Jo Walton - My Real Children

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  • (Es scheint leider keine deutsche Übersetzung zu geben.)


    Patricia Cowan ist fast neunzig Jahre alt und spürt, dass sie immer stärker in die Fänge der Demenz abgleitet. Doch eines weiß sie noch ganz genau: es gab einen Punkt in ihrem Leben, an dem sich ihr Lebensweg zweigeteilt hat. In einem dieser beiden Leben hat sie Marks Heiratsantrag angenommen, im anderen hat sie nein gesagt und somit die Weichen für zwei ganz unterschiedliche Verläufe gestellt.


    Einmal ist sie Trish, Mutter von vier Kindern, in einer unglücklichen Ehe mit einem Mann gefangen, der sich ein braves Hausmütterchen gewünscht hat und sich selbst für das Maß aller Dinge hält, und es dauert sehr lange, bis sie begreift, dass sie sich aus diesem Käfig von falschen Erwartungen und begrabenen Träumen durchaus befreien kann.


    Im anderen Leben ist sie Pat, die Gefallen am Reisen findet, gefragte Reiseführerautorin und Italien-Expertin wird, sich ihrer Leidenschaft für die schönen Künste widmet und in einer erfüllten Liebesbeziehung lebt, wenngleich die politische Weltlage eher düster und bedrohlich aussieht und die Auswirkungen dieser Gesamtsituation auch vor ihrem persönlichen Leben nicht haltmachen.


    Eine Alternate History etwas anderer Art - hier stehen nicht weltpolitische Scheidewege im Mittelpunkt, sondern das Leben einer Frau wie du und ich, die als schüchterne Studentin geschmeichelt von den Avancen eines Kommilitonen ist, der auf das objektive Beobachterauge der Leser*innen schon von Anfang an etwas suspekt wirkt und dessen Heiratsantrag zum Dreh- und Angelpunkt für Patricias weiteres Leben wird.


    Man hat sich selbst sicher auch schon einmal gefragt, wie es wohl weitergegangen wäre, wenn man eine bestimmte Entscheidung anders getroffen hätte. Diesen Gedanken spinnt Jo Walton hier konsequent zu Ende und stellt nicht nur zwei ganz verschiedene Lebensentwürfe gegenüber, sondern auch zwei sich völlig unterschiedlich entwickelnde Welten, was mich ziemlich fasziniert hat. Die Frage, welches dieser Leben das bessere, glücklichere oder gelungere war, mag jede*r Leser*in am Ende selbst beurteilen (oder auch nicht). Klar ist letztendlich nur eins: "Irgendwas is' immer". Wenn man sich eine Botschaft aus dem Roman mitnehmen möchte, dann wohl diese: das hundertprozentige Glück gibt es nicht, aber es lohnt sich, auf seine innere Stimme zu hören, für seine Leidenschaften einzustehen und notfalls auch dafür zu kämpfen.

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