Jo Nesbø - Ihr Königreich / Kongeriket

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  • Inhalt lt. Amazon

    Als die Polizei erneut in dem ungelösten Fall ihres verschwundenen früheren Chefs ermittelt, ist der Automechaniker Roy alarmiert. Die kürzliche Rückkehr seines Bruders Carl in die kleine Stadt Os bringt anscheinend Unglück. Auch dass dessen Frau genau Roys Typ ist macht ihn nervös. Carl hingegen ist voll großer Pläne und verspricht, ganz Os reich zu machen. Doch plötzlich kursieren im Ort Gerüchte und Verdächtigungen zum Unfalltod ihrer Eltern. Roy hat seinen kleinen Bruder immer beschützt, aber jetzt stehen sie sich als Rivalen gegenüber.


    Autor

    Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Er gehört zu den renommiertesten und erfolgreichsten Krimiautoren weltweit. Jo Nesbø lebt in Oslo.


    Meine Meinung

    In diesen Buch wird die Geschichte der Familie Opgard erzählt. Roy lebt allein auf einen abgelegenen Hof in den Bergen in Norwegen. Dann Kommt sein Bruder Carl mit seiner Frau Shanon aus Kanada zurück. Gemeinsam wollen sie auf dem Berg ein Hotel errichten und beziehen das ganze Dorf Os mit ein.
    Das Buch ist weniger Krimi als ein Familiendrama, obwohl es im Laufe des Buches einige Leichen gibt. Das Buch wird aus Sicht von Roy erzählt. Es gibt immer wieder Rückblenden in die Vergangenheit. Dabei werden die zum Teil schwierigen Beziehungen zwischen den Dorfbewohnern beleuchtet. Zum Schluss erschließt sich auch der Titel des Buches.
    Der Autor hat die Personen treffend charakterisiert. Das Buch ist angenehm zu lesen. Der Schreibstil hat mir gefallen. Nur sollte man keinen spannenden Krimi erwarten.
    Von mir gibt es 4 Sterne und eine Leseempfehlung.

    Sub: 5410:twisted: (Start 2020: 5403)

    gelesen 2020: 75

    gelesen 2019: 90 / 1 abgebrochen / 36631 Seiten

    gelesen 2018: 80 / 2 abgebrochen / 32745 Seiten

    gelesen 2017: 86 / 4 abgebrochen / 33551 Seiten



    :montag: James Ellroy - Jener Sturm

    :study: Marc-Uwe Kling - Qualityland 2.0


    Lesen... das geht 1 bis 2 Jahre gut, aber dann ist man süchtig danach.

  • Menschliche und geographische Abgründe in einem sprichwörtlich abgründigen Thriller


    „Ihr Königreich“ – 23. September 2020


    In diesem zweiten oder dritten(?) Standalone vom genialen Jo Nesbø wird jeder menschliche Abgrund ausgelotet und perfekt vermengt. Mal alphabetisch aufgelistet, was vorkommt: Eifersucht, Gier, Hörigkeit, Intrigen, Kindesmissbrauch, Körperverletzung, Lügen, bis hin zum mehrfachen Mord … mindestens, ist alles dabei.


    Aber auch Liebe, Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein spielen eine Rolle. Falls Diskretion in dem Fall positiv ist, auch die.


    Die beiden Brüder: Carl und Roy Opgard leben mit ihren Eltern hoch oben in Norwegens unwirtlichen Bergen, im Ort Os. Den Ort gibt es wirklich, ich war mir nicht sicher, ob die Orte möglicherweise fiktiv sind. Das sind sie aber nicht. Notodden (wird im Buch häufig erwähnt) und Os sind etwa fünfhundert Kilometer voneinander entfernt, das hätte ich näher zueinander eingeschätzt. Aber da kann man schon mal in Notodden was abfeiern, was in Os keiner mitkriegen soll.


    Der Vater bezeichnete ihren Hof einmal als „ihr Königreich“. Ich hatte vorher beim Titel überlegt, ob es sich wohl um das Königreich einer Frau handelt oder um das Königreich mehrerer Personen. Also, klar, hier handelt es sich um das Königreich der Familie Opgard.


