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Jackie Thomae – Brüder

Brüder

4.7 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Verlag: Hanser Berlin

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 432

ISBN: 9783446264151

Termin: Neuerscheinung August 2019

Klappentext / Inhaltsangabe: Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind. Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück – bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da – ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.
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  • Verlagstext
    Zwei Männer. Zwei Möglichkeiten. Zwei Leben. Jackie Thomae stellt die Frage, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind.

    Mick, ein charmanter Hasardeur, lebt ein Leben auf dem Beifahrersitz, frei von Verbindlichkeiten. Und er hat Glück – bis ihn die Frau verlässt, die er jahrelang betrogen hat. Gabriel, der seine Eltern nie gekannt hat, ist frei, aus sich zu machen, was er will: einen erfolgreichen Architekten, einen eingefleischten Londoner, einen Familienvater. Doch dann verliert er in einer banalen Situation die Nerven und steht plötzlich als Aggressor da – ein prominenter Mann, der tief fällt. Brüder erzählt von zwei deutschen Männern, geboren im gleichen Jahr, Kinder desselben Vaters, der ihnen nur seine dunkle Haut hinterlassen hat. Die Fragen, die sich ihnen stellen, sind dieselben. Ihre Leben könnten nicht unterschiedlicher sein.


    Die Autorin
    Jackie Thomae, 1972 in Halle an der Saale geboren, ist Journalistin und Fernsehautorin. 2014 erschien ihr erfolgreicher Debütroman Momente der Klarheit. Sie lebt in Berlin.


    Inhalt
    Als 1989 die Mauer zwischen der DDR und der Bundesrepublik fällt, sind Mick und Gabriel 19 Jahre alt. Im selben Jahr von zwei Müttern geboren, haben sie einen gemeinsamen schwarzafrikanischen Vater, der in Leipzig studierte und von seinen Söhnen wusste. Idris kann im Gegensatz zu Monika und Gabriele das Land „einfach“ verlassen. Das tut er, weil beide Frauen keine Forderungen an ihn stellen. Als Mick zur Jahrtausendwende auf sein erstes Lebensjahrzehnt nach der Wende zurückblickt, hat er nie eine sozialversicherungspflichtige Arbeit ausgeübt und ist auf beinahe groteske Art immer wieder auf die Füße gefallen. Seine Mutter war ungeplant schwanger geworden und hatte als taffe Ostfrau mit diesem Kind dem System eine Nase gezeigt. Michi war vielleicht einen Tick zu pflegeleicht. Er konnte schon als Kind gut mit Leuten umgehen und hätte nach dem Mauerfall etwas aus sich machen können. Stattdessen richtet der Sonnyboy sich in einer Rolle ein, in der stets andere die Verantwortung zu tragen und für einen gefüllten Kühlschrank zu sorgen haben. Mit Chris und Fabian führt Mick einen Club, der eine Goldgrube gewesen sein muss – wäre Mick nicht so blauäugig gewesen, wie er nun mal ist. Relativ früh habe ich mich gefragt, ob Micks wandelnde Dreistigkeit ein Erbe seines Vaters sein könnte, der sich drauf verließ, dass allein Frauen die Verantwortung tragen und er seiner Wege gehen kann.


    Ein Szenen- und Erzählerwechsel führt nach London, wo Idris Sohn Gabriel inzwischen erfolgreich als Architekt arbeitet. In Leipzig geboren und vom preußischen Großvater erzogen, findet Gabriel das britische Konzept von Ethnien und Kontinenten befremdlich. Für ihn als schwarzen Europäer halten Fragebogen zur Person keine Spalte bereit; er ist nicht vorgesehen. In der Ehe mit Fleur, die mit 14 mit ihren Eltern praktisch als Einwanderin aus Afrika nach England kam, muss Gabriel sich seiner Identität stellen, mit der er sich angeblich nie beschäftigt hat. Du wirst Identitätsfragen nicht entkommen, sagt Fleur. Hauttönungen sieht sie als Hierarchie, in der ihr eigener Hautton weit unten rangiert. Fleur wird zur Aktivistin, weil sie sich einer marginalisierten und diskriminierten Gruppe zurechnet. Zu Afrika hat Gabriel kein Verhältnis, hält der Fleur entgegen. Dennoch muss er aufgrund seiner Hautfarbe oft „die Frage“ beantworten, woher er kommt. Den unausgesprochenen Unterton kennen wir bis in die Gegenwart nur zu gut: Wann gehst du wieder dahin zurück? Als Leser begegnet man Gabriel im Moment seiner größten Niederlage, der ihn als arroganten, frauenfeindlichen Schnösel erscheinen lässt. Da Fleur und er einen pubertierenden Sohn haben, fragt sich auch bei Gabriel, wie ähnlich er seinem Vater ist und wie er als Star-Architekt selbst seine Vaterrolle ausfüllt.


    Beide Söhne wissen zu wenig über sich als Kind. Das allein gibt tiefen Einblick in die vaterlose Gesellschaft, die sie bis heute prägt, und das scheint das eigentliche Drama zu sein. Als Idris aus Dakar zu seinen Kumpels aus der Leipziger Studienzeit reist, kann er seine Selbstlügen nicht länger aufrechterhalten, warum er sich nie für seine Söhne interessiert hat.


