Victoria Mas - Die Tanzenden / Le Bal des Folles

  • Kurzmeinung

    mondy
    Ganz anders als der Klappentext suggeriert (wenig Medizin, viel Mystik), gefallen hat es mir trotzdem.

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  • Es gibt wenig Bücher die mich in den letzten Wochen so massiv berührt haben wie "Die Tanzenden" von Victoria Mas. Denn in diesem gibt die Autorin uns als Leser_innen uns einen senhr bedrückenden Eiblick in das Leben von Frauen in Frankreich um 1885 und speziell in der Salpetriere, der großen berüchtigten Psychiatrie. Hautnah kriehen wir mit, mit welchen brutalsten Methoden dort mit den Patientinnen umgegangen wurde - z.B. drücken der Eierstöckre um hysterische oder epileptische Anfälle zu beenden, Einführen von heißen Eisen in die Vagina etc -, wie diese zur Schau gestellt wurden und wie einfach es war Frauen einzuweisen. Wer sich als Frau nicht gesellschaftlichen Normen unterwarf, freier leben wollte oder einfach nur unbequem war wurde eingeliefert und kam nicht mehr raus.

    Diese grausame Epoche, die noch gar nicht so lange her ist, wird den Leser_innen anhand der vier Frauen Geneviéve, Louise, Thérèse und Eugénie geschildert und dabei werden ganz unterschiedliche Strategien des Umgangs mit der damaligen Situation sichtbar.

    Der Schreibstil der Autorin ist berührend, schockierend und aufrüttelnd, so dass mensch dieses Buch bestimmt nicht so schnell wieder vergessen wird. Ich kann es nur wärmstens empfehlen.

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Victoria Mas - Die Tanzenden“ zu „Victoria Mas - Die Tanzenden / Le Bal des Folles“ geändert.
  • Was ist „normal“?

    Inhalt & Handlung:


    Paris, gegen Ende des 19 Jahrhunderts. Die Aufgabe der Frau ist es, sich dem Mann unterzuordnen und nicht aufzufallen. Wer sich nicht an die Norm hält, läuft Gefahr, in die gefürchtete „Salpêtrière“, der Nervenheilanstalt von Paris, in der der renommierte Neurologe Jean-Martin Charcot wirkt. Hier landen viele Frauen, derer die Gesellschaft überdrüssig geworden ist: Prostituierte, Bettlerinnen, nach Vergewaltigungen schwer traumatisierte Frauen, oder aber auch jene Freigeister, deren Familien sich für ihr fortschrittliches Auftreten schämen. Hier in der Salpêtrière einmal mit der Diagnose „Hysterie“, „Epilepsie“, „Melancholie“ konfrontiert, sind diese Frauen als „verrückt“ gebrandmarkt und werden hier zumeist für ihr restliches Leben, vor der „gesunden“ Bevölkerung weggesperrt. So auch Eugénie, deren Vater sie eigenhändig einweisen lässt, weil sie angeblich die Fähigkeit hat, mit Toten zu sprechen. Um seinen guten Ruf in der Gesellschaft zu wahren, entledigt er sich ihrer auf diese Weise. Eugénie trifft hier auf die Krankenschwester Geneviève, die seit vielen Jahren ihren Dienst in der Salpêtrière versieht und sich einen guten Ruf als „Oberaufseherin“ der Abteilung gemacht hat.



    Schreibstil:


    In ihrem Erstlingswerk besticht die junge Französin Victoria Mas mit einer sehr leichten, fast schon melodiösen Schreibweise, die im krassen Gegensatz zu dem oft sehr deprimierenden Inhalt steht. Schonungslos werden hier die für die damalige Zeit gängigen Methoden in der Nervenheilanstalt beschrieben, und die Ungerechtigkeiten, die sämtlichen Insassinnen widerfahren.


    Interessant der plötzliche Perspektivenwechsel: ab dem Zeitpunkt, ab welchem bei einer Frau „Hysterie“ oder Ähnliches als Diagnose im Raum stand, wurde diese nur noch als Geisteskranke oder Irre bezeichnet!



    Charaktere:


    Man trifft hier auf etliche sehr unterschiedliche Charaktere, hier seien zum einen Eugénie erwähnt, eine für diese Zeit unglaublich fortschrittlich denkende junge Frau, die ihr persönliches Glück nicht darin sieht, als Ehefrau in einem Haushalt zu verkümmern, sondern die für ihr künftiges Leben weitaus höhere Ziele gesteckt hat. Der Schock, von ihrer eigenen Familie verraten, in der Salpêtrière zu landen sitzt tief, und sie droht daran zu zerbrechen.


