Astrid Seeberger - Nächstes Jahr in Berlin / Nästa år i Berlin

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  • Nachruf auf Rose

    Als 2007 ihre Mutter Rose verstirbt, reist Tochter Astrid von Schweden nach Stuttgart, um ihr die letzte Ehre zu erweisen und sich um die Beerdigung zu kümmern. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war schwierig und unterkühlt, zumal viel Ungesagtes zwischen ihnen stand, denn Rose hat nicht viel von sich preisgegeben. Astrid nimmt den Abschied zum Anlass, ihr eigenes Leben und die Beziehung zu ihrer Mutter zu hinterfragen, wobei sie nach und nach einige Dinge offenlegt, die sie selbst nicht über Rose wusste und die im Nachgang Verständnis für das Verhalten ihrer Mutter hervorrufen…


    Astrid Seeberger hat mit „Nächstes Jahr in Berlin“ die autobiografische Geschichte ihrer eigenen Familie vorgelegt, mit dem sie nicht nur den Tod ihrer Mutter verarbeitet, sondern ihr indirekt damit sogar einen Nachruf bereitet. Der anspruchsvolle, einfühlsame und bildhafte Erzählstil der Autorin macht das harte Leben ihrer Mutter Rose für den Leser greifbar und miterlebbar. Den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, die gefährliche Flucht aus Ostpreußen in eine ungewisse Zukunft sowie der Neuanfang im Westen. Gleichzeitig erfährt der Leser von Roses traurig endender Liebe, deren Familie sowie ihren Kriegserfahrungen, die nachhaltig Roses Leben geprägt und sie hart, fast schon hoffnungslos zurückgelassen haben. Die intensiv mit Worten gemalten Bilder prägen sich in den Kopf des Lesers, doch wirklich nahe kommt er weder Rose noch Tochter Astrid, beide bleiben unnahbar, fast schon unpersönlich. Obwohl man als Leser merkt, wieviel Herzblut die Autorin in ihren „Nachruf“ gepackt hat, sind es gerade die ständig wechselnden Szenen und Sprünge, die es dem Leser schwer machen, sich wirklich in die Geschichte hineinfallen zu lassen. Alles wirkt vielmehr wie eine Eigentherapie, um das gespaltene Verhältnis und den Tod der Mutter zu verarbeiten.


    „Nächstes Jahr in Berlin“ ist kein Buch für zwischendurch, sondern fordert dem Leser einiges ab. Wortgewandt und mit vielen Bildern offenbart sich hier eine Familiengeschichte, die eher einer Tragödie gleicht. Der Schreibstil ist hervorragend, doch bleibt der Leser eher außen vor. Eingeschränkte Leseempfehlung!


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Bücher sind Träume, die in Gedanken wahr werden. (von mir)


    "Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt."
    Albert Einstein


    "Bleibe Du selbst, die anderen sind schon vergeben!"
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    gelesene Bücher 2020: 432 / 169960 Seiten

  • Der alles durchdringende Lavendelduft


    In diesem assoziativen Erzählstil setzen sich mosaikartig zarte Geschichten voller Lebensweisheit zu dem Kosmos einer kleinen Familie zusammen. Auch die Literatur bietet Deutungshilfe, vorrangig zitiert die Autorin skandinavische Autoren, aber auch Camus, Kafka, Sebald, Milosz und viele andere mehr und weist damit Wege, dort ebenfalls nach weiterer Inspiration zu suchen.


    Rührend erscheint mir der Vater mit seinem Waldhorn, dem sensibelsten aller Blasinstrumente. Immer wieder kreist sie um das Thema Tod und Trauer, sensibel geht sie damit um bis hin zum Nebulösen. Verwirrend mutet das an, wenn man nicht auch zwischen den Zeilen liest. Bilder aus der Natur verdeutlichen, was direkt in Sprache gefasst zu grobschlächtig wäre. Die zwei Zeitschienen bilden eine Metaebene, in der sich die Autorin aus einer Distanz von knapp sechs Jahren selbst reflektiert.


    Stärkere Kontinuität gewinnt die Erzählung ab Seite 75, als wir das traurige Schicksal der Mutter während der letzten Kriegsmonate und danach alleine in der Fremde verfolgen. Auftrieb gibt ihr die Liebe zum GI Bill und die Schwangerschaft, aber noch vor der Hochzeit verunglückt er tödlich und sie verliert das Kind.


    Auch wenn Rückblicke die Handlung vertiefen, kann man diese gut in den Zusammenhang einordnen, wobei die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die darauf folgende Flucht aller die größte Rolle spielt. Es bleibt spannend bis zum Schluss, der dann endlich die Irritationen bezüglich der verschiedenen Charaktere aufklärt.


