Julia Phillips – Das Verschwinden der Erde / Disappearing Earth

  • Buchdetails

    Titel: Das Verschwinden der Erde


    Verlag: dtv

    Bindung: Gebundene Ausgabe

    Seitenzahl: 376

    ISBN: 9783423282581

    Termin: Neuerscheinung Januar 2021

  • Bewertung

    4.4 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

    88% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Das Verschwinden der Erde"

    »Ein wunderreiches Debüt.« Klaus Brinkbäumer in ›DIE ZEIT‹ An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr. Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt, entführt uns der Roman in eine extreme und faszinierende Welt am Rande der Welt: in die graue Stadt Petropawlowsk, die spektakulären Weiten der Tundra und die Schatten schneebedeckter Vulkane.
    Weiterlesen
  • Bestellen

  • Aktion

Anzeige

  • Klappentext/Verlagstext
    An einem Sommertag an der Küste Kamtschatkas verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Das Verbrechen erinnert an einen Vorfall nur Monate zuvor in der indigenen Bevölkerung. Wie eine düstere Wolke hängt der ungelöste Fall fortan über Kamtschatka und beeinflusst das Leben ganz unterschiedlicher Frauen in einer gespaltenen, männerdominierten Gesellschaft. Während das Netz zwischen den Einzelschicksalen dichter wird, hält die Suche nach den Mädchen die ganze Stadt in Aufruhr.
    Brillant konstruiert und einfühlsam erzählt, entführt Julia Phillips uns in eine extreme und faszinierende Welt am Rande der Welt: in die graue Stadt Petropawlowsk, die spektakulären Weiten der Tundra und die Schatten schneebedeckter Vulkane.


    Die Autorin
    Julia Phillips, geboren 1988, lebt in Brooklyn, New York. ›Das Verschwinden der Erde‹ ist ihr erster Roman. Er stand auf der Shortlist des National Book Award 2019 und erscheint in 25 Ländern.


    Inhalt
    Weil ihre Mutter arbeiten muss und die Kinder sich allein überlassen sind, steigen an einem kühlen Sommerferientag die Schwestern Sofija und Aljona zu einem Fremden ins Auto und werden nicht wieder gefunden. Aljona konnte sich mit einer jüngeren Schwester nicht bei Gleichaltrigen sehen lassen und so zogen die Mädchen gemeinsam an den Meeressaum. Die Ältere erzählt von einer ganzen Stadt, die nach dem Großen Vaterländischen Krieg hier auf der Halbinsel Kamtschatka bei einem Erdbeben verschwand. Bis heute ist es für die Mädchen und die Mutter ein unheimliches Gefühl, im Freien keinen Schutz vor Erdbeben suchen zu können. Aus Aljonas Mund klingen die Geschichten wie Märchen. In der Realität ist die Region von Petropawlowsk nach dem Abzug des russischen Militärs jedoch eine nüchterne Stadt, in der unter vielen Russen nur noch wenige Nachkommen der Ureinwohner leben.


    Das Verschwinden der Schwestern (schon der zweite Fall in kurzer Zeit) belastet die ganze Region, besonders trifft es jedoch die Frauen. Besorgte Eltern ziehen die Zügel für ihre Töchter buchstäblich straff an und kontrollieren sie strenger als zuvor. Nicht beaufsichtigte Kinder gelten schnell als verwahrlost. Die Ermittlungen der Polizei wirken jedoch gleichgültig; als wäre nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion eine moralische Leere in der Region entstanden.


