Karen Köhler - Miroloi

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Miroloi

2.8|2)

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

Bindung: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 464

ISBN: 9783446261716

Termin: August 2019

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  • Ihr Miroloi, also die persönliche Totenklage, wird die zunächst namenlose Heldin des Romans sich selbst singen müssen. Auf ihrer Heimatinsel ist sie eine Ausgestoßene. Von den Eltern ausgesetzt und vom Bethaus-Vater, dem Priester des Dorfes aufgezogen, ist sie nicht Teil der Gemeinschaft, darf keinen Namen tragen, nicht heiraten, sich nicht fortpflanzen. Schon die Dorfkinder quälen sie zum Spaß, die Frauen des Dorfes verachten sie, während die Männer des Dorfes noch Schlimmeres tun. Wie der Dorflehrer, der junge Mädchen nach der Schule zu sich bestellt oder die Ältesten (natürlich auch alle Männer), die mit ihren Gesetzen die Frauen kleinhalten und unterjochen. Doch eines Tages lernt unsere junge Protagonistin den Betschüler Yael kennen und verliebt sich. Er wird ihr endlich einen eigenen Namen (Alina) und Mut für die Zukunft geben. Und auch innerhalb der Gemeinschaft beginnen die Dorffrauen, einige Dinge in Frage zu stellen.


    "Miroloi" und sein Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises wurde in den vergangenen Wochen kontrovers diskutiert und ich muss zugeben, dass auch ich mich den Lobeshymnen über dieses Buch nicht anschließen kann. Zu vieles im Roman passt nicht zueinander, wirkt versatzstückhaft zusammengesetzt. Das beginnt schon mit der Verortung der Geschichte. Von Olivenbäumen ist die Rede, von Granatäpfeln, von Eseln als Fortbewegungsmittel - Griechenland also, so schließt der Leser. Zunächst wird das auch durch die Namensgebung unterstützt: Yannis, Mariah, Panagiota - doch dann taucht er auf, Jakup Jakupsohn und man fragt sich: Wie passt der Skandinavier in diese Welt? Nun ja, irgendwann wird die Autorin es schon erklären, so denkt man, doch die bleibt diese Antwort schuldig - und dies ist nur eines von vielen losen Enden, die nicht mehr aufgegriffen werden.


    Die Begrifflichkeiten sind ebenso verwirrend, es ist von Domates die Rede anstatt von Tomaten, von Patates und Melitzanes, aber dann wieder von Schafskäse und Honig. So als wollte die Autorin ein wenig Sprachkolorit ausstreuen, bis ihr die griechischen Vokabeln ausgingen. Ähnlich wird im Roman mit Religion verfahren: die Dörfler verehren eine göttliche Dreifaltigkeit, die Welt als Gesamtes ist ursprünglich aus dem Ei geschlüpft. Man feiert die keltische Sommersonnenwende, wendet mit der "satva" Rituale aus dem indischen Kulturraum an und die Toten werden von drei Fährfrauen(!) und mit Münzen auf den Augen in die Unterwelt geleitet. Ach ja, und am Ende müssen sich die Dorffrauen übrigens noch verschleiern. Man sieht also, sehr viele Anleihen an andere Religionen und Kulturen und sehr wenig eigenes von Frau Köhler. Schade, hier hätte ich mir ein eigenes erdachtes System oder den konsequenten Verbleib bei einer Religion/Kultur gewünscht.


    Auch sprachlich ist der Roman eine Herausforderung. Der Protagonistin fehlt die elterliche Liebe und Prägung. Lange Zeit darf sie auch nicht lesen oder schreiben, bis der Bethaus-Vater doch den Mut findet, es ihr heimlich beizubringen. Dementsprechend begrenzt und kindlich-naiv ist ihre Sprache; eine Tatsache, die von einigen Kritikern frenetisch gefeiert wird. Jedoch ist diese Sprache nicht nur bisweilen sehr befremdlich, so zum Beispiel, wenn unsere Heldin vor Liebe zu ihrem Betschüler "stinken möchte wie ein Käse", sondern vor allem dann, wenn die gesamte Weltklugheit und Poesie aus ihr hervorzubrechen scheint. Da tauchen auf einmal Metaphern aus Fotografie und Film aus - beides ist übrigens von der Insel verbannt, denn die Ältesten lehnen jegliche Art von Fortschritt ab. Woher hat das Mädchen also seine Vokabeln? Sie entwickelt sich eben weiter, sagen die Fans. Unglaubwürdig und gewollt poetisch, sage ich.