    Roy Opgard, unser Ich-Erzähler, ist der ältere Bruder, hat viele Qualitäten, die aber erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Dann aber umso deutlicher. Carl, der Jüngere, sieht blendend aus, ist super in der Schule, hat Glück bei den Frauen, eine charismatische Erscheinung.


    Roy steht immer für seinen Bruder ein, so lange, bis am Ende die Dämonen aus dem Abgrund immer mächtiger werden. – Als Roy siebzehn ist, sterben beide Eltern bei einem Unfall. Onkel Bernard, der sehr geschätzte und fürsorgliche Onkel kümmert sich bis zu seinem Tod rührend um die Jungs (nicht nur) bis zur Volljährigkeit von Roy. Carl wandert nach USA aus, mit einem Stipendium im Gepäck, kommt aber nach fünfzehn Jahren zurück nach Os. Als gemachter Mann mit Frau und großen Plänen.


    Zitat Seite 46: „Es macht etwas mit dir, wenn du auf der anderen Seite der Erde hockst und dich fragst, wer du in Wirklichkeit bist. Und woher du kommst. In welches Umfeld du gehörst. Wer deine Leute sind.“


    Ich wollte dieses Buch unbedingt haben, hatte aber erst einen Roman vom Autor gelesen: „Leopard“ aus der Harry-Hole-Reihe. Ich bin so unglaublich begeistert von diesem Kriminalroman hier, der so raffiniert aufgebaut ist und man fiebert so mit, mit dem überaus klugen Protagonisten Roy, obwohl er … aber lassen wir das.


    Was mir auch gefiel: Es gibt zahlreiche Tipps zur Weltliteratur, z. B. auf Seite 59, Seite 321, und auf Seite 329.


    Fazit: Die perfekt gezeichneten Figuren, sogar die Nebendarsteller, bewegen sich in der Landschaft – manchmal auch indoor, aber meistens outdoor – wie in einem Kinofilm. Man sieht sie förmlich in ihren amerikanischen Straßenkreuzern umherfahren, fiebert mit, ob ihnen ihre Aktionen gelingen oder ob man ihnen womöglich doch auf die Schliche kommt. Das gelingt literarisch so wie hier höchst selten und ist fantastisch. Volle Punktzahl! Verdient! Respekt!

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Mutiger Autor!


    Roy lebt alleine und zurückgezogen in Os, einem kleinen Dorf in den Bergen Norwegens und betreibt eine Tankstelle. Roy ist mehr oder weniger zufrieden mit seinem Leben, auch wenn sein jüngerer Bruder nach dem Unfalltod der Eltern Hals über Kopf aus Os verschwunden ist. 15 Jahre später taucht Carl wieder auf und ist in Gesellschaft von seiner Freundin Shannon und einer tollkühnen Idee!


    Ich habe während der Lektüre mehrere Male nachgesehen : Es steht Kriminalroman auf dem Cover! Passender wäre meiner Meinung nach "Familiendrama" gewesen. Es dreht sich praktisch alles um die Familie Opgard, die beiden Brüder Roy und Carl, die nach dem Unfall der Eltern zurückbleiben. Gefühle, Beziehungen untereinander und Erlebnisse aus der Kindheit werden laufend thematisiert. Durch die vielen Andeutungen schlich sich nach und nach ein Verdacht, der die Beziehung zwischen den Brüdern betrifft, ein. So kommt doch noch ein Hauch Spannung ins Buch. Ansonsten ist der einzige Krimi auf den ersten Seiten ein Dialog zwischen zwei Frauen, die sich absolut nichts schenken. Die Genreeinteilung weckt Erwartungen in dieses Buch, das es einfach nicht halten kann.

    Ganz abstrus wird es, als es nach 150 Seiten doch noch um einen alten Todesfall geht. Roy kann sich tatsächlich daran erinnern, dass 16 Jahre zuvor irgendwo bei irgendwem …. die Details verrate ich hier natürlich nicht … eine Tasche und ein Handy in eine Schlucht gefallen sind. Er fährt mit Carl hin und beginnt zu suchen und ..... Überraschung! …findet die Tasche. In einer Schlucht! Nach 16 Jahren!

