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Benjamin Myers – Offene See / The Offing

Offene See

5 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 270

ISBN: 9783832181192

Termin: Neuerscheinung März 2020

  • Erscheinungstermin vorgezogen


    Klappentext/Verlagstext

    Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.


    Der Autor

    Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.


    Inhalt

    Robert Appleyards Lebensweg schien vorgezeichnet. Wie alle Männer in seinem nordenglischen Heimatort würde er nach der Schule im Bergwerk arbeiten. Doch der Zweite Weltkrieg weckt Roberts Fernweh und seine Abenteuerlust: 1946 will er endlich zur See fahren. Er macht sich zu Fuß mit dem Rucksack auf den Weg Richtung Süden, entlang Englands Ostküste. Der Icherzähler, der sich an das erste Nachkriegsjahr erinnert, steht offensichtlich am Ende seines Lebens, seine Pflichten sind ihm zur Last geworden.


    Schon als Jugendlichen drängte es Robert aus den Grenzen seines Bergarbeiterdorfs hinaus. Nach Kriegsende war er ständig hungrig, wie viele Menschen zu der Zeit, auch hungrig auf das Leben. Als Birder, der Vögel beobachtet und zeichnet, fand Robert die Ahnung seines wahren Ichs schon als Kind nur in der Natur. Weil viele Männer gar nicht oder versehrt aus dem Krieg zurückkehrten, findet er auf seinem Weg problemlos Arbeit. Robert trifft unterwegs Tagelöhner und Kesselflicker, er lernt die Kunst des Smalltalks, etwas, das bisher niemand von ihm erwartet hatte. Als Robert auf Dulcie trifft, hat er seine Zukunft unter Tage bereits abgelegt, die wie ein dunkles Tuch auf ihm gelastet hatte. Dulcie lebt allein auf einem imposanten wie idyllischen Grundstück, auf dem einiges zu reparieren ist. Dulcies Verhalten wirkt auf Robert unerhört, sie trägt eine Hose, spricht selbstbewusst über Dinge von denen er noch nie gehört hat – und sie scheint die Deutschen nicht zu hassen. Robert und Dulcie wirken wie füreinander geschaffen; Robert kann nahezu alles reparieren, Dulcies Lebensmittelvorräte scheinen so unerschöpflich wie ihr Wissen. Zwischen kritischer Mentorin und lernbegierigem Schüler entwickelt sich ein enges, stets platonisches Verhältnis. Immer wieder schnürt Robert seinen Rucksack und immer wieder hält ihn etwas bei Dulcie zurück. Er muss in der Auseinandersetzung mit ihr sein Weltbild neu ordnen, Religion, Krieg, die Rolle der Frau in der Nachkriegszeit, die englische Klassengesellschaft, in der „Leute wie er nicht studieren“. Als Robert ein kleines Cottages auf Dulcies Grund zu renovieren beginnt, nimmt sein Leben eine erstaunliche Wende.


    Zu lesen ist über die ungewöhnliche Beziehung durch die Erzählstimme eines Menschen, der in seiner Erinnerung noch jung ist. Sehr früh habe ich mich gefragt, wie ein Bergarbeiterjunge, geboren um 1930, zu einem so sensiblen Blick auf die Welt und zu dieser ungewöhnlichen Ausdrucksfähigkeit kommt. Robert schien mir ein wenig zu reif und zu intelligent für jemanden, der gerade aus dem Ei geschlüpft war. Das Geheimnis um das überwucherte Cottage und Dulcies zugewachsenen Blick aufs Meer steigert die Spannung, wie sich das Verhältnis zwischen der lebenserfahrenen Frau und dem 16-jährigen Robert entwickeln wird.


    Fazit

    Die Kombination aus Bildungs- und Entwicklungsroman, Nature-Writing und Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg scheint beinahe zu viele Themen zu verarbeiten. In der Summe wird dieser stilistisch beeindruckende Roman jedoch getragen von der sensibel beobachteten Gemütslage eines 16-Jährigen nach einem Krieg. Ein Roman, aus dem ich am liebsten jeden Absatz vorlesen würde …


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    1. Offene See

      (Ø)

      Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG


    :study: -- Irving - Letzte Nacht in Twisted River

    :study: -- Tom Blass - Die Nordsee

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Das Original

    1. (Ø)

      Verlag: Bloomsbury Circus


    :study: -- Irving - Letzte Nacht in Twisted River

    :study: -- Tom Blass - Die Nordsee

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Das hört sich (mal wieder ;) ) wunderschön an und ist direkt auf meinen Wunschzettel gewandert. Es hat viele "Zutaten", die ich mag: England, Nachkriegszeit, ungewöhnliche Lebenswege, Überwinden von Klassenunterschieden, Bildungshunger und Neugier und das Meer.

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Heimatliebe

    Benjamin Myers reiht sich ein in die breite literarische Tradition, die englische Autoren ihrer tiefen Verbundenheit mit der Heimat Ausdruck verleihen lässt. ‚Cider with Rosie‘ von Laurie Lee oder Carrs erst vor kurzem wiederentdecktes ‚A Month in the Country‘ bieten literarische Beispiele, an denen sich diese Neuerscheinung zweifellos orientiert.
    Die Liebe zu der Natur Nordenglands, das nagende Trauma des gerade erst beendeten Krieges, die faszinierte Erkundung aller Möglichkeiten, die Sprache eröffnet - das sind die Bestandteile, aus denen der Autor die polyphone Sinfonie seines Romans komponiert. Sprachmächtig, bildmächtig, aber von einem unbestimmten Grauen vorwärtsgetrieben, hören wir seinem Singen und Sagen zu: die Folgen eines inhumanes Krieges immer noch vor Augen, die Furcht vor dem scheinbar vorgezeichnetem Leben im Bergwerk im Herzen, der Triumph, vermittels der Sprache Erlebtes und Erdachtes für sich und andere erlebbar, ergreifbar zu machen: das sind die Komponenten, die dem Leser ein außergewöhnliches Lektüreerlebnis versprechen.
    Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass der Autor gelegentlich über das Ziel hinausschießt. Allzu gewollt poetisch gestaltet er seine Diktion, etwas stereotyp verbalisiert er wieder und wieder seinen Abscheu gegenüber dem gerade erst beendeten Weltkrieg. Übermäßig pointiert fällt das Porträt der zum Dozieren neigenden Dulcie aus. Auch Anachronismen unterlaufen dem Autor gelegentlich: das moderne Wort ‚Genpool‘ KANN nicht im Wortschatz eines Bergarbeitersohns im Jahr 1946 enthalten sein.
    Trotzdem soll dieser neue Roman dem deutschen Leser empfohlen sein, der eine Vorstellung vom Rauchen Charme der Landschaft von Yorkshire gewinnen möchte.

    Mein Urteil: 4 Sterne