    Und noch eine Sache stört mich an dem Roman. Feministisch soll er sein, weil die Heldin sich gegen die patriarchalischen Strukturen auflehnt. Das mag ja im Grunde richtig sein, dennoch stellt sich für mich eine wichtige Frage: Der Wunsch nach einem Namen und damit der Möglichkeit, sich zu anderen in ein Verhältnis zu setzen, das ist der charakterliche Kern der Protagonistin. Und woher erhält sie diesen Namen? Natürlich von einem Mann, mit dem sie Sexualität teilt, denn Liebe kann man das beim besten Willen nicht nennen. Wie kann das also ein feministischer Akt sein, wenn ein Mann nötig ist, um einer Frau Identität zu geben? Natürlich ist es im Verlauf der Handlung schön zu erleben, wie die Frauen des Dorfes sich nach und nach auflehnen, wie sie sich nach Strom und Haushaltsgeräten sehnen, die ihre Zukunft verbessern sollen. Doch leider verläuft so vieles im Sand oder wird beim kleinsten Widerstand aufgegeben. Natürlich ist es schwer, eingefahrene Strukturen zu durchbrechen, aber anstatt der angeblich so feministischen Ausrichtung zeigt "Miroloi" eigentlich nur, dass es nahezu unmöglich ist, etwas zu verändern. Am Ende wird ausgerechnet ein Mann zum "Zünglein an der Waage", was die Handlung betrifft - schade, aus diesem Thema hätte man so viel mehr machen können. :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG


  • 3 Sterne


    Stimmt nachdenklich


    Am Anfang passiert kaum Handlung, da die Protagonistin in der Ich-Perspektive über ihr Leben auf der Insel nachdenkt und dem Leser ihre Welt näherbringt. Leider geht die Handlung später nur schleppend voran, wodurch das Buch langatmig wird und kaum Spannung vorhanden ist.


    Besonders ist der außergewöhnliche Schreibstil von Karen Köhler. Aus der Ich-Perspektive erzählt die Protagonistin ihr Leben in ihrer naiven, einfachen und von zahlreichen Wortneuschöpfungen geprägten Sprache, was sehr passend ist. Denn es macht diese aufgebaute Welt sehr real. Zunächst muss man sich zwar an den anderen Stil gewöhnen, aber dann habe ich ihn sehr gemocht.


    Die Personen im Dorf oder im näheren Umfeld der Protagonistin sind verschieden dargestellt und nicht immer durchschaubar, da man als Leser sich nur in der Perspektive der Protagonistin bewegt. Trotzdem fande ich das Leben der Menschen im Dorf und ihre Einstellung zu den Gesetzen interessant.


    Mir gefällt die Entwicklung der Protagonistin, die man durch ihre vielen Gedanken jederzeit nachvollziehen kann. Es ist eine Geschichte, die vor allem die Entwicklung der Protagonistin im Fokus hat, wie sie sich mehr und mehr Gedanken macht, die Ungerechtigkeit sieht, ihr Leben selbst bestimmen will.


    Die von Karen Köhler dargestellte Welt ist anders als unsere, weist aber dennoch einige Parallelen auf. Interessant ist das Zusammenleben der Personen innerhalb ihrer Gesetze, ihrer Religion. Man fängt an, über das Verhalten der Inselbewohner, ihre gesellschaftliches Zusammenleben, ihre Gesetze und ihre Religion nachzudenken und entdeckt einige Parallelen zur heutigen Welt. In diesem Buch geht es um so viel. Um Feminismus, um Gleichberechtigung, um Bildung, um ein selbstbestimmtes Leben, um Freiheit.


    Beim Lesen kamen viele Fragen auf, von denen am Ende für mich zu viele unbeantwortet blieben. Auch der Schluss ist offen gehalten, was mir gar nicht gefallen hat.


    Fazit:


    Karen Köhler hat eine interessante, ungerechte Welt gebildet, die zum Nachdenken anregt. Durch den besonderen Schreibstil kann man sich noch besser in die Hauptfigur hineindenken. Negativ finde ich die langsam voranschreitende Handlung und das zu offene Ende.

    1. (Ø)

      Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG


  • Beitrag von Buchdoktor ()

    Dieser Beitrag wurde von Mario aus folgendem Grund gelöscht: Erledigt ().

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