    In zwölf Kapiteln erzählt eine empathische, leicht ironische Stimme, wie im Laufe eines Jahres das Verschwinden aller drei Mädchen außer den Müttern und den ermittelnden Polizisten mehrere Familien betrifft. Der Fall hat den unterschwellig spürbaren Konflikt zwischen Ureinwohnern der Halbinsel und russischen Zuzüglern eskalieren lassen. Korjaken, Itelmenen und Ewenen machen nur noch wenige Prozent der Bevölkerung aus, die Mehrheit sind Russen. Wie lange die Hirtenvölker der Tundra noch nach ihren Traditionen leben können, ist fraglich. Max, der mit zur Suchmannschaft für die Vermissten gehörte, sinnt noch heute darüber nach, wie jemand unbemerkt zwei Kinder aus der Stadt gebracht haben könnte. Die Studentinnen Alisa und Ksjuscha haben einen engen Bezug zur Natur und sind auf der Suche nach ihren kulturellen Wurzeln. Für Ksjuscha als Tochter von Viehzüchtern in der Tundra bedeutet das Verschwinden der Mädchen verstärkten Druck ihrer Angehörigen, weil sie durch ihr indigenes Äußeres besonders auffällig sein soll. Zwischen Tradition und Selbstständigkeit wird sie sich nur schwer entscheiden können.


    Der ungelöste Fall dient Julia Philipps, die selbst in Russland gelebt hat, als Rahmen, um die Situation der Frauen in einer ehemaligen Vielvölkergesellschaft zu betrachten. Fremde und deren Werte dominieren den Alltag, während die Nachkommen der Ureinwohner sich an den Rand gedrängt fühlen.


    Fazit

    Dass die zahlreichen Figuren Vornamen, Vatersnamen und Spitznamen tragen, macht das Personenverzeichnis zu einem wichtigen Teil des Romans. Der ungelöste Vermisstenfall klingt zunächst nach einem sozialkritischen Krimi vor exotischer Kulisse. Insgesamt ist Julia Phillips ein ungewöhnlich empathisches Buch mit glaubwürdigen Figuren gelungen, stets auf der Seite von Frauen und Mädchen.

    :study: -- Volders - Norden

    :study: -- Schnetzer - Wenn Haie leuchten

    :musik:-- Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit: Wahr, falsch, plausibel. Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Danke für die Rezension, allein schon das Cover spricht mich an!

    :musik: Barack Obama, Ein verheißenes Land. Sprecher: mein Mann :) .

    :study: Christoph Ransmayr, Die Schrecken des Eises und der Finsternis. MLR.

    :study: Georg Trakl, Sebastian im Traum.

  • Unbekanntes Kamtschatka

    „Das Verschwinden der Erde“ spielt in einem Teil der Welt, von dem ich rein gar nichts wusste, schon allein deshalb wollte ich dieses Buch lesen. Das Buch beginnt mit der Entführung zweier kleiner Mädchen. Es wird viel Spannung aufgebaut und ich war gespannt zu lesen, wie es weitergeht. Immerhin war das Buch als literarischer Thriller angekündigt. Was dann folgte, waren voneinander unabhängige Kapitel über Frauen, die alle irgendetwas mit der Entführung verband. Dies wurde jedoch sehr weit ausgelegt, es reichte schon, dass der Freund der einen Frau an der Suchaktion teilgenommen hatte oder eine andere Sekretärin an der Schule war, die die entführten Mädchen besuchten. Wer also erwartet, dass es sich um eine fortlaufende Ermittlung handelt, wird enttäuscht.


    Ich fand die einzelnen Kapitel nicht uninteressant. Kamtschatka ist eine Halbinsel in Russland, die lange Zeit regelrecht von der Außenwelt abgeschnitten war. Für manchen war das „die gute alte Zeit“, denn es kamen keine Touristen oder Gastarbeiter ins Land. Es gibt dort etliche indigenen Bevölkerungsgruppen, beispielsweise Ewenen und Tschutschuken, die dunkelhäutiger sind und von vielen „Weißen“ mit Argwohn betrachtet werden. Diesen unterschwelligen Rassismus und die damit verbundenen Vorurteile spricht das Buch auch an.


