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Anna Burns – Milchmann / Milkman

Milchmann

4 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Verlag: Tropen

Bindung: E-Book

Seitenzahl: 452

eISBN: 9783608115741

Termin: Neuerscheinung Februar 2020

  • Klappentext/Verlagstext

    »Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb.« Mit Milchmann legte Anna Burns das literarische Großereignis des vergangenen Jahres vor. Ein Roman über den unerschrockenen Kampf einer jungen Frau um ein selbstbestimmtes Leben – weltweit gefeiert und ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize.

    Eine junge Frau zieht ungewollt die Aufmerksamkeit eines mächtigen und erschreckend älteren Mannes auf sich, Milchmann. Es ist das Letzte, was sie will. Hier, in dieser namenlosen Stadt, erweckt man besser niemandes Interesse. Und so versucht sie, alle in ihrem Umfeld über ihre Begegnungen mit dem Mann im Unklaren zu lassen. Doch Milchmann ist hartnäckig. Und als der Mann ihrer älteren Schwester herausfindet, in welcher Klemme sie steckt, fangen die Leute an zu reden. Plötzlich gilt sie als »interessant« – etwas, das sie immer vermeiden wollte. Hier ist es gefährlich, interessant zu sein.

    Doch was kann sie noch tun, nun, da das Gerücht einmal in der Welt ist? Milchmann ist die Geschichte einer jungen Frau, die nach einem Weg für sich sucht – in einer Gesellschaft, die sich ihre eigenen dunklen Wahrheiten erfindet und in der jeglicher Fehltritt enorme Konsequenzen nach sich zieht.


    Die Autorin

    Anna Burns, geboren in Belfast, Nordirland, ist Autorin mehrerer Romane. 2018 erhielt sie für »Milchmann« den Man Booker Prize. Das Buch wurde zu einer internationalen Sensation und mit zahlreichen weiteren Preisen ausgezeichnet, u. a. dem Orwell Prize und dem National Book Critics Circle Award. »Milchmann« erscheint in 23 Ländern. Es ist der erste Roman von Anna Burns, der auf Deutsch veröffentlicht wird. Anna Burns lebt in East Sussex, England.


    Inhalt

    „Milchmann“ wird ein hohes Tier einer paramilitärischen Truppe genannt, der eines Tages einem 18-jährigen Mädchen nachzustellen beginnt. Er ist nicht etwa „der Milchmann“, der mit einem weißen Lieferwagen die Milch ausliefert, sondern ein Kerl, der Frauen grundsätzlich als seinen persönlichen Besitz betrachtet. Wie alle Figuren des Romans bekommt er seinen Spitznamen als Etikett angeheftet, das Anonymität schafft, seine Taten verharmlost, aber auch Möglichkeiten schafft, über das Unvorstellbare überhaupt zu sprechen. Er scheint genauestens zu wissen, was das Mädchen wann und wo tut, Widerstand scheint von Beginn seiner Anmache an sinnlos zu sein. Beängstigend wirkt allerdings, dass die Mutter ihrer Tochter ungefragt die Schuld an dem Vorfall zuschiebt und zugleich klarstellt, dass auf ihre Hilfe nicht zu zählen ist. Die sexuelle Belästigung wird verharmlost, nein, von nun an wird über den Lebenswandel der jungen Frau getratscht und dem Opfer die Schuld zugeschoben. Sie, die beim Spazierengehen in einem Buch liest, hat ihrem verdächtigen Verhalten die Krone aufgesetzt, indem sie sich leichtfertig von Milchmann ansprechen ließ.


    Die Icherzählerin bleibt namenlos, ihre Schwestern und Schwäger werden nummeriert, der „Vielleicht-Freund“ erklärt sich selbst und ein weiterer ekliger Typ wird „Irgendwer McIrgendwas“ genannt, auch er eine Bedrohung, der eine Frau nicht entgehen kann. Ausschweifend, wie ohne Punkt und Komma wirkend und mit extrem wenigen Absätzen scheint die 18-Jährige sich durch ihr Erzählen von einer dystopischen Welt zu befreien, in der zwischen „uns“ und „den anderen“ willkürlich eine Grenze gezogen wurde. Die Unterscheidung kann zwischen Religionen verlaufen, zwischen Männern und Frauen, besonders auch zwischen hetero- und angeblich homosexuellen Männern. „Wir“ sind die Verweigerer, die den Staat und seine Institutionen nicht anerkennen und mit Bombenanschlägen bekämpfen. Teil des militärischen Konflikts sind unübersehbar das archaische Männer- und Frauenbild, das sich um keinen Millimeter bewegen darf, und das passive Erleiden des Konflikts durch die Frauen. Man könnte auch die Sprache als Werkzeug zur Beschönigung nennen; denn auf Teufel-komm-raus wird verharmlost, indem der Bürgerkrieg „Probleme“(troubles) genannt wird. Eindringlich zeigt die Autorin, wie Bespitzelung, Klatsch und Rufmord unverzichtbarer Bestandteil von Diktaturen und totalitären Gemeinschaften sind. Auch in anderen Ländern und Kulturen, nicht allein in Irland. Der Moment, in dem das anfängliche Nord-Irland-Thema aus meiner Sicht umschlägt in die Darstellung gesellschaftlicher Spaltung generell und jeder Art, gelingt Burns ausgesprochen spannend.


