Louise Erdrich - Spuren / Tracks

  • Verlagstext:


    Argus, North Dakota zwischen 1912 und 1924. Die Pillagers, Kashpaws, Lazarres, Nachkommen der Chippewa-Indianer, versuchen zu verteidigen, was ihnen an Land noch geblieben ist. Zu lange haben sie zugeschaut, wie die Regierung ihnen den Boden schrittweise unter den Füßen weggezogen hat. Was übrig bleibt sind Spielsucht, Alkohol, Heimatlosigkeit und Tod. „Unser Sterben begann vor dem Schneefall, und wie der Schnee fielen wir immer weiter. Es war erstaunlich, dass noch so viele übrig waren zum Sterben.“ Eine, die es überlebt hat, ist die schöne, zaubermächtige Fleur Pillager, von den Männern geliebt, von den Frauen eifersüchtig verfolgt. Ob ihre Kräfte reichen, um den Wald, Ort der Lebenden und der Toten, vor der Rodung zu bewahren?

    (Quelle: amazon.de)



    Meine Meinung:


    Mich hat es nach dem sehr schönen Roman "Die Wunder von Little No Horse" mit Gewalt zum nächsten Buch von Louise Erdrich gezogen, das in diesem Kontext spielt und das ich mir direkt nach der Lektüre der "Wunder von Little No Horse" gekauft hatte: "Spuren".


    Von der ersten Seite an wurde ich buchstäblich in die Geschichte hineingesaugt. Und ebenfalls auf der ersten Seite durfte ich meinem geliebten Father Damien wieder begegnen! Wenn auch leider in traurigen Zusammenhängen. Er nimmt in diesem Roman nur eine Nebenrolle ein; der Schwerpunkt liegt auf anderen, aus den "Wundern von Little No Horse" größtenteils bereits bekannten Figuren.


    Aufgrund des Klappentextes war schon klar, dass dieses Buch sich im gleichen Setting bewegen würde. Aber dass die beiden Romane jetzt wie zwei Zahnrädchen ineinandergreifen, verblüffte mich schon. Sie sind vielleicht sogar fast wie eine Münze, wobei ich nicht festlegen möchte, welches Buch die Vorder- und welches die Rückseite darstellen mag. Genau das, was in den "Wundern von Little No Horse" offen bleibt, z.B. wie Fleur Pillager in Nanapushs Hütte gelangt war, wo Father Damien beide halb tot aufstöberte und rettete; warum die beiden sich dermaßen verloren hatten (es wird in den "Wundern von Little No Horse" nur angedeutet, aber nicht weiter ausgeführt); von wem Fleurs Kind war; wie Pauline Puyat in der Stadt und bei den Nonnen landete... Und wieder dieser schwarze Hund!


    Man bekommt also Teile des Geschehens aus den "Wundern von Little No Horse" aus den Perspektiven von anderen beteiligten Figuren erzählt (oder umgekehrt!) - und damit ergeben sich Überschneidungen, neue Aspekte, und viele Figuren, die bereits aus dem anderen Roman ein Gesicht und einen Charakter haben, offenbaren noch einmal ganz andere Wesenszüge, werden tiefer und farbiger. Das hat mir alles ausgesprochen gut gefallen.


    Nur bleibt Louise Erdrich ihrem eigenen verworrenen Figuren-Stammbaum aus den "Wundern von Little No Horse" leider nicht treu (bzw. hat die Verhältnisse nach dem früher verfassten Roman "Spuren" noch einmal neu sortiert). Oder ich bin vielleicht nicht in der Lage, den Stammbaum korrekt zu lesen und die Figuren richtig zuzuordnen? Pauline Puyat II. stammt hier plötzlich nicht mehr von einem namenlosen polnischen Aristokraten ab, sondern es gibt einen anderen Vater sowie vorher nie erwähnte Tanten, Geschwister... Das hat mich streckenweise sehr verwirrt. Aber irgendwann konnte ich das loslassen und mich damit abfinden, dass Erdrich halt einer Romanfigur in ihren Werken zwei unterschiedliche Lebensgeschichten verpasst hat - und beide wären möglich gewesen, beide ergeben in ihrem Kontext Sinn. Vielleicht wäre es geschickter oder zumindest leserInnenfreundlicher gewesen, wenn die Autorin aus ihren Ideen dann auch zwei verschiedene Figuren gebastelt hätte, aber so wichtig fand ich es in diesem Zusammenhang dann auch nicht.


    Ebenso wie "Die Wunder von Little No Horse" hat mich dieser Roman mit seinen historischen Bezügen, der Tiefe und Vielschichtigkeit der Figuren, mit den menschlichen Schicksalen, den ihnen zugrundeliegenden Ungerechtigkeiten und Gewalterfahrungen sowie den immer wieder eingewobenen Elementen der indianischen Religion stark fasziniert und bewegt. Er ist mein Dezember-Monatshighlight und ich freue mich schon jetzt auf mein nächstes Buch von Louise Erdrich, was wahrscheinlich "Die Rübenkönigin" sein wird.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    1. Spuren

      (Ø)

      Verlag: Suhrkamp Verlag


    Lg Sarange :cat:


    :study: Maryse Condé - Segu

    :study: Shulamit Lapid - Der tote Bräutigam (Reread)

    :musik: Isabel Abedi - Lola in geheimer Mission


  • Sarange

    Hat den Titel des Themas von „Louise Erdrich - Spuren / Track“ zu „Louise Erdrich - Spuren / Tracks“ geändert.