Stefan Hertmans - Krieg und Terpentin/Der Himmel meines Großvaters/Oorlog en terpentijn

  • Buchdetails

    Titel: Krieg und Terpentin


    Verlag: Diogenes

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 416

    ISBN: 9783257244311

    Termin: März 2018

  • Bewertung

    4.7 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

  • Inhaltsangabe zu "Krieg und Terpentin"

    »Man kann alles, wenn man will!«, sagt der alte Mann zu seinem Enkel und schwingt sich in den Kopfstand. Die wahre Willenskraft seines Großvaters begreift Stefan Hertmans jedoch erst, als er nach dessen Tod seine Notizbücher liest und beschließt, den Roman dieses Lebens zu schreiben: Eindringlich beschreibt er den 13-Jährigen, der in der Eisengießerei davon träumt, Maler zu werden, und stattdessen an die Front gerät, wo er zwar das Grauen der Schützengräben überlebt, dafür aber fast am Verlust seiner großen Liebe zugrunde geht.
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  • Ich habe die Taschenbuchausgabe gelesen, für die der Titel in "Krieg und Terpentin" geändert wurde, eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels und viel passender als das schwammige "Der Himmel meines Großvaters" (Titel der Hardcoverausgabe). Denn auch wenn der neue Titel auf den ersten Blick etwas sperrig klingt, fasst er doch sehr schön zusammen, was das Leben von Urbain Martien, dem Großvater des Autors, geprägt hat: die Malerei und der erste Weltkrieg.


    Urbain wächst in einfachen Verhältnissen auf, denn sein Vater ist zwar ein begabter Kirchenmaler, der sich auch auf die Restaurierung von Fresken und anderen Gemälden versteht, verdient aber sehr wenig, so dass die Familie oft genug auf die Wohltätigkeit anderer angewiesen ist und so mancher Wertgegenstand ins Pfandhaus wandert. Schon als kleiner Junge liebt es Urbain, dem Vater bei der Arbeit zuzuschauen, stundenlang kann er in der verschlossenen Kirche neben ihm sitzen und ihn einfach nur beobachten, und die Malerei wird auch für ihn zur Leidenschaft.


    Doch zum Beruf machen kann er sie nicht, er muss zum Unterhalt der Familie beitragen und wird mit dreizehn in die Lehre gegeben, in eine Eisengießerei. Ein Arbeitsplatz, der Urbain so gar nicht entspricht mit dem Lärm, der Hitze und der ständigen Gefahr durch das glutheiße flüssige Eisen. Schließlich landet er beim Militär und durchleidet die vier langen Jahre des ersten Weltkriegs in schlammigen Schützengräben, unter Dauerbeschuss und Dauerstress, nur unterbrochen von längeren Genesungsphasen nach schweren Verwundungen.


    Stefan Hertmans setzt sich hier mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinander. Das Herzstück des Buches sind die persönlichen Aufzeichnungen seines Großvaters über den Krieg, die uns hautnah vor Augen führen, was für eine furchtbare Zeit das war und welchen grauenhaften Belastungen die jungen Männer an der Front (und auch die Zivilbevölkerung in den Kampfgebieten) ausgesetzt waren.


    Um diesen Abschnitt herum, der größtenteils Originaltext sein dürfte (es wird nicht explizit geklärt), spürt Hertmans seinen Wurzeln nach, beginnend mit seinen Urgroßeltern und deren prekären Lebensverhältnissen, folgt Urbains Erwachsenwerden und der Geschichte von dessen großer Liebe und berichtet auch von seinen eigenen Erlebnissen mit und den Erinnerungen an seinen Großvater, einen Mann, an dem er sehr hing, der jedoch nicht immer ganz einfach im Umgang war. Allerdings stellt sich im Verlauf des Buches so einiges heraus, was des Großvaters Verhalten und Einstellung in manchen Dingen erklärt.