    Von der ersten Seite an wirkt Anna Burns Verarbeitung des Nord-Irland-Konflikts (1969-1998) feministisch pur und kämpferisch. Ihre Icherzählerin zeigt sich als genaue, kritische und sprachgewandte Beobachterin. Logisch, dass eine Person nicht erwünscht sein kann, die sich nicht mit dem Platz zufrieden gibt, der ihr als Frau (u. a. von anderen Frauen) zugestanden wird und die ihren Mitmenschen mithilfe der eigenen Exzentrik deren Widersprüche und Lebenslügen aufzeigt. Bisher gibt es Witwen, deren Männer „für die Sache“ starben, Verweigerer-Groupies und Mitläuferinnen. Was würde passieren, wenn Frauen ihren Männern ankündigen, sie hätten zukünftig zuhause zu bleiben und sich um ihre 8 Kinder zu kümmern, statt Bomben zu legen - und wenn sie die im Garten vergrabenen Waffen nicht mehr dulden würden? Das Freund-Feind-Denken als Grundübel unserer gegenwärtigen Gesellschaft wird von der jungen Icherzählerin gekonnt entblättert. Zugegeben, sie erzählt ausschweifend und ihre Sicht auf die Dinge ist ungewöhnlich – aber ich habe mich mit ihr keine Minute gelangweilt.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: -- Irving - Letzte Nacht in Twisted River

    :study: -- Tom Blass - Die Nordsee

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Das Original

    1. (Ø)

      Verlag: Faber And Faber Ltd.


    :study: -- Irving - Letzte Nacht in Twisted River

    :study: -- Tom Blass - Die Nordsee

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


    --------------

    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Tolle Rezension und ein offensichtlich spannendes und interessantes Buch. Danke, das ist gleich auf meiner Wunschliste gelandet. :)

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Margaret Atwood - Die Zeuginnen


  • Skurril, außergewöhnlich und nichts für Zwischendurch


    Dieses Buch ist weder etwas für jeden noch etwas für Zwischendurch. Der Klappentext faßt lediglich die Rahmenhandlung zusammen, bereitet den Leser aber nicht auf den Schreibstil der Autorin vor, denn der hat es in sich.

    In einer namenlosen Stadt agieren Personen ohne Namen, die nach ihrem verwandtschaftlichen Verhältnis zur Protagonistin oder ihrem Beruf benannt werden. Es herrscht ein gewalttätiger Konflikt vor, der sich nach und nach als Nordirland-Konflikt herauskristallisiert. Die 18jährige Ich-Erzählerin beschreibt ihr Umfeld, das durch diesen Konflikt geprägt ist.
    Die Autorin bedient sich dabei diverser sprachlicher Stilmittel, wie der reihenweise Aufzählungen und Verwendung von Synonymen und langer, verschachtelter Sätze. Sprünge in der Handlung entsprechen den Gedankensprüngen der Ich-Erzählerin. Der Gedankenfluss bringt die Handlung nur langsam voran, unterfüttert sie aber laufend mit neuen Details. Die Autorin spickt den Text mit schwarzem Humor, Übertreibungen und Vergleichen, die wirklich originell und unterhaltsam sind.

    Letztlich dient der Nordirland-Konflikt hier auch als Beispiel für alle Arten von derartigen Konflikten, von Unterdrückung (von Frauen und Andersdenkenden) und Gewaltspiralen.

    Das Buch ist ohne Frage anstrengend und braucht Zeit. Wer sich aber die Zeit nimmt und sich auf die Sprache einläßt, wird auf echte Sprachkunst stoßen. Hut ab vor der Übersetzungsleistung.
    Die Meinungen zum Buch werden auseinander gehen. Ich vergebe vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle, die etwas Anspruchsvolles suchen und gerne mal ihre Komfortlesezone verlassen möchten.
    Mein Tipp: Ein paar Seiten im Buch lesen und dann entscheiden.

  • Die achtzehnjährige Frau zieht die Aufmerksamkeit eines mächtigen und wesentlich älteren Mannes auf sich, dem Milchmann. Sie will diese Aufmerksamkeit nicht und schon gar nicht möchte sie, dass andere Interesse an ihr zeigen. Sie behält das alles für sich. Doch schon bald brodelt in der Namenlosen Stadt die Gerüchteküche. Sie ist ungewollt interessant, genau das, was sie vermeiden wollte, denn es ist gefährlich.


    Das Buch hat ein anziehendes Cover. Ich hatte meine Probleme in die Geschichte hineinzufinden, denn die Personen haben keine Namen, die Stadt, in der sie leben, auch nicht. Alles wird umschrieben, was es schwer macht, dem Verlauf zu folgen. Erzählt wird aus der Sicht der jungen Frau, die keine Aufmerksamkeit haben will. Erzählt wird das Ganze etwas langatmig und wiederholend. Auch das trug dazu bei, dass ich nicht wirklich bei der Stange gehalten wurde. Darüber hinaus gibt es eine düstere und bedrohliche Atmosphäre, die ständig zu spüren ist.


    Ich habe mich gefragt, warum mir die Personen so fremd blieben, und glaube, dass es daran liegt, weil alle namenlos sind. Das baut schon Distanz auf. Aber auch das Verhalten der Personen sorgte nicht dafür, dass ich an irgendjemanden näher rankam.


    Das Buch hat Auszeichnungen erhalten, was mich veranlasst hat, dieses Buch zu lesen. Es geht um den Nord-Irland-Konflikt. Gut, dass ich ein wenig darüber wusste. Doch mich konnte „Milchmann“ nicht packen. Zu mühevoll war für mich das Lesen und zu wenig fesselnd war die Geschichte.


    Dieses Buch war tiefgründig, anspruchsvoll, sprachlich schwierig, daher keine leichte Lektüre. Mich hat es aber nicht gepackt.