    Jackie Thomaes Roman bezieht seine Spannung aus dem Kopfschütteln, Mick wäre sicher längst tot oder im Knast, wäre er keine Romanfigur, und aus der Hoffnung, die Ereignisse für Vater und Söhne möchten noch ein gutes Ende nehmen. Neben zahlreichen Varianten von Bruderschaft (Männerbünde, Ethnien) lässt Jackie Thomae Mütter und Partnerinnen ihres zentralen Bruderpaars als differenzierte Nebenfiguren auftreten. Gabriels Leipziger Großvater Loth mit seinem Glauben, die DDR wäre als Interimslösung geplant, vertritt als prägende und berührende Männerfigur die deutsche Nachkriegsgeschichte. Zu einem großen deutschen Roman wird das Buch für mich durch seine wechselnden Perspektiven und Tonlagen und die klare, kritische Sicht, mit der Fleur und Gabriel sich gegenseitig beschreiben.


    Fazit

    Thomaes Figuren haben mich gerührt, provoziert und viele Fragen aufgeworfen. Warum war es wichtig, Fleurs Hautfarbe zu erfahren, wird mir z. B. eindringlich in Erinnerung bleiben. Ein Roman, der m. A. hoch verdient auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht.


    Wie war dein Vater? Was bist du selbst für ein Elternteil? Wie geht Deutschland-Ost und -West mit seinen Kindern um?


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: -- Irving - Letzte Nacht in Twisted River

    :study: -- Tom Blass - Die Nordsee

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


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    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • Mein erstes Jahreshighlight von 2020! :pray:


    Zunächst einmal mein Weg zu diesem Roman: Der Klappentext hat mich leider nicht sonderlich angesprochen. Normalerweise interessieren mich afrodeutsche Themen sehr. Aber hier: Zwei Typen, die ich weder sympathisch noch spannend fand, nun ja. :roll: Nur, weil Buchdoktor den Roman so hoch bewertet hat, habe ich ihn sozusagen in den Wartemodus geschoben. Was für ein tolles Leseerlebnis wäre mir entgangen, wenn ich ihn dort gelassen hätte! :lol: Im Februar hatte ich mir den Roman anlässlich des Black History Month etwas halbherzig wieder auf meine virtuelle Leseliste gelegt; Ende des Monats war er schließlich in der Onleihe verfügbar.


    Und unterdessen war auch von meiner Lesestimmung her der richtige Zeitpunkt für diesen Roman gekommen. Ich hatte einen Krimi aus der Wisting-Reihe gelesen, wo ein wirklich schlimmer Verbrecher sich ab und zu mit einem Nachbarn beim Bäcker zum Kaffee traf. Der Nachbar hatte durchaus geahnt, welche dunklen Seiten sein Kaffeefreund hatte, aber für ihn war dieser dennoch ein Mann, mit dem er einfach ab und zu bei Kaffee und einem Teilchen nett plaudern konnte...


    Danach war ich offen für die Geschichte von Mick, einem egoistischen, verpeilten und ständig neben der Spur laufenden, aber irgendwie doch auch liebenswerten Kleinkriminellen mit (wirklich) schwieriger Kindheit und Jugend. Jackie Thomae hat es geschafft, die Figur mit so viel Einfühlungsvermögen und zugleich humorvoll-ironischer Distanz zu zeichnen, dass ich diesen Deppen einfach mögen musste, auch wenn ich ihn gleichzeitig immer wieder hätte schütteln können. :lol: Den vielen überraschenden Wendungen, die sein Leben nimmt, bin ich gern gefolgt und war ganz traurig, als es Abschied nehmen hieß, um sich dem anderen Bruder zuzuwenden.


    An dieser Stelle baut Jackie Thomae den gemeinsamen Vater der beiden als Scharnier zwischen den Romanteilen ein, und das hat mir ausgesprochen gut gefallen. Nicht nur die Tönung der Haut, sondern auch viele seiner Charaktereigenschaften hat der senegalesische Vater in unterschiedlichem Ausmaß an seine Söhne weitergegeben, die davon nichts ahnen, weil sie ohne ihn aufwachsen mussten und dennoch aufgrund ihres Aussehens ständig mit einer "Herkunft" konfrontiert wurden, die für sie völlig abstrakt blieb. Ein Schicksal vieler afrodeutscher Kinder in der DDR, wo Afrikaner oft nur kurzzeitig als Gastarbeiter oder zum Studium lebten und dann das Land in der Regel wieder verlassen mussten. (Auch ein Schicksal vieler "Besatzungskinder" nach dem 2. Weltkrieg, eine andere Generation, aber etliche Überschneidungen.) Als DDR-Kind haben mich natürlich vor allem die Besonderheiten des Afrodeutschseins in der DDR interessiert - einschließlich der Situation der Mütter - , worüber ich bisher noch nicht viel gelesen habe. Diese Mischung von Identitätsbrüchen, wie Thomae sie hier entwickelt hat, fand ich ausgesprochen spannend.


    Auch der Strang um den smarten Architekten-Bruder und seine Londoner Familie hat mir sehr gut gefallen, obwohl auch dieser kein purer Sympathieträger ist. :lol: Mehr verrate ich dazu jetzt erst einmal nicht. Wie Jackie Thomae auch diesen Charakter entfaltet und schließlich den Möglichkeiten und Grenzen von Begegnungen nachspürt, hat mich sehr bewegt. Die großen Themen dieses Romans - nicht nur Vaterschaft, sondern eben in Abwesenheit der Väter auch vor allem Mutterschaft und grundsätzlich Familienbande ebenso wie Freundschaft, verschiedene Arten von Liebe, alle möglichen Aspekte von Lebensplanung und bei alledem immer wieder die Frage nach der Herkunft - wurden tiefgründig, auf häufig überraschende Weise und dabei auch noch wunderbar humorvoll ausgeleuchtet. Ein großartiges Buch! :D


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Lg Sarange :cat:


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