Olga Tokarczuk – AnnaIn in den Katakomben/Anna In w grobowcach swiata

  • Original : Polnisch, 2006

    KOMMENTAR DER AUTORIN :

    "Keine Definition von Mythos, die ich kenne, ist so ungewöhnlich, paradox und witzig wie die von Karl Kerényi geprägte: Mythos ist die Epiphanie des Göttlichen im Sprachzentrum des menschlichen Hirns. Man könnte es auch so ausdrücken: ein Mythos ist in dem Maße wirklich, in dem alles, was wahrgenommen wird, auch wirklich ist. Solange wir die Götter auf ihren Reisen, Abenteuern, in ihren Metamorphosen, ihren Schöpfungen und Apokalypsen begleiten, existieren sie auch. Und so existiert auch Inanna. Mit dieser Geschichte habe ich auf einen der ältesten Mythen der Menschheit zurückgegriffen. Die Heldin ist die sumerische Göttin Inanna, Tochter des Mondgottes und der Mondgöttin, Herrscherin über die Stadt Uruk, die Göttin von Liebe und Krieg. Sie wird mit dem Planeten Venus assoziiert und in Gestalt des Abend- und Morgen-sterns verehrt. Einerseits gilt sie als Schutzpatronin der körperlichen Liebe, andererseits steht sie als die ungestüme und unstete Kriegsgöttin für das Streben ihres Volkes nach größerer Macht." Olga Tokarczuk


    BEMERKUNGEN :

    Tatsächlich wird das Buch zB bei amazon verschieden gerankt, so unter Märchen, Sagen, Legenden, Mythologie und eben populäre Belletristik. So vielstimmig scheint es also zu sein. Tokarczuk spielt mit Elementen aus diesen Bereichen. Doch im Wesentlichen greift sie (siehe auch ihr hervorragendes Nachwort!) einen sumerischen Mythos auf, der wiederum motivisch auch in anderen Mythologien und Religionen auftaucht : der Herabstieg, Hinuntergang einer Göttin in die Unterwelt. InAnna/AnnaIn, sprühende quicklebendige Göttin, zieht aus kaum näher erläuterten Gründen zu ihrer Schwester, Herrscherin über die Toten in jener Unterwelt. Leben, Sterben, Wiederaufleben… Hingabe füreinander sind die Themen des Buches. Die Sprache, die Atmosphäre ist geheimnisvoll umwittert, aber zugänglich gemachter Mythos. Die Sprache ist reich, und Esther Kinsky leistet gute Übersetzungsarbeit! Erzählt wird das Ganze in 22 betitelten Kapiteln mit insgesamt fünf Ich-Erzählern, insbesondere Nina, die Begleiterin AnnaIns und Hilfesuchende. Denn sie wird nach drei zittrigen Tagen an den Pforten der Unterwelt, auf ihre Herrin wartend, aufbrechen und um Unterstützung suchen. Ist es verwunderlich, dass Gleichgültigkeit und ein Abwinken so viele kennzeichnet ?Wo findet sie ein Echo?


    « Lebendig ist jeder Ausdruck der Welt, jeder kleinste Gegenstand ; nur wir, die Geringeren, sind nicht imstande, auf diese Weise zu sehen. Von Zeit zu Zeit kommen wir in den Genuß einer solchen Sicht, und so leicht vergessen wir es wieder ; deshalb sind wir sterblich. Von Geburt an sind wir an die Leblosigkeit gewöhnt. Wenn wir die Welt in ihrer Lebendigkeit sehen könnten, von Anfang bis zum Ende, könnten wir nicht sterben, selbst wenn wir es noch so sehr wollten. »


    AUTORIN :

