Judith Bergmann - Gerecht ist nur der Tod

  • Kurzmeinung

    ginnykatze
    Ein Krimi mit vielen Wendungen und einem Ende, das ich so, niemals erwartet hätte. Unbedingt lesen!

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  • Spannung und Psychologie



    Gerecht ist nur der Tod...?


    Zugegeben, ich hielt den Titel zunächst für etwas sperrig. Das musste doch wohl nicht sein! Ob es sich um eine übereifrige Übersetzung handelte…? Doch nein, es handelte sich um eine deutsche Originalausgabe; allerdings um das Pseudonym einer vorgeblich bekannten Autorin. Ich vermute, dass sie hier eine Art Experiment im Krimi-Genre gewagt hat. Dies ist ihr aus meiner Sicht auch sehr gut gelungen!


    Die Handlung spielt in Köln, im Verlauf einer Woche. Von Samstag bis Samstag, mit kleinem Epilog. Jeder „Tag“ ist auch ein „Erzähltag“. Zumeist werden Vormittag und Nachmittag/Abend als eigener Abschnitt behandelt. Das sorgt für einen angenehmen Erzählrhythmus. Man kann sich die Abläufe gut vorstellen.


    Erzählt wird die Geschichte in der ersten Person von Ina Reich, die in ihrer Funktion als Psychologin zu einer laufenden Ermittlung hinzugezogen wird. Sie soll – so erzählt sie es dem Kommissar und der Assistentin – mit Billigung des Polizeipräsidenten einen Artikel über die psychische Belastung von Kriminalbeamten schreiben. Allerdings bekommen sowohl die Ermittler als auch die Leser im Laufe des Buches Zweifel an dieser Aussage…


    Ina Reich ist ein Paradebeispiel für das Modell des „unzuverlässigen Erzählers“, und aus dieser Spannung heraus bezieht das ganze Buch seinen Reiz. Einerseits erhält man Einblick in Inas verletzliche Seele, andererseits zweifelt man. Es stellen sich nach und nach diverse Sachverhalte heraus. Ina ist offiziell gar keine Psychologin mehr, sondern musste aus persönlicher Belastung heraus auf Journalismus umsatteln. Sie ist tief traumatisiert, tablettenabhängig, und hält ihren Wohnsitz geheim. Und sie liefert sich einen unterschwelligen Kleinkrieg mit der türkischen Kommissarin Bulut. Die anscheinend etwas „gewittert“ hat. Nur was…?


    Der eigentliche Fall wird routiniert geschildert. Ein Prominenter Kölner wird auf dem Weg zum Traualtar in aller Öffentlichkeit erschossen. Mitten in der Kölner Innenstadt. Es folgen zwei weitere, zunächst scheinbar zufällige Opfer. Gibt es einen Zusammenhang? Dieser ist zunächst schwer zu finden. Es kommen Verdachtsmomente auf in Bezug auf die teils unsauberen finanziellen Geschäfte des Prominenten. Aber ob das Motiv so einfach gelagert ist…? Das fragt sich auch Kommissar Schellenberg. Denn der Ablauf der Verbrechen spricht eigentlich für ein lange geplantes Vorgehen aus Rache…


    Sehr schön gezeichnet sind diverse Persönlichkeiten und Bevölkerungsschichten. Die Welt der Prominenten und Boulevardjournalisten. Die neureichen Eltern, die alles verdrängen. Ehemalige Angestellte. Arbeitslose. Die Abläufe in einer Soko. Und natürlich der Kommissar, der nach außen bärbeißig, nach innen aber feinfühlig ist. Dem gegenüber steht die „innere Perspektive“ Inas. Sie kommentiert alle Geschehnisse laufend, und es ergeben sich bedeutungsschwangere Lücken für den Leser. Bis zum Schluss wird dies nicht völlig aufgelöst, bis sich die Ereignisse überschlagen. Das Ende wirft wirklich jeden Gedanken über den Haufen, den man sich zum Motiv gemacht haben mag. Und obwohl dies in der Realität wohl unmöglich wäre – hoch spannend geschrieben ist es allemal.


    Mir hat das Buch wirklich ausnehmend gut gefallen! Es war sicherlich von Vorteil, die weibliche Perspektive von einer weiblichen Autorin erzählen zu lassen. Trotz aller Brüche finde ich Ina beinahe schon sympathisch. Ich konnte ihre Zerrissenheit nachvollziehen. Glaubwürdig fand ich auch Kommissar Schellenberg in seiner Mehrfachbelastung. Nur Bulut fand ich ein wenig überzeichnet. Insgesamt wird dies vom ausgetüftelten Spannungsbogen und dem Knalleffekt am Schluss aber mehr als wettgemacht. Ich kann diesen Krimi wirklich nur jedem empfehlen, der Spannung in Verbindung mit Psychologie sucht.

