Joanna Schaffhausen - Wie viele willst du töten / The Vanishing Season

Wie viele willst du töten

3.6 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Band 1 der

Verlag: dtv

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 336

ISBN: 9783423219204

Termin: Neuerscheinung März 2020

  • „Ihr solltet vorsichtig sein mit dem, was ihr euch wünscht“.


    Ihren Geburtstag feiert die 28jährige Ellery Hathaway schon lange nicht mehr. Als sie dann aber 3 Jahre infolge eine Geburtstagskarte zugeschickt bekommt, gerät sie in Panik. Keiner weiß, wann er ist. Wie kann das nur sein, denn Ellery gibt sich die allergrößte Mühe, nichts über ihr Leben und sich preiszugeben. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund, sie will nicht an ihre schlimmste und traumatischste Zeit erinnert werden.


    Sie lebt in Woodbury einem Ort, den keiner findet, außer er fährt zufällig hindurch. Hier lebt sie als Polizistin und keiner ihrer Kollegen ahnt, was in Ellerys Innerem vorgeht. Als dann eine junge Frau verschwindet und nicht mehr auftaucht, gerät Ellerys fein aufgebaute Mauer einzustürzen, denn im nächsten und auch dem darauffolgenden Jahr, verschwinden zwei weitere Dorfbewohner. Den Zusammenhang, den sie sieht, sieht aber keiner sonst, denn von ihren, genau davor zugeschickten Glückwunschkarten, erzählt sie nichts.


    In diesem Monat steht ihr nächster Geburtstag an und Ellery glaubt zu wissen, dass wieder ein „Mord“ passieren wird. Da ihr Keiner glaubt, bittet sie Reed Markham vom FBI um Hilfe. Kann er mit ihr zusammen verhindern, dass noch ein Mensch verschwindet?


    Fazit:


    Mit diesem Satz von Seite 212 beginne ich meine Meinung zusammen zu fassen. „Das Gesetz...“ Sie spie das Wort aus, als würde es einen widerlichen Geschmack in ihrem Mund hervorrufen. „Das Gesetz kommt eine Person zu spät.“


    Die Autorin Johanna Schaffhausen nimmt uns in „Wie viele willst du töten“ mit in den kleinen Ort „Woodbury“ in Massachusetts. Das gelingt ihr sehr gut und ihre bildhaften Beschreibungen des Waldes und der kleinen Häuser, lässt sofort Bilder vor meinen Augen entstehen. Der Schreibstil ist dabei leicht und flüssig lesbar. Ein wenig holprig kommt die Übersetzung rüber, aber die Tiefe ihrer Worte gelangt sofort bis in mein Innerstes. Sie wühlen mich auf und ich schlucke schwer gegen aufkommende Tränen an, wenn Ellery völlig emotionslos ihre Geschichte erzählt. Immer wieder spüre ich als Leserin hautnah ihre Ängste, so dass ein Kribbeln und Gänsehaut meinen Rücken rauf- und runterlaufen.


    Die Figuren passen sich der Umgebung an und werden eins mit ihr. Die Charakterisierung eines jeden Einzelnen ist wirklich sehr gut gelungen. Ich kann sie vor mir sehen, mit ihnen fühlen und kommunizieren.


    Auch die Spannung ist in jeder Phase richtig dosiert. Von ganz hoch bis ein wenig runtergefahren und wieder langsam ansteigend. Das Ende, hatte ich so niemals erwartet. Auch wenn ich einen Verdacht hegte, wer hier die Entführungen begangen hatte, wurde ich absolut mit der gut durchdachten Verschleierung überrascht und alle offenen Fragen beantwortet.


