Die Ergebnisse der Leserlieblinge-Wahl im BücherTreff

Sind Selfpublisher die kreativeren Autoren?

  • Was haltet Ihr von der These, dass die etablierten Verlage im Schubladendenken gefangen sind und Nischenverlage durch Selfpublishing
    überflüssig werden, sich somit Kreativiät und Innovation zum Selfpublishing verlagern
    ?

  • Nichts. Weil einfach zu viele mittelmäßige Selfpublishertitel unterwegs sind und es zu viel Zeit kostet, darin in Jahren mal eine Perle zu finden. Nicht nur ein originelles Thema zu finden, sondern auch den Weg zur Zielgruppe, erfordert eben doch solide handwerkliche Kenntnisse. Es gibt inhaltlich und formal perfekte Selfpublisher-Texte, die einfach zum falschen Zeitpunkt auf den Markt kommen.


    Im Bereich von biografischen und regionalen Texten sehe ich eine Nische für Selfpublisher, das macht jedoch Nischenverlage nicht überflüssig, die für ihr Thema brennen.

    :study: -- Powers - Der Klang der Zeit

    :study: -- Celestin - Gangsterswing in New York

    :musik: -- Bardugo - Das neunte Haus


    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow


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    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • dass die etablierten Verlage im Schubladendenken gefangen sind

    Ich glaube, das trifft in gewisser Weise zu. Ich würde es aber nicht als Schubladendenken bezeichnen, sondern eher als kaufmännische Kosten-/Nutzen-Analyse. Ein Buch auf den Markt zu bringen, ist für den Verlag ein unternehmerisches Projekt, er will (und muss) also Gewinn daraus ziehen. Daher wählt man für die Veröffentlichung natürlich eher Werke aus, bei denen man einen gewissen Verkaufserfolg einkalkulieren kann, orientiert sich also daran, welche Genres sich gerade gut verkaufen.


    Nischenverlage durch Selfpublishing
    überflüssig werden

    Das glaube ich nun wiederum nicht. Nicht jeder Autor kann und will all die Vorarbeiten leisten, die nötig sind, um ein Buch auf den Markt zu bringen, das zumindest grundlegenden Qualitätsansprüchen genügt. Außerdem kann man sich auch in einer Nische besser platzieren, wenn man ein breiter gefächertes Angebot hat, als ein Autor allein es leisten kann.

  • So allgemein formuliert halte ich es schlicht für falsch.

    Etablierte Verlage haben ihre Verlagsprogramme und müssen darin immer zum Teil auf bewährte Rezepte setzen. Es gibt da jedoch auch Platz für das Außergewöhnliche. Allerdings müssen Verlage überzeugt sein, dass ein Titel sich verkauft, bevor sie ihn nehmen (und vorher muss meist erst einmal ein Literaturagent davon überzeugt werden). Da kann durchaus etwasherausgefiltert werden, das einer dieser Instanzen zu suspekt war, das aber begeisterte Leserinnen und Leser gefunden hätte. Und sicherlich gibt es auch Dinge, die rasch aussortiert werden, weil sie Mittel verwenden, die meistens zu nichts gutem führen (aber eben nicht immer). Alles in allem ist auf soliden handwerklichen Grundlagen aufbauende kreative Arbeit aber das, von dem sich Verlage versprechen, es erfolgreich veröffentlichen zu können.
    Es gibt also Mechanismen im Verlagswesen, die Kreativität dämpfen. Aber wenn man auf der anderen Seite die Masse der Selfpublisher betrachtet, stellt man fest, dass ein erheblicher Anteil von ihnen miserable Ergebnisse erzielt, die, von massiven handwerklichen Fehlern abgesehen, auch nicht innovativ sind. Dazu kommt eine breite Masse, die etwas fertigstellt, das man zwar mit Interesse lesen kann und das einige besonders tolle Einfälle enthält, bei dem man aber wegen der noch vorhandenen Mängel einen gewissen Teil des Gehirns auf Durchzug stellen muss, um das Lesen zu genießen.Wie es auch im Alltag für viele Dinge kreative Lösungen gibt, diese aber oft nur als akzeptable Improvisation funktionieren aber nie gut sein werden, so ist auch nicht jeder kreative Ansatz in der Literatur eine Innovation (im Sinne einer Erfindung, die einwandfrei funktioniert).


    Unter verlagslosen Schreibern, die handwerklich etwas Robustes abliefern, gibt es ebenfalls welche, die Bücher nach Schema F schreiben, weil es ihnen so schön leicht fällt. Handwerklich wenigstens akzeptable aber besonders kreative Geister sind auch unter Selfpublishern die Ausnahme. Dennoch: Ja, Selfpublisher können sich frei kreativ austoben, wenn sie wollen. Sie werden nie durch Verlage darin behindert. Diese Tendenz gibt es und manchmal geht diese Saat auf.

    Die Hemmschuhe und Vorteile beider Wege liegen also in unterschiedlichen Bereichen. Im Prozess der Verlagsveröffentlichung geht kreatives Potenzial verloren, weil es Filtermechanismen gibt, in denen auch schon mal zu viel hängen bleibt. Bei Selfpublishern leidet dieses Potenzial an Defiziten bei grundlegenden schriftstellerischen Fertigkeiten (Man kann sich mehr auf die Kreativität einlassen, wenn man beherrscht, was man tut). Und auch das sind nur Tendenzen.

