Benjamin Myers – Offene See / The Offing

  • Kurzmeinung

    Frawina
    Schöne Landschaftsbeschreibungen. Sehr poetisch. Eindrücklicher weiblicher Charakter.
  • Erscheinungstermin vorgezogen


    Klappentext/Verlagstext

    Der junge Robert weiß schon früh, dass er wie alle Männer seiner Familie Bergarbeiter sein wird. Dabei ist ihm Enge ein Graus. Er liebt Natur und Bewegung, sehnt sich nach der Weite des Meeres. Daher beschließt er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, sich zum Ort seiner Sehnsucht, der offenen See, aufzumachen. Fast am Ziel angekommen, lernt er eine ältere Frau kennen, die ihn auf eine Tasse Tee in ihr leicht heruntergekommenes Cottage einlädt. Eine Frau wie Dulcie hat er noch nie getroffen: unverheiratet, allein lebend, unkonventionell, mit sehr klaren und für ihn unerhörten Ansichten zu Ehe, Familie und Religion. Aus dem Nachmittag wird ein längerer Aufenthalt, und Robert lernt eine ihm vollkommen unbekannte Welt kennen. In den Gesprächen mit Dulcie wandelt sich sein von den Eltern geprägter Blick auf das Leben. Als Dank für ihre Großzügigkeit bietet er ihr seine Hilfe rund um das Cottage an. Doch als er eine wild wuchernde Hecke stutzen will, um den Blick auf das Meer freizulegen, verbietet sie das barsch. Ebenso ablehnend reagiert sie auf ein Manuskript mit Gedichten, das Robert findet. Gedichte, die Dulcie gewidmet sind, die sie aber auf keinen Fall lesen will.


    Der Autor

    Benjamin Myers, geboren 1976, ist Journalist und Schriftsteller. Myers hat nicht nur Romane, sondern auch Sachbücher und Lyrik geschrieben. Für seine Romane hat er mehrere Preise erhalten. Er lebt mit seiner Frau in Nordengland.


    Inhalt

    Robert Appleyards Lebensweg schien vorgezeichnet. Wie alle Männer in seinem nordenglischen Heimatort würde er nach der Schule im Bergwerk arbeiten. Doch der Zweite Weltkrieg weckt Roberts Fernweh und seine Abenteuerlust: 1946 will er endlich zur See fahren. Er macht sich zu Fuß mit dem Rucksack auf den Weg Richtung Süden, entlang Englands Ostküste. Der Icherzähler, der sich an das erste Nachkriegsjahr erinnert, steht offensichtlich am Ende seines Lebens, seine Pflichten sind ihm zur Last geworden.


    Schon als Jugendlichen drängte es Robert aus den Grenzen seines Bergarbeiterdorfs hinaus. Nach Kriegsende war er ständig hungrig, wie viele Menschen zu der Zeit, auch hungrig auf das Leben. Als Birder, der Vögel beobachtet und zeichnet, fand Robert die Ahnung seines wahren Ichs schon als Kind nur in der Natur. Weil viele Männer gar nicht oder versehrt aus dem Krieg zurückkehrten, findet er auf seinem Weg problemlos Arbeit. Robert trifft unterwegs Tagelöhner und Kesselflicker, er lernt die Kunst des Smalltalks, etwas, das bisher niemand von ihm erwartet hatte. Als Robert auf Dulcie trifft, hat er seine Zukunft unter Tage bereits abgelegt, die wie ein dunkles Tuch auf ihm gelastet hatte. Dulcie lebt allein auf einem imposanten wie idyllischen Grundstück, auf dem einiges zu reparieren ist. Dulcies Verhalten wirkt auf Robert unerhört, sie trägt eine Hose, spricht selbstbewusst über Dinge von denen er noch nie gehört hat – und sie scheint die Deutschen nicht zu hassen. Robert und Dulcie wirken wie füreinander geschaffen; Robert kann nahezu alles reparieren, Dulcies Lebensmittelvorräte scheinen so unerschöpflich wie ihr Wissen. Zwischen kritischer Mentorin und lernbegierigem Schüler entwickelt sich ein enges, stets platonisches Verhältnis. Immer wieder schnürt Robert seinen Rucksack und immer wieder hält ihn etwas bei Dulcie zurück. Er muss in der Auseinandersetzung mit ihr sein Weltbild neu ordnen, Religion, Krieg, die Rolle der Frau in der Nachkriegszeit, die englische Klassengesellschaft, in der „Leute wie er nicht studieren“. Als Robert ein kleines Cottages auf Dulcies Grund zu renovieren beginnt, nimmt sein Leben eine erstaunliche Wende.


