J. M. Coetzee - Warten auf die Barbaren / Waiting for the Barbarians

Warten auf die Barbaren

4.1 von 5 Sternen bei 8 Bewertungen

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 288

ISBN: 9783596155859

Termin: Dezember 2002

  • Autor: John Maxwell Coetzee
    Titel: Warten auf die Barbaren, aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
    Originaltitel: Waiting for the Barbarians, erschien erstmals 1980
    Seiten: 288 Seiten
    Verlag: Fischer Taschenbuch
    ISBN: 9783596155859


    Der Autor: (von der Verlagsseite)
    J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für ›Leben und Zeit des Michael K.‹ und 1999 für ›Schande‹. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen. Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.


    Inhalt:
    Ein loyaler, etwas amtsmüder Magistrat verwaltet die beschaulichen Aufgaben in einer Grenzstadt. Mit der Ruhe ist es rasch vorbei, als eine Art Geheimpolizei eintrifft, um Gerüchten nachzugehen, wonach die kriegerischen Barbaren einen Angriff auf das Reich planen. Plötzlich geht die Angst um, und erste Erkundungstruppen bringen auch schon Gefangene mit, die mit der richtigen Verhörmethode sicherlich barbarische Angriffspläne bestätigen werden. Der Magistrat ist angeekelt von der angewandten Gewalt, der Ignoranz gegenüber der kulturlosen Völker vor den Toren der Stadt und empfindet Mitleid mit den Gefangenen, die eher arme Fischer als bösartige Barbaren sind – und doch bleibt er zunächst passiv. Erst als die Truppen wieder abziehen, fühlt er sich verantwortlich und hilft einem zurück gelassenen Mädchen, pflegt es gesund und bringt es quer durch die Wüste, zurück zu den Barbaren. Bei seiner Rückkehr in die Garnisonsstadt wird sein Humanismus als Verrat gedeutet, und es zeigt sich, welche Zivilisation eigentlich barbarisch handelt...


    Meinung:
    Welch eine finstere Einsicht in die Natur des Menschen dieser spannende Roman bietet! Eine vielschichtige Erzählung, die mit gutem Grund in manchen Rezensionen als «kafkaesk» bezeichnet wird. Ein Erzähler führt durch die Handlung, die keine klaren Orts- und Personenangaben enthält. Die Atmosphäre ist bedrohlich, eine übermächtige Regierung, verkörpert durch den Oberst, ist unangreifbar, undurchschaubar und «steht über den Dingen», was zum Teil zu unmenschlichem Verhalten führt. Zudem ist auch der Erzähler selbst eine komplexe Person, ein Mensch, der gerne sein Verhalten reflektiert, aber doch trotz humanistischer Gedanken eher opportun handelt. Ein Held ist der Magistrat sicher nicht. Die Erzählung wirft außerdem eine Menge Fragen auf, ohne eindeutige Antworten zu geben. Eine Menge Leitmotive tauchen immer wieder auf, und ich fand es beispielsweise spannend zu lesen, wie sich die Lesart der «historischen Holzplättchen» der Barbaren zu «Geheimcodes» entwickeln. Unschuldige Dinge scheint es nach dem Einmarsch der Geheimpolizei nicht mehr zu geben, und das Verhalten der Bewohner entwickelt sich entsprechend der dauernden Bedrohung – sowohl durch die Geheimpolizei, als auch aus Furcht vor den gegnerischen Barbaren, die jederzeit Angreifen müssten... Und im letzten Drittel wendet sich das Verhalten wieder, nachdem der Konflikt sich anders entwickelt als geplant. Und auch dies gefiel mir außerordentlich: die Erzählung macht großartige Wendungen durch, ohne unglaubwürdig zu werden. Die komplexe Geschichte wird mit einfachen Worten erzählt, bietet verschiedene Deutungsmöglichkeiten, ohne aufdringlich zu sein oder den moralischen Zeigefinger strecken zu wollen. Für mich sicherlich eines der besten Bücher, die ich in diesem Jahr las.

  • Ich las nun dieses Buch auf Englisch. Hier und da mußte ich mich doch fragen, ob ich es recht verstand, oder der Komplexität der Person folgen konnte:

    Zudem ist auch der Erzähler selbst eine komplexe Person, ein Mensch, der gerne sein Verhalten reflektiert, aber doch trotz humanistischer Gedanken eher opportun handelt.

    Ja! Und ich denke dabei vor allem an die Dimension des Umgangs des Magistrats mit den Frauen, bzw Mädchen, die unter verschiedenen Umständen in der Stadt gelandet sind. "Nützt" er nicht ihre Lage aus, bzw seine eigene Position als Magistrat? Das wirft Fragenn auf, und in den stärksten Stellen des Romans erscheint er zwar niemals selber als Folterer, aber dennoch muss er sich der Frage stellen, ob er nicht seine Stellung ausnutzt, und Mißbrauch betreibt. So gibt es eine ganz subtile Form der Abhängigkeit, die auch der scheinbar "gerechtere" Mann betreibt. Und die doch scheinbar umsorgte junge Frau des ersten Drittels "is as much a prisoner as ever before".


    Lesenswert! Wer sind also wirklich die Barbaren? Ich las dieses Buch auch auf dem Hintergrund, erst neulich nochmals mit der Existenz des deutschen Totalitarismus', des Faschismus' konfrontiert gewesen zu sein: wie definiere ich "Feinde"? Zu was werde ich selber dabei?

  • "Nützt" er nicht ihre Lage aus, bzw seine eigene Position als Magistrat? Das wirft Fragenn auf, und in den stärksten Stellen des Romans erscheint er zwar niemals selber als Folterer, aber dennoch muss er sich der Frage stellen, ob er nicht seine Stellung ausnutzt, und Mißbrauch betreibt.

    Gerade das gefiel mir auch so gut an dem Buch. Selbst der Erzähler ist kein guter, freundlicher, über den Dingen stehender Magistrat. Er lässt Dinge geschehen, weiß um Folter, lässt aber alles zu. Und sicherlich missbraucht er auch seine Stellung zu eigenem Vorteil. Und auch seine Sorge um die junge Frau ist nicht ohne Eigennutz, da kann er vordergründig Mitleid und Busse proklamieren, aber er nutzt sie auch für eigene Bedürfnisse aus - und die Dame selbst hat ohnehin keine anderen Möglichkeiten in der Stadt als beim Magistrat zu bleiben, nicht unbedingt aus Liebe...

    Ich finde, es ist ein ehrliches, vielschichtiges und beklemmendes Werk. Zuletzt hat mich wohl Orhan Pamuks "Schnee" von der Komplexität her so sehr begeistert!