Nina Blazon - Der Kuss der Russalka

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  • 3.5 Sterne für einen atmosphärisch dichten Ausflug in das historische Russland mit sagenhaften Mythen während dem Aufbau der Stadt St Petersburg



    Klappentext


    Russland, 1706


    Unter unmenschlichen Bedingungen errichtet ein Heer von Leibeigenen, Handwerkern und Architekten Zar Peters neue Stadt: Sankt Petersburg! Als eine geheimnisvolle Tote aus der Newa geborgen wird, fällt der Verdacht auf den jungen Zimmermann Johannes, der sich bald in ein düsteres Intrigenspiel verstrickt sieht. Jemand will den Bau der Stadt verhindern. Das Leben des Zaren scheint in Gefahr. Dann begegnet Johannes eines Nachts der schönen Russalka und die Suche nach der Wahrheit wird zu einem Wettlauf um Leben und Tod.


    Meine Meinung


    Da ich schon einige Bücher von Nina Blazon mit Begeisterung gelesen habe, ist mir auch das hier in die Hände gefallen. Das Setting fand ich sehr spannend und man lernt hier den anstrengenden und umfangreichen Aufbau der Stadt St. Petersburg kennen, die im sumpfigen Ödland des Newa-Deltas entstanden ist.

    Ein Mammutprojekt des damaligen Zaren Peter (der Große), der viele Bürger und ausländische Arbeiter zur Hilfe verpflichtet hat, die unter schwersten Bedingungen und mit mühseliger Arbeit die Vorstellungen des Zaren umsetzen müssen - unter Androhung schlimmer Strafen. Das hat die Autorin auch sehr gut durch die triste und bedrückende Atmosphäre eingefangen.


    Mitten unter ihnen ist der Protagonist Johannes, der zusammen mit seinem Onkel und dessen Frau bei ihnen als Zimmermann Lehrling arbeitet. Fern von seinen Eltern, Geschwistern und seiner Liebe Christine fühlt er sich nicht wirklich wohl hier - vor allem weil auch unter den Russen ein Hass auf die "Ausländer" besteht, die sich hier breit machen.


    Eine Mädchenleiche, die im Fluss geborgen wird, gibt allerdings Rätsel auf. Sie schürt den Aberglauben unter den Menschen und bringt Johannes auf die Spur eines uralten Mythos.

    Interessant fand ich hier auch die vielen kleinen Details, die die Autorin mit eingebracht hat - zum Beispiel das Sammeln des Zaren von "Monstrositäten", also Fehl/Totgeburten von deformierten Tieren und auch Menschen, die besondere Merkmale haben. Damit wollte der Zar die verbreitete Angst vor mythischen Wesen rigoros eindämmen, sozusagen als Beweis, das diese Wesen natürlichen Ursprungs sind. Die Verbreitung von Gerüchten über mysteriöse Erscheinungen wurden hart bestraft.

    Außerdem hat mich fasziniert, dass "verrückte Menschen" Gottesnarren genannt wurden und besonders geschätzt wurden. Ihre wirren Reden schienen von Gott eingegeben zu sein und dadurch hatten sie schon eine Art "Heiligen" Status und durften nicht verletzt werden.

    Oder auch die Bartsteuer, die der Zar eingeführt hat, für alle Männer, die entgegen dem Willen des Zaren ihren Bart wachsen lassen wollten!


    Der Schreibstil ist hier sehr ruhig, zeitlich angepasst, aber nicht zu aufgesetzt und flüssig zu lesen. Trotzdem konnte es mich teilweise nicht mehr so ganz mitreißen, obwohl eine intensive Atmosphäre entstanden ist, ging es mir manchmal zu zähflüssig voran.


    Dafür hat mir die Freundschaft gefallen, die Johannes hier findet und die sich aus Misstrauen und Bitterkeit zu einer wahrhaften Zuneigung entwickelt.


    Auch das Thema Raubbau wider die Natur auf Kosten anderer, die Fremdenfeindlichkeit und die sklavenähnliche Leibeigenschaft wird hier unterschwellig und doch sehr präzise aufgezeigt.

    Von der Handlung her hat es mir wirklich außerordentlich gut gefallen und auch der Schreibtil wirkt sehr gelungen, aber wie sich das ganze aufbaut hätte für mich noch etwas fesselnder sein können. Die Vermischung von Fakten und Fiktion ist der Autorin aber sehr gut gelungen und sie hat das im Nachwort auch nochmal gut erklärt.

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Ueberreuter Verlag, Sachbuch


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