    Zu lesen ist über die ungewöhnliche Beziehung durch die Erzählstimme eines Menschen, der in seiner Erinnerung noch jung ist. Sehr früh habe ich mich gefragt, wie ein Bergarbeiterjunge, geboren um 1930, zu einem so sensiblen Blick auf die Welt und zu dieser ungewöhnlichen Ausdrucksfähigkeit kommt. Robert schien mir ein wenig zu reif und zu intelligent für jemanden, der gerade aus dem Ei geschlüpft war. Das Geheimnis um das überwucherte Cottage und Dulcies zugewachsenen Blick aufs Meer steigert die Spannung, wie sich das Verhältnis zwischen der lebenserfahrenen Frau und dem 16-jährigen Robert entwickeln wird.


    Fazit

    Die Kombination aus Bildungs- und Entwicklungsroman, Nature-Writing und Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg scheint beinahe zu viele Themen zu verarbeiten. In der Summe wird dieser stilistisch beeindruckende Roman jedoch getragen von der sensibel beobachteten Gemütslage eines 16-Jährigen nach einem Krieg. Ein Roman, aus dem ich am liebsten jeden Absatz vorlesen würde …


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    1. Offene See

      (Ø)

      Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG


    :study: -- Mantel - Brüder

    :study: -- Obreht - Inland

    :musik: -- Pullman - His Dark Materials 4. Das andere Ende der Welt


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Das Original

    :study: -- Mantel - Brüder

    :study: -- Obreht - Inland

    :musik: -- Pullman - His Dark Materials 4. Das andere Ende der Welt


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Das hört sich (mal wieder ;) ) wunderschön an und ist direkt auf meinen Wunschzettel gewandert. Es hat viele "Zutaten", die ich mag: England, Nachkriegszeit, ungewöhnliche Lebenswege, Überwinden von Klassenunterschieden, Bildungshunger und Neugier und das Meer.

    Why say 'tree' when you can say 'sycamore'?
    (Leonard Cohen)

  • Heimatliebe

    Benjamin Myers reiht sich ein in die breite literarische Tradition, die englische Autoren ihrer tiefen Verbundenheit mit der Heimat Ausdruck verleihen lässt. ‚Cider with Rosie‘ von Laurie Lee oder Carrs erst vor kurzem wiederentdecktes ‚A Month in the Country‘ bieten literarische Beispiele, an denen sich diese Neuerscheinung zweifellos orientiert.
    Die Liebe zu der Natur Nordenglands, das nagende Trauma des gerade erst beendeten Krieges, die faszinierte Erkundung aller Möglichkeiten, die Sprache eröffnet - das sind die Bestandteile, aus denen der Autor die polyphone Sinfonie seines Romans komponiert. Sprachmächtig, bildmächtig, aber von einem unbestimmten Grauen vorwärtsgetrieben, hören wir seinem Singen und Sagen zu: die Folgen eines inhumanes Krieges immer noch vor Augen, die Furcht vor dem scheinbar vorgezeichnetem Leben im Bergwerk im Herzen, der Triumph, vermittels der Sprache Erlebtes und Erdachtes für sich und andere erlebbar, ergreifbar zu machen: das sind die Komponenten, die dem Leser ein außergewöhnliches Lektüreerlebnis versprechen.
    Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass der Autor gelegentlich über das Ziel hinausschießt. Allzu gewollt poetisch gestaltet er seine Diktion, etwas stereotyp verbalisiert er wieder und wieder seinen Abscheu gegenüber dem gerade erst beendeten Weltkrieg. Übermäßig pointiert fällt das Porträt der zum Dozieren neigenden Dulcie aus. Auch Anachronismen unterlaufen dem Autor gelegentlich: das moderne Wort ‚Genpool‘ KANN nicht im Wortschatz eines Bergarbeitersohns im Jahr 1946 enthalten sein.
    Trotzdem soll dieser neue Roman dem deutschen Leser empfohlen sein, der eine Vorstellung vom Rauchen Charme der Landschaft von Yorkshire gewinnen möchte.

