Franka Frei - Periode ist politisch

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  • Eigentlich wollte Franka Frei nur ihre Bachelorarbeit verfassen. Doch als sich zunehmend Professoren und auch Professorinnen weigerten, das Thema Menstruation zu genehmigen und zu begleiten und sie außerdem darauf hinwiesen, es habe keinerlei aktuelle Relevanz, begann die Autorin nachzuforschen. Aus einer rein wissenschaftlichen Recherche wurde ein weit größeres Anliegen, aus der Studentin Franka Frei eine Aktivistin für das Thema Menstruation - eine Tätigkeit, die sie rund um den Globus zu vielen spannenden Frauen schicken sollte. Von diesen Erlebnissen berichtet sie nun in "Periode ist politisch", nimmt sich aber auch wissenswerten Fakten und Zahlen an. Ihr Schreibstil ist zuweilen sehr flapsig, das erleichtert aber den Zugang zu einer Materie, die mit unglaublich vielen Tabus und Vorurteilen belegt ist.


    Das Thema Menstruation betrifft etwa die Hälfte der Weltbevölkerung. Dennoch wird dazu kaum geforscht und wenig darüber gesprochen. Frauen verbergen ihre Monatsblutung so gut es geht, schmuggeln Binden und Tampons heimlich auf die Toilette im Büro oder Restaurant. Auch die Werbung für Periodenartikel suggeriert Dinge, die nicht der Wahrheit entsprechen. Menstruationsblut wird als klare bläuliche Flüssigkeit dargestellt und die gezeigten vornehmlich jungen hübschen Frauen sprühen während ihrer Periode geradzu vor Energie, um Reiten, Wandern oder Tennis spielen zu gehen. Die Realität sieht da ganz anders aus. Viele Frauen leiden an (teilweise undiagnostizierten) Leiden wie Zysten oder Endometriose. Ihre Periode ist so schmerzhaft, dass sie sich nur mit Mühe zur Arbeit schleppen können. An Freizeitaktivitäten ist nicht zu denken. Zusätzlich müssen sie noch neunmalkluge Bemerkungen über sich ergehen lassen: "Die Periode ist doch keine Krankheit!" oder "Ach, bist Du heute wieder schwierig, Du hast wohl Deine Tage" - mal ehrlich, welche Frau hat das noch nicht gehört? Dabei sind die Ausprägungen von Frau zu Frau unterschiedlich und, wie Franka Frei richtig bemerkt, es menstruieren nicht nur Frauen; eine Feststellung, die sie durch Verwendung des Gendersternchens im gesamten Text noch unterstreicht.


    Auch der Blick in andere Länder darf in diesem Buch nicht fehlen. So trifft die Autorin Frauen aus Indien, Pakistan oder Bangladesh, die es sich zum Ziel gesetzt haben, mit dem Tabu der Menstruation aufzuräumen. Während für deutsche Frauen die Periode zwar lästig und schmerzhaft sein kann, bedeutet sie in anderswo auf der Welt den Verlust der Arbeitskraft und damit des dringend benötigten Einkommens. Oft gilt die Frau während ihrer Tage als unrein und darf entsprechend nicht mit anderen in Berührung kommen. Dies führt sogar dazu, dass Mädchen ab der ersten Blutung häufig nicht mehr zur Schule gehen können, weil Periodenartikel zu teuer für die Familie sind. Zudem müssen sie für die Dauer ihrer Menstruation isoliert von ihrer Familie im Freien oder extra dafür gebauten Menstuationshütten verbringen. Was es für diese jungen Mädchen bedeutet, ohne den Schutz ihrer Familie ständig Angst vor Vergewaltigungen haben zu müssen und welche Chancen ihnen ohne Schulbildung bleiben, das kann man sich gut ausrechnen. Ein Thema ohne aktuelle Relevanz? Wohl kaum.


    Doch Franka Frei leistet in ihrem Buch noch mehr. Sie nimmt Trumps Wahlkampf ebenso unter die Lupe wie die verschiedensten historischen Theorien zum Wesen der Frau. Sie räumt mit Mythen rund um das Thema auf und erklärt noch einmal die biologischen Grundlagen. Ein wichtiges und spannendes Buch über einen ganz natürlichen Vorgang, dem wir alle unsere Existenz verdanken und der daher dringend enttabuisiert werden muss. Denn Periode, das beweist die Autorin, ist mehr als nur eklig und unbequem, sie ist politisch. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: Kazuo Ishiguro / Der begrabene Riese (MLR)

    :study: Kate Milford / Ghosts of Greenglass House





  • wie Franka Frei richtig bemerkt, es menstruieren nicht nur Frauen;

    Wer menstruiert denn noch außer Frauen (und weiteren weiblichen Säugetieren) ? :scratch:

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Wer menstruiert denn noch außer Frauen (und weiteren weiblichen Säugetieren) ?

    Es geht ihr darum, dass es eben nicht länger nur das rein binäre Geschlechtermodell Mann-Frau gibt, sondern auch Menschen, die beispielsweise transsexuell sind und die sich mit der Bezeichnung "Frau" eben nicht angesprochen fühlen. (Daher auch das Gendersternchen am Ende. Das liest sich zwar erstmal ungewohnt, sagt aber aus, dass es auch andere Geschlechteridentitäten miteinschließt.)

    :study: Kazuo Ishiguro / Der begrabene Riese (MLR)

    :study: Kate Milford / Ghosts of Greenglass House





  • Mir schwillt schon der Kamm, wenn ich lese, das Thema habe keine Relevanz. Periodenschmerzen (die wirklich die Hölle sein können) sind nicht relevant? Dass in vielen Ländern Mädchen und Frauen deswegen benachteiligt sind und womöglich an Infektionen sterben, weil es keine vernünftigen, erschwinglichen Monatshygieneprodukte gibt, ist nicht relevant? Echt, da könnte ich brechen.


    Schön, dass es so langsam ein paar Menschen gibt, die sich des Themas annehmen. Es nervt mich ungemein, dass das immer noch so ein Tabuthema ist und bestenfalls Zielscheibe für dümmliche Witzeleien.

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