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Ulla Lenze – Der Empfänger

Der Empfänger

4 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Verlag: Klett-Cotta

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 302

ISBN: 9783608964639

Termin: Neuerscheinung Februar 2020

  • Klappentext/Verlagstext

    Ulla Lenze legt einen wirkmächtigen Roman über die Deutschen in Amerika während des Zweiten Weltkriegs vor. Die Geschichte über das Leben des rheinländischen Auswanderers Josef Klein, der in New York ins Visier der Weltmächte gerät, leuchtet die Spionagetätigkeiten des Naziregimes in den USA aus und erzählt von politischer Verstrickung fernab der Heimat.

    Vor dem Kriegseintritt der Amerikaner brodelt es in den Straßen New Yorks. Antisemitische und rassistische Gruppierungen eifern um die Sympathie der Massen, deutsche Nationalisten feiern Hitler als den Mann der Stunde. Der deutsche Auswanderer Josef Klein lebt davon relativ unberührt; seine Welt sind die multikulturellen Straßen Harlems und seine große Leidenschaft das Amateurfunken. So lernt er auch Lauren, eine junge Aktivistin, kennen, die eine große Sympathie für den stillen Deutschen hegt. Doch Josefs technische Fähigkeiten im Funkerbereich erregen die Aufmerksamkeit einflussreicher Männer, und noch ehe er das Geschehen richtig deuten kann, ist Josef bereits ein kleines Rädchen im Getriebe des Spionagenetzwerks der deutschen Abwehr. Josefs verhängnisvoller Weg führt ihn später zur Familie seines Bruders nach Neuss, die den Aufstieg und Fall der Nationalsozialisten aus der Innenperspektive erfahren hat, und letztendlich nach Südamerika, wo ihn Jahre später eine Postsendung aus Neuss erreicht. Deren Inhalt: eine Sternreportage über den Einsatz des deutschen Geheimdienstes in Amerika.


    Die Autorin

    Ulla Lenze, 1973 in Mönchengladbach geboren, studierte Schulmusik und Philosophie in Köln. Ihre Romane wurden vielfach ausgezeichnet (u.a. mit dem Jürgen Ponto-Preis und beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Ernst-Willner-Preis). Für ihr Gesamtwerk erhielt sie den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft 2016. Ulla Lenze lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.


    Inhalt

    Als Josef Klein 1949 aus amerikanischer Haft nach Deutschland abgeschoben wird, besitzt er nur was er auf dem Körper trägt und hat keine Papiere. In Neuss kann er bei seinem Bruder und dessen Familie unterschlüpfen. Carl Klein dringt darauf, dass Josef sich beim Einwohnermeldeamt registriert; denn Lebensmittel werden im besetzten Deutschland noch mit Lebensmittelmarken zugeteilt. „Joe“ Klein kann nicht übersehen, dass seine Gastgeber hauptsächlich von dem leben, was sie im Garten anbauen und Edith auffallend dünn ist. Ohne Papiere, ohne Arbeit und in den geliehenen Kleidungsstücken seines Bruders wirkt Josef im wahrsten Sinn wie eine „displaced person“. Unterschwellig scheinen die Brüder sich gegenseitig vorzuwerfen, dass der jeweils Andere es während des Krieges leichter hatte und sich mit Kritik besser zurückhalten sollte. Das Beharren, jeder hätte auf der Seite der Guten gestanden, scheint der falsche Weg zu sein. Auch Edith, die als Emissärin zu vermitteln versucht, hat gegen den tiefsitzenden Groll keine Chance.


    Eine Rahmenhandlung deutet an, dass Josef in den 50ern nicht mehr in Deutschland lebt. In Rückblenden entfaltet Ulla Lenze auf zwei Zeitebenen die Geschichte der Brüder Klein, die vor 25 Jahren gemeinsam in die USA auswandern wollten. Ein Unfall beendet Carls Traum von der neuen Welt, bewahrt ihn jedoch in Deutschland auch vor dem Kriegsdienst. Josef schafft es allein auf dem Zwischendeck nach New York; er findet mit dem irischstämmigen Arthur einen Arbeitgeber und Mentor. In Arthurs Druckerei wurden Kunden bisher ohne Ansehen ihrer politischen Position beliefert, das ändert sich jedoch, als der Kriegseintritt der USA unmittelbar bevorsteht. Als Amateurfunker hat Josef Lauren kennengelernt, die unbedingt aus der Provinz nach New York will, um zu studieren. Im Kontakt mit Lauren wird deutlich, dass Joe selbst in der deutschen Community noch längst nicht alle Codes der Neuen Welt lesen gelernt hat. Als ein lukrativer Auftrag für einen erfahrenen Funker winkt, fällt Josef eine verhängnisvolle Entscheidung.


