Anna Johannsen - Der Tote im Strandkorb

Der Tote im Strandkorb

3.8 von 5 Sternen bei 12 Bewertungen

Band 1 der

Verlag: Edition M

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 283

ISBN: 9781542047906

Termin: Oktober 2017

  • Kurzmeinung

    Bücherhuhn
    Sie reden und ermitteln, ermitteln und reden. Das mag realistisch sein, sehr spannend ist es nicht.
  • Vorweg: Dieses Buch habe ich mit 0.5 Sternen bewertet, weil es von vorne bis hinten eine Enttäuschung war. Hier meine Begründung für diese Bewertung:


    Am Strand auf der Nordseeinsel Amrum wird in einem Strandkorb eine Leiche entdeckt. Bei dem Toten handelt es sich um den Leiter eines Kinderheims. Da es Mord zu sein scheint, ruft man Kommissarin Lena Lorenzen auf den Plan. Die Heldin der Reihe stammt ursprünglich aus Amrum und kehrt nun, widerwillig, in ihre alte Heimat zurück. So weit, so Plot.


    Es folgt eine endlose Reihe an Befragungen. Person A wird befragt, Person B wird befragt, Person C wird befragt. Dann geht es zurück zu Person A, Person B. 90% der "Handlung" bestehen aus Dialogen und davon 90% aus diesen Befragungen. Sämtliche befragten Personen sind gleich patzig, dass es für mich keinen Unterschied gemacht hat mit wem Lena da nun spricht. Keiner der Verdächtigen hat irgendein Alleinstellungsmerkmal oder eine Besonderheit an sich, die sie interessant gemacht hätte. Die Figuren waren mir allesamt unsympathisch; da ich mit der Protagonistin auch nicht warm wurde, konnte ich mich mit keiner Figur identifizieren.


    Der weitere Cast besteht aus blassen Nebenfiguren. Da ist Lenas Sidekick, ein junger Polizist, dessen Charakter ich jetzt noch suche und dessen Namen ich tatsächlich schon vergessen habe. Er dient als Stichwortgeber, um Infodump loszuwerden.


    Es gibt zwei Loveinteressts, denn heutzutage brauch wohl jeder Krihmikomissar eine Liebschaft. Lena hatte mit einem Kollegen auf dm Festland einen One-Night-Stand. Er ist verheiratet und will mehr, Lena nicht. Ich denke, das soll Lena als unabhängige, starke Frau darstellen, weil sie sich nimmt, was sie will … oder so?!? Diese Hintergrundgeschichte gibt der Figur und dem Plot nichts; es macht Lena für mich nur unsympathischer.


    Sie trifft auf Amrum ihre alte Jugendliebe, Erk, mit der natürlich angebandelt werden muss. Warum Erk auf Lena steht erschließt sich mir nicht, tut mir Leid. Sie hat ihn damals wohl fallen gelassen und ihn tief verletzt, aber er springt sofort wieder auf sie an. Das hätte interessant sein können, wenn die Autorin in der Lage wäre Emotionen so zu schildern, dass ich als Leser mitfühlen kann. Ist sie aber nicht. Die „Liebesgeschichte“ kommt rüber, als müsse auf Biegen und Brechen eine rein.


    Der Stil ist kalt und protokollmäßig. Das liegt daran, dass der Hauptteil aus Befragungen besteht, die nach Schema F ablaufen und zweitens hat die Autorin noch nie etwas von show, don't tell, also zeige es, anstatt nur davon zu erzählen, gehört. Alles wird erzählt, nichts wird gezeigt. Selbst die Liebesszenen zwischen Erk und Lena lesen sich distanziert und kühl. Da helfen auch keine Sätze wie: „Sie küssten sich leidenschaftlich“, weil die Leidenschaft nicht gezeigt wird. Es wird davon erzählt, es bleibt eine reine Behauptung, ohne das ich als Leser davon etwas spüre.