    Meine Lehre, die ich nachhaltig aus dem Buch gezogen habe: nie gibt es ein absolutes Richtig oder Falsch, Keiner ist nur gut oder böse, man muss zwischen Primär- und Sekundärtugenden unterscheiden und vor Allem: hüte dich vor charismatischen Personen, sie können dir viel geben und viel nehmen. Und für diese Erkenntnis lohnt es sich allemal, diesen Roman zu lesen.

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Astrid Seeberger - Nächstes Jahr in Berlin“ zu „Astrid Seeberger - Nächstes Jahr in Berlin / Nästa år i Berlin“ geändert.
  • Wenn Eltern sterben, bemerkt man plötzlich, dass es da noch Unausgesprochenes gibt.


    Astrid reist von Schweden nach Stuttgart, um die Beerdigung ihrer Mutter Rose zu organisieren, die an einem Herzinfarkt gestorben ist. Zu ihrer Mutter hatte Astrid ein problematisches Verhältnis, denn die Mutter war nicht einfach und unterkühlt. Über sich hat sie nie viel erzählt. Doch nun kommen Erinnerungen hoch. Astrid beschäftigt sich mit dem Leben ihrer Mutter und bringt Dinge zutage, die alles in ein neues Licht rücken.


    Der Krieg hinterlässt Spuren, die weit in die Zukunft reichen.


    Diese Geschichte ist manchmal schwer zu ertragen, denn das Buch ist wirklich keine leichte Kost.


    Die Kriegsgeneration hat viel erlebt, was sie nach Ende des Krieges verdrängt hat. Sie wollte nach vorne schauen und die Not und die Schrecken vergessen. Doch es bleibt in einem und wirkt sich auf das Verhalten aus. Das Unausgesprochene hat sogar Auswirkungen auf das Leben der Kinder und Enkel. Auch Rose hat nicht über das geredet, was sie erlebt hat. Rose hat Die Schrecken des Krieges und der Flucht erlebt und hat die Not und das Elend überlebt. Ihre große Liebe wurde ihr genommen, doch sie hat weitergemacht und sich nach dem Krieg ein neues Leben aufgebaut. Dabei hat sie Heimweh nach ihrer alten Heimat. Astrid erfährt so vieles erst nach dem Tod der Mutter und kann ihre emotionslose Mutter nun besser verstehen.


    Ich habe diese autobiografische Geschichte sehr gerne gelesen.

  • Warum diese Distanz ?

    Das fragt man sich in diesem Buch, in dem eine Tochter den Tod ihrer Mutter zu beklagen hat, deren Nähe sie in letzter Zeit gemieden hat und über deren berührende Vergangenheit sie recht wenig weiß. Ich habe aus dem Buch herausgelesen, dass die Tochter für die Mutter alles bedeutete, aber umgekehrt war dies wohl nicht der Fall. Wie konnte es so weit kommen, was ist zwischen den beiden passiert? Vielleicht hat die Mutter ihre Gefühle der Tochter gegenüber nicht zeigen können, denn sie hat so manchen Schicksalsschlag hinter sich, von denen wir nach und nach in diesem Buch erfahren.

    Das Buch ist weitgehend ein Rückblick auf die Kriegszeit, die Vertreibung aus Ostpreußen, eine Erinnerung an traumatische Szenen auf der Flucht, aber auch im Zusammenhang mit der Teilung Deutschlands. Historisch sehr interessant!

    Der Schreibstil war für mich etwas verwirrend, man musste sich immer wieder klar machen, von wem nun geschrieben wurde, z.B. Vater, war es der Vater der Autorin oder der Vater ihrer Mutter? Dann gab es immer wieder sexuelle Anspielungen, ohne dass eine entsprechende Situation vorhanden war, das Wort 'Brüste' scheint eines der Lieblingswörter zu sein, ohne dass ein Sinnzusammenhang dies erforderte. Das fand ich irgendwie störend! Oder hat es einen tieferen Sinn, der sich dem Leser aber nicht offenbart? Teilweise hatte ich einen Verdacht auf Missbrauch oder Inzest.

    Sehr schön fand ich die Naturbeschreibungen in diesem Buch, von Ostpreußen, von Augustenruh....sehr impulsiv und ausschmückend.

    Richtig warm geworden bin ich mit keinem der Charaktere, und so habe ich die Lektüre dieses Buches des öfteren unterbrochen. Ich gebe deshalb drei Sterne, mit eingeschränkter Leseempfehlung.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Klappentext

    Eine Mutter stirbt – eine Tochter, die bis dahin auf Distanz zu ihr gegangen ist, wird so mit der Vergangenheit konfrontiert. Hinzu kommt die überraschende Enthüllung eines Bekannten, die alle eigenen Erinnerungen und die Erzählungen der Mutter in ein neues Licht rückt. Das Schicksal der Mutter während des Zweiten Weltkriegs – auf der Flucht aus Ostpreußen und im Deutschland der Nachkriegszeit – wird mit ungeheurer Intensität, Bildkraft und Dichte geschildert.