    Mein Urteil: 4 Sterne

  • Die Enge des Elternhauses veranlasst den 16-jährigen Robert sich auf den Weg zur Küste zu machen. Er verspürt eine Sehnsucht nach dem Meer und möchte einmal die offene See erleben. Es ist das Jahr 1946 und nach seiner Wanderung durch das sommerliche England soll er, wie seine Vorväter, im Bergwerk unter Tage seine Arbeit aufnehmen. Unterwegs lernt Robert dann Dulcie kennen, eine Frau, die ein Leben lebt, wie er es nie kennengelernt hat. Durch sie eröffnet sich eine ganz neue Welt für Robert.


    Die Daily Mail schreibt "Ein bewegend poetischer Lobgesang auf das Land - tief empfunden und aufmerksam beobachtet". Dem kann ich nur zustimmen. Eine wunderbare Geschichte, die der Autor Benjamin Myers hier über menschliche Beziehungen erzählt. Wunderbar lebendig und gefühlvoll geschrieben, man sieht die Protagonisten Robert und Dulcie bildlich vor sich. Einfach herrlich zu lesen und ein sehr empfehlenswertes Buch.

    1. Offene See

      (Ø)

      Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG


  • Die Geschichte spielt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und nach all den Schrecken freuen sich die Menschen darüber, dass es langsam bergauf geht. Das Leben des sechszehnjährigen Robert ist vorbestimmt, er soll Bergarbeiter werden, wie alle Männer in seiner Familie. Doch er will ein Stück Freiheit haben und die Weite des Meeres erleben. So macht er sich auf die Wanderschaft und erhält Verpflegung und Unterkunft gegen Gelegenheitsjobs. Dann lernt er Ducie kennen. Sie lebt alleine und sehr unkonventionell. Aber sie hat auch ihre Vorstellungen. Die wuchernde Hecke, die den Blick zum Meer versperrt, darf nicht gestutzt werden, und das ihr gewidmete Manuskript, welches Robert findet, will sie nicht lesen.


    Der Schreibstil des Autors Benjamin Myers hat mich begeistert, er ist wundervoll bildhaft und poetisch.


    Dulcie ist eine ungewöhnliche Frau, eine Frau, wie sie Robert noch nie getroffen hat. Sie ist unabhängig und hat alles, was sie braucht. Robert ist beeindruckt. Sie stellt alles, was er vom Leben erwartet, in Frage. Die Gespräche der beiden verändern ihn und er bleibt länger bei Dulcie, als er es vorhatte. War Dulcie anfangs noch recht barsch, so öffnet sie sich mit der Zeit und es entsteht eine wunderbare Freundschaft.


    Es geschieht nicht sehr viel in dieser Geschichte, die Robert rückblickend erzählt, und doch hat sie mich von Anfang an gepackt.


    Ich kann dieses Buch nur empfehlen.

