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Bernhard Stäber - Raubtierstadt

Raubtierstadt

5 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

Verlag: Acabus Verlag

Bindung: Broschiert

Seitenzahl: 372

ISBN: 9783862826506

Termin: Oktober 2019

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  • Klappentext

    Sara Elin Persen aus dem indigenen Volk der Samen kommt vom Polarkreis nach Oslo, um mehr über den Tod ihres Bruders herauszufinden. Sie glaubt nicht, dass der Umweltaktivist bei einer zufälligen Kneipenschlägerei erstochen wurde.

    Sara kommt in einer Künstler-WG im Bezirk Grünerløkka unter. Als einer ihrer Mitbewohner bei einem Einbruch getötet wird, gerät die junge Samin ins Visier eines Mannes, der vor nichts zurückschreckt, um ein antikes Wikinger-Artefakt in seinen Besitz zu bringen. Abgeschnitten von ihrer Familie in der Arktis und heimgesucht von den Erinnerungen an ihren toten Bruder bleibt Sara nur eines, um in Oslos Großstadtdschungel zu bestehen: Sie wird selbst zum Raubtier und jagt ihre Verfolger.

    Der Autor

    Bernhard Stäber wurde 1967 in München geboren, studierte in Berlin Sozialarbeit und arbeitete im sozialpsychiatrischen Bereich sowie in der Kinder-und Jugendhilfe. Seit 2012 lebt er als hauptberuflicher Autor, Lektor und Übersetzer in Norwegen. Er verfasste Artikel und Essays zu mythologischen Themen für verschiedene Zeitschriften. Unter dem Pseudonym „Robin Gates“ veröffentlichte er mehrere Fantasyromane, darunter die mehrbändige „Runlandsaga“. Sein Roman „Feuermuse“ wurde für den deutschen Fantasypreis „Seraph“ nominiert. Unter seinem Klarnamen Bernhard Stäber erscheinen seit 2014 seine Norwegen-Thriller „Vaters unbekanntes Land“, „Kalt wie Nordlicht“ und „Kein guter Ort“.

    Meine Meinung

    Thriller sind nicht mein bevorzugtes Genre, doch es gibt gewisse Trigger-Wörter, die mich dazu veranlassen, hin und wieder doch einen Thriller zur Hand zu nehmen. Mit Mythologie und nordischen Kulturen kriegt man mich fast immer. Ob mir das Buch dann tatsächlich gefällt oder mir neue Informationen liefert, ist eine andere Frage. "Raubtierstadt" von Bernhard Stäber reizte mich, weil ich bislang über die Sami nicht mehr wusste, als dass sie im Norden Skandinaviens leben und Rentiere züchten. Außerdem war ein Tiger auf dem Titelbild, und das ich eine Schwäche für Katzen habe, dürfte bekannt sein.


    Als ich das Buch dann für eine Leserunde bei lovelybooks gewann, freute ich mich riesig, hatte aber auch ein klein wenig Angst, dass es meine Erwartungen nicht erfüllen würde. Dass es ein weiterer langweilige Thriller voller Actionszenen, Explosionen und superheldenartigen Protagonisten sein würde, die keinem Kampf aus dem Weg und aus jeder Auseinandersetzung siegreich hervor gehen. Was bin ich froh, dass sich diese Befürchtung nicht erfüllt hat.


    Nach dem Prolog war ich allerdings noch skeptisch, denn die Schilderung einer Wolfsjagd tat mir in der Seele weh, und auch Mr. Mithothin, der Jäger, war mir äußerst unsympathisch. Doch dann wechselte die Handlung und damit die Erzählperspektive zu Sara, und ab hier war ich so von der Geschichte gefesselt, dass es mir schwerfiel, die Leseabschnitte bei Lovelybooks einzuhalten. Und das nicht nur, weil die ersten beiden Abschnitte mit einem Cliffhanger endeten.


    Sara ist Synästhetikerin, d.h. sie nimmt Sinneseindrücke in Farben wahr. Bestimmte Farben können aber auch Erinnerungen auslösen und Sara aus dem hier und jetzt herauskatapultieren. Sara schildert ihre Eindrücke mit einer Intensität, die mir das Gefühl gab, direkt am Geschehen beteiligt zu sein. Ich litt mit ihr, ich freute mich mit ihr, ich hatte Angst und war neugierig, kurz: ich tauchte in die Handlung ein und kam nur wegen des vorsorglich am Ende eines Abschnitts eingefügten Lesezeichens zum Luft holen wieder heraus. Bei den letzten drei Abschnitte klappte das nicht mehr, die las ich in einem Rutsch durch, weil die Handlung so spannend war, dass ich nicht mehr aufhören konnte.


    Sara ist keine Superheldin, die Unrecht sühnt und die jeden Kampf gewinnt, im Gegenteil. Sie macht Fehler, sie traut sich vieles nicht zu, sie hat keine Erfahrung mit körperlichen Auseinandersetzungen, sie hat Angst und gerät in Panik. Sie denkt nach, lässt sich jedoch auch von ihren Gefühlen leiten. Sie ist eine Figur mit Ecken und Kanten, die realste Protagonistin, die mir bisher in einem Buch begegnet ist. Aber auch die anderen Figuren sind ganz normale Menschen. Da gibt es keine gestählten Körper, keine supergut aussehenden Typen oder Frauen mit der perfekten Modelfigur, kein Love Interest, bei dem das Hirn der Protagonistin aussetzt. Hier sind keine austauschbaren Stereotypen, sondern individuelle Persönlichkeiten mit nicht durchweg angenehmen Charaktereigenschaften, die gerade deshalb echt wirken und denen man abnimmt, dass sie sich in einer Situation so und nicht anders verhalten.


    Die ganze Geschichte wird trotz Rückblenden und ausführlicher Erklärungen straff erzählt. Da ist kein Wort zu viel, alles fügt sich logisch ineinander, und auch Saras Suche nach dem Mörder ihres Bruders, die im Verlauf der anderen Ereignisse ins Hintertreffen geraten war, findet zu einer stimmigen Auflösung. Wegen mir hätte es zwar mehr Mythologie und kultureller Hintergrund sein können, aber ich glaube, das hätte den Rahmen gesprengt. Besonders gefiel mir, dass Saras samische Herkunft und auch die Lektionen über die "alte" Lebensweise, die sie von ihrem Bruder gelernt hat, immer wieder eine Rolle spielen, die Sami aber nicht zu einem mystischen Volk verklärt werden und dass Saras Synästhesie keine schamanistische Superkraft ist, mit der sie ihre Feinde in einem epischen Endkampf besiegt. Ja, es kommt zu einem Showdown, aber der verlief gänzlich anders, als ich es in einem Thriller erwartet hatte. Mehr möchte ich über die Handlung nicht verraten.


    Fazit

    "Raubtierstadt" ist für mich nicht nur die Überraschung des Jahres, sondern zählt auch deutlich zu meinen Jahreshighlights. Ich habe bisher kaum ein Buch gelesen, das Gefühle, Sinneseindrücke und Verhaltensweisen so exakt und eindringlich wiedergibt, wie hier. Dadurch habe ich die Handlung auf eine ganz neue Weise erlebt. Von mir gibt es :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Verführung Volljähriger zum Bücherkauf sollte nicht unter 5 Jahren Stadtbibliotheksmitgliedschaft bestraft werden!

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