    Die Sprache der Autorin hat mir sehr gut gefallen, sie ist sehr bildhaft und lyrisch. Ich mag eigentlich kaleidoskophafte Bücher, in denen jedes Kapitel ein Teil eines Puzzles ist. Aber der Sinn der einzelnen Kapitel hat sich mir nicht immer erschlossen. Es war auch ausgesprochen anstrengend, die vielen Namen auseinanderzuhalten. Es gab zwar eine Auflistung der Hauptpersonen und –familien, aber trotzdem war es nicht einfach, nicht zuletzt deshalb, weil viele der Personen mit ihrem Kosenamen bezeichnet wurden, z.B. Jekaterina, genannt Katja, Alexandra, genannt Sascha usw.


    Meine Hauptkritik bezieht sich auf den Klappentext, der einfach vollkommen irreführend ist. Doch dafür kann die Autorin nichts. Was allerdings der Autorin anzulasten ist, ist der für mich unbefriedigende Schluss. Es bleiben viele Fragen offen, die ich hier allerdings nicht stellen kann ohne zu spoilern.


    Die bildhafte Sprache hat für mich vieles wettgemacht, aber das Buch war bei weitem nicht so spannend wie erhofft. Durch manche Kapitel habe ich mich regelrecht gequält und die auf der Rückseite des Covers geäußerte Meinung, dass dieses „Meisterwerk in einer einzigen Nacht verschlungen werden kann“, kann ich nicht teilen. Es ist ein Buch, das in mir nachwirkt und ich bereue nicht, es gelesen zu haben, aber man darf keineswegs einen spannenden Thriller erwarten. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Ein Jahr voller Schicksale in Kamtschatka


    Julia Phillips Debütroman ist kein Thriller, obwohl er so beginnt und sich auch der Klappentext auf den Thrillermoment der Handlung konzentriert.

    Sommerferien in Petropawlowsk, der Hauptstadt von Kamtschatka. Da ihre Mutter den ganzen Tag arbeitet, vertreiben sich die beiden kleinen Schwestern Aljona und Sofija die einsamen Tage in der Stadt oder am Strand. Dort erzählt die Ältere die Geschichte der verschwundenen Stadt, die in einem Augenblick von einem Tsunami verschluckt wurde und verschwand. Kurz darauf sind auch die beiden Mädchen verschwunden. Mit einem Mann, in einem dunklen Auto. Die Stadt rätselt, was passiert ist. Die Aussage der einzigen Augenzeugin wird bald angezweifelt. - Das Leben geht jedoch weiter. Für viele Frauen in Kamtschatka unter schwierigen Bedingungen. Aber immer wieder wird das Verschwinden der Mädchen thematisiert.

    Der Roman ist in Kapitel unterteilt, die jeweils mit einem Monatsnamen versehen sind. Die Handlung beginnt im August und endet im Juli des folgenden Jahres. In jedem Kapitel wird eine kleine Geschichte erzählt. Jeweils aus der Sicht einer weiblichen Figur. Mehrheitlich sind es traurige Geschichten, über unerfüllte Träume und das triste und freudlose Leben, verpasste Chancen und falsche Entscheidungen. Kamtschatka scheint für Frauen kein schöner Ort zu sein. Väter und Ehemänner glänzen durch Abwesenheit oder kommen nicht gut weg, dennoch haben sie das Sagen in der Stadt und der Region.

    Zunächst scheinen die kurzen Einblicke in die unterschiedlichen Leben zusammenhanglos. Je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr wird deutlich, dass die Personen mit einander verknüpft sind. Das ist hervorragend gemacht, erfordert aber Aufmerksamkeit. Mir ist dies bei den vielen Namen schwer gefallen. Es gibt keine Hauptpersonen in diesem Buch, sondern viele Charaktere und Schicksale. Die Autorin gibt vielmehr einen Querschnitt der weiblichen Bevölkerung und ihres Lebens in Kamtschatka wider. Das ist sehr gut gelungen, in Teilen wiederholen sich aber auch Inhalte. Zudem sind es immer nur Ausschnitte, viele Monatsgeschichten bleiben am Ende offen.