    "Ein Mensch, der Ideale hat/
    Der hüte sich, sie zu erreichen!/
    Sonst wird er eines Tags anstatt/
    Sich selber andern Menschen gleichen."
    (Erich Kästner) :):)

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Judiith Bergmann - Gerecht ist nur der Tod“ zu „Judith Bergmann - Gerecht ist nur der Tod“ geändert.

  • „Und es war schwer, jemandem nahezukommen, wenn die Lieblingsbeschäftigung Schweigen ist.“


    Es sollte der schönste Tag in seinem Leben werden, aber der prominente Kölner Unternehmer Hajo Reimer wird auf dem Weg zum Traualtar je aus seinem Leben gerissen.


    Die Mordermittlung übernehmen Hauptkommissar Rolf Schellenberg und Kommissarin Sibil Bullut. Gleich wird klar, dass die Beiden unterschiedlicher nicht sein können. Die Journalistin und Psychologin Ina Reich begleitet die Ermittlungen als Beobachterin, sie wird einen Artikel über die „seelische Belastung“ der Kripobeamten bei einer Mordermittlung verfassen und später darüber berichten.


    Der Mörder muss ein guter Schütze sein, denn die Kugel ist aus weiter Entfernung präzise ins Herz eingeschlagen. Die SOKO, die dann gebildet wird, ermittelt auf Hochtouren, tritt aber auf der Stelle. Dann wird ein weiterer Toter gefunden, der auf die gleiche Weise aus dem Leben scheiden musste, wie Reimer.


    Auch wenn Schellenberg und Bulut ein gutes Team sind, kommen sie mit den Spuren nicht weiter. Ina Reich lauscht den Vermutungen und Schlussfolgerungen, sie darf sich in die Mordermittlung nicht einmischen, so ist die Abmachung. Aber hinter ihrer Stirn arbeitet es ununterbrochen.


    Der nächste Mord lässt nicht lange auf sich warten und die Uhr tickt, denn der Mörder hat auf einem Zettel genau notiert, wie viele Menschen sterben müssen.


    Dieser Satz, der mir sehr gut gefallen hat, setze ich an den Anfang meines Fazits:

    „Ich ließ mich von ihrem Lachen wärmen und von ihrem Übermut erschrecken und hielt sie für unbesiegbar“. S. 152


    In „Gerecht ist nur der Tod“ nimmt mich die Autorin Judith Bergmann mit nach Köln und langsam erfahre ich eine Geschichte, die mir anfangs ein wenig holprig klingt, dann aber immer weiter an Fahrt aufnimmt.


    Der Schreibstil ist sehr angenehm und flüssig lesbar. Die Ich-Erzählweise lässt mich als Leser durch die Augen von Ina Reich an dem Geschehen teilnehmen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich das einengt, mir fehlt der Rundumblick, so dass ich die Fakten, die mir hier angeboten werden, nicht ganz erfassen kann.


    Anfangs wird die Spannung hoch aufgebaut, fällt dann aber ein wenig ab. Das liegt daran, dass Ina Reich nicht mit offenen Karten spielt. Sie hat ein Geheimnis und um den Ausdruck der gefühllosen Teilnehmerin aufrecht zu erhalten, schluckt sie haufenweise Tabletten. Das macht sie interessant und schraubt das Spannungsbarometer wieder nach oben, so dass die Atmosphäre während der Mordermittlung fast greifbar wird.


    Bei den Figuren gelingt es der Autorin gut die wesentlichen Charakterzüge ins Hauptaugenmerk zu lenken. Rolf Schellenberg, den ich gleich sympathisch finde und Sibil Bulut, die mir von Anfang an ein Dorn im Auge ist. Die Beiden sind wie Hund und Katze. Ina Reich hingegen ist mit einer geheimnisvollen Hülle umwoben, durch die man ganz schwer schauen kann. Alle weiteren Beteiligten passen gut ins Bild.


    Das sich die Geschichte so entwickeln würde, hatte ich nicht erwartet. Meine Vermutung traf zu, aber diese Wendung und die weiteren Geschehnisse haben mich überrannt. Das Ende war absolut gelungen und glaubhaft.


    Der vorletzte Satz im Buch, beendet meine Rezension: „Eins ist mir inzwischen klar: Wo auch immer ich bin – es ist niemals zu Ende“. (S. 318)


    Hier kommt von mir eine klare Leseempfehlung und 5 verdiente Sterne. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

    Antoine de Saint-Exupéry. Aus: Der kleine Prinz

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