    Mein mit Abstand größter Kritikpunkt: Amrum. Zeit meines Lebens mache ich Urlaub auf dieser Insel, ich begann diese Rezension zu schreiben, während ich auf der Insel war … und es ist nichts davon zu finden. Das Buch könnte überall spielen, weil hier weder etwas beschrieben, noch gezeigt wird. Die Autorin quetscht ein paar Ortsnamen dazwischen, das war’s. Ja, Lena sitzt mal im Strandkorb, aber dieser Korb könnte überall stehen. Dabei könnte man da so viel Atmosphäre reinbringen. Wie sie bei Norddorf den Durchgang zum Strand durchschreitet, neben sich die großen, weißen Wanderdünen. Der Wind, der ihr um die Ohren saust, der feine, weiße Kniepsand, der sie in die Waden zwickt. Der Strand auf Amrum ist teilweise bis zu 2 km breit! Bis man da ans Wasser gelaufen ist, vor allem bei Ebbe, dauert das eine gewisse Zeit. Hach,was man da alles hätte beschreiben können! Aber nichts! Nichts ist in dem Buch. Es steht Amrum drauf, aber es ist kein Amrum drin!


    Teilweise sind die Angaben schlichtweg falsch:


    Es wird ein zum Beispiel Bestatter befragt, obwohl es aus Amrum kein Bestattungsunternehmen gibt. Gut, das ist künstlerische Freiheit, das sehe ich noch ein.



    Aber :


    Zitat von Seite 62

    `Lena fuhr aus Nebel heraus in Richtung Süden an der Küste entlang. Nach knapp zwei Kilometern hielt sie vor einem eineinhalbstöckigen Klinkerbau, weiß angestrichen mit grünen Sprossenfenstern. Das Lokal stand in unmittelbarer Nähe zur Wattküste.`


    Du kannst nicht an der Küste entlang fahren. Die einzige Autostraße ist die Inselstraße und die verläuft nicht an der Küste entlang. An der "Küste" gibt es nur Fuß oder Radwege. Zu dem Lokal, es heißt übrigens „Likedeeler“, fährt man aus Nebel heraus, über die Inselstraße nach Süddorf und von da geht es nach links quer rüber nach Steenodde. Da ist nix mit "an der Küste entlang." War die Autorin jemals auf Amrum? Es gibt einen Weg an der Küste, der wird in google Maps sogar mit Straßennamen angezeigt, aber jeder, der wirklich mal dort war, sollte wissen, dass das ein kleiner Feldweg ist. Nur Fußgänger und Radfahrer erlaubt. Da darf man mit dem Auto gar nicht fahren, streckenweise würde da gar kein Auto durch passen. Es ist ein Trampelpfad(!) am Watt entlang, keine Straße.


    Zitat von Seite 137

    `Lena hatte inzwischen mit dem Auto auf einem Parkplatz außerhalb von Norddorf gehalten. »Ich brauche frische Luft. Was hältst du von einem kurzen Spaziergang?« Nach wenigen Metern waren sie an der Ostseite der Insel angekommen und liefen auf dem Weg direkt am Wattenmeer in Richtung Süden.`

    Ich habe keine Ahnung, wo das sein soll. Es gibt einen Parkplatz außerhalb von Norddorf, der liegt aber eher Richtung offenes Meer, als am Watt. Ich habe extra eine Freundin auf der Insel gefragt, die dort seit drei Jahren lebt. Nicht mal sie weiß, was für ein Parkplatz das sein soll. Es gibt Parkplätze am „Ual Oomrang Wiartshus“, aber das ist kein Parkplatz, sondern private Stellplätze des Hotels. Da kommt man relativ schnell ans Watt, aber es sind mehr als ein paar Meter. Dann landet man übrigens auf dem oben erwähnten Rad- und Fußweg, den die Autorin im ersten Zitat noch als Autostraße deklariert hat.


    Hinten an der Odde ist auch kein Parkplatz. Das wären aber auch wieder mehr als wenige Meter. Da könnten sie den Teerdeich entlang latschen; tatsächlich ein Deich aus Teer, was man mMn mal beschreiben könnte, der ist nämlich ziemlich imposant. Allein die Odde hinten, mit den Feldern und Pferdeweiden; eine Landschaft, die fast ein bisschen an Irland oder Schottland erinnert. Aber ich schweife wieder ab.