    Zum Ende noch dieser Satz von Seite 306, der schließt meine Rezension ab. „Wenn die eigene Welt komplett auseinanderbrach, wurden die Splitter in sämtliche Richtungen geschleudert und rissen jeden mit, der in ihrer Bahn war.“


    Eine klare Leseempfehlung kommt hier von mir. Aber Vorsicht, die atmosphärische Tiefe der Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Volle und verdiente 5 Sterne. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

    Antoine de Saint-Exupéry. Aus: Der kleine Prinz

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Joanna Schaffhausen - Wie viele willst du töten“ zu „Joanna Schaffhausen - Wie viele willst du töten / The Vanishing Season“ geändert.
  • Ellery Hathaway ist Polizistin im verschlafenen Woodbury. Ihre Entscheidung, dort zu leben, kommt nicht von ungefähr. Vor vierzehn Jahren wurde sie vom Serienmörder Francis Michael Coben verschleppt und sollte sein siebzehntes Opfer werden. Sie ist die einzige, die dessen Grausamkeiten überstanden hat und gerettet werden konnte.


    Als innerhalb von drei Jahren jedes Mal um ihren Geburtstag herum Menschen aus der Stadt verschwinden, und sie Glückwunschkarten erhält, befürchtet Ellery, dass – obwohl sie ihren Vornamen und ihre Haarfarbe änderte – jemand ihr Geheimnis kennt und dass auch zwischen den Entführungen ein Zusammenhang bestehen muss. Gehör findet sie bei ihrem Vorgesetzten nicht, zumal von den vermissten Personen keinerlei Spuren zu finden sind. Nun naht wieder ihr Geburtstag, und Ellie vermutet, dass es eine erneute Entführung geben wird. Sie wendet sich an Reed Markham, jenem Special Agent des FBI, der sie damals aus ihrem Gefängnis, einem Wandschrank, befreit und somit gerettet hat, dem sie vertraut und ebenso zutraut, sie zu unterstützen, mit seinem Fachwissen die Wahrheit aufzudecken.



    Joanna Schaffhausen überzeugt in “Wie viele willst du töten” mit einer gut ausgearbeiteten Geschichte, die atmosphärisch dicht, aber auch mit Düsternis erzählt wird und geschickt aufgebaut ist. Während wir zu Beginn gemeinsam mit einer unbekannten Person aus der Entfernung die Entführung beobachten, hält sich die Autorin im Verlauf des Geschehens mit detaillierten Angaben zurück. Lediglich die Fakten, dass Ellery, die einst Abigail hieß, verschleppt und gefoltert wurde, legt sie offen. Was genau der Serienmörder Coben ihr angetan, was sie so verändert hat, bleibt wage, rätselhaft und im Dunkeln. Weiter wissen wir nur, dass sie gerettet wurde. Doch wurde sie das wirklich? Wir sehen die Narben an ihren Handgelenken und ahnen, dass die Realität dessen, was passiert ist, außerordentlich erschütternd sein muss und bekommen Spielraum für eigene Interpretationen, inwieweit sich die Ereignisse vor vierzehn Jahren auf Ellies geistige Gesundheit ausgewirkt haben.


    Ellery ist verschlossen und zurückhaltend, von ihrer Vergangenheit weiß hier in Woodbury niemand etwas. Sie scheut Kontakte außerhalb der Arbeit und pflegt ledigleich wenige Beziehungen, wie die zu Bump, ihrem Hund, und einem Mitarbeiter des Tierheims, aus dem Bump stammt.


    Trotz ihrer unzweifelhaft wegen des in der Jugend erlittenen Schicksals vorhandenen psychischen Probleme ist die junge Frau eine glaubwürdige Heldin, die ihre Dämonen der Vergangenheit in ihrem stillen einsamen Haus mit den zugenagelten Wandschränken hartnäckig in Schach zu halten versucht. „Sie ist wie eine Soldatin, die aus dem Krieg heimgekehrt ist… Sie ist stark. Angeschlagen. Erstaunlich witzig, wenn sie sein will.“ (Seite 143)


    Reed Markham ist nach all den Jahren immer noch stolz darauf, dass er Ellie aus Cobens Fängen befreien konnte. Indes die Gegenwart sieht eher traurig aus. Seine Ehe ist gescheitert und nach einem fehlerhaften Profiling mit fatalen Folgen wurde er beurlaubt. Seine Unsicherheit, wieder zu versagen, verbirgt er, will er Ellie - auch wegen ihrer besonderen Beziehung – helfen und zugleich erfahren, was aus ihr geworden ist.