  • Martin hat das Verhältnis von geistig-künstlerischer Freiheit und Normierung (sprich: Professionalität) bei den beiden Vertriebswegen gekonnt auf den Punkt gebracht. Man darf nicht vergessen, dass Verlage Wirtschaftsunternehmen sind, sie sich in einem schwierigen Umfeld behaupten müssen. Kein Verlag verkauft 'Bücher' wie z.B. ein Margarinenhersteller Margarine verkauft, sondern er vertreibt einzelne Titel in der Hoffnung, dass sie--diese bislang unbekannten Titel--in einem bestimmten Zeitraum den Publikumsgeschmack treffen werden. Den größten Gewinn machen Verlage ohnehin mit Sachbüchern, vor allem Ratgebern und Nachschlagewerken; Belletristik ist reines Nebengeschäft. Wer in diese schmale Nische rein will, muss sich vorher passend machen. Wer sich dem nicht fügen will (oder kann), dem bleibt das Self-publishing als Option. Allerdings muss man sich dann klar machen, dass es bei einer Zahl von über 70.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen im Jahr (vor 15 Jahren waren es keine 10.000) das größte Problem die virtuelle Unsichtbarkeit des einzelnen Titels ist.

  • Ich bin selbst Selfpublisherin, habe in diesem Jahr meinen ersten Roman herausgebracht. Privat lese ich sowohl Verlags-Bücher wie auch selbstpublizierte Werke und stimme Marie zu, dass man nicht 'entweder - oder' sagen sollte, nur weil es vielleicht sein mag, dass sich unter den vielen verlagslosen Publikationen im Bereich Belletristik nur wenige großartige Geschichten verbergen. Aber es gibt sie und es ist toll und aufregend, sich darauf einzulassen und nach ihnen Ausschau zu halten, jedenfalls für mich. Denn dabei entdeckt man oft viele neue Ideen, Wortschöpfungen und Erzählstile. Nicht alle sind bisher mein Fall gewesen, doch es gab durchaus schon einige Bücher, die mich richtig umgehauen und begeistert haben!


    Zudem weiß ich von ein paar Autoren, die für Verlage arbeiten und sich natürlich nicht um Dinge wie Vermarktung o.ä. kümmern müssen (was sehr viel Arbeit ist, das ist es wirklich, keine Frage) aber mitunter recht wenig 'Bewegungsfreiheit' besitzen, was ihre Werke betrifft und sich manchmal im Nachhinein ärgern, einen Vertrag unterschrieben zu haben, bei dem man sich und seine Idee quasi 'verkauft' und danach unglücklich ist.


    Selbstverständlich gibt es Verlage, die sehr fair sind und ihre Autoren unterstützen, anstatt sie ausnutzen, aber es gibt leider auch die anderen. Ebenso, wie es Selfpublisher gibt, die ihre Idee für ein Geschenk an die Menschheit halten und dem Irrglauben erliegen, dass ihnen der Erfolg nur so zufliegt, sobald sie ihr Buch veröffentlicht haben. Das ist Quatsch.

    Es auf dem eigenen Weg zu versuchen, ohne Verlag, bietet zwar schier uneingeschränkte Freiheit, aber man muss sich dafür auch um ALLES andere selbst kümmern, und das ist sehr sehr viel mehr, als man anfangs glaubt.

    Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, dass er hungrig wurde oder fror [...] nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat .


    Die unendliche Geschichte, Michael Ende

  • Ich habe meinen ersten Roman im Mai 2019 veröffentlicht, als Selfpublisher.

    Und ja, bei der Vermarktung muss ich alles selber machen. Habe z. B. eine Vereinbarung mit einer bekannten Frisörkette. Die legen Leseproben in ihren Filialen aus. Bis jetzt läuft es ganz gut. Flyer, Website, Mails usw. Langeweile kommt da nie auf...

  • Also über das Verlagswesen kann ich nichts berichten, nur von meinen Bewerbungsversuchen, die ja alle nicht gefruchtet haben.

    Allerdings habe ich von anderen Verlagsautoren auch gehört, dass es z.B. mit Fantasy und Sci-fi inzwischen wohl sehr schwer geworden ist überhaupt einen Verlag zu finden. Meistens nur mittlere oder kleine Verlage.

    Aber auch dort bin ich vielerorts auf "Annahmestopp" gestoßen, oder aber dem Hinweis, dass insbesondere bei Mehrteilern ein fast gänzlicher Abschluss der Reihe vorausgesetzt wird.

    Es ist halt auch so - was ich gehört habe - , dass das Genre Fantasy im Verhältnis der Autorenmenge wenig Leser hat. In dem Genre fangen wohl übermäßig viele Leser irgendwann an selber zu schreiben und somit bedienen viele Autoren wenige Leser. Somit wird der Fantasymarkt mit vielen abgelutschten, zigmal aufgewärmten Blaupausen-Storys geflutet und dank KDE, BoD, epubli & Co kann ja auch jeder mit einem Klick irgendwelche unlektorierten Nudeln in Onlineportale stopfen.

    (Ich hab das Geld für ein Lektorat bezahlt und werde - wenn das so weiter tröpfelt - noch gut 5 Jahre brauchen, bis ich das Geld wieder drin hab und das nächste Buch veröffentlichen kann :pale:)


    Durch die schiere Menge an Fantasy wird es für Verlage auch zunehmend unattraktiver neue Autoren aufzunehmen.

    Es auf dem eigenen Weg zu versuchen, ohne Verlag, bietet zwar schier uneingeschränkte Freiheit, aber man muss sich dafür auch um ALLES andere selbst kümmern, und das ist sehr sehr viel mehr, als man anfangs glaubt.

    Ooooh ja :-#