    Zum anderen trifft man auf Geneviève, ihres Zeichens langjährige, treue Mitarbeiterin in der Pariser Nervenheilanstalt. Als sie auf Eugénie trifft, gerät ihr Weltbild plötzlich ins Wanken, und sie beginnt vieles zu hinterfragen.



    Cover:


    Die Farbgebung des Covers beschränkt sich auf drei Farben, mit denen schemenhaft das Bild einer Tänzerin gezeichnet wird, ein Bild das symbolhaft für das verblassende Leben der Frauen in der Salpêtrière steht.



    Autorin:


    Die gebürtige Französin Victoria Mas hat jahrelang in den USA gelebt, wo sie als Script Supervisor, Standfotografin und Übersetzerin beim Film gearbeitet hat, ist dann aber zu einem Studium an die Sorbonne nach Frankreich zurückgekehrt, wo sie heute als freie Journalistin tätig ist.



    Meinung:


    Dies ist eines jener Bücher, die sich leicht und locker lesen lassen, die einen aber letztlich im Mark erschüttern, weil sie so viel Ungerechtigkeiten zum Inhalt haben, die einen aus heutiger Sicht einfach nur sprachlos machen: Frauen, die der Gesellschaft lästig oder unbequem waren, wurden aufgrund von fragwürdigen Diagnosen einfach weggesperrt, um mit ihnen menschenverachtende Forschung zu betreiben. Dass diese Frauen aber aus heutiger Sicht gesund, allerdings aufgrund von Gewalt und Misshandlungen schwer traumatisiert waren und einfach nur einer Therapie bedurft hätten, war damals undenkbar - es wurde alles auf „Hysterie“ zurückgeführt. Beim Lesen stellte ich mir mehr als nur einmal die Frage, ob es sich bei den Verrückten tatsächlich um die Insassinnen handelte, oder ob die wahren Verrückten vielmehr jenseits der Anstaltsmauern oder unter den behandelnden Ärzten, den Göttern in Weiß, zu suchen waren, die die Frauen wie Tiere im Zoo vorführten.



    Fazit:


    Ein Buch, das aufrührt und einen nachhaltig prägt, eine echte Leseempfehlung!

  • Ein außergewöhnliches und sehr spannendes Setting: Die Pariser Salpetriere, eine Klinik für geisteskranke Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dadurch spielen gleich zwei große Themen eine Rolle in der Geschichte, nämlich zum einen das Frauenbild zu dieser Zeit und zum anderen die damalige Sicht auf Geisteskrankheiten und damit natürlich auch der Umgang mit „Geisteskranken“. Beides ist für mich erschreckend realistisch rübergekommen. Die Geschichte selbst begleitet das Schicksal mehrerer Frauen, vor allem aber das einer Tochter aus gutbürgerlichem Hause, die von der Familie dorthin abgeschoben wird, weil ihre Weltsicht nicht toleriert werden kann, sowie das der „Altgedienten“, der obersten Schwester des Pflegepersonals.


    Die Autorin bedient sich einer ungewöhnlichen Sprache, die für mich auf den ersten Seiten gewöhnungsbedürftig war. Die Perspektive ist auktorial gehalten, gleichzeitig wird die Geschichte im Präsenz erzählt – eine ungewöhnliche Kombination, die mir so bewusst noch nicht begegnet ist. Dadurch hatte ich immer Abstand zu den Figuren, gleichzeitig aber das Gefühl mitten im Geschehen zu ein, es unmittelbar zu betrachten. Zur Handlung selbst will ich gar nicht viel verraten, sie war für mich aber absolut glaubwürdig, ebenso wie die Charaktere, die durch die Widrigkeiten ihrer Umstände und durch die Begrenzungen, die sie erfahren, eine Wandlung durchmachen, die immer nachvollziehbar bleibt. Ein leises Buch, das auf mich dennoch Sogwirkung entwickelt hat. Einzig gestört haben mich teilweise die Wiederholungen bereits bekannter Fakten, hätte ich aber mit größeren zeitlichen Abständen gelesen, wäre ich vielleicht dankbar dafür gewesen. Insgesamt ein tolles Buch, das ich nur weiterempfehlen kann.