    „Der Empfänger“ wirkt zunächst wie ein Konflikt zweier Brüder, die im Zweiten Weltkrieg auf gegnerischen Seiten standen und ihre Entfremdung nur schwer überwinden können. Josef kann Carl einfach nicht gestehen, warum er in den USA zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde – und Carl kann seinem Bruder deshalb nicht trauen.


    Fazit

    Anfangs schien mir der Plot mit seinen Schauplätzen in mehreren Ländern und mit mehreren Zeitebenen zu verschachtelt. Erst Josefs (verfahrene) Geschichte mit allen Details rechtfertigte schließlich diese Struktur. Stilistisch hat mich der Roman von Beginn an gepackt, der sich an die Biografie von Lenzes Großonkel anlehnt. Der Roman-Josef wirkt auf mich in aller Zerrissenheit höchst glaubwürdig, auch die Innensicht anderer Figuren vermittelt mir, was diese Personen ausmacht. Und schließlich kann Ulla Lenze - häufig in Nebensätzen - ganze atmosphärische Geschichten erzählen – aus Nachkriegsdeutschland, aus Costa Rica und aus einem oberen Stockwerk in Black Harlem, an dem die Bahn vorbeidröhnt.


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    :study: -- Powers - Der Klang der Zeit

    :study: -- Ashley - Sommer in Porthmellow

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


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    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Der unfreiwillige Spion

    Die Brüder Josef und Carl Klein haben die Absicht, zusammen in die USA auszuwandern. Durch einen Unfall verliert Carl ein Auge, der Traum vom Auswandern ist für ihn geplatzt, denn Versehrte haben zu der damaligen Zeit keine Chancen, ein Einwanderungsvisum zu bekommen.

    Josef, oder Joe, wie er sich mittlerweile nennt, schlägt sich zunächst mehr schlecht als recht in den USA durch, doch dann bekommt er einen Job in einer Druckerei und kann sich eine kleine Wohnung in Harlem leisten.

    Es ist das Jahr 1939. Hitlers Nationalsozialisten werden in Deutschland immer stärker und auch unter den deutschen Emigranten in New York gibt es begeisterte Anhänger. Joe zählt nicht dazu, trotzdem geht er zu entsprechenden Versammlungen, da der Organisator ein Kunde der Druckerei ist. Joe ist Hobbyfunker. Eines Tages bekommt er das Angebot, gegen gute Bezahlung verschlüsselte Nachrichten zu funken, angeblich ist der Empfänger ein deutsches Unternehmen. Dass an der Sache etwas faul ist, wird Joe schnell klar, und am liebsten würde er aussteigen, doch so einfach ist das nicht...

    Das Buch ist in drei Zeitstränge unterteilt. Die zweite Zeitebene spielt 1949 in Neuss. Der Krieg ist vorbei, Joe war mittlerweile in New York interniert und ist jetzt bei seinem Bruder Carl und dessen Familie. Obwohl alle ihm versichern, dass er so lange bleiben kann, wie er will, fühlt er sich nicht wohl und möchte so schnell wie möglich Deutschland wieder verlassen. Kontakte aus seiner Zeit in den USA raten ihm, nach Südamerika auszureisen.

    Dort spielt auch die dritte Handlungsebene, nämlich in Costa Rica 1953, wohin es „Don José“ inzwischen verschlagen hat.

    „Der Empfänger“ ist ein sehr interessantes Buch, das den Nationalsozialismus mal aus einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Ich hatte mir noch nie darüber Gedanken gemacht, dass es auch im Ausland Deutsche gab, die Hitler unterstützten.

    Joe Klein ist eine tragische Figur, die eigentlich nirgendwo zuhause ist. Das Ende lässt offen, wo er den Rest seines Lebens verbringen wird.