    Der ruhige, unaufgeregte Schreibstil läßt sich gut lesen. Die Autorin versteht es, die raue Natur und die schwierigen Lebensbedingungen darzustellen. Über allem schwebt aber eine Wolke aus Trostlosigkeit und Verfall.

    Mir hat das Buch gut gefallen. Der Aufbau ist wirklich prima durchdacht und überrascht, vor allem das Ende ist sehr gelungen. Bis sich ein gewisser Durchblick in die Handlung einstellt, dauert es aber etwas. Bei den Namen habe ich mich schwer getan. Auch fand ich einige inhaltliche Wiederholungen nicht so elegant.

    Hilfreich ist eine Karte der Halbinsel Kamtschatka und ein Namensregister zu Beginn des Romans.

    Empfehlen kann ich das Buch allen, die eine anspruchsvolle, verzweigte Geschichte lesen möchten und ein bisschen Durchhaltevermögen haben, bis sich die Handlung entwickelt. Man sollte keine Angst vor Trostlosigkeit und offenen Handlungssträngen haben.

    Ich vergebe vier Sterne.

  • Problematisch finde ich auch, dass sich Autor, Übersetzer und Klappentexter in einem Text über einen Vielvölkerstaat ihrer eigenen kulturellen Brille bewusst sein müssen. Im Grunde müsste man wissen, wie z. B. die Hirtenvölker in ihrer Sprache die Russen nennen und dafür einen süffigen Begriff finden, nicht den eigenen Begriff verwenden, den weiße Amerikaner für sich benutzen.

    :study: -- Volders - Norden

    :study: -- Schnetzer - Wenn Haie leuchten

    :musik:-- Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit: Wahr, falsch, plausibel. Die größten Streitfragen wissenschaftlich geprüft


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

  • Auf der sibirischen Halbinsel Kamtschatka verschwinden die russischen Schwestern Sofija und Aljona. Obwohl es eine Suchaktion gibt, an der sich viele beteiligen, gibt es keine Spur von ihnen. Viele erinnern sich noch, dass schon einmal jemand verschwunden ist. Es handelte sich um eine junge indigene Frau, bei der sich niemand die Mühe gemacht und sie gesucht hat. Das Verschwinden der Mädchen lässt die Menschen nicht los.


    Die Autorin Julia Phillips hat diese Geschichte auf eine ungewöhnliche Art erzählt. Jedes Kapitel ist mit einem Monatsnamen überschrieben und erzählt die Geschichte einer Person, bis sich dann nach einem Jahr der Kreis schließt. Für mich wirkte es wie eine Aneinanderreihung von Kurzgeschichten, die kaum Verbindung haben und die auch nicht zu Ende erzählt wurden.


    Angekündigt wird das Buch mit dem Hinweis „literarischer Thriller“. Etwas Thrillerhaftes hatte die Geschichte für mich aber gar nicht. Streckenweise war es doch recht langatmig und vieles wird nur angedeutet. Der Grundton war recht deprimierend.


    Interessant fand ich, mehr über das Leben und die Kultur in Kamtschatka zu erfahren, ein Gebiet, das wohl kaum einer kennt. Auch die Landschaft war gut und atmosphärisch beschrieben. Die Bewohner der Halbinsel sind irgendwie zerrissen, es gibt die Konflikte zwischen russischer und indigener Bevölkerung, Männern und Frauen, zwischen arm und reich, Tradition und Moderne, Stadt und Land.


    Ich hatte meine Schwierigkeiten mit diesem Roman und musste mich immer wieder überwinden, das Buch zur Hand zu nehmen. Wenn ich dann aber wieder drin war, ging es. Die meisten Personen waren mir überhaupt nicht sympathisch und so ging mir dann auch ihr Schicksal nicht nahe. Ihr Denken und Handeln konnte ich meist nicht nachvollziehen.


    Ich bin recht zwiespältig – einerseits packte mich die Geschichte nicht wirklich, andererseits habe ich dann über manches doch noch nachgedacht. Wirklich überzeugt bin ich aber nicht.

Anzeige