  • Außerhalb der gesellschaftlichen Norm

    Das Leben im Paris des 19. Jahrhunderts ist ein hartes, vor allem für Frauen. Wer sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegt, landet schnell im berüchtigten Irrenhaus für Frauen, der Salpêtrière. Hysterikerinnen, Prostituierte, Vergewaltigungsopfer, sie alle werden hinter den Mauern dieser Anstalt verwahrt. Doch nicht nur Frauen und Mädchen aus der Unterschicht landen dort, auch Eugénie, die Tochter des angesehenen Notars Cléry wird von ihrer Familie eingeliefert, weil sie behauptet, mit Toten kommunizieren zu können. Darüber hinaus ist sie viel zu aufmüpfig und denkt gar nicht daran, sich mit einem Leben als Ehefrau zufrieden zu geben.


    Es scheint eine Gesellschaft ohne Mitgefühl zu sein, die ihre Frauen solchermaßen entsorgt. Wenn man erst einmal hinter den Mauern der Salpêtrière verschwunden ist, scheint es fast unmöglich, die Anstalt jemals wieder zu verlassen. Und diejenigen, die entlassen werden sollen, leben schon so lange dort, dass sie Panik bei dem Gedanken verspüren, sich „draußen“ durchschlagen zu müssen.


    Auch die Oberschwester Geneviève arbeitet schon so lange in der Klinik, dass ihr das Mitgefühl mit den Patientinnen abhanden gekommen ist. Doch die Begegnung mit Eugénie löst etwas in ihr aus und verändert ihr Leben.


    Einmal im Jahr findet in der Salpêtrière ein großer Ball statt, vordergründig zur Zerstreuung der Patientinnen, doch eigentlich sind es die Pariser Bürger, die sich an diesem Abend amüsieren wollen und darauf hoffen, einen hysterischen Anfall oder ähnliches hautnah erleben zu dürfen. Ebenso voyeuristisch geht es bei den „Vorführungen“ der Patientinnen zu, bei denen es den Medizinstudenten großen Spaß bereitet, wenn Anfälle bewusst herbeigeführt werden und dann mittels fragwürdiger Methoden behandelt werden. Angeblich soll Druck auf die Eierstöcke einen solchen Anfall beenden.


    Ich hätte mir gewünscht, dass diese Methoden nicht nur unkommentiert erwähnt werden, sondern in einem Anhang auf deren Sinn und Unsinn näher eingegangen worden wäre. Aber dies hätte vielleicht zu weit geführt.


    „Die Tanzenden“ ist ein durchaus lesenswertes Buch, das einem die Grausamkeit der medizinischen Behandlungen und die Rolle der Frau vor nicht allzu langer Zeit eindrücklich vor Augen führt. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Enttäuschend, jedoch lesenswert


    In "Die Tanzenden" erzählt die Autorin Victoria Mas die Geschichte von vier Frauen die im Jahr 1885 in Frankreich lebten und in der Salpetriere, der berühmten Frauenpsychiatrie, aufeinandertreffen. Dabei gibt sie dem Leser sehr bedrückende Eindrücke in das Leben dieser Frauen und zeigt, wie allgegenwärtig die Macht des männlichen Geschlechts zur damaligen Zeit war.


    Cover

    Das Cover ist einnehmend, auffällig und auch sehr schön anzusehen. Zusammen mit dem Titel weiß man jedoch erst mal nicht, worüber die Geschichte handelt. Aber leider ist auch der Klappentext etwas irreführend.


    Meine Meinung

    Die Protagonistinnen dieser Geschichte könnten kaum unterschiedlicher sein und auch ihre Hintergrundgeschichte unterscheidet sie voneinander, auf diese Weise werden dem Leser unterschiedliche Denkweisen der Frauen zur damaligen Zeit dargestellt und auch ihre unterschiedliche Art mit ihrer Situation umzugehen. Dabei werden die Protagonistinnen, durch die eindrucksvolle Schreibweise der Autorin, dem Leser sehr realistisch dargestellt und man hat keine Probleme ihre Beweggründe zu verstehen.

    Zudem zeigt Victoria Mas die Umgangsweise mit den Patientinnen, wie zum Beispiel ihre öffentliche zur Schau Stellung und auch wie einfach es damals war sich einer unbequemen Frau zu entledigen. Besonders gut finde ich, dass nicht nur gezeigt wird, dass Männer die Frauen unterdrücken, sondern auch das sich Frauen gegenseitig unterdrückt haben. Insgesamt eine sehr gute Geschichte über die Unterdrückung der Frau im 19. Jahrhundert, welche einen zum Nachdenken anregt. Dabei muss man auch erwähnen, dass einige Charaktere, der Handlungsort und auch einige Handlungen der Geschichte echt sind.

