter, leere weiße Öde und dann ... nichts mehr.


    Das passt für mich zur Figur - so wie auch @Mojohs Vergleich mit Payer. Da kann ich Dir gut folgen, erkenn ich Mazzini in Payers Eigenschaften wieder, genauso wie in dem Schwenk seiner Verehrung von Weyprecht zu Payer. Als ich das gelesen hab, hab ich kurz nachgedacht, kann deinen Eindruck aber bestätigen.

    "Wer seinen Ort gefunden hat, der führt keine Reisetagebücher mehr" (S. 312).

    Das find ich einen guten Satz und schöne Erklärung für fehlende weitere Einträge. Nicht jede Reise führt zu einer Ankunft, aber Mazzini scheint angekommen zu sein. Das ist ja eigentlich was Positives, jedenfalls für ihn. Ob er den Rest beabsichtigte oder es halt einfach passierte - das bleibt Spekulation. Das aufgeräumte Zimmer deutet auf Absicht, aber hatte er wirklich die Absicht zu verschwinden oder nur die Absicht, auf eine lange Tour zu gehen? Wer weiß das schon. :wink:

    Bricht er mit dem Gespann auf, und kann nicht seinen Willen aufzwingen, sondern wird quasi fortgeführt???

    Das wäre dann das "Geschehen ohne Absicht" für mich, wobei es durchaus vorhersehbar für uns Leser ist, dass er die wütenden Hunde nicht kontrollieren kann. Warum sind die Hunde in Ransmayrs Buch alle wütend? Wenn ich Berichte über Hundegespanne im Fernsehen gesehen habe, hatte ich nie den Eindruck von Wut :scratch:

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Christopher McDougall - Das Glück ist grau


  • Warum sind die Hunde in Ransmayrs Buch alle wütend? Wenn ich Berichte über Hundegespanne im Fernsehen gesehen habe, hatte ich nie den Eindruck von Wut :scratch:

    Das genau stört mich sehr bei der Geschichte wie Ransmayr sie erzählt. Denn immer wieder kann ich feststellen das Julius Payer in einem andern Licht sieht.

    Zitat

    Ich habe die bisherigen Verdienste unserer Hunde noch nicht erwähnt, um dies jetzt um so nachdrücklicher zu thun und vor Allem zu constatiren, daß wir die Überschreitung des 82. Breitegrades nicht uns selbst, sondern nur der ausdauernden Kraft dieser treuen Thiere verdanken. Ueberall auf Erden ist der Hund der treue Freund des Menschen, und das nicht geringe Maß seiner Kraft und Einsicht weiht er seinem Dienste. Aber unter allen diesen Geschöpfen ist das Leben eines arktischen Schlittenhundes gewiß das beschwerdenreichste. Sein Zelt ist kaum der Vorwand eines Obdaches, sein natürliches Kleid deckt den größten Theil des Jahres hindurch dicker Reif; treibender Schnee verhüllt ihn gänzlich, zollhoch lagert sich derselbe auf seinem Fell, wenn er ihn auch beständig abzuschütteln sucht. Mühsam schöpft er Athem, Hunger nagt in seinen Eingeweiden, und die wunden Füße färben die Schneebahn gleich einer röthelbezeichneten Trace. Oft müssen diese armen Thiere bei großer Kälte im Schnee stille halten; dann heben sie immer so viele Pfoten, als es ohne umzufallen möglich ist, in die Höhe und wechseln sie unaufhörlich, um sie nicht zu erfrieren. Die beiden Hunde aber, die uns jetzt nach dem äußersten Norden begleiteten, gehörten zu den prächtigsten Geschöpfen, welche jemals zu ähnlichen Unternehmungen verwendet wurden, und wenn ich der großen Dienste gedenke, die sie uns hier wie nachher auf dem Rückzuge nach Europa erwiesen, so erfüllt es mich mit aufrichtigem Schmerz, daß ein so trauriges Ende ihrer harrte.

    Was wäre das Leben, hätten wir nicht den Mut, etwas zu riskieren?

    Vincent van Gogh


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