    1. Offene See

      (Ø)

      Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG


  • Frühjahr 1946. Dem sechzehnjährigen Robert ist seine Welt in einer kleinen Bergarbeiterstadt im Norden Englands zu eng geworden. Die Erwartung, wie all seine männlichen Vorfahren unter Tage zu arbeiten, kann er noch nicht erfüllen. Um endlich einmal Freiheit zu spüren, begibt er sich auf Wanderschaft durch seine vom Krieg noch stark mitgenommene Heimat. Sein Weg führt ihn schließlich zum kleinen Cottage von Dulcie Piper - eine ältere Dame, die sein Leben für immer verändern soll.


    Mit "Offene See" ist Benjamin Myers ein großartiger Coming of Age-Roman gelungen, der so viel mehr als dieses eine Label zu bieten an. Die Sprache ist von unglaublicher Poesie und fängt die Küstenlandschaft und ihre Bewohner perfekt ein. Robert ist ein stiller Junge, der seinen Weg im Leben erst noch finden muss. Der Krieg hat auch ihn geprägt und seine Wut auf die Deutschen geschürt. Das Aufeinandertreffen mit Dulcie verändert jedoch etwas in ihm. Im Gegensatz zum klassischen Frauenbild der Zeit nimmt sie kein Blatt vor den Mund, lebt, wie sie es für richtig hält und hat auch zum Kriegsgeschehen eine klare Meinung: Niemand gewinnt einen Krieg wirklich, im Grund gibt es nur Verlierer und auf beiden Seiten stehen menschliche Wesen. Eine wichtige Botschaft, auch und gerade in der heutigen Zeit.


    Nach und nach begreift Robert, dass Dulcies Leben ein Geheimnis birgt, eine Wunde, die immerzu schmerzt und nicht heilen will. Bei gemeinsamen Essen und langen Gesprächen kommen die beiden sich näher und öffnen sich einander. Dabei ist es schön zu spüren, dass Dulcie als die Ältere sich nie überlegen gibt, sondern auch die Chance nutzt, etwas von Robert zu lernen. Der hingegen erhält durch Dulcie einen völlig neuen Blickwinkel auf sein Leben und was er damit anzufangen gedenkt. Ein fabelhafter Roman, der auf jeden Fall zu meinen Highlights in 2020 gehört! :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study:  Im Sturm der Echos / Christelle Dabos
    :musik:Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten / Alice Hasters

  • Mir hat die Idee eines Bergbau-Jungen, der von dem Meer fasziniert ist unglaublich gut gefallen. Nichts könnte so weit von allem maritimen entfernt sein wie der Bergbau. Robert ist mutig genug, sich von dem Grau der Kohle zu befreien, um sich auf den Weg zur ewigen blauen Weite zu machen. Das habe ich zumindest erwartet. Ich wollte diese Faszination Meer, den Zauber, in Worte gefasst sehen.

    Bekommen habe ich das leider nicht und das hat eine Weile gebraucht zu verstehen und zu akzeptieren. Nach der Hälfte habe ich mich auf die wirkliche Geschichte einlassen können: ein Junge, der sich in seinen letzten Sommerferien auf den Weg hinaus in die Welt macht und nur ein grobes Ziel hat: das Meer. Dabei trifft er auf die eigenwillige Dulcie. Daraus entsteht eine ganz eigene Freundschaft zwischen Jung und Alt, Tradition und Umdenken. Mit der Zeit schließt man die beiden sehr in sein Herz und genießt einfach dieses sommerliche ''in den Tag hinein leben''-Gefühl.


    Meine falsche Erwartungshaltung hat dafür gesorgt, dass ich zur Hälfte enttäuscht bin. Das Ende hat mich aber so berührt, dass ich richtig wütend auf mich wurde, dass ich das Buch nicht so genießen konnte, wie es ist. Deswegen werde ich Robert und Dulcie im Sommer auf jeden Fall eine zweite Chance geben, denn die haben sich die beiden auf jeden Fall verdient! Die 4,35 ⭐ (Stand: 10.06.2020) auf Goodreads sind nicht unberechtigt, aber sorgen für eine zu hohe Erwartungshaltung.


    Meine Bewertung: ⭐⭐⭐