    Ich habe dieses Buch gern gelesen, allerdings blieben mir die Personen, allen voran Joes Freundin Lauren, aber auch Joe selbst, fremd. Möglicherweise ist dies zum Teil auch dem nüchternen Schreibstil mit vielen verkürzten Sätzen geschuldet.:bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Die Brüder Josef und Carl Klein wollen nach Amerika auswandern. Doch ein Unfall verhindert, dass Carl ein Einwanderungsvisum bekommen kann. Also kommt Josef alleine nach Amerika, nennt sie Joe und schlägt sich irgendwie durch. Er ist Hobbyfunker und interessiert sich für Technisches. Dann findet er Arbeit in einer Druckerei. Er gerät an die falschen Leute und findet sich plötzlich in einem Spionagenetzwerk wieder. Als er die Sache beenden möchte, ist es schon zu spät. Dann wird er verhaftet und landet im Gefängnis. Er erhält eine Nachricht aus der Heimat, nachdem der Stern in einer Reportage über die Spionagetätigkeiten in Amerika berichtet hat, in dem auch Joe erwähnt wird. 1949 kommt er zurück und lebt bei seinem Bruder in Neuss. Da er sich nicht willkommen fühlt, zieht es ihn dann nach Südamerika.

    Die Autorin hat die Geschichte ihres Großonkels als Grundlage für ihren Roman genommen. Der Schreibstil ist gut zu lesen. Die Zeiten wechseln immer wieder, aber die Kapitelüberschriften geben an, wo und wann die Handlung gerade spielt.

    Josef Klein ist ein getriebener Mensch, der nirgendwo richtig ankommt und heimisch wird. Auch Amerika ist nicht das gelobte Land, das er sich erträumt hat. Auch bei seinem Bruder in Neuss kommt er nicht wirklich an. Daher zieht es ihn dann Nach Südamerika. Ich finde, dass er eine tragische Figur ist. Ich wurde die ganze Zeit nicht wirklich warm mit ihm.

    Das Buch zeigt noch einmal einen anderes Aspekt, als die Bücher, die ich bisher über jene Zeit gelesen habe. Es gab einiges, dass mir so nicht bekannt war.

    Ein interessanter Roman, der mich aber nicht hundertprozentig überzeugen konnte.

  • interessante Kriegsgeschichte


    Josef Klein lebt in New York und hätte sich selber als unpolitisch einkategorisiert. Das ändert sich aber, als Hitler an die Macht in Deutschland kommt. Sein Hobby das Funken hilft dann dazu bei, dass er im Bereich Spionage immer tiefer mit hineingezogen wird in das Spionagenetzwerk der Nazis.



    Das Buch ist in 3 Zeitstränge unterteilt - diese Kategorisierung ist gut passend. In diesem Buch erhält man die Möglichkeit als Leser, den Nationalsozialismus aus einer anderen Perspektive kennen zu lernen und zu betrachten. Ich persönlich finde es wichtig, dass nach wie vor Bücher mit diesen Themen veröffentlicht werden, um auch die neuen Generationen zu informieren.



    Ich habe das Buch gerne gelesen und fand es sehr interessant. Jedoch sind mir persönlich die Personen das ganze Buch hindurch sehr fremd gewesen und auch das Ende lässt leider sehr viel offen - ich persönlich bevorzuge abgeschlossene Bücher.

  • Geschichte aus einem anderen Blickpunkt

    Ein vielschichtiger Roman der eine recht turbulente Zeit des 20 Jahrhunderts zum Thema hat. Auf drei Zeitebenen spielend und auf drei Kontinenten, beginnt und endet der Roman in Costa Rica 1953. Dies ist die Rahmenhandlung und die erste Zeitebene.


