Walter Vogt - Der Wiesbadener Kongr​eß

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  • Autor: Walter Vogt
    Titel: Der Wiesbadener Kongreß, erschien erstmals 1972
    Seiten: 254 Seiten in 3 Abschnitten
    Verlag: Volk und Welt
    ISBN: B002GNWT8U


    Der Autor:
    Walter Vogt, 1927 in Zürich geboren und 1988 in Muri bei Bern verstorben, war ein Schweizer Schriftsteller und Psychiater. Beruflich war er zunächst als Röntgenarzt in einem Berner Krankenhaus tätig, bildete sich später als Psychiater fort und hatte eine eigene Praxis in Muri bei Bern. 1961 erzielte er mit seinem Debutroman «Wüthrich», einer Satire auf das Gesundheitswesen, einen Skandalerfolg.
    Er erhielt diverse Schweizer Literaturpreise, war Mitglied im Deutschschweizer PEN-Zentrum, aktiv bei «Ärzte gegen den Atomkrieg» und Sprecher der Aidshilfe Bern.


    Inhalt und Meinung:
    Oje! Die Klinik von Prof. Nagel hat einen Forschungsauftrag «gewonnen» und erhält nun entsprechende Gelder… Dabei schien es doch Routine: irgendein Doktor füllt ein Formular aus, inspiriert durch einen Artikel aus der Apothekerzeitung, sein Vorgesetzter reicht das Ding bei einer Behörde ein, wobei er rasch noch eine Null hinter den benötigten Betrag setzt, um dem Ganzen mehr Wichtigkeit und Größe zu verleihen. Und nun, man weiß nicht wie, ist die Klinik plötzlich Teil inmitten von Wissenschaft und Forschung. Hektisch muss nun ein Projektteam zusammengestellt werden, Mitarbeiter werden informiert, viele rollen bereits mit den Augen in Anbetracht des anstehenden Stresses… Inhalt des Forschungsprojektes ist eigentlich egal. Es geht um die Ärmsten der Armen, um die langjährig internierten Patienten. Da kann so ein Forschungsprojekt schon mal länger dauern. Also Ausbau der Einrichtung? Aber nein, der Wiesbadener Kongress steht vor der Tür, eine prima Gelegenheit für den Klinikleiter Prof. Nagel seinen 60. Geburtstag mit einem bahnbrechenden Vortrag zu begehen. Aber sein Personal sägt an seinem Stuhl. Viele möchten lieber ihren eigenen Namen zuvorderst in der Autorenschaft sehen. Besser man beschäftigt einen Forscher im Team mit XY oder Z beginnend…
    Und so strotzt die Geschichte vor Spott, Witz und Sarkasmus. Überall arbeitsscheue Mediziner, Forscher und Wissenschaftler, die ausschließlich ihre eigenen Interessen vorantreiben, nämlich akademischen Ruhm oder Karriere im Betrieb. Der Autor lässt hier sicherlich seinen Frust ab, aber kann vermutlich auch mit Erfahrungen aus dem Gesundheitswesen und dem Forschungsbetrieb aufwarten. Es ist eine undurchschaubare Maschinerie, die mehr dem Selbstzweck dient und in der man versucht sich durch Ducken, Decken und Treten Vorteile zu verschaffen.
    Die Kritik am Ganzen ist aber so dick wie Butter aufgetragen. Die ersten 50 Seiten ätzender Sarkasmus waren ja noch lustig, aber irgendwann hatte ich vom Erzählstil genug. Über 200 Seiten lang wird auf die Protagonisten und dem System eingedroschen, Überraschungen gibt es eher wenige. Es geschehen ein paar unvorhergesehene Dinge, aber die werden so lakonisch und nebensächlich abgehandelt, dass eigentlich gar keine Spannung aufkommen kann.
    Von daher kann ich das Buch hauptsächlich frustrierten Wissenschaftlern empfehlen, bzw Krankenhausmitarbeitern, die innerlich schon gekündigt haben. Sicherlich wird man viele Dinge auch heute noch wiedererkennen, aber mich hat der hoffnungslose, böse Witz irgendwann gelangweilt. Trotzdem, schlecht war es nicht, die erste Hälfte fand ich noch interessant, aber ich hätte auch mittendrin aufhören können, und hätte nichts Weiteres verpasst…

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