Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen / El murmullo de las abejas

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  • Dieses Buch über den Jungen Simonopio und seine Bienen konnten mich sehr schnell erreichen und, je weiter die Geschichte fortschritt, immer mehr berühren.

    Die Autorin Sofia Segovia entführt die Leser_innen in das Mexiko des zweiten Zehntel des 20. Jahrhunderts. Hier wird ein Junge geboren, der zwar nicht die Sprache der Menschen spricht, diese aber versteht und eine sehr große Offenheit für die Sprache der Natur besitzt. Er begleitet die Familie, die ihn aufgenommen hat, durch die Zeit der mexikanischen Revolution, der spanischen Grippe und der notwendigen Veränderungen der bäuerlichen Landwirtschaft. Und er weiß von Beginn an, das er eine ganz besondere Aufgabe gegenüber den Sohn der Familie - Francisco - besitzt.

    Der Autorin Sofia Segovia gelingt es auf besondere Art und Weise durch ihre poetische Schreibweise die Leser_innen in ihren Bann zu ziehen und tief zu berühren. Dabei setzt sie bewusst nicht auf Schnellebigkeit, sondern auf philosophische Gedanken, die zum Nachdenken und Nachspüren anregen.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen“ zu „Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen / El murmullo de las abejas“ geändert.
  • Nena Reja ist alt und bewegt sich kaum noch, höchstens zwischen Bett und Schaukelstuhl. Doch eines Tages ist sie verschwunden und wird anderthalb Meilen vom Haus entfernt gefunden. Auf ihrem Schoß hält sie ein Baby, das mit Bienen bedeckt ist, und eine Wabe. Das Kind ist entstellt, dennoch beharrt Nena darauf, ihn mitzunehmen und nennt ihn Simonopio. Das gefällt nicht allen, aber die Gutsbesitzer Beatriz und Francisco Cortes lieben den Jungen. Es stellt sich heraus, dass Simonopio eine besondere Gabe hat, welche die Familie vor dem Unheil der Spanischen Grippe und dem Wüten der Revolution bewahrt.


    Es ist eine fantastische Geschichte, die von Sofia Segovia anspruchsvoll und poetisch erzählt wird. Die Erzählperspektiven wechseln häufig und Namensgleichheiten machen es manchmal schwer, zu erkennen, bei wem wir uns gerade befinden. Man muss sich also auf die Geschichte einlassen können, wird dafür aber mit einer ungewöhnlichen und wundervollen Geschichte belohnt, die mir wirklich gut gefallen hat.


    Die Figuren sind lebendig und treffend beschrieben. Die Cortes fühlen sich für ihre Mitmenschen verantwortlich. Sie nehmen den Jungen auf und lieben ihn, als wäre er ihr eigener Sohn. Auch sie werden mit den Widrigkeiten des Lebens konfrontiert, aber dank der Gabe des Jungen werden sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Simonopio wächst heran und liebt die Natur, Stets wird er von Bienen begleitet. Aber er bleibt stumm, doch mit den Bienen kann er sich verständigen. Dennoch freundet er sich mit dem kleinen Francisco Morales an.


    Es ist eine emotionale und fantastische Geschichte. Am Ende schließt sich der Kreis und ich habe es bedauert, dass diese fesselnde Geschichte schon zu Ende ist.

  • Ziegenmilch und Honig


    Verwirrt und erfüllt von Fragen lege ich nach vollendeter Lektüre dieses Buch zur Seite. Von der Leseprobe noch begeistert nahm ich es in Angriff als Vertreterin des magischen Realismus à la Garcia Marquez und Allende, aber da hätte man ein fruchtbares Sujet wie die Bienen mit ihrem Honig differenzierter und fantasiereicher ausschöpfen können. Auch das Leitmotiv „Nähen“ der Mutter steht nüchtern im Raum, was hätte ich sie alles schneidern lassen!