    Meinung

    Ist das Buch eine Biographie über die Mutter der Autorin oder eine fiktive Geschichte, vielleicht beides. Es hat sich beim Lesen so angefühlt. Die Distanz und gleichzeitig die Suche nach Nähe, so ein Mutter / Tochter Verhältnis hatte ich auch und ich weiß von vielen anderen. Es scheint normal zu sein das Mütter ihren Töchtern nicht alles erzählen, vor allem wenn es um Erfahrungen im Krieg, auf der Flucht und dem Beginn in einer neuen Heimat geht. Wollen sie ihre Töchter schützen, sie nicht belasten oder ist es wenn man nicht mehr darüber spricht nicht wahr, es verschwindet am Horizont.

    Das Buch war in kleinen Bildern gewaltig, schwer zu verdauen, weil es trotzdem sperrig zu lesen war. Manchmal sind großformatige Bilder leichter zu verstehen.

    Die vielen Themenwechsel, das Leben der Ich Erzählerin auf einer schwedischen Insel, die Organisation der Beerdigung der Mutter mit allen dazu gehörigen Aufgaben und die Erzählungen von einem Freund der Verstorbenen der versucht Verständnis für das Verhalten der Toten zu wecken, machen das Buch für mich zu einer schweren Lektüre.

    Die Vorstellungskraft für das Geschehene ist da, aber es hätte vielleicht etwas mehr Nähe von Seiten der Ich Erzählerin gebraucht, damit das Buch die benötigte Empathie vermittelt.

  • Astrid Seeberger ist eine begnadete Erzählerin


    Schöne Bearbeitung eines ewig gleichen Themas: Mutter-Tochter Beziehung. Gar nicht so einfach, wenn man zu Lebzeiten es nicht geschafft hat, nun, nach dem Tod der Mutter den Zugang zu ihr zu finden. Und doch muss die Ich-Erzählerin im Buch genau das tun. Nach einer glücklichen Kindheit ohne finanzielle Sorgen, bricht der zweite Weltkrieg aus, die Kindheit ist schlagartig vorbei. Kriegs- und Nachkriegsjahre der Mutter werden in Fragmenten wiedergegeben, in loser Chronologie, manchmal wird vorgegriffen, andere Male werden ausgelassene Schlüsselmomente im Leben der Mutter nachgereicht. Das macht das Lesen nicht ganz einfach, aber spannend. Letztendlich erhalten wir ein Bild der Mutter, Puzzlestück für Puzzlestück fügt sich zusammen, wir und mit uns auch die Tochter beginnen die Mutter zu verstehen und auch zu schätzen. Die Mutter weiß was ihr Vater, ein charismatischer Mann seinem ältesten Sohn Bruno angetan hat, trotzdem lässt die Mutter die tiefe und innige Freundschaft und Liebe zwischen ihrer Tochter und ihrem Vater – Großvater zu. Ihre Tochter liebt ihren Großvater, führt mit ihm eine rege Korrespondenz, in den Ferien folgt sie ihm auf Schritt und Tritt, erlebt wunderschöne Momente.


    Nun ist die Mutter gestorben, es kam nie zu einer Aussprache zwischen Mutter und Tochter, warum die Mutter nie richtige Nähe zur Tochter zugelassen hat, wie viele Familiengeheimnisse in Mehlsack in Ostpreußen und Augustenruh in Mecklenburg-Vorpommern. In mühsamer Kleinarbeit und in Gesprächen mit Personen, die die Mutter kannten, aber auch aus Erzählungen der Mutter erfährt die Tochter nach und nach all die schönen, aber auch schmerzhaften und schrecklichen Ereignisse aus dem Leben der Mutter. Die Tochter entschließt sich die Geschichte der Mutter aufzuschreiben, vielleicht als Zeichen der posthumen Versöhnung mit der Mutter, aber auch damit ihre Mutter „Spuren hinterlassen“ kann und „um die Dinge in Einklang zu bringen“. (S. 70)


    Die Sprache ist bildgewaltig, dicht, poetisch. Allein schon das Bild der Familie, die an Sommerabenden auf der Terrasse zuhört, wie der Großvater aus Dr. Faustus von Thomas Mann vorliest, weckt in uns die Sehnsucht, auch solch unbeschwerte Sommerabende auf einem alten Gutshof zu verbringen. Oder in einem großen weißen alten Haus wohnen, wo man „in einem Lichtstreifen von Zimmer zu Zimmer gehen“.


    Astrid Seeberger ist eine begnadete Erzählerin. Langsam, sacht nimmt sie uns gefangen, verzaubert uns mit ihrer Prosa, lässt uns nicht mehr los.

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