    Schnell wird klar, dass viele Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Die Jagd nach dem Killer, die Geheimnisse und verschiedenen Möglichkeiten weiß Joanna Schaffhausen wendungsreich und mit langsam, stetig ansteigendem Spannungsbogen in Szene zu setzen.


    "Wie viele willst du töten" erweist sich als faszinierende komplexe psychologische Studie, die sich vor allem auch einmal mit den Auswirkungen eines Verbrechens beschäftigt.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Gelungenes Debüt mit Makeln




    Dieses Buch stellte eine Mischung dar, die mich insgesamt wirklich gut unterhalten hat. Meine Aufmerksamkeit blieb stetig sowohl bei der Heldin selbst, als auch bei dem Fall. Das ist längst nicht bei allen Debüt-Thrillern so! Auch die Hintergrundatmosphäre fand ich stimmig. Eine Kleinstadt irgendwo in den USA, in einem heißen Sommer. Man konnte sich richtig gut einfühlen. Die weit verstreuten, einsamen Häuser. Der Sheriff, der alle mit ihren Geheimnissen kennt. Die Rangeleien unter den Kollegen. Kleine Affären, kleine Verrücktheiten. Hintertüren, Veranden und Fliegengitter. Und natürlich weite Maisfelder.


    Gut, vielleicht ist das Bild der Ermittlerin, die selbst vorbelastet ist, ein wenig klischeebehaftet. Ein klein wenig schimmerten bei Ellery Hathaway Grundzüge einer Clarice Starling durch – intelligent, und gerade aufgrund ihrer harten Jugend entschlossen, Karriere zu machen. Eine Einzelgängerin, die wenig Freunde hat, und sich in die Arbeit stürzt. Und die – natürlich – dafür Tiere umso mehr liebt. Den Hund, Bump, fand ich übrigens klasse! Er ist ja indirekt an der Lösung beteiligt.


    Auch habe ich mir logische Fragen gestellt. Wie kann jemand, der selber mal Opfer eines Serientäters war, überhaupt in die Abteilung Gewaltverbrechen eingeteilt werden, ohne dass der Vorgesetzte das weiß? Das scheint mir völlig unmöglich, neue Identität hin oder her! Das hätte längst schon rauskommen müssen. Und Ellery wäre dann eigentlich wegen Befangenheit von dem Fall abgezogen worden.


    Dennoch, die Mischung insgesamt hat für mich gestimmt. Gut fand ich, dass Ellery im Verlauf des Buches nicht völlig auf sich allein gestellt ist. Sie zieht Reed Markham hinzu, ausgerechnet der Agent, der sie von früher kennt. Beide werden unaufhaltsam in die Geschehnisse hineingezogen. Reed stellt sozusagen ein Gegengewicht zu Ellerys Paranoia dar. Er ermittelt ein wenig konsequenter. Dennoch hält die Handlung genügend Überraschungsmomente bereit. Erst kurz vor Schluss habe ich mir denken können, wer es denn nun war, und lag auch richtig. Aber der „Whodunit“-Teil ist in diesem Buch nicht so wichtig. Es ist eher die Atmosphäre, die zählt.


    Zu einem Stern Abzug komme ich vor allem aufgrund der wirklich teilweise unglaublich schlechten Sprache. Mich würde hier sehr das Original interessieren! Da gab es Ausdrücke, wo ich mich sozusagen „fremdgeschämt“ habe. „Sich einen bechern“, „auf Drama abfahren“, „durch den Fleischwolf der Schande gedreht werden“… mal abgesehen von ein paar echten Grammatikfehlern. Autsch!! Vielleicht ist das im Original alles stimmiger. Oder die Übersetzung war einfach schlecht.


    Ich kann das Buch insgesamt empfehlen, wenn man auf sprachlicher Ebene ein Auge zudrückt. Oder sich gleich das Original kauft. Handlung und Titelheldin sind für mich „rund“ gewesen, wenngleich auch nicht in jedem Punkt originell.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)