Jeff Lemire - Wilde Jagd / Wild Game

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  • Sweet Tooth Paperback 6: „Wilde Jagd“


    von Jeff Lemire



    Inhalt: Je weiter Gus und Jeppert mit ihrem Gefolge in die Weiten von Alaska vordringen, desto mehr kommen sie dem Geheimnis der tödlichen Seuche, sowie des damit verbundenen Auftauchens der seltsamen Tierwesen auf die Spur. Vergraben im Eis unter einem wissenschaftlichen Gebäudekomplex liegt die Lösung des seltsamen Rätsels um alte Götter, deren Zorn offenbar schon einmal im Jahre 1911 entfacht worden ist. Doch auch der grausame Gegenspieler Abbot kennt dieses Ziel, und alles deutet auf einen baldigen Showdown hier im ewigen Schnee hin …


    Meinung: Ich möchte vorweg eine Warnung aussprechen. Bevor jemand den Comic zum Lesen aufschlägt, sollte er/sie einige Taschentücher bereithalten. Jeff Lemire ist mit diesem letzten Band - er enthält die abschließenden US-Ausgaben #34 - # 40 dieser Serie – nicht nur einen runden, sondern auch einen verdammt emotionalen Abschluss gelungen. Dabei umschifft er gekonnt die gefährlichen Klippen zum Kitsch, den man bei ähnlichen Abschlüssen von Geschichten oftmals vorfindet. Es ist schon erstaunlich, welch ein erzählerisches Talent der Autor und Zeichner entwickelt, um solch ein gefühlvolles Ende nicht schmalzig wirken zu lassen. Dabei sieht es lange nicht nach einem befriedigenden Ende aus. Einer wilden Jagd – der treffliche Namensgeber dieses Paperbacks – folgt ein spannendes und ziemlich blutiges letztes Gefecht in einer gottverlassenen Siedlung am Ende der Welt. Und es ist lange Zeit nicht absehbar, wer die Oberhand behält und damit das Schicksal der Menschheit und der seltsamen Mischlingswesen aus Mensch und Tier bestimmen kann.


    Die Coverabbildung dieser Ausgabe deutet es schon an: das Mischlingswesen Gus, dessen Entwicklung in einer von Seuchen und Tod geprägten Umwelt wir von Beginn an verfolgt haben, ist gealtert und gereift. Er ist zu einem Erfahrenen, aber auch vom Leben und von Schmerz gezeichneter Gus geworden. Und so mancher mag sich fragen, was man vielleicht selbst an seiner Stelle getan hätte, welche Wahl man an den entscheidenden Punkten seines Lebens getroffen hätte. So hat diese Serie durchaus auch einige nette philosophischer Ansätze, über die der geneigte Leser sinnieren kann. Somit ist diese Serie vor allem ein Entwicklungsroman geworden. So manches Mal habe ich mich am Ende sogar dabei erwischt, Vergleiche zu dem Kaninchen Hazel aus Richard Adams genialen Tierroman Watership Down (Unten am Fluss) zu ziehen.


    Fazit: Gus, Jeppert, die vielen Mischlingswesen, Dr. Singh und die vertrauten Charaktere werden mir nach insgesamt vierzig Ausgaben ganz sicher fehlen, denn die Möglichkeit einer Fortsetzung o.ä. ist mit diesem Abschluss ganz sicherlich vom Tisch. Bleibt noch die Hoffnung, dass der begnadete Autor und Zeichner Jeff Lemire sich nicht von allzu vielen Superheldenabenteuern bei DC oder Marvel verheizen lässt, sondern sich eines Tages einmal wieder des Weges besinnt, den er mit „Sweet Tooth“ eingeschlagen hat: emotionale und spannende Geschichten in einer gekonnten Symbiose von Text und Bild zu schaffen, die man so zuvor kaum in dieser Form gelesen hat.




    Fazit: Ein großer Abschluss einer einzigartigen guten Serie! Ich ziehe meinen Hut vor dem Künstler!

    Das Amt des Dichters ist nicht das Zeigen der Wege, sondern vor allem das Wecken der Sehnsucht.



    H.H.

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