    Des Weiteren hat die Autorin es leider nicht so mit zeitlichen Abläufen. Bzw. damit wie lange etwas dauert und was die Personen in dieser Zeit tun. Ich verwende auch hier lieber mal zwei Beispiele :


    Erstens: Lena trifft sich mit Erk und bestellt einen Martini. Zwischen dem ersten Schluck und dem letzten liegt ein Gespräch, das, wenn man sich mal den Spaß macht es laut zu lesen maximal eine Minute dauert. Eher weniger. Frau Kommissarin kippt also den Martini fast auf Ex in Rekordzeit. Die Figuren tun aber so, als würden sie gemütlich zusammen sitzen und trinken. Das wirkt leider unfreiwillig komisch.


    Zweites Beispiel: Während einer der Dutzenden Befragungen entschuldigt sich Sidekick, um aufs Klo zu gehen. Es ist kein Spoiler zu verraten, dass er schnüffeln will. Blöd nur, dass er laut Gespräch, - wieder sollte man das mal laut lesen, - nicht mehr als zwanzig Sekunden weg sein kann. Es macht absolut keinen Sinn, dass der Verdächtige da nicht stutzig wird. Ich würde fragen, ob der Polizist das Klo nicht gefunden hat, - immerhin ist er in einem fremden Haus, - so schnell wie der wieder da ist.


    Dann gibt es noch so ein paar wirklich plumpe Dea ex Machina- Momente. Lena hat zum Beispiel rein zufällig einen Kreisschneider im Auto, den sie rein zufällig mal irgendwo beschlagnahmt hat. (Muss man sowas als Polizistin nicht irgendwo registrieren lassen und abgeben? Ich bin mir ziemlich sicher, dass man beschlagnahmte Gegenstände nicht einfach so einsacken darf.) Es gibt dazu noch den Hacker-Freund, der wie alle stereotype Nerd-Hacker-Freunde, alles kann, alles weiß, alle Informationen problemlos beschaffen kann.


    Gegen Ende des Buches scheint der Autorin bewusst zu werden, was für ein ernstes Thema sie behandelt, was sich leider dadurch äußert, dass zwei der Figuren quasi aus dem nichts emotional von 0 auf 180 springen und der kalte Protokollton plötzlich in wüste Beschimpfungen ausbricht. Allerdings nur für ein paar Zeilen. Leider bleibt das die einzige fühlbare Emotion, die gezeigt wird. Und ich fühle sie nur, weil sie sich falsch anfühlt.


    Ich kann es nicht besser beschreiben, aber für mich las es sich so, als wären die Figuren Laiendarsteller in einer grottigen RTL Nachmittagssendung, die kein Talent für die Schauspielerei haben, die den gesamten Plot hindurch ihren Text abspulen und dann am Ende vom Regisseur gesagt bekommen, sie sollen jetzt mal richtig, richtig wütend sein. Aufgrund des fehlenden Talents spulen sie den Standart-Wutausbruch ab: Rumschreien und Schimpfworte benutzen. Das liest sich so authentisch wie … Laiendarsteller bei RTL halt.


    Ich beende diese Rezension also mit einer sehr subjektiven Kritik, aber der ganze Text, die ganze Kritik ist natürlich rein subjektiv. Es handelt sich hier um einen Leseeindruck. Wobei ich die falschen Ortsangaben nicht als subjektiv bezeichne! Das ist rein objektiv betrachtet fehlende, oder falsche Recherche.


    Fazit: Ein trockener, lahmer Krimi mit blassen Figuren, ohne einen Hauch von Amrum und mit schriftstellerischen Kinderkrankheiten, die sich eigentlich leicht vermeiden lassen, und die ein guter Lektor hätte sehen müssen. (Eigentlich auch ein guter Autor, so betriebsblind kann man nicht sein.)

    Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss.