Ernst Weiß - Tiere in Ketten

Anzeige

  • Ein Bordellroman? So haben ihn die Zeitgenossen in der Weimarer Republik wahrgenommen. Und gern gelesen. Ein Mädchen "nicht vom Stande" verguckt sich in einen Oberleutnant der kaiserlichen Armee, steckt ihm Geld zu, das sie auf dem Strich verdient. Dem Offizier gefällt's, er kommt auf den Geschmack, hatte ihn vielleicht auch schon vorher, dem "Katzerl" wie das Mädchen im Soldatenjargon tituliert wird, gefällt's auch, vielleicht auch schon vorher. Die Armee duldet keine Zuhälterei als Nebenjob.Der Oberleutnant fliegt aufs Ehrenrührigste raus, er startet neu durch als Bordellbetreiber, das "Katzerl" bleibt die Nummer eins - bis ein Dame namens "Mizzi" auftaucht. Von da ab ist es ein Eifersuchtsdrama und würde auch in einem anderen Milieu spielen können. Aber natürlich nicht so pikant das Ganze. Die Emotionen kochen hoch in "Tiere in Ketten", am Ende sind sie alle tot. Doch "Tiere"? Das fragt man sich beim Lesen in der Jetztzeit. Dem Autor ist aber diese Zuschreibung sehr wichtig, man lebte noch in festen Kategorien des bürgerlichen 19.Jahrhunderts, Siegmund Freuds Ideen über das Gefühlsleben waren längst noch nicht populär.


    Die Erstfassung des Romans von 1918/22 war noch mit viel mehr Pathos angereichert als die heute noch erhältliche Romanform von 1930.

    1922 war das Buch umfangreicher, der erste Satz lautete: "In dem Freudenhause einer kleinen Stadt lebte ein schönes Mädchen, das Olga hieß." 1930 liest man: "Das Haus Nr. 37 war nur nachts eine Spelunke. Tagsüber war es ein kleines, solides Wirtshaus." Der Tod des "Katzerls" wird 1930 in einem Satz beschrieben. 1922 steht dafür ein ganzes Kapitel zur Verfügung.


    Wenn man kann, sollte man die erste Fassung lesen, und sich durch die Zumutung nicht abschrecken lassen, einen Kolportageroman vor sich zu haben. Man kommt mit ihr noch besser hinein in die Gefühlswelt der damaligen Leserschaft. Leider steht sie nur noch im Projekt Gutenberg online zur Verfügung.

    Ernst Weiß (1882-1940) war ein österreichischer Arzt und Schriftsteller, er gilt als Autor des Expressionismus

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Ernst Weiß, Tiere in Ketten“ zu „Ernst Weiß - Tiere in Ketten“ geändert.
  • hertz Was mir bei deinem Beitrag fehlt, ist deine Meinung zum Buch, zur Geschichte. Du hast zwar die Sternebewertung eingetragen, aber niemand kann nachvollziehen, wie Du zu dieser Bewertung kommst - irgendwas hat nicht gefallen, aber irgendwas muss doch ganz gut gewesen sein. Kannst Du dazu noch etwas schreiben? Danke :wink:

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Neil MacGregor - Shakespeares ruhelose Welt


  • Nachtrag zu Tiere in "Ketten":


    Olga ist für mich voller Energie, nicht unterzukriegen, immer wieder steht sie auf, eine Fighterin, bis zur Vernichtung des Gegners. Ich fühlte mich beim Lesen geradezu hineingezogen in ihre Rolle. Frauen ihrer Zeit, die ich als Jugendlicher kannte, waren mir nie so entschieden erschienen. Ich schätze es, dass Ernst Weiß seine Protagonistin über Emotionen definiert und nicht über erlaubte oder verbotene Handlungen. Das gilt auch für den Gegenspieler Franz, den Zuhälter und Bordellwirt, der ab irgendwann durchaus auf dem Weg zu sein scheint, ein ordentliches Mitglied der Stadtgesellschaft werden zu können, hinderlich scheint eher sein Suff zu sein und nicht sein Puff. Auch mit ihm geht Weiß respektvoll um, der Charakter ist nicht sofort auf Verachtung gebürstet.


    Ich hatte Mühe mit der Länge der Geschichte. Da es bei den Figuren kaum eine Entwicklung gibt, tritt für mich die Handlung doch auch ein bisschen auf der Stelle. Ich hätte lieber eine knackige, knappe Erzählung gehabt, zumal mich der Autor vor vielen Jahren mit einer Kurzgeschichte als Leser gewonnen hat. So sehr Weiß auch im dramatischen Gang der Dinge die Moral zurückhält, beim Titel ist sie dann doch da, das verstört mich, und ich komme nur über zeitgeschichtliche Einordnung damit zurecht.

Anzeige