    Ein historischer Roman also. Immerhin bekennt sich die Autorin im Nachwort dazu, und es kommen zumindest andeutungsweise Orte, Jahre und Begebenheiten vor wie der mexikanische Bürgerkrieg, die Spanische Grippe und die Revolution, über die ich gerne mehr wüsste.


    Dass die Personenzahl überschaubar ist, erleichtert die Lektüre ungemein, genauso wie die Aufteilung in kurze bis kürzeste Kapitel – wie Appetithäppchen, macht das Ganze aber plakativ. Informiere ich mich nicht zusätzlich über die Zeitläufte, ziehe ich folgendes Resultat aus dem Buch: Anfang des 20. Jahrhunderts erging sich die Kaste der Großgrundbesitzer in reiner Philanthropie, wirkte wohltätig für die Armen und wurde dann in ihrer Arglosigkeit von einem kriminellen Mob gnadenlos und heimtückisch um die Ecke gebracht, der das von Ersteren mit fleißigen Händen Aufgebaute tumb mit dem Hintern wieder einriss (den gerade initiierten Orangenhain). So kann ich das einfach nicht glauben. Entweder es spielt für die Autorin in diesem Zusammenhang keine Rolle, oder sie denkt schlicht reaktionär.


    Sieht man von dieser meiner Erwartungshaltung ab, kann man mit der Schreibtechnik schon zufrieden sein, wenn ich mir auch treffendere Geschichten mit signifikanteren Details zu den Charakteren wünschen würde, um mich einfühlen zu können: nicht durch Beschreibung der jeweiligen Gefühle, sondern sich entwickelnd aus dem Lebenslauf.


    Sehr anrührend erscheint mir Simonopio als Schutzengel mit Hasenscharte, umgeben von einem Bienenschwarm, der sowohl heilsam als auch als Waffe wirkt. Den finalen Showdown hat Segovia filmreif hingekriegt, auch die minutiöse Beschreibung der Trauer geht mir unter die Haut.


    Die Autorin zeigt deutlich erkennbares Potenzial, sollte aber ihren intuitiven Stil noch um sorgfältigeren Umgang mit den Fakten bereichern. Deshalb vergebe ich drei Sterne.

  • In den 1910er-Jahren in der kleinen mexikanischen Stadt Linares: Nachdem die alte Amme Reja das Baby unter einer Brücke gefunden hat, kommt der Junge Simonopio bei der Familie Morales unter. Dort lebt das stumme Pflegekind in einer Hacienda am Fuß der Berge mit einem Ehepaar sowie dessen beiden Töchtern. Mit den Bienen im verwilderten Garten kann der Junge kommunizieren. Mit seiner außergewöhnlichen Gabe hat er die Macht, die Familie zu beschützen. Doch der Bürgerkrieg, die Spanische Grippe, die Revolution und andere Umstände bergen so einige Gefahren...


    „Das Flüstern der Bienen“ ist ein Roman von Sofía Segovia.


    Meine Meinung:

    Der Roman besteht aus 100 Kapiteln, die teils recht kurz sind. Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven. Es gibt mehrere Zeitsprünge. Die Handlung umfasst einige Jahre. Dieser Aufbau macht den Roman ziemlich komplex.


    Der Schreibstil ist sehr atmosphärisch, bildhaft und zugleich angenehm unaufgeregt. Die Geschichte beginnt in einem gemächlichen Tempo.


    Simonopio, der stumme Protagonist mit dem sperrigen Vornamen, ist eine wunderbar liebenswerte Figur. Auch die übrigen Hauptcharaktere sind liebevoll ausgestaltet und haben meine Sympathie gewonnen.


    Auf annähernd 500 Seiten gibt es nur wenige Längen. Obwohl die Handlung bereits vor langer Zeit spielt, hält die Geschichte durchaus Themen bereit, die auch aktuell diskutiert werden: vor allem das Bienensterben, die Zerstörung der Umwelt und die Diskriminierung andersartiger Menschen. Der Roman wartet zudem mit mehreren kreativen Ideen auf. Immer wieder ist die Geschichte von magischem Realismus durchsetzt. Das verleiht ihr einen gewissen Zauber, war mir an manchen Stellen jedoch etwas zu viel.


