Mechthild Schäfer - Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen

  • Verlagstext

    Früher sagte man: «Das ist normal, das wächst sich aus.» Heute weiß man, dass dies eine gefährliche Verharmlosung ist, denn in neun von zehn Schulklassen wird gemobbt. Die Auswirkungen für die Opfer sind katastrophal und halten lange an, manchmal lebenslang. Und dass Aggression, Gewalt und Psychoterror auf unseren Schulhöfen und Straßen zunehmen, ist kein Geheimnis. Auch Online-Netzwerke werden immer häufiger zu Schauplätzen von Psychoterror unter Jugend­lichen. Dabei spiegelt diese Entwicklung das Klima unserer Wettbewerbsgesellschaft, die zunehmend durch einen Mangel an Rücksicht und Toleranz sowie soziale Ausgrenzung geprägt ist.

    Dieses Buch nimmt alle Beteiligten in den Blick – Täter, Opfer, Eltern und Lehrer. Es erklärt, wie Mobbing unter Kindern entsteht, erzählt eindrucksvoll und erschütternd verschiedene Fallgeschichten und eröffnet zugleich konkrete Handlungsmöglichkeiten. Ein Buch, das Augen öffnet und Mut macht, nicht länger wegzuschauen.


    Die Autorin

    Mechthild Schäfer, geboren 1958 in Paderborn, ist Privatdozentin am Department für Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Sie gilt als führende Expertin und hat zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zum Thema Mobbing unter Kindern verfasst.


    Inhalt

    Mobbing ist ein Gruppenprozess

    Mechthild Schäfers und Gabriela Herpells Buch über Kinder, die Kinder fertigmachen, fiel mir zufällig in die Hände. Von dem Problem bin ich nicht persönlich betroffen. Mich hat an der Analyse der Schicksale von Katharina und Max berührt, wie schwer sich oft Gruppenstrukturen erkennen lassen, in denen ein einzelnes Kind gezielt zum Außenseiter gemacht wird. Man mag kaum glauben, dass die Lehrer der beiden exemplarisch vorgestellten Schüler über Jahre hinweg von der Häme nichts mitbekommen haben sollten, mit der Katarina und Max von Mitschülern diffamiert wurden. "Ein Lehrer müsste erkennen können, wenn die Papierkügelchen nur in eine Richtung fliegen", verdeutlichen die Autorinnen das Wegsehen und Bagatellisieren, unter dem Mobbing-Opfer häufig leiden. Das Buch räumt mit der überholten Vorstellung auf, dass ein gemobbtes Kind sich doch bitte nur ein wenig mehr integrieren, sich den Modevorstellungen oder dem Lieblingssport der Mitschüler anpassen müsste, um in der Klassengemeinschaft akzeptiert zu werden. Dass bestimmte Chraktereigenschaften Kinder zu Tätern oder Opfern machen, ist durch Forschungergebnisse widerlegt worden. Von zwei schüchternen Kindern z. B. würde nur eins Opfer von Mobbing, berichten die Autorinnen. Gemobbt wird nicht, weil die Schwächen oder Stärken eines Schülers andere dazu provozieren, sondern aufgrund einer speziellen Klassenkonstellation und eines Machtvakuums. Kinder, die andere mobben, sind nicht selten intelligente, gut integrierte Schüler mit hohem Einfühlungsvermögen, das sie für die Manipulation anderer nutzen. Ihr zweites Gesicht zeigen sie hinter dem Rücken von Eltern und Lehrern - wer würde auch fiese Gerüchte über andere in Hörweite von erwachsenen Zeugen verbreiten! Ein Lehrer, der seine Führungsrolle nicht ausfüllt, der nicht entschieden Grenzen für den Umgang miteinander setzt oder eine Schule, in der die Aufsichtspflicht verletzt wird, signalisieren möglichen Tätern, dass ihr Verhalten geduldet wird. Eine Spirale der Ohnmacht entsteht, wenn ein Schüler wie Max sich gegen seine Peiniger wehrt und für seine "Aggressivität" bestraft wird, während die Täter unbehelligt bleiben. Auch warum gemobbte Kinder fürchten, eine Einmischung ihrer Eltern würde ihre Situation nur verschlimmern, erläutern Schäfer/Herpell.


    Erläutert werden gesellschaftliche Entwicklungen, die in der Wettbewerbs- und Mediengesellschaft das Ausgrenzen Einzelner zu legitimieren scheinen. Sehr direkt nennen die Autorinnen das Selbstverständnis von Lehrern als reine Fachlehrer und die Scheu vieler Schulen, über Mobbing offen zu sprechen, als Faktoren, die Mobbingprozesse begünstigen können. Bei Mobbing gibt es keine neutralen Gruppenmitglieder, stellen die Autorinnen klar, niemand tue "nichts". Mobbing lasse sich nur unterbinden, wenn ein Mobber keine Unterstützung von Mitläufern und Wegsehern mehr erhält und die schweigende Mehrheit einer Klasse aktiviert werden kann. "Du Opfer!" macht in leicht verständlicher Sprache klar, dass Mobbing ein Gruppenprozess ist, der sich nicht kurz in einer Verfügungsstunde des Klassenlehrers aus der Welt schaffen lässt. Als Reaktion werden der so genannte Whole-School-Approach und der No-Blame-Approach empfohlen.


    Im Anhang finden wir rechtliche Schritte aufgelistet und Fehler genannt, die Eltern im Interesse ihrer Kinder vermeiden sollten. Den begrenzten Handlungsspielraum betroffener Eltern beschönigt das Buch nicht. Vom Textumfang mag die Analyse der Modellfälle sehr ausführlich wirken und mögen die konkreten Tipps sehr knapp ausfallen. Wer nach der Lektüre des Buches Gruppenprozesse durchschaut, die Mobbing unter Kindern ermöglichen, wird verstehen, warum in der Hierarchie Schüler/Lehrer/Schule/Schulamt der Einfluss der Eltern so gering ist und warum häufig professionelle Hilfe für die ganze Schule erforderlich ist.


    Fazit

    Ein älterer Titel von 2010, TB-Ausgabe von 2012, dessen Kernaussagen nicht an Aktualität verloren haben.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: -- Mantel - Brüder

    :study: -- Heller - The River

    :musik: -- Moore - Long Bright River

    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card.!" E. L. Doctorow

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    Reihen: dt. Titel später ergänzt:

    Kate Penrose
    Ben Kitto
    03. Kalt flüstern die Wellen (2019=Ersch.jahr d. Originals) Burnt Island--978-3596700011


  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Mechthild Schäfer - Du Opfer!: Wenn Kinder Kinder fertigmachen“ zu „Mechthild Schäfer - Du Opfer! Wenn Kinder Kinder fertigmachen“ geändert.