    Übermäßig gefühlvoll ist der Tonfall des Buches nicht, aber trotzdem hat es mich sehr berührt, diese mit Fotos abgerundete Lebensgeschichte aus vergangenen Zeiten zu lesen, die uns heute ganz fremd erscheinen mit ihrer Betonung von Frömmigkeit und Pflichtgefühl gegenüber dem Vaterland, obwohl es noch gar nicht so lange her ist.

  • Danke, Magdalena , das passt :thumleft:. Kein Umweg über die Wunschliste, sondern direkt in meiner Bücherei vorgemerkt. Dort steht es allerdings bei den Biographien. :-k

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Ich habe mit der Einordnung auch gezögert, mich aber dann doch für dieses Unterforum entschieden, weil es vom Verlag als Roman etikettiert wird. Ganz glücklich bin ich damit auch nicht ...

  • Ich habe mit der Einordnung auch gezögert, mich aber dann doch für dieses Unterforum entschieden, weil es vom Verlag als Roman etikettiert wird. Ganz glücklich bin ich damit auch nicht ...

    letztlich entscheidest doch Du als Leser, in welchen Bereich das Buch am besten passt. Wenn ich deine Rezension so anschaue, würde ich es wohl auch unter Biografien setzen. :wink:

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Stewart O'Nan - Die Chance

    :study: Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis MLR


  • Wenn ich es gelesen habe, gebe ich eine Einschätzung zum Genre ab. Am Mittwoch gehe ich in die Bücherei und bringe es mit, falls es frei ist.

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  • Squirrel: dann fände ich es tatsächlich bei den Biographien besser aufgehoben - wenn Du vielleicht bei Gelegenheit so lieb wärst ... ? :)

  • Der 1. Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918, ist also erst hundert Jahre her. Betrachtet man die Umstände, unter denen Urbain Martien, der Großvater des Autors, aufwächst, sein Elternhaus, sein Dorf und die Möglichkeiten, die er als Junge aus ärmlichen Verhältnissen hat, so scheint diese Zeit schon lange vergangen. Wie man lebte und arbeitete ist uns heute und hier schon fast nicht mehr vorstellbar.


    Auch wenn Hertmans sparsam mit seinen Emotionen und Gefühlen umgeht, kann er den Leser berühren. Die Akribie und Zuwendung, mit denen er sich dem Leben seines Großvaters nähert und für nachfolgende Generationen sichtbar macht, beeindrucken, ebenso wie die Arbeit und die Zeit, die der Autor auf den Spuren verbrachte und in die Biographie des Großvaters investierte. Obwohl in der Zwischenzeit z.B. in Kampfgebieten des Ersten Weltkriegs die Spuren getilgt sind, nimmt Hertmans quasi Witterung auf.

    Zunächst vermischt er seine eigenen Erinnerungen mit den Tagebuchberichten, die ihm vom Großvater vorliegen. Erst in den Jahren des Soldatenlebens und der Kämpfe übergibt er ihm das Wort ganz: Der Höhepunkt der Biographie ist zugleich die am schwersten erträgliche Passage durch die nicht weichende Angst und die Schicksale und Schmerzen der Gefallenen und Verstümmelten.


    Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch auch Lesern gefällt, die sich für das Alltagsleben der einfachen Leute am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts interessieren, denn einen breiter Raum widmet der Autor dem Arbeitsleben und der Familiengründung, auch schon dem seiner Urgroßelterngeneration.


    Eine starke, authentische Mischung von Biographie und Autobiographie. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

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  • Betrachtet man die Umstände, unter denen Urbain Martien, der Großvater des Autors, aufwächst, sein Elternhaus, sein Dorf und die Möglichkeiten, die er als Junge aus ärmlichen Verhältnissen hat, so scheint diese Zeit schon lange vergangen. Wie man lebte und arbeitete ist uns heute und hier schon fast nicht mehr vorstellbar..

    Wie weit Urbains Lebenswelt von unserer heutigen entfernt war, hat mich auch sehr fasziniert.

  • Nach der Lektüre bin ich sicher, dass das Buch bei den Biographien besser aufgehoben ist. :thumleft:

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