    Interessant ist im Übrigen das Nachwort „Erklärung und Danksagung“, in dem man erfährt, dass die Geschichte zwar von realen Begebenheiten inspiriert wurde, aber sich die Autorin - trotz gründlicher Recherche - nicht immer an historische Fakten gehalten hat.


    Der passende deutsche Titel ist recht wörtlich aus dem spanischsprachigen Original („El Murmullo de las Abejas“) übersetzt worden. Das Cover ist zwar durchaus ansprechend, aber nicht so stimmungsvoll wie das anderer Ausgaben.


    Mein Fazit:

    Der Roman von Sofía Segovia erzählt eine besondere Geschichte. Trotz kleinerer Schwächen hat mich „Das Flüstern der Bienen“ gut unterhalten.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Ein neuer leuchtenden Stern am südamerikanischen Literaturhimmel


    Woran erkennt man gute Bücher? Dass sie uns von der ersten Seite an fesseln? Das tut jeder halbwegs gut gemachte Thriller auch. Dass sie ein wahres Mosaik des Lebens in all seinen Facetten vor uns ausbreiten? Ja, das auch. Dass die Gestalten, die darin vorkommen, zu aus dem Leben gegriffenen Menschen werden und wir mit ihnen leiden, lieben, leben? Auf jeden Fall. Dass die Handlung uns gebannt die Seiten wenden lässt, auch wenn es kein Thriller ist? Mit Sicherheit ist das auch ein Merkmal eines guten Buches. Dass die Sprache (egal ob im Original oder in einer guten Übersetzung gelesen – an dieser Stelle ein großer Dank und Lob an Kirsten Brandt - ) also die Sprache des guten Buches unverkennbar, atmosphärisch dicht und Land und Leute und Zeit des Buches gerecht wird? Oh ja, unbedingt. Dass auf guten Büchern so etwas wie ein Zauber liegt, der uns gefangen nimmt und uns auf der letzten Seite zurück ins Hier und Jetzt mit großem Bedauern entlässt? Darauf vermag ich nicht zu antworten, ich weigere mich aus manchen Büchern entlassen zu werden.


    All diese Kriterien stimmen in meinen Augen auf Sofia Segovias Das Flüstern der Bienen zu.


    Erzählt wird das Buch in der sogenannten Legendenzeit und dadurch allgemeine Gültigkeit und Glaubwürdigkeit erreicht, auch wenn magische Elemente in der Handlung mit verwoben werden. Wir wissen, dass Herr der Ringe oder Harry Potter oder Alice im Wunderland moderne Kunstmärchen sind und akzeptieren sie als solche. In Das Flüstern der Bienen oder Das Geisterhaus oder Hundert Jahre Einsamkeit oder Bittersüße Schokolade, da glauben wir den magischen Elementen des Buches, die Magie wird immanenter Teil der Handlung, ohne ihr wäre das Erzählte gar nicht möglich. Wenn die Magie in den Fantasy-Romanen permanent präsent ist, ist sie in den zuletzt genannten Werken nur latent da, um punktuell in Erscheinung zu treten und ihre Wirkung zu entfalten. Und trotzdem sind wir überzeugt, die Handlung dieser Bücher kann sich so und nur so abgespielt haben.


    Zugleich möchte ich Sofia Segovia als würdige und ebenbürtige Nachfolgerin der großen Autoren des südamerikanischen Magischen Realismus nennen, wie da wären Gabriel Garcia Márquez, Mario Vargas Llosa, Isabel Allende (das Frühwerk nur) oder Laura Esquivel, die Autorin von Bittersüßer Schokolade.

