Harald Seyrl + Max Edelbacher - Verbrechen in Wien - Historische Kriminalfälle im 20. Jahrhundert

  • Kurzmeinung

    Ambermoon
    Ein Blick in Wiens Verbrecher- und Polizeigeschichte - reich bebildert, informativ und packend

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  • Historische Kriminalfälle, die es in sich haben. Harald Seyrl und Max Edelbacher beschreiben Morde in Wien, die immer auch ein Spiegel ihrer jeweiligen Zeit sind: Die polizeilichen Untersuchungen der Taten und die Gerichtsverhandlungen bieten uns Einblicke in Lebensläufe und Milieus, die uns sonst häufig unbekannt bleiben. Das Buch ist damit auch eine einzigartige Sozialgeschichte Wiens zwischen 1900 und 1990, die uns mit gut 120 meist unbekannten Abbildungen eine der dunklen Seiten Wiens zeigt... (Klappentext)


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    "Wie sehr das alte Wien - die Stadt, in der der >>Himmel voller Geigen<< gehangen ist und die Lebensfreude scheinbar zu Hause war - auch Schauplatz blutiger Ereignisse war, wird bewusst, wenn man die unterschiedlichsten Tatorte der Kriminalität in der Kaiserstadt betrachtet. Straßen und Plätze, Kirchen und Theater, Wirtshäuser, Palais und Hotels wurden Schauplätze von Verbrechen."

    (S. 56)


    Lange war man der Meinung, dass es bezüglich Mörder, Serienkiller und Psychopathen in Österreich eher ruhig und gesittet zugeht. Spätestens seit dem Fall "Fritzl" und "Přiklopil" weiß ganz Europa, dass dem nicht so ist.

    Doch schon in der Vergangenheit der k. u. k. Monarchie trieben sich diverse Kriminelle größeren Kalibers bei uns herum und vor allem die Metropole Wien zog die Kriminalität an.


    In diesem Buch werden verschiedene Historische Kriminalfälle Wiens des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Diese Reise der historischen Kriminalfälle Wiens beginnt mit der Zeit der ausklingenden Monarchie um 1900, geht dann weiter in die Zeit der Ersten Republik, über die Zeit des 2. Weltkriegs, die Nachkriegszeit und endet schließlich mit Kriminalfällen ab Mitte der 50er Jahre bis 1999.

    Jedes Zeit-Kapitel beginnt mit einer Einleitung, welche auf die Zusammensetzung und die Entwicklung des gesamten Polizeiapparates der jeweiligen Zeit eingeht.

    So erhält man interessante Informationen über die äußerst interessante und bewundernswerte Polizeigeschichte Österreichs, z.B.: die ersten Anfänge des organisatorischen Polizeiwesens oder die Gründung von Interpol 1923, bis hin zur Zerschlagung des mühsam aufgebauten Polizeiapparates durch die Nationalsozialisten und der mühsame Aufbau in der Nachkriegszeit.


    "Das enge Zusammenspiel zwischen dem Sicherheitsbüro und der Wiener Gerichtsmedizin, die als eigenständiges Institut bereits 1804 gegründet war, bewirkte in diesen Jahren eine beachtlich hohe Aufklärungsrate auf dem Gebiet der Blutdelikte."

    (S. 15)


    Danach folgen die Kriminalfälle, die damals für Aufschrei und Empörung in der Bevölkerung sorgten. Dabei werden sowohl Opfer, als auch Täter vorgestellt, deren soziale Verhältnisse, das Motiv und ebenso auch der Tathergang, die Ermittlungstätigkeiten und das Strafverfahren.

    Hierbei erlangt man einen hervorragenden Einblick in das Milieu und die politischen Geschehnisse, welche natürlich auch die Gesellschaft der jeweiligen Zeit beeinflussten und somit auch die Täter, deren Motive und auch die polizeiliche Ermittlungsarbeit.


