Jacqueline Carey - Naamah's Kiss

  • Moirin vom Volk der Bärengöttin, den Maghuin Donn, führt mit ihrer Mutter ein naturnahes, zufriedenes Leben in Alba und weiß kaum etwas über die große weite Welt, bis sie eines Tages erfährt, dass ihr Vater, den sie nie kennengelernt hat, kein Einheimischer war, sondern ein Priester Naamahs aus Terre d'Ange auf der anderen Seite der Meerenge.


    Um ihren Wurzeln väterlicherseits nachzuspüren, geht sie, die lange Zeit nichts anderes kannte als ihre primitive Wohnhöhle, schließlich auf Reisen und wird in Terre d'Ange in eine völlig andere Kultur hineinkatapultiert, wo man sie aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten, mit der Natur zu kommunizieren, mit einer Mischung aus Faszination und Furcht betrachtet. Sie lernt sowohl die Heil- als auch die Liebeskünste der D'Angelines kennen und wandelt dabei zeitweise auf gefährlichen Pfaden, bevor ihr Weg sie dann auf eine neuerliche Reise in weit entfernte Lande führt, wo eine schier unlösbare Aufgabe auf sie wartet.


    Zunächst war ich ein wenig enttäuscht, dass die dritte Trilogie innerhalb des Kushiel-Zyklus nicht unmittelbar an die Imriel-Bücher anschließt, sondern einige Generationen später spielt, so dass die alten Bekannten nur noch ferne Erinnerungen sind. Dennoch vermochte mich auch Moirins Geschichte rasch zu fesseln. Insbesondere den Part, als das unbedarfte Mädchen, das nicht einmal an feste Behausungen gewöhnt ist, sich in der raffinierten Metropole und sogar bei Hofe zurechtfinden muss, fand ich sehr faszinierend (wenngleich sich das Muster der abwechselnd kratzbürstigen und leidenschaftlichen Prinzessin aus der Imriel-Trilogie fast 1:1 wiederholt). Die Thematik der Heilkunst hat mich auch sehr angesprochen, dazu hätte ich gerne sogar noch mehr gelesen. Ebenso mochte ich die fernöstlich anmutenden Meditations- und Kampfkunsttechniken, die eine wichtige Rolle einnehmen.


    Insgesamt ist das Buch eine recht typische Story des ungeschliffenen jungen Mädchens, das innerhalb ziemlich kurzer Zeit eine beachtliche Entwicklung durchmacht, mit den höchsten Kreisen der Macht in Berührung kommt und dabei die ihr eigenen besonderen Fähigkeiten einsetzen kann aber originell umgesetzt. Dass Moirin nicht die üblichen Heil- oder Zauberkräfte hat, sondern ihre spezielle Gabe darin besteht, mit Pflanzen und anderen Lebewesen in Kontakt zu treten, fand ich mal eine schöne Abwandlung.


    Ihre große Reise in den fernen Osten der stark an die unsrige angelehnten Welt des Kushiel-Kosmos liest sich im großen und ganzen spannend, wenn sie auch ein paar kleinere Längen hatte. Auf jeden Fall ist auch dieser Band phantasievoll ausgestaltet, mit einiger Erotik gewürzt, die aber nie platt daherkommt und Frauen in erfreulich aktiven Rollen zeigt, und hat nicht nur mit dem bösen Cliffhanger am Ende dafür gesorgt, dass ich auch die letzten beiden Bände noch lesen werde.

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)