  • „Wenn er gekonnt hätte, hätte er ihnen von der Musik erzählt, die ihm die Bienen in sein lauschendes Ohr sangen: über die Blumen in den Bergen, Begegnungen in der Ferne und Freundinnen, die den weiten Weg nach Hause nicht geschafft hatten, über die Sonne, die heute vom Himmel strahlte, aber morgen hinter Gewitterwolken verschwinden würde.“ (Zitat Pos. 775)



    Inhalt


    Im Oktober 1910 findet die alte Nana Reja ein Baby. Ausgesetzt, um zu sterben, doch eingehüllt in einen Bienenschwarm, hat der kleine Simonopio überlebt. Die vermögenden Plantagenbesitzer Francisco und Beatriz Morales nehmen ihn als Patensohn an und er wächst auf ihrer Hazienda La Amistand auf, zusammen mit seinen Bienen, von denen er den Kreislauf der Natur lernt. Als im April 1923 Beatriz, schon neununddreißig Jahre alt, nochmals Mutter wird, kümmert sich Simonopio wie ein Bruder um den kleinen Francisco. Alle halten Simonopio auf Grund eines Geburtsfehlers, eine Oberlippenspalte, für beinahe stumm, doch Francisco lernt seine Sprache und er liebt die vielen Geschichten, die ihm Simonopio erzählt – nur eine nicht, die vom Kojoten, denn er spürt, dass diese Geschichte auch Simonopio Angst macht.



    Thema und Genre


    Dieser Familien- und Generationenroman spielt in Mexiko, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Den Hintergrund bildet die wechselvolle Geschichte Mexikos in dieser Zeit, Krieg, Revolutionen, politische Umstürze und die Spanische Grippe, doch im Vordergrund stehen die Menschen, die auf der Hazienda La Amistand nahe der Stadt Linares leben.



    Charaktere


    Simonopio ist ein besonderer Junge, er hat eine enge, magische Bindung zu seinen Bienen, scheint in Gedanken mit ihnen zu reden. Ungebunden lebt er den Jahreslauf mit der Natur und mit seinen Bienen. Sein Wissen setzt er zum Wohle der Hazienda ein, denn früh erkennt man seine besondere Gabe und hört auf ihn. Der kleine Francisco ist ein ungestümer Wildfang, doch seinem Bruder Simonopio hört er zu und bei ihm kommt er zur Ruhe. Beatriz Cortés de Morales ist, obwohl ihrer Erziehung und den gesellschaftlichen Konventionen der mexikanischen Oberschicht verpflichtet, eine starke, selbstbewusste Frau, bereit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.



    Handlung und Schreibstil


    Die Geschichte wird von Francisco erzählt, der inzwischen längst ein alter Mann ist. Dies erfolgt, mit einigen Vorgriffen und Rückblicken, chronologisch. Dort, wo es Francisco selbst betrifft, in der Ich-Form, die anderen Teile als personaler Erzähler. Seit vielen Jahren lebt er schon in Monterrey, doch ein Mal will er noch zurück nach Linares, das Haus seiner Kindheit sehen und während der Fahrt schildert er dem Taxifahrer die Geschichte seiner Familie und die damaligen Ereignisse. Geschrieben in einer eindrücklichen, poetischen Sprache, geht die Autorin einfühlsam mit ihren Figuren um, gibt ihnen Freiraum, sich zu entwickeln und vertieft die Handlung mit einer Art positiver Magie. Damit gewinnt sie von den ersten Seiten an die Aufmerksamkeit der Lesenden und die vielen Hinweise und Andeutungen auf kommende Ereignisse, die in der Mitte des Buches auf beinahe jeder Seite auftauchen und wohl den Spannungsbogen steigern sollen, sind in meinen Augen unnötig. Es sind die eindrücklichen Hauptfiguren, welche die Geschichte tragen und denen man auch ohne diese Stilmittel gespannt und neugierig folgt.



    Fazit


    Eine faszinierende Geschichte, poetisch, einfühlsam und mit einem Hauch Magie erzählt.

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