    "Die Erinnerungen an die Greuel des Krieges hatten oftmals jedes menschliche Mitgefühl verschüttet. So argumentierte ein Täter dieser Zeit, der einen besonders grausamen Mord begangen hatte, auf die Frage des Richters, ob er nicht Mitleid mit seinem Opfer empfunden habe, mit der Antwort, dass er >>so viel Grausamkeit im Krieg erlebt hätte, dass ihm seine Tat nicht ungewöhnlich erschiene.<<"

    (S. 68)


    Darunter sind weniger bekannte Fälle, aber auch solche, welche nahezu weltweit bekannt wurden, wie z.B. der Fall Christian Voigt, dem gefährlichsten Triebtäter seiner Zeit, der Robert Musil zu dem Werk "Der Mann ohne Eigenschaften" inspirierte.

    Oder als Wien Mitte der 50er Jahre mit seiner Unterwelt zu einem kleinen Chicago wurde. Aber auch der Fall vom Krankenhaus Lainz, der weltweit für Erschütterung sorgte und natürlich hat Österreichs Jack the Ripper, der Serienmörder Jack Unterweger, auch seinen Platz in diesem Buch gefunden.


    Dies erfolgt kurz und knackig, trotzdem mit ausreichend und interessanten Informationen und in einem flüssigen und neutralen Schreibstil.

    Man merkt, dass diese beiden Autoren mit der Materie vertraut sind und wissen wovon sie sprechen.

    Kein Wunder, ist doch Mag. Harald Seyrl unter anderem Leiter des Wiener Kriminalmuseums (ja, sowas haben wir in Österreich wirklich) und ist, trotz seines Alters, auch als Präsident des Europäischen Verbandes für Geschichte des Sicherheitswesens immer noch in der polizeilichen Ausbildung tätig.

    Mag. Max Edelbacher war lange als Polizeijurist bei der Wiener Polizei mitten drin, statt nur dabei und plaudert, vor allem bei den nahe zurückliegenden Fällen, aus dem Nähkästchen.


    "Der Fall hatte seit Monaten ganz Wien bewegt, trafen doch in dem skurrilen Verfahren drei ungewöhnliche Umstände aufeinander.

    Einerseits war die des Mordes beschuldigte Angeklagte eine junge und hübsche Frau, der niemand eine so blutige Tat zutrauen würde, andererseits war das Opfer eine in ganz Wien bekannte Unterweltgröße, die als 'Cadbury-König' einen fast legendären Ruf in der Schwarzmarkt- und Schleichhandelsszene hatte. Darüber hinaus war das Tatwerkzeug des grausamen Mordes - eine Fleischfaschiermaschine (auch Fleischwolf genannt) - eher ungewöhnlich."

    (S. 154)


    Begleitet werden diese historischen Fälle durch zahlreiche Abbildungen. Leider fiel mir hier bei manchen Bildern die, ja, sagen wir mal eigenwillige Colorierung störend ins Auge. Ich weiß nicht, ob man dadurch hip erscheinen wollte oder es einfach nur als "Kunst" dienen sollte.

    Das ist jedoch Meckern auf äußerst hohem Niveau und ist sicher Geschmackssache.


    Fazit:

    Dieses Buch, welches einem mit den enthaltenen Kriminalfällen in die dunkle Geschichte Österreichs ebenso blicken lässt, wie auch in die Entwicklungsgeschichte des österreichischen Polizeiwesens, fesselte, schockierte und unterhielt mich gleichermaßen. Erschreckend und faszinierend zugleich.

    Es ist aber auch zugleich ein Spiegel der Zeit und der somit dunkleren Geschichte Wiens und trägt somit auch zum Verständnis der jeweiligen Zeit bei. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    © Pink Anemone (inkl. vielen Bildern, Leseprobe, Link zu meinem True-Crime-Summer-Worldtrip und einen Touristen-Tip der etwas anderen Art)

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