    Jedoch hat die Autorin auch die Thematik der Spiritualität mit eingebunden. Wenn man nicht daran glaubt, ist man sehr enttäuscht, dass diese Thematik mit in einer so bewegenden und wichtigen Thematik der Unterdrückung eingebracht wurde. Das sorgte dafür, dass ich das Buch öfter zur Seite legen musste, weil ich nicht wusste, was ich davon halten soll. Denn plötzlich hat man auch noch die Seite der Unterdrücker verstanden und das fand ich, hat diese unglaublich bewegende Geschichte zum Teil wieder zunichtegemacht. Besonders, da ich nicht glaube, dass das die Intention der Autorin war. Doch nicht nur die Hinzunahme einer zweiten Thematik, sondern auch das Ende fand ich sehr enttäuschend. Das Ende hatte nämlich ein großes Potenzial, jedoch wurde schnell geschrieben, was mit den Protagonistinnen noch geschieht und dabei ein viel zu leichtes und schnelles Ende im Epilog gewählt.


    Fazit

    Victoria Mas hat eine unglaublich einnehmende Schreibweise, welche einem diese wichtige Thematik verdeutlicht und zum nachdenken anregt. Und auch trotz der doch sehr starken Defizite, kann man nicht anders als das Buch weiterzuempfehlen, denn Mas hat vier unglaubliche Protagonistinnen erschaffen, deren Geschichte man einmal gelesen haben sollte.

  • Dieser Roman spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Paris. Es ist eine Zeit, in der die Männer bestimmten und die Frauen sich unterzuordnen hatten. Wer als Frau ein bisschen aus der Spur geriet, wurde als Hysterikerin bezeichnet und schnell in eine Anstalt abgeschoben. In Paris ist es das Hôpital de la Salpêtrière, in dem viele solcher Frauen von ihrer Familie oder ihrem Mann untergebracht wurden. Das Salpêtrière hatte ein Amphitheater, in der die Hysterikerinnen zur Schau gestellt wurden.


    Während es in Paris schneit, sollen bei der Ballnacht die Tänzerinnen Louise und Eugénie einen Auftritt haben. Das Publikum ist sensationslüstern und hofft auf besondere Unterhaltung. Doch die Frauen, die hier vorgeführt werden, wollen nur ein gleichberechtigtes Leben in Freiheit, sie wollen das, was den Männern bisher vorbehalten ist. Louise und Eugénie wollen aus der Rolle der Hysterikerinnen ausbrechen. Wird es ihnen gelingen?


    Es ist eigentlich eine sehr deprimierende Geschichte und doch ist es der Autorin gelungen, alles sehr lebendig zu erzählen.


    Die Charaktere sind interessant und authentisch dargestellt. Die Hauptpersonen sind sehr unterschiedlich und doch gibt es Verbindungen. Louise wird von Professor Jean-Martin Charcot mit Hypnose behandelt, da sie unter gynäkologisch bedingter Hysterie leiden soll.


    Geneviève ist die Tochter eines Arztes, aber sie hat nicht die Möglichkeit, diesen Beruf zu ergreifen und ist so im Salpêtrière als Aufseherin gelandet. Sie hat einen Verlust erlitten, versagt sich aber die Trauer. Sie hinterfragt die Behandlungen der Ärzte nicht und empfindet auch keine Empathie für ihre Schutzbefohlenen.


    Als Eugénie eingewiesen wird, kommt sie Geneviève nicht verrückt vor. Eugénie stammt aus einer wohlhabenden Familie und wollte nicht heiraten. Auch dass sie Kontakt zu Toten aufnehmen konnte, war der Familie ein Dorn im Auge. Als sich die junge Frau Geneviève anvertraut, kommt eine unverhoffte Wendung in die Geschichte.


    Was zu jener Zeit in psychiatrischen Kliniken mit den Patienten geschah, ist erschreckend. Die Experimente sind furchtbar und oft sehr brutal. Umso schlimmer ist es, wenn gesunde Frauen in so eine Anstalt abgeschoben und damit den Ärzten ausgeliefert werden, nur weil sie unbequem sind. Wenn man sie dann auch noch zur Schau stellt, ist das nur menschenverachtend. Leider konnte ich den Schmerz der Frauen, die solche Demütigungen ertragen musste, nicht wirklich fühlen. Dennoch geht einem die Geschichte nahe.


    Mir hat dieser historische Roman gut gefallen.

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