Charlotte Sandmann - Kalte Zärtlichkeit

Anzeige

  • Als Tochter eines betuchten Kaufmanns gehört Henriette Dalbeck 1853 auf dem Münchner Heiratsmarkt zu den begehrenswertesten Kandidatinnen und ist schon so gut wie verlobt mit dem jungen Arzt Rudolf von Lauderbach. Doch als sie auf einem Ball kurz einem Berufsgenossen von Rudolf begegnet, kann sie diesen etwas geheimnisvoll wirkenden Dr. Aaron Nicolai einfach nicht mehr vergessen und ist sich nach einer weiteren Begegnung sicher: der oder keiner!


    Rudolf ist mehr als eifersüchtig auf Aaron, nicht nur, weil er ihm Henny ausgespannt hat, sondern auch, weil er ihn gleich aus zwei Gründen verachtet: Aaron ist, wenngleich katholisch getauft, jüdischer Abstammung, und er hängt auf dem Gebiet der Forschung über Krankheitsentstehung der Miasmenlehre seines Chefs Max von Pettenkofer an, die Rudolf für komplett überholt hält.


    Die wissbegierige Henny bekommt trotz aller Widrigkeiten ihren Angebeteten, doch das Glück ist nicht ungetrübt, denn ihre Hoffnungen, von ihrem Gatten viel über Naturwissenschaften und Medizin lernen zu können, werden enttäuscht. Er ist, ganz zeitgemäß, der Meinung, dass Frauen nicht zum Studieren taugen. Allerdings hat er da die Rechnung ohne seine Schwester Minna gemacht, die Henny nur zu gern in ihren Wünschen unterstützt.


    Zu Beginn des Romans steht hauptsächlich das Liebesdreieck zwischen Henny, Rudolf und Aaron im Mittelpunkt, wobei sich die übergroße Anziehung, die Aaron auf Henny ausübt, nicht so ganz hundertprozentig erschließt. Garniert mit einigen gemeinen Intrigen gegen die Verbindung der reichen Erbin mit dem mittellosen Aaron, dessen jüdische Vorfahren gemeinhin als Makel gelten, ist die Liebesgeschichte in der ersten Buchhälfte recht konventionell erzählt.


    Was das Buch aber wirklich interessant macht, ist der medizinhistorische Hintergrund. Der Wettstreit der verschiedenen "Schulen", die zu erklären suchen, wie Krankheiten entstehen und übertragen werden, das gerade erst allmählich aufkommende Verständnis für die Bedeutung der Hygiene nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch und gerade bei den sanitären Verhältnissen in Städten und nicht zuletzt die Choleraepidemie, die München im Jahr 1854 heimsucht (und so einige Parallelen zur aktuellen Situation erkennen lässt), sind hochspannende Themen, die zum Weiterrecherchieren einladen und mich ziemlich fasziniert haben. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass viele Figuren eher ein bisschen einseitig gezeichnet sind.


    Der Titel allerdings ist mehr als doof.

Anzeige