    Die Haupterzählung spielt in den USA, genauer in New York. Nach dem ersten Weltkrieg, der Vater ist gleich zu Beginn des Krieges gefallen, beschließen zwei Brüder aus Deutschland nach Amerika auszuwandern. Doch der jüngere verliert durch einen Unfall ein Auge, er kann nicht mehr nach Amerika, auf Ellis Island würde er sofort ausgemustert werden. So bleibt er in Deutschland, heiratet, hat zwei Kinder. Joseph, nun Joe, der nach Amerika ausgewanderte Bruder, schlägt sich durch, arbeitet zuletzt in einer Druckerei und in seiner freien Zeit ist er als Amateurfunker in Verbindung mit der ganzen Welt. So lernt er Lauren kennen, eine junge Amerikanerin, die auch in New York lebt, so wie er. Doch es kommen schwere Zeiten. Nach der großen Wirtschaftsdepression geht es zwar aufwärts, aber langsam. Und immer mehr dringt das Politikum in das Leben aller Menschen, in Deutschland wie in den USA. Die Deutschen, die ausgewandert sind, spalten sich in zwei große Parteien: einerseits die vor Nazideutschland geflüchteten, Juden, Liberale, Intellektuelle. Andererseits die Deutschen rechter Gesinnung, die auch in Amerika der gleichen Propaganda frönen, wie auch in der alten Heimat. Sie versuchen Stimmung für Hitler zu machen, treten diversen Volksgruppen bei, sind fest überzeugt, Hitler allein könne Amerika retten, spionieren für das Hitlerregime. Joe lebt still, zurückgezogen, fühlt sich von dem groben Hurrapatriotismus seiner Landsleute abgestoßen. Doch durch sein Hobby ist er den Nazi-Agenten aufgefallen und ohne seinen Willen in deren Machenschaften verwickelt. Er muss geheime Botschaften nach Deutschland funken. Joe versucht auszusteigen, er will da nicht mitmachen, aber er wird brutal zusammengeschlagen. Letztendlich wendet er sich an das FBI, aber die helfen ihm auch nicht, sie wollen ihn als Doppelagenten benutzen. Erst als Joe Klein einen Autounfall provoziert, wird er von beiden Seiten in Ruhe gelassen und einige Monate danach endlich verhaftet. Er bleibt interniert bis 1949, als er nach Deutschland abgeschoben wird. Einige Monate lebt er bei seinem Bruder Carl, kann aber nicht heimisch werden weder in der Enge der zerbombten deutschen Städte, noch in der kleinbürgerlichen Atmosphäre in der Carl lebt und in der er auch seine Frau Edith und seine beiden Kinder zu leben zwingt. Die zwei Brüder finden weder den richtigen Umgangston miteinander noch auf seelischer Ebene zueinander. Joe wandert nach Südamerika aus. Als er merkt, dass er wieder von den alten Naziseilschaften umgarnt wird, wie einst in New York, gelingt es ihm endlich einen klaren Trennstrich zu ziehen, Nein zu sagen und sich nicht mehr in dunkle Machenschaften der Altnazis einwickeln zu lassen.


    Während Costa Rica und 1953 dem Roman einen Rahmen geben, sind die beiden anderen Zeit- und Handlungsebenen miteinander verwoben, sie wechseln sich ab, ergeben zusammen eine interessante bunte Patchworkdecke. Einerseits Joes Leben in New York, sein Versuch sich von den ausgewanderten Deutschen fern zu halten, die Art wie er von Agenten der Reichsabwehr gezwungen wird zu kooperieren, seine Liebe zu Lauren, die ihm letztendlich zuvorkommt und ihn beim FBI anzeigt, seie Tätigkeit als Doppelagent, seine Zeit im Gefängnis, all dies wird in Rückblenden erzählt während er 1949 bei seinem Bruder lebt, versucht seiner Schwägerin Edith und den Kindern zu helfen, weil Carl, genau wie weiland der Vater zu Gewaltausbrüchen neigt.


    Für Carl spricht, dass er sich während der Nazizeit geweigert hat ein arisiertes Haus zu kaufen und es vorgezogen hat ein altes, renovierungsbedürftiges Haus zum „normalen“ Preis zu kaufen und auch sonst sich nicht politisch betätigt hat. Im Gegensatz dazu Joe. Er hat auch versucht apolitisch zu leben, es ist ihm aber nicht gelungen und so musste er geheime Nachrichten nach Deutschland funken. Nur durch seine Verhaftung konnte er sich sowohl der deutschen Abwehr als auch dem FBI entziehen. War er tapfer? War er feige? Spielt keine Rolle. Joe Klein ist ein ganz normaler Mensch, weder ein Held noch ein Hasenfuß. Er will einfach nur so leben, wie es ihm gefällt, ohne anderen zu schaden oder zu verletzen. Er ist aber beileibe kein Herr Biedermann. Der bekanntlich die Brandstifter selbst in sein Haus lies. Joe versucht sich zu wehren, versucht auszusteigen, zu kündigen. Erst viele Jahre später wird ihm dies gelingen, in Costa Rica.


    Der Schreibstil ist eher nüchtern, dadurch Joes Lebensgeschichte glaubwürdig machend. So klar und präzise der Stil ist, so überraschen ab und zu Sprachbilder von eigenartiger Schönheit: die Nacht senkt sich über Harlem wie ein Schleier der die Farben stetig löscht (S. 151), Nadelbäume die vor dem Nachtblauen Himmel Fächer bilden, „filigrane, asiatisch wirkende Bäume“ (S. 213), das Meer wie „Wasserteppiche die sich übereinander schoben“ (S. 219). Während der Überfahrt Richtung Buenos Aires bestaunt Joe den „Sauberen Nachthimmel“ (s.230)


    Ein gutes, schön und spannend geschriebenes Buch mit einem interessanten Thema und literarisch auf hohem Niveau gehalten.