    Olga Nawoja Tokarczuk (* 29. Januar 1962 in Sulechów bei Zielona Góra, Polen) ist eine polnische Psychologin und Schriftstellerin. 2019 erhielt sie rückwirkend für 2018 den Nobelpreis für Literatur, der 2018 nicht vergeben worden war. Ihre Eltern stammten aus Ostpolen, das sie nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten, weil es an die Sowjetunion gefallen war. Ihre Kindheit verbrachte Olga Tokarczuk in Klenica (Kleinitz) bei Zielona Góra (Grünberg), wo ihre Eltern als Lehrer beschäftigt waren. Später zog die Familie ins oberschlesische Kietrz (Katscher). Dort besuchte Olga das Lyceum, das sie 1980 mit dem Abitur abschloss. Anschließend studierte sie bis 1985 Psychologie an der Universität Warschau. Neben dem Studium arbeitete sie in einem Heim für verhaltensauffällige Jugendliche. Nach dem Abschluss ihres Studiums zog sie zunächst nach Breslau und später nach Wałbrzych (Waldenburg), wo sie eine Tätigkeit als Therapeutin begann. Sie sieht sich selbst in der geistigen Tradition von Carl Gustav Jung, dessen Theorien sie auch als eine Inspiration für ihre literarischen Arbeiten anführt. Seit 1998 lebt sie in dem kleinen Dorf Krajanów (Krainsdorf) bei Nowa Ruda (Neurode). Von hier aus führte sie auch mehrere Jahre ihren eigenen Kleinverlag „Ruta“, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete.

    (Quelle : wikipedia)



    Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

    Verlag: Berlin Verlag; Auflage: 1., (1. Mai 2007)

    Sprache: Deutsch

    ISBN-10: 3827007275

    ISBN-13: 978-3827007278

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    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library


    Bin bis zum 22.9. unterwegs! Ciao!

  • Hier noch eine Verlinkung zum Original auf Polnisch:


    Anna In w grobowcach swiata

    Taschenbuch: 196 Seiten

    Verlag: Literackie; Auflage: 2. (1. Januar 2018)

    Sprache: Polnisch

    ISBN-10: 8308060544

    ISBN-13: 978-8308060544

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    Bin bis zum 22.9. unterwegs! Ciao!

  • Was für ein Buch. Dieses Jahr ist für mich eindeutig das der Olga Tokarczuk, wenn nicht noch etwas Unvorhergesehenes passiert.


    Tokarczuk hat diese uralte Sage in die Szenerie einer Neuzeit/fernen Zukunft verlagert:

    Eine moderne technologisierte Stadt, die aus mehreren Eben besteht, die durch endlose Rolltreppen und Aufzüge miteinander verbunden sind. Die oberste Ebene, den Gottvätern vorbehalten, die unterste, die Katakomben, das Totenreich, in dem AnnaIns Zwillingsschwester als Gegenpart regiert.

    Dorthin eilt eines Tages AnnaIn mit dem Wunsch nach Versöhnung (?) und kehrt nicht wieder.


    Die Frauen in der Geschichte versuchen, AnnaIn zu retten, während die Männer nicht auf ihre bequemen Positionen verzichten wollen. Wie gesagt, es handelt sich um eine Sage der Sumerer, die weiblichen/männlichen Blickwinkel wurden dort schon so angelegt.


    Tokarczuk hat eine unglaubliche Fantasie. Das Totenreich und dessen Bewohner, die

    machen jedem Zombiestreifen alle Ehre.
    Auch die Geschichte um AnnaIns Mutter ist grandios bis schaurig aber auch rührend.


    Absolute Empfehlung!

  • Danke, SiriNYC!

    Die Frauen in der Geschichte versuchen, AnnaIn zu retten, während die Männer nicht auf ihre bequemen Positionen verzichten wollen. Wie gesagt, es handelt sich um eine Sage der Sumerer, die weiblichen/männlichen Blickwinkel wurden dort schon so angelegt.

    Es ist für mich sehr erhellend und hilfreich, dazu die Lesart einer Frau zu hören. DAS hatte ich so eventuell garnicht richtig eingeschätzt. Danke!

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    Bin bis zum 22.9. unterwegs! Ciao!

  • tom leo :


    AnnaIn ist für mich ein Rätsel. Nutzt sie die Menschen aus oder ist sie auf deren Seite? Liebt sie ihre Männer oder nicht?

    Das liegt wohl daran, dass ständig die anderen über sie berichten und (teils harsche) Urteile abgeben.