    Mutig von Jo Nesbo uns Lesern solche abstrusen Zufälle zu verkaufen.

    Wenn man gerne wissen möchte, wie es sich als Tankwart in den Bergen von Norwegen so lebt und arbeitet, ist man mit diesem Buch gut bedient. Ueber mehrere Seiten erfährt man die "nötigen" Details: Vom Aufbacken von Brötchen bis zu dem Bedienen des Würstchenwärmers ( O-Ton)!

    Und dabei hatte das Buch so gut begonnen! Denn auf den ersten Seiten erfährt man, wie die Brüder ticken. Dies anhand einer abscheulichen Szene, in der auch Dog, der Familienhund involviert ist. Danach verliert sich der Autor in Nebensächlichkeiten, die vor Langweile kaum zu überbieten sind.

    Sorry, Herr Nesbo. Aber das können Sie besser!


    :bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Gesteuerte Ambivalenz


    Ich verfolge das literarische Schaffen von Jo Nesbo schon seit längerer Zeit. Seine Reihe um Kommissar Harry Hole habe ich nahezu vollständig verschlungen. Aber dieser Roman war das erste „Stand-Alone-Werk“, das ich von ihm gelesen habe. Sein literarisches Können ist dabei weiterhin unbestritten – dennoch fiel mir die emotionale Identifizierung mit dem „Königreich“ schwer, und ich mag nicht die höchste Punktzahl vergeben.


    Zunächst einmal ist es nicht leicht einzuordnen – was an sich kein negatives Kriterium sein muss. Doch hier hat es bei mir leichtes Unbehagen erzeugt. Es ist ein Mittelding zwischen verschiedenen Genres – Drama, Krimi, Thriller, Familiengeschichte. Und nichts davon ganz.


    Zweitens haben wir es hier mit einem wahren Paradebeispiel von „unzuverlässigem Erzähler“ zu tun, was dem Leser bei der Orientierung nicht gerade weiter hilft. Es wird aus Roy Opgards Perspektive erzählt. Roy ist der ältere von zwei Brüdern, die in einem einsamen norwegischen Ort in einer dysfunktionalen Familie aufwachsen. Erst als beide erwachsen sind, und Carl in den Ort zurückkehrt, eskalieren die Spannungen aus der Kindheit, und beide bleiben mit den Scherben ihres Lebens zurück.


    Ich habe mich gefühlt wie bei einem Verhör. Roy hat mir als Leser immer nur gerade so viel erzählt, wie es von Kapitel zu Kapitel nötig war. Die Erzählung wand sich dahin wie ein Tanz, und hat sich in Spiralen auf das eigentliche Geschehen zubewegt. Zudem wurden noch fleißig Cliffhanger und Vorausdeutungen benutzt – ab irgendeinem Punkt war mir das manchmal „too much“.


    Auch manches erzählerische Element fand ich im Rückblick überladen. Eine krause und gewalttätige Familienhistorie, dazu noch undurchsichtige Finanzgeschichten des jüngeren Bruders Carl, der plötzlich in seinem Heimatdorf ein Wellness-Hotel bauen will. Und obendrauf, als Sahnehäubchen, noch eine Dreiecksbeziehung. Und alles flankiert von Roys latenter Gewaltbereitschaft. Also ich weiß nicht…


    Ich hatte das Gefühl, der Autor wollte dem Leser ganz gezielt eine Identifikation mit den Figuren unmöglich machen. Nun, das ist ihm vollauf gelungen! Was mir gut gefiel, war die Charakterisierung des einsamen Landlebens, der Mentalität, der Dorfschlägereien, der Gerüchteküche, der Liebschaften. Auch die Dialoge und jede Charakterzeichnung für sich fand ich überzeugend. Nur alles auf einmal genommen, war mir zuviel. Zudem gibt es im gesamten Buch keine einzige positive Frauenfigur. Dafür ist Jo Nesbo nun auch nicht gerade bekannt. Aber sogar bei Harry Hole konnte man noch irgendwo mitfühlen…


    Ich werde in Zukunft bei Harry Hole bleiben. Einzelwerke von Jo Nesbo, wie dieses hier, würde ich nur mit Vorsicht und an wirkliche Fans weiter empfehlen.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

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